25.07.12 Erneuerbare Energie

Ein Pionier der Energiewende – Enertrag zeigt, was Erneuerbare Energie leisten kann

Der Windstromunternehmer Jörg Müller hat die Enertrag AG 1998 gegründet. Das Unternehmen hat seinen Sitz nördöstlich von Berlin in Dauerthal, einem kleinen Gut mitten im Windfeld Uckermark. Enertrag betreibt und überwacht heute insgesamt über 1.000 Windenergieanlagen in Deutschland, in Frankreich, Österreich, Polen und England. In einer Leitwarte, die einem Großkraftwerk alle Ehre machen würde, sitzen Enertrag-Techniker, kontrollieren die Windkraftwerke und horchen sie ab. Genau: Horchen. „Getriebeprobleme, sich anbahnende Schäden in einem Lager, kann man besser hören als sehen“, erläutert Müller. Mikrofone nehmen die Geräusche auf, und die Techniker im Gut Dauerthal empfangen die Töne.

„Jedes drehende Bauteil hat dabei seinen eigenen Klang – einen harmonischen, wenn alles in Ordnung ist und einen hässlichen, wenn nicht“, erklärt Müller. 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr ist die Leitwarte besetzt. Im Durchschnitt liefen die von Enertrag betriebenen Anlagen fast 10 Millionen Kilowattstunden täglich - an guten Tagen, wenn der Wind weht, auch über 40 Millionen Kilowattunden - Strom ins Netz. Das ist so viel so viel wie zwei Atomkraftwerke. Aber Enertrag produziert den Strom nicht nur, das Unternehmen will ihn jederzeit verfügbar haben für die Verbraucher und hat deshalb das weltweit erste Windstrom-Speicherkraftwerk gebaut. ECOreporter.de hat mit Jörg Müller über dieses Projekt gesprochen und ihn auch zu anderen Bausteinen der Energiewende befragt.

ECOreporter: Herr Müller, was bewegt Enertrag und Sie?

Jörg Müller: Der Wunsch, nachhaltig Energie zu erzeugen und dabei Strom so herzustellen, wie man ihn braucht.

ECOreporter: Der Strom, wie man ihn braucht, der kommt normalerweise aus der Steckdose....

Müller: ...wenn man Kraftwerke hat, die ihn erzeugen.

ECOreporter: Windkraftwerke?

Müller: Ja, aber bitte mit der Betonung auf Kraftwerke. Eine einzelne Windenergieanlage ist ja kein Kraftwerk. Die produziert den Strom so, wie der Wind weht oder nicht weht, es ist eben nur eine Anlage. Unser Ziel sind Kraftwerke, also Kombinationen von Anlagen, die den Strom dann liefern, wenn er gebraucht wird, und wie er gebraucht wird.

ECOreporter: Wie weit sind Sie von diesem Ziel entfernt?

Müller: Heute betreiben und überwachen wir 1.300 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von 1.800 Megawatt (MW). Wir wollen bis zum Jahr 2020 über 5.000 MW erreichen bis 2020. Davon so viel wie möglich als Hybridkraftwerk, um im echten Kraftwerksbetrieb zu fahren.


ECOreporter: Das wäre dann die Leistung von fünf durchschnittlichen deutschen Atomkraftwerken. Nur wären Sie immer noch abhängig vom Wind. Ist das bedarfsgerecht?

Müller: Wir werden bedarfsgerecht sein. Denn erstens liegen unsere Windenergieanlagen an unterschiedlichen Standorten in verschiedenen Bundesländern und in anderen Ländern – und es wird nie überall Flaute herrschen. Zweitens werden wir die Windenergie mit unseren Hybridkraftwerken speichern. Schon heute erzeugen wir mit dem Windstrom das Gas Wasserstoff. Das nennen wir Windgas. Es treibt beispielsweise Brennstoffzellen-Linienbusse für den öffentlichen Nahverkehr in Berlin an. Wir werden in Zukunft mehr Gas erzeugen, und mittels des schon heute riesigen normalen Erdgasnetzes werden wir das Windgas speichern und auch transportieren können.


ECOreporter: Wenn Sie Windstrom in Windgas verwandeln, das Gas transportieren und später, an einem anderen Ort, ein Gaskraftwerk wiederum das Windgas zur Stromerzeugung nutzt - da werden Sie viele Verluste alleine durch die Umwandlung haben, oder?

Müller: Der Denkfehler heißt „Windgas zur Stromerzeugung“ – genau das wollen wir nicht. Windgas kann mit über 80 Prozent Wirkungsgrad aus Windstrom gewonnen werden und mit über 50 Prozent Wirkungsgrad als Treibstoff im Fahrzeug eingesetzt werden. Das ergibt einen Gesamtwirkungsgrad von 40 Prozent - mehr als das Doppelte gegenüber Benzin- oder Dieselmotoren im täglichen Betrieb. Und Strom haben wir dank Windenergie mehr als genug – es ist der falsche Ansatz, über „Stromlücken“ nachzudenken. Stattdessen müssen wir Lösungen für den Überschussstrom finden. Das haben wir im Hybridkraftwerk getan. Die Rückverstromung ist die absolute Ausnahme in Engpasszeiten, also gewissermaßen während ein paar hundert Stunden pro Jahr, wenn der Strom dann auch sehr teuer ist. Aber das geht im Jahresmittel völlig unter und spielt wirtschaftlich keine große Rolle.

Bildhinweis: Jörg Müller. / Quelle: ECOreporter.de


ECOreporter: Was halten Sie von der Offshore-Windkraft?

Müller: Das ist der letzte Versuch der vier Besatzungsmächte  in Deutschland, also der vier großen  Stromversorger, noch einmal zum Zug zu  kommen. Die Offshore-Windkraft verlangt einen  riesigen Kapitaleinsatz für jedes einzelne Projekt,  das können nur die Megakonzerne stemmen.  Zentral in der Nord- und Ostsee so viel Strom zu erzeugen und dann durch ganz Deutschland zu  schicken – das ist wirtschaftlich Unsinn.  

ECOreporter: Immerhin, dieser Unsinn wird Strom aus Erneuerbarer Energie erzeugen.

Müller: Aber spätestens heute muss man verstehen,  dass die Photovoltaik billiger ist als die  Offshore-Windkraft! Sie ist eine Halbleitertechnologie,  auch das weiß man doch schon seit 60  Jahren, dass es bei Halbleitern gewaltige Kostensenkungspotenziale  gibt.   

ECOreporter: Halbleiter sind Computer-Bausteine,  von denen man behauptet, dass sie bei  etwa gleicher Leistung alle 18 bis 24 Monate  nur noch die Hälfte kosten, also alle drei bis  vier Jahre ein Viertel und so weiter... 

Müller: ....und weil diese Gesetzmäßigkeit auch  für Solarmodule gilt, wird der Solarstrom immer  billiger werden. Dagegen hat die Offshore-Windkraft  preislich keine Chance.  ECOreporter: Aber die Politik bremst gerade  den Ausbau der Solarenergie.  Müller: Und trotzdem werden die Menschen weiter  Solaranlagen bauen. Früher hatten wir an der  Strombörse immer eine „Mittagsspitze“ beim  Strompreis, wenn der Strombedarf am höchsten  war und die fossilen Kraftwerke unter Volldampf  liefen. Heute gibt es das nicht mehr – die Großkraftwerke  fahren im mittleren Leistungsbereich  durch, und die Mittagsspitze kommt aus der Solarenergie.  Entsprechend ist der früher so teure  Mittagsstrom heute viel billiger. Schon in etwa  drei Jahren werden wir ein preisliches „Mittagstal“  haben, weil die Solarenergie so viel Strom liefern wird. Dann werden die großen fossilen  Kraftwerke ihre Leistung mitten am Tage herunterfahren.  Für die Großkraftwerke bedeutet das,  dass sie völlig unwirtschaftlich werden – und  für die Energiewende ist dies dann der Punkt,  ab dem es endgültig keine Umkehr, kein Zurück  zum alten Zustand mehr gibt.

Lesen Sie die Opens external link in new windowFortsetzung des Interviews mit Jörg Müller. Darin äußert er sich unter anderem zur Zukunft des EEG und zu den größten Hindernissen für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien.

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