24.04.09 Nachhaltige Aktien , Meldungen

Emissionsrechte: Investieren in heiße Luft

Die einen feiern sie als die neue Anlageklasse, die anderen verspotten sie als Öko-Gag der Politik: Emissionsrechte und Klimaschutz-Gutschriften. In Deutschland haben sich erst zwei Fondshäuser getraut, daraus ein Beteiligungsmodell für private Anleger zu entwickeln. Zudem stehen zwei Emissionsrechte-Spezialisten auf dem Sprung an die Börse.

Es hat etwas von modernem Ablasshandel: Für die selbst begangenen Umweltsünden können Unternehmen Klimaschutz-Gutschriften erwerben, die andere für Maßnahmen zur Verringerung des Ausstoßes der so genannten Treibhausgase erhalten haben. So sieht es im Grundsatz das Kyoto-Protokoll vor. Darin hatten die Vereinten Nationen festgelegt, im Zeitraum von 2008 bis 2012 die Emissionen der klimaschädlichen Gase (vor allem Kohlendioxid/CO2) in den industrialisierten Ländern um durchschnittlich 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Die Reduktionspflichten sind auf die Nationen unterschiedlich verteilt, Deutschland beispielsweise soll den Treibhausgas-Ausstoß um 21 Prozent gegenüber 1990 verringern.

Für Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien sowie sämtliche Entwicklungsländer gibt es hingegen noch keine Beschränkungen. Dennoch werden auch hier Projekte mit Gutschriften belohnt, die den Ausstoß von Treibhausgasen verringern oder Emissionen vermeiden helfen.

Was das mit Geldanlage zu tun hat? Investoren rechnen so: Sie investieren in Klimaschutzprojekte in den Schwellenländern. Da sind viele Industrieanlagen und Kraftwerke umwelttechnisch auf dem Stand von vorgestern. Durch die Modernisierung oder den Neubau des Anlagenparks kann man Emissionen einfacher und billiger verringern als in Staaten mit modernen Industrieanlagen. Dafür erhalten die Investoren Klimaschutzgutschriften, die sie meistbietend an Konzerne in Europa‚ USA oder Japan verkaufen. Die bekommen in ihren Heimatländern immer weniger Emissionsrechte vom Staat, müssen also hinzukaufen.

Klingt kompliziert, ist es auch. Die Pure Klimaschutz AG, Berlin, setzt auf genau dieses Modell. „Einen Euro in Deutschland zu investieren bringt nicht die gleiche Klimaschutzwirkung wie in Indien oder China“, erklärt Jürgen Habichler, Vorstand der Schweizer Beteiligungsgesellschaft Cleantech Invest AG. Sie hat sich an der Pure Klimaschutz AG beteiligt.

Die Präsenz mit Experten und lokalen Partnern in China, Thailand und Südafrika sieht Habichler als Stärke der Berliner Tochterfirma. „Bei den Projekten, die wir beraten, geht es um die Vermeidung von CO2 – um den Einbau von Filtern in Kohlekraftwerken oder Umwelt-Investitionen in bestehende Müllverbrennungsanlagen zum Beispiel“, erläutert er. Die wesentliche Leistung der Pure Klimaschutz bestehe darin, dass sie die passenden Projekte identifiziere und dann die Firmen berate, wie sie die Klimaschutz-Gutschriften erhalten können.

Die Pure Klimaschutz AG strebt noch für dieses Jahr die Notierungsaufnahme an einer deutschen Börse an.

Die Ecolutions GmbH & Co. KGaA, Frankfurt, ist eine Tochter der Altira Group, die große  Vermögen verwaltet, darunter Geld der Quandt-Familie (u.a. BMW). Auch die Ecolutions will mit Klimaschutzgutschriften Geld verdienen. Allerdings spielt dieser Aspekt im Geschäftsmodell nicht die Hauptrolle. Der Klimaschutz hingegen schon. „Wir investieren in China und Indien in Erneuerbare Energien“, erklärt Vorstandschef Dietram Oppelt. Anlagen mit insgesamt 100 Megawatt (MW) Nennleistung sind ihm zufolge derzeit im Bau, eine Anlage zur Deponieentgasung ist schon ans Netz gegangen. Über 50 Mitarbeiter arbeiten für Ecolutions vor Ort, betreuen die verschiedenen Projekte.

Doch Ecolutions finanziert und berät nicht nur, sondern bleibt direkt an den Anlagen beteiligt. „Unsere Erlöse stammen in erster Linie aus den Einspeisevergütungen für Strom“, so Oppelt. Darüber hinaus werde man natürlich die Klimaschutz-Gutschriften vermarkten. Doch der Umsatzanteil aus dem Zertifikate-Verkauf bleibe relativ gering: „Bei den Windparks wird er 10 bis 20 Prozent ausmachen, bei Biomasse-Anlagen 15 bis 25 Prozent, bei der Deponieentgasung allerdings bis zu 50 Prozent“, rechnet Oppelt vor.

„Projekte gibt es genügend, nur die Kreditfinanzierung ist durch die Wirtschaftskrise schwieriger geworden“, berichtet Oppelt. Die Energienachfrage leide aber vor allem in Indien bisher kaum unter der Krise. „Für Windstrom ist hier die Gewinnschwelle schon erreicht.“ Per Gesetz sei die Einspeisevergütung auf 13 Jahre hinaus festgeschrieben.

Die Erlöse aus dem Verkauf der Klima-Zertifikate sind zumindest kurzfristig nicht so sicher. „Wir rechnen damit, dass die Kurse in diesem Jahr auf fünf bis neun Euro sinken könnten“, meint Dietram Oppelt. „Emissionsrechte in Europa teils kostenlos zu vergeben, das ist ein Fehler im System“, kritisiert er. Spätestens mit der Nachfolgeregelung zum Kyoto-Protokoll, also ab 2013, werden jedoch die Höchstgrenzen für den Kohlendioxid-Ausstoß schrittweise sinken. Der Bedarf an Emissionsrechten dürfte steigen.  

Bisher ist Ecolutions noch nicht börsennotiert. Das Management halte sich die Option dazu offen, heißt es bei der Altira Group, der gut ein Drittel der Anteile zuzuordnen sind. Nur über den Umweg der Altira-Aktie (WKN: 121806) also können sich private Investoren an Ecolutions beteiligen. Allerdings investieren sie damit auch in andere Geschäftsfelder.

Die direkte (unternehmerische) Beteiligung am Emissionsrechtehandel boten bis vor kurzem noch zwei Emittenten geschlossener Fonds. Die Aquila Capital Partners warb nach eigenen Angaben mit insgesamt drei Tranchen über 100 Millionen Euro für ihre Fonds AC KlimaschutzInvest I bis III ein. Ein vierter Fonds sei vorerst nicht geplant, da die Nachfolgeregelung für das Kyoto-Protokoll ab Ende 2012 noch unklar sei, heißt es beim Hamburger Fondshaus.

Auch die ebenfalls Hamburger Internationale Grundwert Beteiligungen AG (IGB), die u.a. Container- und Immobilienfonds konzipiert, hatte ein Angebot in diesem Bereich, den Fonds KlimaschutzPortfolio I. Von Seiten des Fondsmanagements waren zu Folgeprojekten auf Anfrage keine Informationen zu erhalten.

Scope-Analyst Robert Borm ist bezüglich der Beteiligungsangebote im Bereich Emissionsrechte-Verwertung zurückhaltend. „Der Markt ist noch sehr jung, es gibt kaum verlässliche Daten, die eine Kalkulation ermöglichen.“


Fazit: Politische Börsen haben kurze Beine. Das gilt wohl auch für den Emissionsrechtehandel. Der Markt ist so abhängig von der Politik wie kein anderer. Erst im Dezember 2009 soll die Anschlussregelung für das im Jahr 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll vereinbart werden. Gerade in der Wirtschaftskrise könnten einige Staaten darauf drängen, die Umweltschutzauflagen für ihre Industriekonzerne zu lockern. Die Krise selbst hat schon für weniger Energiebedarf und damit weniger Emissionen gesorgt. Die Preise für CO2-Zertifikate sind am Spot-Markt deutlich unter Druck geraten. Ende März war das Recht, eine Tonne Kohlendioxid zu erzeugen, noch 11,30 Euro wert – gerade mal ein Drittel des Preises von Anfang 2006.
Vor diesem Hintergrund sind Geschäftsmodelle sehr riskant, die ausschließlich oder überwiegend auf den Handel mit Klimaschutz-Gutschriften setzen. Die Konzepte der Pure Klimaschutz und der Ecolutions überzeugen, weil sie in erster Linie Know-how verkaufen – wie jede andere Ingenieursberatung auch. Dass sie sich einen Teil ihrer Leistung in Form von Klimaschutz-Credits bezahlen lassen, erleichtert den Firmen in den Schwellenländern die Finanzierung der Projekte. Gleichzeitig bleibt das Risiko für die beratenden Unternehmen überschaubar. Ihnen wäre zu wünschen, dass das Konzept aufgeht. Sowohl für die Bekämpfung des Klimawandels als auch für das Anlageuniversum wäre es ein Gewinn.


Emissionsberechtigungen in Deutschland 2009

Die Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt) im Umweltbundesamt hat am 28. Februar die Emissionsberechtigungen für das Jahr 2009 ausgegeben. Das Gesamtbudget in Deutschland für 2009 beträgt nach ihren Angaben 451,86 Millionen Klimazertifikate. Davon verteilt die DEHSt rund 390 Millionen Emissionsberechtigungen unentgeltlich an Betreiber von 1.625 Anlagen. Bei der Ausgabe berücksichtigt die DEHSt auch Änderungen der Zuteilung aufgrund von Stilllegungen von Anlagen oder Kapazitätserweiterungen.

Seit 2005 müssen Unternehmen der Energiewirtschaft und der emissionsintensiven Industrie jährlich Emissionsberechtigungen in Höhe ihres tatsächlichen CO2-Ausstoßes bei der DEHSt abgeben. Sofern die ihnen zugeteilten Zertifikate nicht zur Deckung ihrer Emissionen ausreichen, müssen die Unternehmen Emissionsberechtigungen zukaufen. Andernfalls drohen zusätzliche Zahlungen an die DEHSt in Höhe von 100 Euro pro Tonne CO2. Gehandelt werden die Zertifikate etwa über die Leipziger Strombörse (EEX). Ein großer Teil wechselt aber außerhalb der Börse den Besitzer.

Text: Simone Volmer
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