01.02.13

Hauen, stechen, madig machen - Im Kampf um neue Windanlagen gibt es Turbulenzen und neue Allianzen

Eintausend neue Windkraftanlagen bis zum Jahr 2020 will die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg installieren lassen – das ist ein Milliardengeschäft und der Kampf um die besten Plätze und die höchsten Erträge ist in vollem Gange. Auch in Südbaden, denn in den Vorbergen und im Schwarzwald lässt sich aus dem Westwind gut und günstig Energie für sauberen Strom ernten. Doch über Wo? und Wie? und Wer? gibt es Zwist und zunehmend richtig Krach.

Von Heinz Siebold


In der Standortfrage sind die Fronten neu sortiert. Die frühere Opposition ist Regierung und die Anhänger der früheren Regierung opponieren mit neuer Taktik: Im Prinzip ja zu erneuerbaren Energien – aber nicht auf Kosten der Natur, des Landschaftsbildes und des bedrohten Auerhuhns. Ein klares „Ja  - aber“ kommt auch von Naturschutzverbänden, die eigentlich zum grünen Urgestein der jetzt regierenden Grünen gehören.

Zu besichtigen ist das Sankt-Florians-Spiel („Verschon mein Haus – zünd andere an“) etwa im Münstertal, 20 Kilometer südlich von Freiburg am Fuß des zweithöchsten Schwarzwaldberges Belchen. Dort haben sich die Bürger am 27. März 2011 – dem Tag der Abweahl der CDU aus der Landesregierung – mit großer Mehrheit für eine Windanlage ausgesprochen. Gegen eine finanziell gut ausgestattet Pressuregroup von Jägern. Doch wann dieser Bürgerwille Realität wird, steht in den Sternen. Unlängst haben sich der Landesnaturschutzverband (LNV), der Bund für Umweltschutz und Naturbund (Bund) und der Schwarzwaldverein in einer gemeinsamen Erklärung unverhohlen gegen das Bürgervotum gestellt. „Wir sind der Meinung“, schreiben die Naturschützer, „dass die erste Reihe der Schwarzwaldberge auf jeden Fall frei von Windkraftanlagen bleiben sollten.“ Es folgen die bekannten Reizworte wie „optisch stark exponiert“, „das Landschaftsbild störend“, „besonders schützenswert“ und der Hinweis, anderswo gebe es „Gebiete mit ausreichender Windhöffigkeit“. Fazit: Windspargel nicht bei uns!

Genauso heikel wie die Standortfrage ist die nach dem Investor. Denn klar ist, dass kein ortsansässiger Stahlbauer eine Windkraftanlage bauen und keine Bürgerinitiative sie finanzieren und betreiben kann. Um eine ordentliche Ernte einfahren zu können, braucht es Profis. Und Profis arbeiten in diesem Wettbewerb mit harten Bandagen, auch mit verdeckten Fouls und mit der beliebten Methode, Platzhirschen am Image zu flicken, ihnen Erfolglosigkeit, Unredlichkeit, Geheimniskrämerei oder schlichtweg Geldgier zu unterstellen. Wo unbeugsame Idealisten aus der Ökoszene, clevere Wendehälse und smarte Geschäftsleute in Anzug und Krawatte aufeinandertreffen entsteht ein gefährliches Gemisch. Streit wird schnell sehr grundsätzlich und zuweilen verletzend.



Hinzu kommt: Windpioniere der ersten Stunde tragen an Altlasten, die sie selbst nicht verschuldet haben. Zum Beispiel in Freiburg: Die sechs Windkraftanlagen rund um Freiburg, auf dem Hausberg Schauinsland und auf dem stadtnahen Roßkopf, 2003 erbaut von der Firma Regiowind für 15 Millionen Euro, haben einen vorprogrammierten Geburtsfehler. Weil die CDU-Landesregierung Erwin Teufel den Standort Holzschlägermatte am Schauinsland bis vor Gericht bekämpfte, haben die damaligen Windkraftbetreiber, auch in der grünen Politik, am nicht umstrittenen Standort Roßkopf zuviel des Guten getan. Der vierte Rotor auf Gundelfinger Gemarkung bringt nur knapp zwei Drittel des geplanten Ertrages, weil ihm drei andere den Wind aus den Blättern nehmen. Das ist längst bekannt und die 512 Anleger der Kommanditgesellschaft müssen sich daher seit zehn Jahren mit Ausschüttungen begnügen, die etwa ein Prozent unter der Prognose von 6,5 Prozent liegen. Nicht allein wegen des schwachen vierten Rades, auch weil der Wind jahrelang sehr schwach wehte.

Bildhinweis: Windkraftprojekt der Regiowind. / Quelle: Unternehmen


Dennoch ist Geld ausgeschüttet worden, drei Mal bisher, die Anleger konnten zudem mit Verlustvorträgen Steuern sparen und die Aussichten für die nächsten Jahre sind günstig, dann werden zwei von drei Darlehen getilgt sein, die Prognosen für die Windernten fallen günstiger aus. Und der Regiowind-KG-Geschäftsführer Andreas Markowsky plant zudem, ein neues und wesentlich größeres Windrad beim Ochsenkopf am Schauinsland, in die KG aufzunehmen, das weitaus größere Erträge verspricht. Die Regiowind KG ist ein gemeinsames Unternehmen von Markowskys Ökostrom-Gruppe und des Energieversorgers Badenova.

Der gelernte Bankkaufmann Andreas Markowsky, in seinem früheren Berufsleben Direktor bei der Bausparkasse BHW, hat sich den Erneuerbaren Energien verschrieben und ist seit über 20 Jahren in der Region Südbaden aktiv in vielen Projekten, auch in Zusammenarbeit mit Bürgergenossenschaften. Seine „Ökostromgruppe“ hat nach eigenen Angaben 29 Windenergieanlagen, sieben Wasserkraftwerke und über 140 Solarstromanlagen installiert, jedes Jahr in einer durchschnittlichen Größenordnung von 10 Millionen Euro. Daraus entstünden jährlich rund 80 Millionen Kilowattstunden, was dem Gesamtstromverbrauch einer Stadt von etwa 28 000 Einwohnern entspricht. Der Geschäftsmann Markowsky wird in der Ökoszene geschätzt, aber nicht überall geliebt, dem Krawattenträger geht der Öko-Habitus völlig ab.

Bildhinweis: Andreas Markowsky. / Quelle: Regiowind

Auch in Freiamt im Kreis Emmendingen, 20 Kilometer nördlich von Freiburg, ist die Ökostromgruppe mit Windanlagen aktiv. „Das ist alles tadellos abgewickelt worden“, lobt Erhard Schulz, Mitglied der Energiegenossenschaft und Urgestein der südbadischen Umweltbewegung die Zusammenarbeit. „Wir haben Ausschüttung und Steuergutschriften bekommen. Alles wie versprochen.“ Dennoch ist schon in Freiamt und später noch deutlicher in Freiburg auf der Gesellschafterversammlung der Regiowind KG eine Opposition aufgetreten, die nicht nur an den wirtschaftlichen Zahlen, sondern auch am Fehlen eines Beirates Anstoß nahm. Eine Gruppe, die sich „Pro Beirat“ nennt, klagt nun sogar vor Gericht gegen Beschlüsse der Gesellschafterversammlung. Warum genau, will Dirk Goj nicht sagen, der zwar als Kläger namentlich bekannt ist, aber kein Sprecher sein will. Andere Gruppenmitglieder antworten nicht auf schriftliche Anfragen.

Auch Josef Pesch aus Freiburg will sich dazu nicht äussern, damit habe er nichts zu tun. Doch in Freiamt und in Freiburg war Pesch bei den Versammlungen dabei, obwohl er nicht Kommanditist ist, aber eine Vertretungsvollmacht hatte. Und obwohl er für den überregionalen und umstrittenen Wettbewerber Juwi, einem großen Projektentwickler aus Rheinland-Pfalz, als Vertreter arbeitet. Gegen Juwi ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Korruption im Zusammenhang mit dem Bau einer Windanlage in Thüringen. Früher war ihr Freiburger Repräsentant Josef Pesch Chef des gemeinnützigen Energiewendevereins Fesa e.V., heute hat er sich mit der GmbH gleichen Namens selbständig gemacht. In der Anfangsphase des Windgeschäftes hat Pesch für Andreas Markowsky Regiowind-Anleger geworben, aber irgendwann müssen die beiden sich überworfen haben. Man grüßt sich, aber man spricht nicht mehr miteinander. Dass er sich mit einer Vollmacht in die Gesellschafterversammlung eines Wettbewerbers setzt, findet Josef Pesch nicht anstößig, die zwei Dinge könne er schon trennen, behauptet er.

Bildhinweis: Josef Pesch. / Quelle: ECOreporter.de


Das sehen andere anders. „Das geht eigentlich nicht“, findet hingegen Rainer Schüle, Chef der Energieagentur Regio Freiburg. „Ich habe ihm gesagt, das finde ich nicht gut“, sagt Energiegenosse Erhard Schulz. Ein Teilnehmer der letzten Regiowind-Gesellschafterversammlung in Freiburg ist sich sicher: „Da war ein gemeinsamer Plan ersichtlich, auch wenn sie an unterschiedlichen Tischen saßen.“ Die Pro-Beirat-Gruppe hat zumindest geschafft, was sie nach Aussage von Dirk Goj angeblich gar nicht wollte, nämlich groß in die Zeitung zu kommen. Und den Eindruck verbreitet zu haben, dass, wer mit Markowsky arbeitet, zu wenig Geld kriegt. Worum es geht, artikulierte eine assistierende Leserbriefschreiberin unverhohlen: „Dass man endlich aufhört, die Meinungshoheit über das Thema Windenergie in Freiburg und der Regio ausschließlich Herrn Markowsky zu überlassen“.

Inzwischen hat der erste Prozess vor dem Landgericht Freiburg stattgefunden. Eine Klage wurde wegen Fristübertretung abgewiesen, aus einer zweiten Klage hat das Gericht zwei Formfehler für den Kapitalerhöhungsbeschluss herausgelesen: Den Anlegern habe man die maximale Höhe der möglichen Aufstockung nicht mitgeteilt und Markowskys GmbH habe bei diesem Beschluss nicht ihren 20-prozentigen Komplementäranteil in die Waagschale werfen dürfen. Somit ist der Kapitalerhöhungsbeschluss der Freiamt GmbH Wind und Sonne KG ungültig und muss neu zur Abstimmung gestellt werden.

Dass es rund um den Wind nicht zu anhaltenden Turbulenzen kommt, hofft indes Walter Witzel, Landesvorsitzender des Verbandes der Windenergie. „Es gibt nach der ersten Aufbruchstimmung eine gewisse Ernüchterung“, konstatiert der frühere grüne Landtagsabgeordnete. „Es ist alles schwieriger als gedacht, die Standorte sind knapp und vor uns liegen nun die Mühen der Ebene.“ Die Ankündigungen werden jedoch immer vollmundiger: Ein breites Bündnis von Badenova, Bund Natur und Umweltschutz und Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau hat unlängst angekündigt, 80 Windräder in Südbaden zu errichten. Mit dabei ist auch Markowskys Ökostromgruppe. Und, als Vorsitzender einer noch zu gründenden Genossenschaft auch ein alter Bekannter des Finanzwesens: Horst Kary. "Wir wollen die kleinen Leute mitnehmen bei der Energiewende", sagt der der Ex-Sparkassenchef von Freiburg. Mit dreieinhalb Prozent Mindestverzinsung auf die Einlage. Oder fünf Prozent, wenn der Wind aus der richtigen Ecke weht. Wann das sein wird, kann aber niemand voraussagen. Hinter vorgehaltener Hand ist nämlich bei den Behörden, die für Genehmigungen zuständig sind, zu hören: Dieses Jahr nicht und nächstes vielleicht.

Bildhinweis: Nicht nur Experten diskutieren über den Ausbau der Windkraft. / Quelle: REpower
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