12.06.08 Nachhaltige Aktien , Meldungen

„Für Unternehmen der Erneuerbare-Energie-Branche gibt es ganz massive physische und regulatorische Klimarisiken“ – ECOreporter.de-Interview mit Rolf Häßler, oekom research


ECOreporter.de: Inwiefern kann ein Klimarisiko-Index bei der Investitionsentscheidung helfen?

Rolf Häßler: Der Industry Climate Risk Index (ICRI) dient bei Investitionsentscheidungen dazu, für die Klimarisiken einzelner Branchen zu sensibilisieren. Dabei sind auf Basis des Indexes grundsätzlich zwei Vorgehensweisen denkbar: Zum einen kann der Investor entscheiden, Klimarisiken dadurch zu minimieren, dass er nur in Branchen mit einem geringen Klimarisiko investiert. Hier zeigt ihm der Index, welche Branchen dies sind. Ein Investor, der über alle Branchen investieren möchte, ist zum anderen durch den Index darüber informiert, in welchen Branchen er besonders darauf achten muss, wie es um das Management entsprechender Risiken in den Unternehmen steht. Gerade in Branchen mit einem hohen Klimarisiko kommt es darauf an, die Unternehmen auszuwählen, die sich gegenüber den Risiken des Klimawandels in Management und Maßnahmen gut aufgestellt haben.


ECOreporter.de: Was bringt der Index zusätzlich zu der eigentlich geläufigen Erkenntnis, dass Aktien von Autobauern und Energieversorgern Klimarisiken tragen?

Rolf Häßler: In der Tat ist zu Energieversorgern und Automobilbauern in diesem Kontext schon viel geschrieben worden – aber eben auch fast ausschließlich zu diesen. Der Industry Climate Risk Index (ICRI) öffnet die Analyse für weitere Branchen; insgesamt berücksichtigt oekom research über 30 verschiedene Sektoren. So gehen wir beispielsweise auch der Frage nach, wie stark eigentlich Unternehmen der Erneuerbaren Energien-Branche von Klimarisiken betroffen sind. Hier zeigt sich, dass es ganz massive physische und regulatorische Risiken gibt. Gleichzeitig bewertet der Index alle Branchen nach einer einheitlichen Methodik. Auch das ist nach unserer Kenntnis ein Novum.


ECOreporter.de: Inwiefern gibt es physische und regulatorische Klimarisiken für Erneuerbare-Energie-Unternehmen? Könnten Sie das konkretisieren?

Rolf Häßler: Bei den Erneuerbare Energien-Betreibern bestehen bei den Anlagen große Risiken etwa gegenüber extremen Stürmen (insbesondere bei Offshore-Anlagen), Hagel (Photovoltaik-Anlagen) oder Dürren/Niedrigwasser (z. B. Wasserkraftanlagen), d. h. sie sind sowohl direkt gegenüber solchen Gefahren exponiert als auch über die Verfügbarkeit von Betriebsmitteln, insbesondere Wasser.

Im Hinblick auf die regulatorischen Risiken gibt es eine starke Abhängigkeit von der Förderung entsprechender Energien, die wiederum stark mit der Klimapolitik und den dort formulierten Zielen verwoben ist. Gerade letztere Aspekte betreffen dann auch die Hersteller entsprechender Anlagen, die nicht selbst Betreiber sind. Insgesamt bewerten wir das Klimarisiko dieser Branche als mittelhoch.


ECOreporter.de: Wie real sind die Risiken? Wirken sie sich nicht eher langfristig aus?

Rolf Häßler: Die Zeithorizonte der Risiken sind durchaus verschieden und unterscheiden sich von Risiko zu Risiko sowie von Sektor zu Sektor. So ist beispielsweise die Landwirtschaft schon heute von den physischen Auswirkungen des Klimawandels massiv betroffen, wie etwa die Trockenheit in Australien zeigt. Auch Veränderungen im Verbraucherverhalten wirken in einigen Branchen schon heute, etwa der Automobilindustrie, in anderen steht diese Entwicklung erst am Anfang, so z. B. beim Thema Green IT.

Insgesamt müssen wir aber akzeptieren, dass wir aufgrund der Langzeitwirkungen der Treibhausgase in der Atmosphäre in den kommenden 20-30 Jahren einen Klimawandel haben werden, den wir auch bei sofortigen und massiven Gegenmaßnahmen nicht verhindern können. Die damit verbundenen Risiken werden damit in dieser Frist evident werden.


ECOreporter.de: Welche Klimarisiken haben aus ihrer Sicht die größte Kursrelevanz?

Rolf Häßler: Was man schon heute gut beobachten kann, sind Kursreaktionen auf große Naturkatastrophen, von denen häufig die Versicherer betroffen sind. Langfristig von besonderer Relevanz sind aber Risiken, die Geschäftsmodelle grundsätzlich oder zumindest teilweise in Frage stellen, z. B. den Tourismus oder die Nahrungsmittelproduktion in bestimmten Regionen oder die Fokussierung auf bestimmte Automobilklassen.


ECOreporter.de: Wie schätzen Sie die Klimarisiken von Versicherungsunternehmen ein, die doch Folgeschäden des Klimawandels tragen müssen?

Rolf Häßler: Die Folgen für den Versicherungsbereich sind unterschiedlichster Natur. So sind heute nach großen Wetterkatastrophen wie Hurrikan Kathrina oder Wintersturm Lothar immer wieder Meldungen über die versicherten Schäden zu lesen, die von den Versicherern zu tragen sind. Die Frage wird sein, inwiefern bestimmte Risiken zukünftig überhaupt versicherbar sein werden und wenn ja, zu welchem Preis. So gibt es z. B. die Tendenz, in gegenüber Wetterkatastrophen besonders exponierten Regionen keine Deckungen mehr anzubieten oder Preise und Selbstbehalte entsprechend anzupassen. Hier haben die Versicherer grundsätzlich Stellschrauben zur Verfügung, mit denen sie ihre Risiken aus Naturkatastrophen aktiv beeinflussen können. Auf der anderen Seite ergeben sich gerade für die Versicherungswirtschaft neue Geschäftsoptionen durch die Entwicklung neuer Versicherungslösungen, z. B. durch das Angebot von Wetterderivaten. Dies ist aber nicht Gegenstand des Indexes.


ECOreporter.de: Wie relevant ist ein Unterschied im Index von 1 Punkt vor dem Komma in Relation zu anderen Faktoren der Anlageentscheidung wie etwa den Marktaussichten?

Rolf Häßler: Eine 1 vor dem Komma zeigt dem Anleger, dass er sich um Klimarisiken in dieser Branche wenig Sorgen machen muss und er sich auf andere Faktoren konzentrieren kann. Angesichts der potenziellen Risiken des Klimawandels sollte er sich aber die Zeit nehmen, diesen Aspekt zumindest kurz zu beleuchten. Jeder Punkt mehr im Index verstärkt die Notwendigkeit der aktiven Auseinandersetzung mit dem Thema. In Branchen mit einem hohen Index-Wert werden die Marktaussichten maßgeblich auch durch die Auswirkungen des Klimawandels mitbestimmt, so dass der in der Frage angedeutete Gegensatz sogar verschwindet.


ECOreporter.de: Sie haben Indices von europäischen Ländern einem Klimacheck unterzogen mit dem Ergebnis, dass etwa der TecDax auf den Risikoindex 2,4 (bei Skalenwerten von 1 bis 5) kommt und der Dax30 auf 2,8. Die großen Indices von Deutschland, Frankreich oder Spanien bewegen sich alle etwa auf dem gleichen Niveau. Genügt es da nicht, einfach auf Autowerte und Versorgertitel zu verzichten?

Rolf Häßler: Nach unserer Einschätzung zeigen sich selbst bei diesen breit gestreuten Indizes schon interessante Unterschiede, die wahrscheinlich noch größer sind, wenn man die Marktkapitalisierung der Indizes berücksichtigt.

Der Verzicht auf bestimmte Titel wäre eine Option. Gerade im SRI-Bereich setzen viele Anleger ja aber auf einen anderen Mechanismus, nämlich den Best-in-class Ansatz. Aufbauend auf der Identifizierung der vom Klimawandel stark betroffenen Branchen – dazu zählen nach ICRI insgesamt zehn Branchen wie etwa Energieversorger (Risikoindex 4,42) – würde ein solcher Investor die Unternehmen identifizieren, die einen aktiven Beitrag zum Umgang mit dem Klimawandel leisten und sich so auf die Risiken einstellen.


ECOreporter.de: Inwiefern sind die Unternehmen in verschiedenen Ländern unterschiedlichen Risiken unterworfen? Unterscheiden sich nicht zum Beispiel die rechtlichen und die regulatorischen Risiken von europäischen und US-Unternehmen?

Rolf Häßler:
Hier gibt es in der Tat Unterschiede. So zeigt sich, dass gerade die rechtlichen Risiken in den USA besonders hoch sind. Darauf hat jüngst auch die Münchener Rück hingewiesen. Dem gegenüber stehen in Europa eher regulatorische Risiken im Vordergrund. Es lohnt sich daher, bei der Analyse einzelner Unternehmen genau hinzuschauen, wo der Schwerpunkt der geschäftlichen Aktivitäten liegt und welche besonderen Regelungen und Entwicklungen deshalb zu berücksichtigen sind. Hier können der Index und die dazu gehörenden Branchenprofile entsprechende Hinweise geben.


ECOreporter.de: Inwiefern interessieren sich aus Ihrer Sicht große Investoren für die Klimarisiken von Unternehmen? Sehen Sie da eine Entwicklung?

Rolf Häßler: Hier sehen wir ein wachsendes Interesse, übrigens auch bei unseren Kunden. Ausschlaggebend war hier die Veröffentlichung des Stern-Reviews im Herbst 2006, der die Folgen der globalen Erwärmung in den Code übersetzte, der auf den Kapitalmärkten erkannt und genutzt wird.

Als Indiz für diese Entwicklung kann man die Unterstützung entsprechender Initiativen sehen, z. B. der britischen Institutional Investors Group on Climate Change (IIGCC) oder des US-amerikanischen Investor Network on Climate Risk (INCR). In mehrfacher Hinsicht von besonderer Bedeutung ist hier das Carbon Disclosure Project (CDP), das laufend mehr Zuspruch bekommt und heute von mehr als 350 institutionellen Investoren unterstützt wird, die zusammen mehr als 35 Billionen Euro verwalten – das entspricht rund dem 15-fachen des deutschen BIP.

Inwieweit dieses Interesse auch in entsprechende Aktivitäten mündet, ist allerdings eine zweite Frage. Hier sehen wir bisher ein Defizit an entsprechenden Instrumenten für das aktive Management von Klimarisiken.


ECOreporter.de: Nehmen die Unternehmen selbst Klimarisiken bewusster wahr?

Rolf Häßler: Nach unserer Wahrnehmung ist dies in der Tat so, wobei der entsprechende Druck von verschiedenen Seiten kommt. So spielt natürlich das Interesse der Kapitalmärkte eine Rolle. Aber auch am Point of Sale, d.h. bei der Kaufentscheidung, spüren zahlreiche Branchen, dass private Kunden ebenso wie die Geschäftskunden und öffentliche Beschaffung zunehmend auf entsprechende Kriterien wie Energieeffizienz achten. Schließlich nimmt auch der Gesetzgeber Einfluss auf die Unternehmen. Dies hat dazu geführt, dass zunehmend mehr Unternehmen ein aktives Risikomanagement für Klimarisiken aufbauen.


ECOreporter.de: Herr Häßler, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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