16.03.11 Nachhaltige Aktien , Erneuerbare Energie , Meldungen

Hype um Grünstrom-Aktien nach der Atomkatastrophe - ECOreporter.de beleuchtet Hintergründe



Die Börsianer haben sehr schnell auf die Katastrophe in Japan reagiert und aus dem Atomunfall den Schluss gezogen, dass die Branche der Erneuerbaren Energien neuen Aufwind bekommen wird. Indem sie stark in Grünstromaktien investierten, griffen sie der Bundesregierung vor, die zumindest vorübergehend eine Trendwende vollzogen hat und bei ihrer Atompolitik auf die Bremse getreten ist. Doch zum einen ist damit noch nicht sicher gestellt, dass sich das wirtschaftliche Umfeld für Akteuere der Erneuerbaren Energien wirklich verbessert. Zum anderen empfiehlt sich eine sorgfältige Auswahl der Aktien aus dem Sektor.

So fällt auf, dass vor allem bis vor einer Woche sehr niedrig notierte Aktien starke Kurszuwächse verzeichnet haben. Die Aktie der insolventen systaic AG gewann mehr als 50 Prozent an Wert, der Anteilsschein der kaum im Markt aktiven Lichtenergiewerke AG gar über 300 Prozent. Conergy hat sich in der Spitze mehr als verdreifacht. Dabei ist das Hamburger Unternehmen erst vor kurzem der Pleite entgangen und die Aktie fliegt demnächst aus dem TecDax. Hier haben nun Hedgefonds das sagen und niemand weiß, wie die Zukunft des Solarkonzerns aussehen wird. Auch nach dem spekatulären Kursanstieg binnen weniger Tage bleibt die Aktie des Unternehmens ein Pennystock. Besser sieht es zwar für die Berliner Solon SE aus, deren Zukunft ist aber angesichts einer enormen Schuldenlast ebenfalls sehr ungewiss. Dennoch hat ihr Anteilsschein sich um über 60 Prozent verteuert. Ohnehin haben vor allem Solaraktien von dem Grünstromhype der letzten Tage profitiert. Angesichts der enormen Kursverluste von Solaraktien seit 2009 fiel hier aber auch Spekulanten der Einstieg besonders leicht. Sie konnten für relativ wenig Geld Solarwerte en gros einkaufen, damit einen Trend zu Solaraktien anstoßen und dürften sich schnell wieder von den Papieren trennen, um so satte Gewinne einzustreichen.

Nachhaltig ausgerichtete Anleger sollten dagegen von den langfristigen Perspektiven der Unternehmen überzeugt sein. Zwar gibt es durchaus viel versprechende Solarwerte: ECOreporter.de hat etwa die Aktie von Q-Cells für ein langfristiges Investments empfohlen. Die Aktie ist mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 12 immer noch günstig bewertet und das Unternehmen erscheint nach einer Restrukturierung aussichtsreich aufgestellt. Die SolarWorld AG dürfte mit ihrer breiten Wertschöpfungskette und ihrer starken Auslandsproduktion auf lange Sicht zu den Gewinnern der weiteren Entwicklung zählen. Und auch die Aktie des weltweit mit Abstand führenden Herstellers von Wechselrichtern für Solaranlagen, SMA Technology, hat langfristig Potential.

Aber weiterhin ist die Entwicklung der Photovoltaik stark von politischen Entscheidungen abhängig. Und die Branche steht nach wie vor vor großen Herausforderungen, weil in wichtigen Absatzmärkten in diesem Jahr die Solartarife stark gekappt werden und somit der Preisdruck für Photovoltaikprodukte weiter zunimmt. Es gibt bislang keine Anzeichen dafür, dass in den wichtigen Absatzmärkten die politischen Rahmenbedingungen für Solarenergie verbessert werden. Es ist noch nicht abzusehen, ob die Nachfrage aus weniger entwickelten Solarmärkten, etwa in Nordamerika, wirklich so stark zunehmen wird, dass sie die Einbrüche in Europa ausgleichen kann.

Götz Fischbeck ist Analyst der BHF Bank. Er geht immerhin davon aus, dass nun die von einigen befürchteten weiteren Einschnitte bei den deutschen Solarstromtarifen ausbleiben. Noch vor wenigen Wochen hatten Stimmen aus der CDU etwa eine Deckelung des Photovoltaikausbaus gefordert. Kurzfristig erwartet der Analyst aber keine Auswirkungen der Vorgänge in Japan auf die weltweite Photovoltaiknachfrage. Langfristig könnten sich laut Fischbeck abgeschwächte oder ausbleibende Kappungen von Solarstromtarifen schon belebend auswirken. Er rechnet damit, dass davon dann Solarhersteller mit Kostenvorteilen profitieren dürften, also vor allem Hersteller aus China und Taiwan, aber auch deutsche Maschinenbauer, die wie etwa centrotherm photovoltaics AG und Roth & Rau AG Anlagen für die Produktion von Solarkomponenten verkaufen, insbesondere gen Asien.

Und langfristig sind ebenfalls noch große Schwierigkeiten zu überwinden, um den Erneuerbaren Energien zum endgültigen Durchbruch zu verhelfen. So muss etwa in den EU-Staaten massiv in den Ausbau der Leitungsnetze investiert werden. Günter Oettinger, Energiekommissar der EU, hat vor wenigen Wochen eine Rechnung dafür vorgelegt. Um die angestrebten Ziele der 20-Prozent-Quote Erneuerbarer Energien an der Energieversorgung zu erreichen, müssten die EU-Staaten ihre Investitionen verdoppeln, von 35 Milliarden pro Jahr auf 70 Milliarden Euro, so Oettinger. Noch haben die 27 Mitgliedsstaaten der EU darüber noch nicht entschieden.

Auch die Grünstrombranche selbst steht vor großen Aufgaben. so müssen endlich Technologien etabliert werden, den klimaschonend erzeugten Strom zu speichern. Damit er nicht nur zur Verfügung steht, wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Nur dann können Grünstromanlagen Atom-, Gas- und Kohlekraftwerke verdrängen, die bislang im Wesentlichen die erforderliche Grundlast tragen. Nicht zuletzt muss die Leistungsfähigkeit von Solarprodukten weiter steigen. Wer hier besonders große Fortschritte macht, kann sich entscheidende Wettbewerbsvorteile sichern. Was bedeutet, dass es für Solarhersteller nicht nur darum gehen kann, immer günstiger zu produzieren, sondern auch stark in Forschung und Entwicklung investiert werden muss. Hoch verschuldete Unternehmen werden dies kaum leisten können.

Daher rät ECOreporter.de vom überhasteten Zugriff auf Grünstrom-Aktien ab und empfiehlt, sich die Unternehmen vor dem Investment genau anzuschauen. Zumal die Ereignisse in Japan auch negative Folgen auf Aktienunternehmen etwa aus der Solarbranche haben können. Denn dort sind etliche Zulieferer für internationale Solarkonzerne ansässig. Die meisten davon fertigen zwar im Süden und Westen des Inselstaates und nicht im Nordosten, der von Erdebeben, Tsunami und dem atomaren Fallout des Atommeilers in Fukushima so massiv beeinträchtigt wurde. Doch Nachbeben erschüttern weite Teile Japans und vor allem die bereits auftretenden Engpässe bei der Energieversorgung führen immer wieder zu Stromausfällen und damit zum Produktionsstopp auch bei Solarzulieferern. SunPower aus Kalifornien hat jetzt in einer Unternehmensmitteilung zwar betont, das die Siliziumproduktion ihrer japanischen Zulieferer bislang kaum beeinträchtigt wurde. Der Solarkonzern räumte aber bereits ein, sich notfalls auf dem Markt den Rohstoff für seine Modulproduktion zukaufen zu müssen. Erst vor einer Woche hatte SunPower einen Großauftrag von der Toshiba Corp. erhalten. Diese hat Solarpaneele mit einer Gesamtkapazität von 48 Megawatt (MW) bei den Amerikanern bestellt und wollte sie für Projekte von öffentlichen Auftraggebern verwenden. Nun ist natürlich offen, ob diese Order aufrecht erhalten werden kann.

Mit Ausnahme von Sanyo haben die großen Solarproduzenten Japans wie etwa Sharp oder Kyocera bisher noch nicht offiziell Beeinträchtigungen ihrer Fabriken eingeräumt. Doch nicht nur die Stromausfälle dürften es ihnen erschweren, an ihren Produktionszielen festzuhalten. Noch ist nicht absehbar, wann die Wirtschaft in Japan wieder zu den Produktionsbedingungen vor der Katastrope zurückfindet. Als Absatzmarkt spielte Japan für die internationalen Solarhersteller bislang kaum eine Rolle, Aufträge an Ausländer wie der an SunPower sind eine Ausnahme. Denn das Land ist zwar einer der größten Photovoltaikmärkte der Welt, es wurden aber fast ausschließlich Solarprodukte aus einheimischer Produktion verbaut. Ausländische Solarunternehmen haben kaum in dem japanischen Markt Fuß fassen können.

Das immerhin könnte sich demnächst vielleicht ändern. Denn Japan dürfte die Energieversorgung in Zukunft kaum mehr so stark auf die Kernkraft ausrichten wie bisher und verstärkt auf Erneuerbare Energien setzen. Nicht zuletzt die enormen Schäden an der Infrastruktur sprechen dafür, dabei vor allem auf Photovoltaik zu setzen, die ja eine dezentrale Energieversorgung erleichtert. Ein enormer Nachfrageanstieg in Japan müsste dann auch verstärkt von ausländischen Herstellern gedeckt werden. Schon in den beiden letzten Jahren hatte die Einführung fester Einspeisetarife für Sonnenstrom die Nachfrage in Japan enorm beflügelt. Schätzungen zufolge war er 2010 um rund 70 Prozent oder etwa 800 MW angewachsen.

Schon vor dem aktuellen Unglück hatte die Regierung in Tokio Pläne vorgelegt, im April auch für für Windenergie, Biomasse, Kleinwasserkraft und Geothermie feste Einspeisetarife einzuführen. Es erscheint naheliegend, dass diese Pläne nun vielleicht mit Verzögerung umgesetzt werden, dann aber vielleicht mit deutlich ehrgeizigeren Zielen. Das wiederum könnte etlichen börsennotierten Unternehmen aus der Branche der Erneuerbaren Energien neue Absatzmöglichkeiten eröffnen.

Bildhinweis: Solarzelle von Q-Cells. / Quelle: Unternehmen
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x