Tommy Piemonte (rechts) leitet das Nachhaltigkeitsresearch der Bank für Kirche und Caritas. Dr. Helge Wulsdorf ist bei der Kirchenbank Leiter Nachhaltige Geldanlagen. / Foto: Unternehmen

19.10.16 Finanzdienstleister

Doppelinterview Bank für Kirche und Caritas: Von der Nachhaltigkeitsrating-Agentur zur Kirchenbank – „im Spannungsfeld von ethisch gewollt und finanziell vertretbar einen glaubwürdigen Weg finden“

Tommy Piemonte war Leiter der Nachhaltigkeits-Ratingagentur imug aus Hannover. Seit 100 Tagen ist er bei der Bank für Kirche und Caritas (BKC) in Paderborn „Leiter Nachhaltigkeitsresearch“ und soll im Kompetenzzentrum „Nachhaltige Geldanlagen“ der Bank unter anderem die Anlagestrategie weiterentwickeln. ECOreporter.de sprach mit Tommy Piemonte und Dr. Helge Wulsdorf, Leiter Nachhaltige Geldanlagen bei der Bank für Kirche und Caritas.

ECOreporter.de: Herr Piemonte, welches Ereignis aus der ersten Zeit bei der BKC ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Piemonte:  Man hat mir von Anfang in aller Deutlichkeit gezeigt, dass ich in der BKC willkommen bin, dass ich dort gebraucht werde, um die Bank in punkto Nachhaltigkeit voranzubringen. Man hat mir das Ankommen damit sehr leicht gemacht. Das zeigt mir, dass die Bank für Kirche und Caritas es mit dem Thema Nachhaltigkeit wirklich ernst meint und es glaubwürdig gestalten will. Und alles spricht dafür, dass die Bank für Kirche und Caritas auf einem guten Weg ist.

ECOreporter.de: Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag für einen „Leiter Nachhaltigkeitsresearch“ aus?

Piemonte:  Wenn es denn so einen „ganz normalen“ Arbeitstag gäbe… Meine Aufgabe war es zunächst, mir einen Überblick zu verschaffen, wie nachhaltig die Bank aufgestellt ist, wie die Prozesse und Strukturen im Detail gestaltet sind. Jetzt geht es um inhaltliche und qualitative Weiterentwicklung intern wie extern auf höchstem Niveau – das ist der Anspruch, den wir zu erfüllen haben. Parallel dazu stehe ich auch unseren Kunden und potenziellen Kunden als Ansprechpartner zur Seite, bei der Ausgestaltung ihrer Nachhaltigkeitsanlagestrategie und zu Fragen rund um das Nachhaltigkeitsresearch.

ECOreporter.de: Sie haben bei imug den Bereich Nachhaltigkeitsrating geleitet. Entfällt ein Teil Ihrer jetzigen Arbeit auf den Research-Bereich?

Piemonte:  Das Nachhaltigkeitsresearch zu Emittenten ist und bleibt Aufgabe der Ratingagenturen. Hieran gibt es nichts zu deuteln. Ich bringe mich mit meiner Erfahrung und mit meinem Wissen ein bei speziellen Fragen zu konkreten Nachhaltigkeitsthemen. Es geht dabei  vor allem um die Nachhaltigkeitseinstufung und -bewertung von Anlageklassen, um die Interpretation, Ausgestaltung und Wirkungsweisen einzelner Nachhaltigkeitskriterien und deren Rendite-Risiko-Auswirkungen auf ein Portfolio.

ECOreporter.de: Sie haben nun quasi „die Seiten gewechselt“ – von der Nachhaltigkeitsresearch-Agentur zur Bank, also zu einem früheren Agenturkunden. Hat sich dadurch auch Ihr Blick auf die Arbeit einer Nachhaltigkeitsresearch-Agentur gewandelt?

Piemonte:  Wer die Seiten wechselt, kann sich ein besseres Bild von der jeweils anderen machen. Ich verstehe mittlerweile noch genauer, was die spezifischen Anforderungen an eine Ratingagentur seitens des Kunden sind. Natürlich habe ich mir hierzu in der Vergangenheit viele Gedanken gemacht und stand im intensiven Austausch mit den Kunden, doch jetzt muss ich sie in meiner neuen Rolle ganz konkret formulieren und gezielt adressieren. Dabei kommt mir zugute, dass ich weiß, wie die andere Seite tickt, was realistisch ist und was nicht und welche Anforderungen man berechtigterweise stellen kann und auch muss, um seine Interessen als Kunde einer Nachhaltigkeits-Ratingagentur erfolgreich verfolgen zu können.

ECOreporter.de: Was reizte Sie an dem Wechsel zu einer kirchlichen Bank?

Piemonte:  Auf den Punkt gebracht: Nachhaltigkeit im Finanzbereich qualitativ hochwertig weiter voranbringen zu wollen. Die Bank für Kirche und Caritas ist mir ja seit vielen Jahren gut bekannt. Sie hat schon vor über einem Jahrzehnt die entscheidenden Weichen für ein hohes Maß an Nachhaltigkeitsexpertise gestellt. Mich dabei einzubringen, das hohe Qualitätsniveau operativ zu sichern und die Nachhaltigkeitsstrategie der Bank weiterzuentwickeln, das ist schon eine sehr reizvolle und auch anspruchsvolle Aufgabe, der ich mich gern widmen möchte. Besonders spannend ist für mich dabei die Kombination der Aufgaben: Zum einen die Arbeit auf der strategisch-konzeptionellen Ebene mit Dr. Helge Wulsdorf zusammen, des Weiteren die enge Verzahnung mit dem Portfoliomanagement der Bank, zum anderen der Antritt als Nachhaltigkeitsinvestor. Und zuletzt auch die Beratung und Begleitung der Bankkunden in der Umsetzung ihrer individuellen Nachhaltigkeitsanlagestrategie.

ECOreporter.de: Gemeinsam mit Dr. Wulsdorf arbeiten Sie im „Kompetenzzentrum Nachhaltige Geldanlagen“ bei der Bank für Kirche und Caritas. Was verbirgt sich dahinter?

Wulsdorf:  Mit Herrn Piemonte haben wir einen ausgewiesenen Kenner und Experten der Nachhaltigkeitsszene gewinnen können. Um den ständig wachsenden Qualitäts- und Kundenanforderungen auf dem Markt für ethisch-nachhaltige Geldanlagen weiterhin gerecht zu werden, hat sich die BKC entschieden, ihre Kernkompetenz im Bereich „Nachhaltige Geldanlagen“ personell aufzustocken. Mit unserem Kompetenzzentrum reagieren wir auf die erhöhten Marktanforderungen und bündeln darin sowohl unsere ethische Kompetenz als auch unsere hohen Qualitätsansprüche für unsere nachhaltige Produkt- und Dienstleistungspalette. Ethik und Qualität sind für uns die zwei Seiten der Nachhaltigkeitsmedaille, für die wir beide stehen. Mit dem Kompetenzzentrum werden wir uns als Qualitätsführer ethisch-nachhaltiger Geldanlagen weiter auf dem Markt profilieren.

ECOreporter.de: Die BKC hat sich eine christliche Wertorientierung auf die Fahnen geschrieben. Wie weit prägt das Ihre Alltagsarbeit?

Piemonte:  Letztlich ist es die christliche Wertorientierung, die uns aufs engste mit unseren Kunden verbindet. Unser Job ist es, diese Wertorientierung mit entsprechenden Anlagekriterien in eine konkrete Investmentstrategie zu gießen. Wir haben im Umgang mit Werten eine lange Historie und überaus wertvolle Erfahrungen. Ausgangspunkt einer jeden Anlagestrategie ist bei uns stets die individuelle Wertorientierung des Kunden. Gerade hierin besteht der Mehrwert unseres Hauses: Mit uns kann jeder Kunden seine spezifischen Wertansprüche in der Geldanlage umsetzen.

ECOreporter.de: Die katholische Kirche hat 2015 eine Orientierungshilfe für christliche Geldanlage vorgestellt. Ist das etwas, was im Research oder bei anderen Tätigkeiten eine Rolle spielt?

Wulsdorf:  Die Orientierungshilfe der Deutschen Bischofskonferenz, an der unser Haus federführend mitgearbeitet hat, bildet sozusagen das Rahmenwerk für eine wertorientierte, christliche Geldanlage. Sie hilft den Finanzverantwortlichen in Kirche und Caritas dabei, sich einen kompetenten Überblick über die Thematik zu verschaffen. Wir unterstützen den Kunden bei jedem einzelnen Umsetzungsschritt, damit er seine Ansprüche bestmöglich verwirklichen kann. Dabei bieten wir ihm nicht nur Finanzprodukte an, sondern auch zahlreiche Dienstleistungen, die für ihn passgenaue Lösungen unter dem Vorzeichen der Nachhaltigkeit darstellen.

ECOreporter.de: Wie profitieren die Anleger von dem BKC-Kompetenzzentrum?

Wulsdorf:  Natürlich erwartet der Kunde von einer Bank Finanzkompetenz. Die steht außer Zweifel, und hier liefern wir. Von einer auf Nachhaltigkeit spezialisierten Kirchenbank darf und muss er zudem erwarten, dass sie hier ebenfalls qualitativ auf höchstem Niveau arbeitet. Das heißt, dass sie ihre Prozesse und Strukturen derart gestaltet sind, dass sich seine ethischen Ansprüche in den angebotenen Produkten und Dienstleistungen widerspiegeln. Hierfür stehen wir als BKC-Kompetenzzentrum.

ECOreporter.de: Arbeitet  die BKC weiterhin mit externen Nachhaltigkeitsresearch-Agenturen zusammen?

Piemonte:  Ja, ohne das Research einer Nachhaltigkeitsagentur geht es nicht. Als BKC haben wir überhaupt nicht die Manpower und das entsprechende Researchnetzwerk, das notwendige Research für alle möglichen Emittenten zu erstellen. Wir müssen natürlich prüfen, welche der Agenturen unsere Anforderungen und Ansprüche im Sinne der christlichen Wertorientierung am besten umsetzen kann. Der Markt ist hier ziemlich in Bewegung. Da die Qualität unserer Nachhaltigkeitsbemühungen in hohem Maße von den Ergebnissen und Dienstleistungen der gewählten Researchagentur abhängig ist, beobachten wir den Markt sehr genau.

ECOreporter.de: Wie gehen Sie als Leiter Nachhaltigkeitsresearch vor, wenn Sie bei einem Unternehmen, in dem die Bank investiert ist, feststellen, dass es auf „kritischen“ Geschäftsfeldern aktiv ist? Wird das Investment dann schnellstmöglich beendet?

Piemonte:  Wenn Vorwürfe im Raum stehen, stellt sich für uns die Frage, wie belastbar sie sind. Erhärten sie sich, ist in unseren internen Richtlinien das genaue Prozedere festgelegt, in welchem Zeitraum es zu einem Divestment kommt. Auf einer internen „Watchlist“ haben wir zudem Unternehmen im Blick, die sich zu kritischen Kandidaten entwickeln können. Natürlich nutzen wir auch punktuell Engagement-Aktivitäten, um Unternehmen zu einem gewünschten Verhalten zu bewegen. Diese Engagementbemühungen möchten wir als verantwortungsvoller Nachhaltigkeitsinvestor zukünftig noch stärker in den Fokus nehmen.

ECOreporter.de: Aus Ihrer Sicht: Warum setzt die BKC Toleranzschwellen bei einigen Ausschlusskriterien ein?

Wulsdorf:  Ohne Umsatzschwellen ist eine ausgewogene ethisch-nachhaltige Geldanlage nicht praktikabel. Gerade bei multinationalen Konzernen, deren Geschäftstätigkeiten zum Teil sehr vielfältig sind, ist es sehr schwierig, belastbare Daten zu bekommen. Das Offenlegen von Umsatzschwellen ist für uns vor allem ein Zeichen von Transparenz und Ehrlichkeit. Der Kapitalmarkt kennt eben nicht nur schwarz oder weiß. Hierauf verweist auch die Orientierungshilfe der Deutschen Bischofskonferenz. Graustufen und Abwägungsprozesse kennzeichnen, so der Text, das ethisch-nachhaltige Investment. Im Spannungsfeld von ethisch Gewolltem und finanziell Vertretbarem müssen wir für unsere Kunden einen glaubwürdigen Weg verantwortungsbewusster Geldanlage finden. Umsatzschwellen helfen dabei, praktikable Lösungen zu entwickeln.

ECOreporter.de: Beispiel Volkswagen: Wie hilfreich ist das Bild, welches das Nachhaltigkeitsresearch von einem Unternehmen zeichnet?

Piemonte:  Wir haben Zugriff auf das Research von rund 3.200 Unternehmen. Es bildet die Grundlage für unsere Investitionsentscheidungen. Mittlerweile sind die Researchergebnisse meist so weitreichend, dass man sich ein relativ gutes Bild von den Unternehmen machen kann. Kriminelle Machenschaften wie beim „Dieselgate“ von Volkswagen  lassen sich allerdings nicht direkt mittels Nachhaltigkeitsanalysen vorhersagen, so wünschenswert dies auch ist. Selbstverständlich heißt das nicht, dass die Nachhaltigkeitsrating-Agenturen nicht daran arbeiten müssen, die bestmöglichen und materiellen Nachhaltigkeitskriterien zu erheben, um Schwachstellen eines Unternehmens im Vorfeld zu erkennen. Ähnliches gilt aber auch für Nachhaltigkeitsinvestoren, die ihre Fähigkeit in der Deutung von Nachhaltigkeitskriterien und -bewertungen ständig weiterentwickeln müssen.

ECOreporter.de: Warum sind Lebensmittelspekulationen für die BKC tabu?

Wulsdorf:  Wir nehmen aus ethischen Gründen keine Investments in Agrarrohstoffe vor. Wir beteiligen uns damit nicht an solchen Spekulationen, die zu Preissteigerungen bei Lebensmitteln führen und somit zu einem Armutstreiber werden können. Auch schließen wir Unternehmen aus, die die Produktion von Biokraftstoffen als Geschäftsmodell verfolgen.

Bildhinweis: Für die BKC sind Spekulationsgeschäfte mit Agrarrohstoffen wie Mais tabu. / Foto: Fotolia

ECOreporter.de: Stellen wir uns das Jahr 2025 vor. Was meinen Sie, welche größten Veränderungen bei nachhaltigen Investments in den Depots bei Ihrer Bank zu sehen sind?

Wulsdorf:  Die Depots werden nachhaltiger sein und das nicht nur bei uns. Die Finanzindustrie wird zunehmend erkennen, dass sich mit Nachhaltigkeit Risiken minimieren und Renditechancen nutzen lassen. Wir verstehen Nachhaltigkeit als einen Risikoansatz, den wir sukzessive weiterentwickeln, um unsere Depots beständig und nachhaltig optimieren zu können.

Piemonte:  Die Diskussion beispielsweise über Kohle zeigt es: Bestimmte Investments in kontrovers beurteilte Geschäftsfelder oder -praktiken werden Zug um Zug aus den Depots verschwinden. Nicht nur die internationale Diskussion über die 17 Sustainable Development Goals, sondern auch die Sozialverkündigung der katholischen Kirche lassen erkennen, wohin die Reise im nächsten Jahrzehnt gehen wird.

ECOreporter.de: Herr Piemonte, Herr Wulsdorf, haben Sie vielen Dank für die Antworten!
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