Michael Horling ist 33 Jahre alt, verheiratet und Vater eines neun Monate alten Sohnes. Der Diplom-Kaufmann ist Gründer und Geschäftsführer der Grüne Sachwerte e.K. aus Thedinghausen nahe Bremen.

  Anleihen / AIF

„Geschlossene Umweltfonds sind das beste Mittel, sich an der Energiewende zu beteiligen“ - Michael Horling, Grüne Sachwerte e.K.



ECOreporter.de: Wir schreiben das Jahr fünf der Finanz- und Schuldenkrise. Was hat Sie bewogen, in diesem schwierigen Marktumfeld eine nachhaltige Anlageberatung zu starten?

Michael Horling: Wichtig ist nicht der Zeitpunkt, sondern die Erkenntnis, die richtigen Schlüsse aus den Ursachen und Erfahrungen der Finanzkrise zu ziehen. Wir sehen die Finanzkrise nicht als Hindernis, sondern als Motivation! Für uns waren zwei Punkte ausschlaggebend für die Gründung von Grüne Sachwerte e.K. in diesem Jahr: Zum einen sind Grüne Sachwerte laut unserer Definition Kapitalanlagen, die in konkrete, langfristige und ökologisch sinnvolle Sachwert-Projekte investieren. Es kann sich dabei um Windkraftanlagen, Solarparks, kleine Wasserkraftwerke oder auch Aufforstungsprojekte handeln. Das sind allesamt langfristige Investitionen mit realem Hintergrund. Damit kann nicht spekuliert oder kurzfristig gehandelt werden. Solche Anlageprodukte können keine Finanzkrisen auslösen und sind aufgrund der geringen Korrelation zu den Finanzmärkten von der Krise auch nicht wesentlich betroffen.
Zum anderen ist die Energiewende ist eine weitere Motivation für uns: Wir möchten eine bürgernahe, dezentrale Energiewende, an der sich alle beteiligen können. Über geschlossene Umweltfonds werden viele neue regenerative Energieprojekte realisiert – das schafft neue Energie und neue Arbeitsplätze vor Ort und erwirtschaftet eine vernünftige Rendite für den Anleger.

ECOreporter.de: Die Grüne Sachwerte e.K. ist eine Neugründung. Welche Erfahrungen haben Sie als Anlageberater speziell im Bereich nachhaltige Geldanlage?

Horling:
Schon im Studium interessierte ich mich sehr für Ökostrom und Erneuerbare Energien. Meine Diplomarbeit schrieb ich, damals im Hauptstudium der Betriebswirtschaft in Marseille, über ethisch-ökologische Geldanlagen im deutsch-französischen Vergleich. Ein Praktikum bei der Umweltbank 2004 im Bereich der Projektfinanzierung war der Einstieg in mein Berufsleben und danach habe ich dann seit 2005 in Berlin als ökologischer Finanzberater mit verschiedenen grünen Geldanlagen gearbeitet. Neben Wertpapieremissionen und Umwelt-Aktienhandel habe ich die Bereiche der ethisch-ökologischen Investmentfonds sowie der Grünen Altersvorsorge mitbetreut. Allerdings empfand ich schon immer die geschlossenen Umweltfonds als die interessanteste Anlageklasse.

ECOreporter.de: Sie vermitteln ausschließlich geschlossene Beteiligungen. Viele Experten raten dazu, Investments auf verschiedene Beteiligungsmodelle und Anlageklassen zu verteilen, um Risiken zu minimieren. Birgt ein Portfolio, das ausschließlich auf längerfristige geschlossene Beteiligungen setzt, erhöhte Risiken für Anleger?

Horling: Solche Beteiligungen eignen sich, und dahin geht auch unsere Beratung, eher für das langfristig freie Kapital sowie für eine breite Streuung der bestehenden Portfolios unserer Anleger. Die Auswirkungen einer Portfolio-Diversifikation mit verschiedenen Erneuerbaren-Energien-Fonds wurden untersucht und sind langfristig sehr positiv. Das hängt insbesondere mit der geringen Korrelation zu den Finanzmärkten und anderen Anlageklassen sowie mit dem gut kalkulierbaren Cashflow zusammen. Geschlossene Umweltfonds unterliegen auch keinen täglichen Wertschwankungen wie Investmentfonds. Dadurch werden die Nerven der Anleger geschont. Sie müssen nicht täglich im Internet oder in der Zeitung die Wertentwicklung ihrer Anlagen verfolgen.

ECOreporter.de: Inwiefern ist es denkbar, Ihr Angebot auf Anleihen und Genussscheine nachhaltiger Emittenten oder grüne Investmentfonds zu erweitern?

Horling: Bei Anleihen und Genussscheinen leiht der Anleger den Unternehmen Fremdkapital, erwirbt keinen Sachwert und hat auch kein Mitspracherecht. Er muss den Unternehmen ganz stark vertrauen und hoffen, dass es am Ende der Laufzeit noch existiert, damit die Rückzahlung erfolgt. Bei einer Insolvenz - ein aktuelles Beispiel ist die Pleite der Solar Millennium AG - sieht es für die Zeichner der Unternehmensanleihe eher schlecht aus, während die konkreten Kraftwerksprojekte, an denen Anleger über geschlossene Umweltfonds beteiligt sind, durchaus noch fortbestehen können. Bei den grünen Investmentfonds haben Anleger mit den gleichen kurzfristigen Schwankungen zu tun, wie bei den konventionellen Investmentfonds. Und bei den meisten der heute über 300 ethischen, nachhaltigen oder ökologischen Investmentfonds weiß der Anleger auch nie ganz genau, in welchen Unternehmen sein Geld wann steckt. Das  erschwert beim Anleger das Bewusstsein dafür, was genau sein Geld macht.
Bei geschlossenen Umweltfonds werden aus Anlegern Miteigentümer, die auch mitentscheiden können, wenn es wesentliche Entscheidungen zum Investitionsgut gibt. Und frisch investiertes Geld in geschlossene Umweltfonds dient in der Regel dazu, neue Projekte anzustoßen, die einen zusätzlich positiven Einfluss auf Umwelt, Investitionsstandort und Wirtschaft haben. Wir konzentrieren uns daher auf diesen Sektor. Denkbar wäre allerdings, Genussrechte mit eigenkapitalähnlichem Charakter anzubieten, wenn wir die Emittenten gut kennen und wenn das Genussrechtskapital für konkrete Projekte genutzt wird, die als Sachwertbesicherung dienen.

ECOreporter.de: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Anlageprodukte aus, die Sie anbieten?


Horling: Bei der Auswahl der konkreten Umweltprojekte, die wir als geschlossene Fonds anbieten, arbeiten wir unabhängig und transparent. Jeder neue Umweltfonds muss einen klaren ökologischen Mehrwert schaffen, und das Investitionsgut darf vor Ort keine ethischen oder sozialen Konflikte schüren oder verstärken. Genauso im Vordergrund stehen natürlich die Sicherheit und die Wirtschaftlichkeit der Umweltfonds: Die meisten der von uns angebotenen Fonds nutzen erprobte Technologien, insbesondere im Solar- und Windkraftbereich. Und wenn wir im Einzelfall Pilotprojekte mit anbieten, aktuell beispielsweise einen Fonds mit schnellwachsendem Bambus als Bioenergieträger, dann wird dies als Pilotprojekt mit entsprechenden Risiken gekennzeichnet und richtet sich an risikofreudige Anleger. Die Rendite muss jeweils in gesundem Verhältnis zum Risiko stehen, und daher hat der Bambusfonds eine deutlich höhere Renditeprognose als ein Solarprojekt in Deutschland, das bereits in Betrieb ist.

ECOreporter.de: Arbeiten Sie auf Honorar- oder auf Provisionsbasis?

Horling: Wir achten sehr darauf, dass Weichkosten und Provisionen nicht höher als marktüblich sind, solange wir auf Provisionsbasis arbeiten. Erfreulicherweise ist ja vom Gesetzgeber mit der Einführung der Verbraucher-Informationsblätter generell mehr Transparenz und Vergleichbarkeit geschaffen worden. Die meisten unserer Kunden investieren eher überschaubare Summen und kommen mit der provisionsbasierten Beratung besser davon. Und bei größeren Investitionen sprechen wir mit den Kunden individuell über das Agio.

ECOreporter.de: Die Regeln für geschlossene Fonds sollen ab 2013 erheblich verschärft werden. Experten erwarten eine Marktbereinigung unter den Initiatoren geschlossener Grünstrom-Beteiligungen. Wie bewerten Sie die Pläne?

Horling: Wenn es bei den aktuellen Regulierungsentwürfen bleibt, dann würden geschlossene Fonds für den Anleger an Attraktivität verlieren und der Markteintritt für junge Emissionshäuser mit frischen Ideen erschwert. Es würde laut den Plänen Fonds mit nur einem Windpark oder einem Solarpark nur noch für Großinvestoren geben. Und gleichzeitig müssten Emissionshäuser einen deutlich höheren Aufwand für Organisation und externe Prüfungen ausweisen. Dies würde die internen Kosten erhöhen und die Rendite der Fonds schmälern. Ich persönlich sehe diesen Teil der Regulierung kritisch, zumal sich in den vergangenen Jahren bei diesen Fonds schon einiges getan hat und weiterhin tun wird, um Sicherheit und Transparenz für Anleger zu erhöhen: Es gibt inzwischen die Kohärenzprüfung der BaFin, es gibt das Verbraucher-Informationsblatt, eine IDW S4-Prüfung ist nahezu Standard und ab 2013 müssen alle Berater und Vermittler endlich auch ihre Fachkunde nachweisen sowie eine Berater-Haftpflichtversicherung vorweisen können.

ECOreporter.de: Worauf haben Sie sich im Bezug auf mögliche Änderungen für 2013 und darüber hinaus eingestellt?

Horling: Die Entscheidungen müssen wir abwarten, aber ich gehe davon aus, dass es auch zukünftig viele interessante Beteiligungsmöglichkeiten für Privatanleger im Umweltsektor geben wird. Nehmen Sie beispielsweise die Möglichkeit, ein Portfolio aus Solaranlagen, Windkraftanlagen, Wasserkraft oder auch kleinen Biogasanlagen als „virtuelles Kraftwerk“ in einem Fonds zusammenzuschalten. Die meisten mittelständischen Initiatoren, mit denen wir gesprochen haben, stellen sich auf jeden Fall auf die Herausforderungen ein. Wie auch wir gehen sie davon aus, dass der Markt für Erneuerbare-Energien-Projekte, in Deutschland und europaweit, auch in den nächsten Jahren vorhanden sein wird. Der Klimawandel, die wachsenden Preise fossiler Rohstoffe sowie der Ausstieg aus der Kernkraft lassen andere Möglichkeiten gar nicht zu. Und geschlossene Umweltfonds sind das beste Mittel, um breite Bevölkerungsschichten daran zu beteiligen.

ECOreporter.de: Die Rentabilität geschlossener Neue-Energie-Fonds hängt in der Regel stark von Grünstrom-Einspeisevergütungen ab. Die sind in allen großen europäischen Märkten immer weiter gekürzt worden. Kann es überhaupt noch neue interessante geschlossene Grünstrom-Fonds geben?

Horling: Investiert wird in Wachstumsmärkte, und nicht nur Bundesumweltminister Altmaier sieht die Energiewende als größtes Infrastrukturprojekt seit der deutschen Einheit. Das gilt auch global.  In immer mehr Ländern und Regionen werden, oft nach dem Vorbild des deutschen EEG, Programme für Erneuerbare Energien aufgelegt. Hier und da gibt es unerfreuliche Rückschläge bei der politischen Unterstützung für die Erneuerbaren. Gleichzeitig werden aber die Technologien immer effizienter und zuverlässiger, insbesondere die Photovoltaikanlagen werden immer günstiger während die Kosten für fossile Brennstoffe immer weiter steigen. Viele Windkraftfonds, fast alle Holzinvestments und bald auch erste Solarfonds nutzen die Möglichkeiten der Direktvermarktung und arbeiten rentabel, ohne eine gesetzliche Vergütung zu benötigen. Die Einspeisevergütungen sind auch nur ein Vorteil der Erneuerbaren-Energie-Fonds Und sie wären gar nicht nötig, wenn bei den fossilen Energieträgern auch alle externen Kosten, etwa Umweltschäden, Entsorgung, und Endlagerung eingepreist würden. Dann könnte nicht nur Strom aus Wind und Wasser, sondern auch aus Solaranlagen schon längst am Markt bestehen.

ECOreporter.de: In welchen Anlageklassen sehen Sie das aus Anlegersicht größte Potenzial für ethisch-ökologisch einwandfreie geschlossene Beteiligungen, und welche Anlageklassen sehen sie eher kritisch?

Horling: Jedes Umweltprojekt muss individuell und im regionalen Zusammenhang betrachtet werden. Und jeder von uns, Berater wie Anleger, hat sein eigenes Verständnis davon, was ethisch und ökologisch vertretbar oder vorbildlich ist. Im Sinne einer starken ökologischen Wirkung produzieren Onshore-Windkraftfonds in der Regel pro eingesetzten Euro den meisten Ökostrom. Solide Solarfonds in Deutschland, am besten mit sauber recycelbaren Modulen, produzieren den wichtigen und wertvollen Strom zur Mittagszeit, und sind als gut kalkulierbare und schwankungsarme Kapitalanlagen im Umweltbereich ein guter Einstieg für viele Anleger. Biogasanlagen könnten durch Ihre Grundlastfähigkeit eine rentable und tragende Säule der Energiewende sein - gerade bei größeren Biogas- oder Biomassefonds ist aber oft die Frage der Zusammensetzung und des Transportes der Rohstoffe schwierig. Monokulturen von Energiemais finden zurecht die wenigsten Bürger erstrebenswert. Weiterhin kritisch sehe ich die großen Offshore-Windparks, die mit ihren milliardenschweren Investitionssummen und der zentralistischen Energiestruktur und langen Transportwegen für den Strom eher der dezentralen Energiewende entgegenwirken. Das ist nichts für ethisch-ökologische Umweltfonds.
Umso interessanter und wichtiger sind Waldfonds, die auf Brachflächen neue Bäume pflanzen: Für langfristig orientierte Anleger hat dies einen besonderen Charme, sie können ihre Geldanlage wachsen sehen, schaffen vor Ort landwirtschaftliche Jobs und haben mit dem produzierten Holz nicht nur viel Kohlendioxid gebunden, sondern auch einen krisenfesten grünen Sachwert produziert.


ECOreporter.de: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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