07.08.08 Nachhaltige Aktien , Meldungen

„Es spricht vieles dafür, den direkten Kontakt mit dem Unternehmen zu suchen“ - ECOreporter.de-Interview über den Einfluss von nachhaltigen Investoren auf Unternehmen

Dienen nachhaltige Investments nur der Gewissensberuhigung oder können Anleger wirklich etwas damit bewirken? Welchen Einfluss haben nachhaltige Fonds? Wo sollten sie den Hebel ansetzen? Über diese und weitere Fragen führten wir ein Interview mit Rolf D. Häßler von der auf Nachhaltigkeit spezialisierten Ratingagentur oekom research AG:

ECOreporter.de: Gibt es aus Ihrer Sicht konkrete Beispiele dafür, dass man mit ethischen oder ökologischen Geldanlagen etwas bewirken kann und nicht nur sein Gewissen beruhigt?

Rolf Häßler: Wir erfahren im täglichen Rating-Prozess, dass der Hebel „nachhaltige Kapitalanlage“ funktioniert. Immer mehr Unternehmen bescheinigen uns, dass sie unsere Ratings als Grundlage nutzen, um ihr Nachhaltigkeitsmanagent weiter zu entwickeln und neue Herausforderungen anzugehen. Ganz konkrete Beispiele, welche Maßnahmen im Einzelnen durch unsere Ratings verändert wurden, lassen sich allerdings nur schwer identifizieren. Die Deutsche Telekom hat uns vor einiger Zeit bestätigt, dass die Nachhaltigkeitsratings ausschlaggebend für den PVC-Ausstieg bei Innenkabeln in der Neubeschaffung waren.
Wichtig ist uns, dass sowohl die Qualität der Aktivitäten einzelner Unternehmen steigt als auch die Anzahl derjenigen Konzerne zunimmt, die ökologische und soziale Fragestellungen in ihre Entscheidungsprozesse integrieren.
Das funktioniert natürlich umso besser, je wirkungsvoller der Hebel nachhaltiger Investoren ist. Insofern unterstützt jeder Anleger, der sein Kapital unter Berücksichtigung entsprechender Kriterien investiert, diesen Wirkungsmechanismus und damit die Neuorientierung der Unternehmen.

ECOreporter.de: Wie können etwa Nachhaltigkeitsfonds konkret Einfluss auf Unternehmen nehmen? Welche Ansatzpunkte stehen Ihnen zur Verfügung?

Rolf Häßler: Grundsätzlich wirken Nachhaltigkeitsfonds schon allein durch die Tatsache, dass es sie gibt. Es ist ein wichtiges Signal in die Unternehmen, dass es eine zunehmende Zahl von Investoren gibt, die bei der Kapitalanlage auch darauf achten, dass die Unternehmen sozialen und ökologischen Standards genügen. Wenn ein Fondsmanager darüber hinaus aktiv werden will, kann er fallweise in so genannten One-on-ones, d. h. im direkten Gespräch mit dem Unternehmen, vertiefende Fragen zur sozialen und ökologischen Performance der Unternehmen stellen oder – vielleicht in Kooperation mit anderen institutionellen Anlegern – einen systematischen Engagement-Ansatz verfolgen. Und natürlich stellt auch die – angedrohte – öffentliche Information über ein Desinvestment ein Instrument dar, um Einfluss auf die Unternehmen zu nehmen.

ECOreporter.de: Inwiefern nehmen nachhaltige Investoren wie etwa Nachhaltigkeitsfonds wirklich Einfluss auf Unternehmen? Halten Sie nicht bloß nach, inwiefern Unternehmen auf öffentliche Diskussionen (etwa über den Klimawandel) und Kritik anderer Akteure (wie NGO’s) reagieren?

Rolf Häßler: Unsere Erfahrung ist, dass nachhaltige Investoren heute in vielfacher Hinsicht in die Unternehmen wirken. So hat zum einen das wachsende Interesse des Kapitalmarktes an der Nachhaltigkeitsleistung der Unternehmen dazu geführt, dass die entsprechenden Nachhaltigkeitsabteilungen in den Unternehmen aufgewertet wurden und stärkeren Einfluss innerhalb der Unternehmen bekommen haben. Auch dem unternehmensinternen Nachhaltigkeitsmanagement dient der nachhaltige Kapitalmarkt also als Hebel.
Gleichzeitig wissen wir von Unternehmen, die ihr Nachhaltigkeitsmanagement bewusst an den Anforderungen nachhaltiger Investoren orientieren. Aus Reputationsgesichtspunkten möchte man hier vermeiden, aus der Gruppe der Branchenbesten heraus zu fallen. Schließlich können wir beobachten, dass soziale und ökologische Kriterien auch über den Kreis der nachhaltigkeitsorientierten Investoren hinaus Einzug in die Unternehmensanalyse halten. So arbeitet beispielsweise die DVFA (Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management, die Red.) an der Entwicklung von so genannten Key Performance Indicators (KPI), mit deren Hilfe entsprechende Aspekte in die konventionelle Finanz- und Unternehmensbewertung integriert werden sollen.

ECOreporter.de: Was bringt mehr Erfolg - wenn nachhaltige Investoren Verbesserungen durch Gespräche in Hinterzimmern anzustoßen versuchen oder wenn sie Unternehmen öffentlich kritisieren bzw. darauf hinweisen, warum sie diese vom Investment ausschließen?

Rolf Häßler: Dies ist vielleicht weniger eine „entweder, oder“ als eine „wenn, dann“ Frage. Es spricht vieles dafür, im Rahmen eines Engagement-Ansatzes den direkten Kontakt mit dem Unternehmen zu suchen. Wir sehen, dass dieser Ansatz zunehmend auch in Kontinentaleuropa an Bedeutung gewinnt, nachdem er bisher vor allem in den USA, in Großbritannien und in Ansätzen in der Schweiz genutzt wird. Wenn ein solches Vorgehen nicht die erwünschte Wirkung zeigt, ist die öffentliche Eskalation natürlich ein mögliches Instrument, um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Das Vorgehen des Norwegischen Pensionsfonds im Fall Wal-Mart hat sehr eindrücklich gezeigt, wie hoch die öffentliche Aufmerksamkeit in solchen Fällen sein kann und wie hoch in Folge der öffentliche Druck.

ECOreporter.de: Wo sehen sie noch Potential bei nachhaltigen Investoren, ihren Einfluss auf das Verhalten von Unternehmen zu verstärken?

Rolf Häßler: Hier sehen wir verschiedene Ansatzpunkte. Zum einen bietet der Engagement-Ansatz, d. h. die direkte und gegebenenfalls koordinierte Einflussnahme auf das Unternehmen, noch Potenzial. Dieser Ansatz wird gerade in Kontinentaleuropa noch sehr wenig genutzt. Wir sehen deutliche Hinweise darauf, dass sich hier etwas tut. Zum anderen geht es natürlich darum, den Hebel „nachhaltiges Investment“ durch ein weiteres Wachstum des Marktes zu verlängern und die Wirkung dadurch zu vergrößern.  
Interessant wäre sicherlich auch, darüber nachzudenken, wie man neben den häufig im Fokus stehenden transnationalen Großunternehmen auch den Mittelstand stärker einbeziehen kann. Schließlich wird gerade in Deutschland ein großer Teil der Wirtschaftsleistung durch mittelständische Unternehmen erbracht. Auch hier geht es darum, Unternehmen zu mehr Nachhaltigkeit zu motivieren.

ECOreporter.de: Womit lässt sich die Aufnahme der Aktien von Mineralölkonzernen und Autobauern in Nachhaltigkeitsfonds und –indices rechtfertigen, was wird damit konkret bewirkt?

Rolf Häßler: Grundsätzlich ist der dem best-in-class Ansatz zugrunde liegende Gedanke, in allen Branchen einen Wettbewerb um die beste Nachhaltigkeitsperformance auszulösen und dabei keine Branchen von vornherein auszuschließen, richtig. Solange es etwa einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass individuelle Mobilität erhalten bleiben soll, wird es Automobile auf den Straßen geben. Wenn dies aber so ist, dann sollen möglichst Autos unterwegs sein, die geringe Auswirkungen auf Umwelt und Klima haben.
Allerdings reicht es hier nach unserer Einschätzung nicht aus, wenn Unternehmen nur relativ besser sind als die Konkurrenz. Wir befürworten und verfolgen daher einen absoluten best-in-class Ansatz, d. h. Klassenbester kann nur werden, wer bestimmte, von uns im Vorfeld eines Ratings für die jeweilige Branche festgelegte Standards erfüllt.

ECOreporter.de: Sehen sie Anbieter von Nachhaltigkeitsfonds, die nach dem Prinzip „best-in-class“ ihr Portfolio zusammenstellen in der Pflicht, Grundsätze und Sinn ihrer Auswahl besser zu kommunizieren?

Rolf Häßler: Ganz klar ja. Wir werden immer wieder mit skeptischen Fragen nach der Sinnhaftigkeit des best-in-class Ansatzes konfrontiert, hier gibt es offensichtlich noch großen Erklärungsbedarf. Für den Anleger muss klar sein, warum ein Unternehmen in einen Fonds oder Index aufgenommen wurde. Dies transparent und nachvollziehbar zu machen, ist eine Bringschuld der Anbieter entsprechender Anlageprodukte, keine Holschuld der Anleger.

ECOreporter.de: Gibt es nachhaltige Geldanlagen, die mehr bewirken als andere nachhaltige Investments?

Rolf Häßler: Die Vielfalt der Anlagemöglichkeiten im nachhaltigen Investment, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat, wirkt sich positiv auf das Wachstum des Marktes aus. Für die Anleger ist es eine komfortable Situation, zwischen verschiedenen Produkten – übrigens auch zwischen verschiedenen Nachhaltigkeitskonzepten – entscheiden zu können. Er kann sich aus der Vielzahl der Angebote für dasjenige Angebot entscheiden, dass sowohl seinen ethischen Vorstellungen als auch seinen konventionellen Anlagebedürfnissen, also z. B. Risikoappetit, am besten entspricht. Im Hinblick auf die Wirkungen der etablierten nachhaltigen Geldanlagen, also vor allem Fonds, gibt es dabei nach unserer Einschätzung keine großen Unterschiede.
Skeptisch sind wir allerdings, wenn es um bestimmte Derivate geht. So muss sich beispielsweise jeder Anleger selbst fragen, ob eine im Marktsegment nachhaltiges Investment angesiedelte Put-Option auf einen nachhaltigen Basiswert, z. B. auf eine Aktie, sich mit dem Grundgedanken einer langfristigen nachhaltigen Entwicklung vereinbaren lässt.

ECOreporter.de: Welche Entwicklung sagen Sie für das nachhaltige Investment voraus?

Rolf Häßler: Wir gehen von einem weiteren Wachstum des Marktanteils des nachhaltigen Investments aus – eine Einschätzung, die auch von unseren Kunden geteilt wird. Im Rahmen einer aktuellen Kundenbefragung haben wir nach deren Einschätzungen im Hinblick auf die zukünftige Marktentwicklung gefragt. Knapp 90 Prozent unserer Kunden erwarten, dass der Markt für nachhaltige Kapitalanlagen weiter wachsen und dem konventionellen Investment Marktanteile abnehmen wird.

ECOreporter.de: Herr Häßler, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Bildhinweise: Beispiele für kontroverse Branchen, in die dennoch etliche nachhaltige Fonds investieren: Ölplattform / Quelle: Webshots; Atomkraftwerk der RWE AG / Quelle: Unternehmen.
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