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"Es gibt bei nachhaltigen Unternehmen auch Rückschritte." - ECOreporter.de-Interview mit Dr. Elisabeth Höller, Spezialistin für Nachhaltigkeitsresearch




ECOreporter.de: Was bewirken die Anfragen einer Agentur für Nachhaltigkeitsratings bei einem Unternehmen?

Elisabeth Höller: Oft Sorge und Angst, dass etwas falsch gemacht werde. Manchmal aber auch Freude, dass wir wahrnehmen, wie das eigene Unternehmen sich mit wenig beachteter Transparenz, mit Statistiken usw. Mühe macht. Manchmal entsteht auch ein positives Wahrnehmen der Bedeutung von Nachhaltigkeitsthemen aus solchen Dialogen.


ECOreporter.de: Gibt es Beispiele dafür, wie Nachhaltigkeitsratings-Veränderungen bei Unternehmen positive Veränderungen angestoßen haben?

Elisabeth Höller: Das kommt ganz selten vor. Als ein Beispiel kann ich das auf nachhaltige Forstwirtschaft spezialisierte Schweizer Unternehmen Precious Woods  nennen. Anlässlich unserer ersten Analyse dieser Firma im Jahr 2002 hatten wir angeregt, nicht nur ökologische, sondern auch soziale Aspekte wichtig zu nehmen und zu berichten. Das wurde gemacht, es gab einen konstruktiven Dialog unserer Ethik-Analysten mit dem Management der Gesellschaft. Es kommt einfach auf die Menschen an. Bei Henkel haben wir beispielsweise bereits 2002 mit unseren Fragen zu Nanotechnologie und Gentechnik bewirkt, dass auf der Webpage der Standpunkt der Firma dazu erläuternd - wenn auch nur sehr allgemein - dargelegt wurde. Gerade bei Henkel mussten wir aber feststellen, dass das dort bereits seit den 90iger Jahren gepflegte hohe Niveau der Umweltberichterstattung in den beiden letzten Jahren – wir meinen im Zusammenhang mit Personalveränderungen im Bereich Corporate Sustainability sowie  Management und Communication – eher etwas stagnierte. Und das in einer Ära, in der rundherum andere Firmen der Branche deutliche Fortschritte erzielten.

ECOreporter.de: Gibt es auch Rückschritte?


Elisabeth Höller: Ja. Am frustrierendsten ist es, wenn Umweltbeauftragte oder SRI-Verantwortliche oder deren Mitarbeiter nicht mehr da sind, und vieles, was uns vorher gefiel, wieder in die Steinzeit zurückfällt, ohne dass sich im Unternehmen oder unter den Medien jemand darüber aufzuregen scheint.
ECOreporter.de: Wie einflussreich muss dafür der Gesprächspartner in dem Unternehmen sein, damit Ihre Befragungen mehr Nachhaltigkeit anstoßen?
Elisabeth Höller: Natürlich ist es am besten, die obersten Führungspersonen für ökologische und soziale Verbesserungen zu gewinnen. Manchmal gelingen Verbesserungen aber auch, wenn von ganz verschiedenen Seiten Impulse kommen, zum Beispiel aus Abteilungen des mittleren Managements aus verschiedenen Ländern.  

ECOreporter.de: Inwiefern haben Nachhaltigkeitsratings eine prägende Wirkung für das Nachhaltige Investment?

Elisabeth Höller: Hier und da können wir feststellen, dass Nachhaltigkeits- und Ethik-Ratings von den Unternehmen stolz verbreitet werden. Leider sind das bisher eher die Ausnahmen. Ich erkläre mir das so: Wir Nachhaltigkeits-Rating-Firmen sind eher zu leise. Und, da wir ja von den gerateteten Firmen für unsere Empfehlungen aus Unabhängigkeitsgründen kein Geld bekommen, finanziert eigentlich in vielen Fällen  niemand die für die Gesamtgesellschaft wichtige Öffentlichkeitsarbeit in dieser Richtung. Wir als Kenner der Themen oder auch Portale wie www.ecoreporter.de sollten eigentlich die Firmen auf diesen möglichen Service zur „Weiterverwendung“ unseres Wissens aufmerksam machen. Es wäre eine Dienstleistung, die wir gerne laufend erbringen, weil dabei alle gewinnen, wenn man in der Öffentlichkeit (z.B. in der Invera-Opens external link in new windowWebpage) darauf verweisen dürfte, dass diese oder jene öko-soziale Erfolgschance oder auch erzielte Erfolge von Invera auf eigene Initiative oder im Auftrag für diese oder jene Unternehmung bearbeitet wurde und auf Verlangen auch Interessierten Dritten mitgeteilt werden kann.

ECOreporter.de: Wenn man die größten Positionen herkömmlicher Investmentfonds mit denen von Nachhaltigkeitsfonds vergleicht, die Nachhaltigkeitsratings einsetzen, ist die Schnittmenge der Titel sehr groß. Inwiefern sind Nachhaltigkeitsratings nur eine Dienstleistung, die herkömmlichen Portfolios ein „grünes“ Siegel verleiht?

Elisabeth Höller: Zu den schwierigsten Kapiteln rund um Nachhaltigkeits- und Ethikfonds gehören die internen wie öffentlichen Diskussionen, ob es besser sei, möglichst viele verdienstvolle Spezialaktien in einen Fonds aufzunehmen, oder ob es auch interessant sei, einfach ein paar größtkapitalisierte „Wald- und Wiesen-Titel“ dazu zu nehmen, die halt nur ein durchschnittliches oder gar unterdurchschnittliche ökosoziales Profil haben. Vor allem solche, die sich von vorher „very ugly“ in Richtung „akzeptabel“ gemausert haben, sollten, meine ich, dann auch eine Rolle in Ethikfonds spielen dürfen. Wichtig wäre aber, dass untolerable Titel konsequent möglichst in keinem Fonds des Nachhaltigkeits-Spektrums vorkommen. Denn das schadet der Reputation der ganzen Branche.

ECOreporter.de: Nach welchen Kriterien legen Sie ihre Fragenkataloge an?

Elisabeth Höller: Früher verschickten wir bewusst an ALLE Firmen den gleichen Fragebogen, um gleiche Ausgangsvoraussetzungen für Statistiken zu haben. Seit etwa fünf Jahren haben wir schrittweise völlig auf individuelle, kurze Fragen umgestellt. Mit denen wollen wir die Antworten erhalten, die ein Unternehmen bisher nicht publiziert hat, und die uns helfen es grundsätzlich besser zu verstehen.

ECOreporter.de: Wie aussagekräftig sind die Informationen, die Ihnen die Unternehmen zur Verfügung stellen?

Elisabeth Höller: Die wenigen gezielten Fragen, die wir stellen, werden in mehr als der Hälfte der  Fälle plausibel  beantwortet. Dabei wollen wir den Firmen nie Geheimnisse oder Sensationen entlocken sondern einfach die Grundlagen für das bessere Verständnis einzelner Aspekte erarbeiten.

ECOreporter.de: Wie wird deren Wahrheitsgehalt überprüft?

Elisabeth Höller: Nach unserer Erfahrung lügen große Publikumsgesellschaften praktisch nie vorsätzlich. Etwa bei Statistiken über Verletzte und Tote sind sie in der Regel aufrichtig. In Ausnahmefällen wird gesagt, “darüber haben wir keine Angaben“, “das dürfen wir nicht sagen“ etc. Von Amerikanern, Asiaten, namentlich bei kleineren und mittleren Firmen, bisweilen auch bei Großen, bekommen wir immer wieder auf heikle Fragen gar keine Antworten. Schweigen – trotz fünfmaligen Nachfassens! Ich  erinnere mich z.B. hier an ein hartnäckiges Schweigen von Burberry im letzten Jahr zur Frage der Herkunft der Tierpelze.

ECOreporter.de: Welches Motiv haben die befragten Unternehmen, sich die Mühe der Beantwortung zu machen?

Elisabeth Höller: Wir haben den Eindruck gewonnen, dass die Transparenz als Qualität immer mehr zählt und ernst genommen wird, in kleinen Schritten natürlich. Bei uns wird es ausdrücklich gelobt, wenn aus Transparenzgründen auch noch verbesserungswürdige Zustände oder gar effektive Verschlechterungen mitgeteilt werden.

ECOreporter.de: Wie überwinden Sie Widerstände oder Ausweichmanöver eines Unternehmens, das Sie analysieren?

Elisabeth Höller: Wir haben die „Hauspolitik“, nicht mit der Brechstange vorzugehen. Nach mehrmaligem Nachfassen lassen wir’s sein und geben halt eine schlechte oder ganz schlechte Bewertung ab, was die schlecht oder ganz schlecht aufgestellten Firmen allerdings meist überhaupt nicht kratzt. Vom Invera-Analyse-Team aus setzen wir dann in der Regel das Engagement unmittelbar nicht mehr fort, aber ein oder mehrere Jahre später versuchen wir es wieder, dann stoßen wir manchmal auf andere Personen und freuen uns, wenn das Thema ordentlich behandelt wird.

ECOreporter.de: Wer bezahlt die Arbeit einer Agentur für Nachhaltigkeitsratings, welcher Einfluss auf  die Recherche ist damit verbunden?

Elisabeth Höller: Bei uns wird bisher die Recherche nur über die Nutzer bezahlt, von den Asset Managern oder den NPOs (Non-Profit-Organisationen, die Red.). Für die Firmen sind unsere gut gemeinten, die Nachhaltigkeit verbessernden Ratschläge im Allgemeinen gratis. Das finden wir recht und billig, aber es ist ein extremer ökonomischer Luxus im Branchenvergleich - auch gegenüber den Bonitäts-Rating-Agenturen.

ECOreporter.de: Inwiefern nehmen Kunden wie etwa Investmentfonds Einfluss auf die Gestaltung der Ratings, die Kataloge, die Auswahl der analysierten Unternehmen?

Elisabeth Höller: Natürlich kommt es ab und zu vor, dass ein geratetes Unternehmen oder ein Finanzhaus Druck ausübt und ein Rating anders - in der Regel besser - haben möchte, als unser Ergebnis. Dazu kommen die Fälle bei denen die Gesellschaften schweigen und einen Titel, den wir ausgeschlossen haben, „heimlich“ zeitweilig für Perioden außerhalb der Berichterstattung trotzdem kaufen. Da viele, auch Ethikfonds, ja nur noch die Top 10 Titel mitteilen, gleicht es gelegentlich einer Staatsaffäre, bis man alle Titel eines Fonds erfährt. Da ist noch allerhand Druck aus der Öffentlichkeit nötig, um bessere Fortschritte zu erzielen. Ein laufendes Ethical Controlling analog oder gemeinsam mit dem Financial Controlling wird erst von wenigen Institutionen umgesetzt. Wir sehen darin für uns längerfristig eine immer wichtigere Aufgabe, auf die nicht oft genug aufmerksam gemacht werden kann.

ECOreporter.de: Warum sind Nachhaltigkeits-Ratingagenturen unverzichtbar? Was wird durch ihre Arbeit konkret verhindert, was konkret ermöglicht?

Elisabeth Höller: Diese Agenturen sind ja eine sehr, sehr junge Branche, die es erst seit den 1990er Jahren gibt. Sie müssen sich „ihren Platz an der Sonne“, ihre kontinuierliche Glaub- und Vertrauenswürdigkeit erst auf Dauer erarbeiten. Wenn sie wirklich transparent und unabhängig arbeiten, dann werden sie unersetzlich sein und bleiben, beim Aufspüren von ethisch „verlässlichen“ Aktien und Anleihen wie auch von „Outperformern“, die vielleicht sogar höhere Kursgewinne ermöglichen. Beim beschränkten Kreis der Leute, die unsere Arbeit und unser Engagement nun schon seit vielen Jahren beobachten, haben wir für die Invera dieses Vertrauen unbestritten aufgebaut. Vom breiten Publikum wird diese Dienstleistung aber noch wenig beachtet.

ECOreporter.de: Frau Dr. Höller, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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Ein weiterer Opens external link in new windowMausklick führt Sie zu einem ECOreporter.de mit Silke Riedel von imug Investment Research über deren Erfahrungen mit Nachhaltigkeitsresearch.


Bildhinweis: Dr. Elisabeth Höller / Quelle: Invera; Tankstelle von Shell / Quelle: Unternehmen; Sitzung des Teams um Frau Höller / Quelle: ECOreporter.de
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