19.05.10 Erneuerbare Energie

„Im schlimmsten Fall Totalschaden.“ - ECOreporter.de-Interview zum Schadensrisiko von Solaranlagen




ECOreporter: Herr Wiesenhütter, welche Schäden treten bei Photovoltaikanlagen am häufigsten auf?

Eckart Wiesenhütter:
Nach den Statistiken der Versicherer bilden Überspannungsschäden die größte Schadengruppe. Verursacht werden sie entweder auf Grund von Blitzschlägen oder durch Überspannungen, die im Stromnetz auftreten. Typisch sind auch  Schäden an Kabeln durch Marderbiss, durch mangelhafte Statik des Daches oder Montagefehler bei der Errichtung der Anlage.

ECOreporter: Wie können sich Anlagenbesitzer gegen Überspannungsschäden schützen?

Wiesenhütter: Wirksamen Schutz bieten sowohl die Maßnahmen des sogenannten „äußeren Blitzschutzes“, also Blitzfanganlagen als auch der sogenannte „innere Blitzschutz“. Das meint den Schutz elektrischer Betriebsmittel etwa durch den Einsatz so genannter Überspannungsableiter. Zu Planung und Realisierung sollte unbedingt eine Fachfirma oder ein geeigneter Fachmann konsultiert werden. Normative Basis ist die DIN-VDE 0185 in der jeweils aktuellen Fassung.

ECOreporter: Was ist, wenn Module schon fehlerhaft geliefert werden oder Montagefehler passieren und die Anlagen nicht die erwartete Leistung bringen?

Wiesenhütter: Natürlich kann man Schadenersatzansprüche gegen Lieferanten und Montagefirmen wegen Nichterreichung der vertraglich zugesicherten Erträge der Anlage geltend machen – sofern diese Ertragsprognosen Vertragsbestandteil sind. Gleiches gilt für Schäden an Anlagenkomponenten oder dem Bauwerk, wenn diese durch Montagefehler verursacht werden. Diese Fälle sind jedoch sehr komplex. In der Regel sind eine detaillierte Untersuchung der Anlage und eine Bestimmung des tatsächlichen Ertrages durch einen Sachverständigen erforderlich.

ECOreporter: Welche Schwachstellen haben moderne Photovoltaikanlagen?

Wiesenhütter: Die Elektronik der Wechselrichter hat eine typische wirtschaftliche Nutzungsdauer von zehn Jahren. Die Photovoltaikmodule hingegen sind für eine Nutzung von mindestens 20 Jahren ausgelegt. Und tatsächlich weisen die Wechselrichter mit steigender Lebensdauer eine erhöhte Ausfallrate auf.

ECOreporter: Wie reagieren die Anlagen auf lange und schneereiche Winter?

Wiesenhütter: Schneelasten sind sehr ernst zu nehmen. Grundsätzlich muss eine auf der Basis der Norm DIN 1055 projektierte Anlage die ortsabhängig zu erwartenden Schneelasten tragen können. Die Praxis zeigt jedoch, dass die korrekte Auslegung der Anlagen auf der Basis der Normen nicht durchgängig realisiert wird.

ECOreporter: Welche Schäden kann Schnee verursachen?

Wiesenhütter: Teilweise führen die auf den Dächern auftretenden Schneelasten auch zu einer Überlastung der Gebäude-Konstruktion, da die Dächer letztendlich sowohl die Schneelasten als auch das zusätzlich darauf ruhende Gewicht der PV-Anlage tragen müssen. Insbesondere ältere Gebäude sind für diese Zusatzlasten nicht ausgelegt. Es empfiehlt sich daher, bei der Planung der Anlage die gesamte statische Situation Dachkonstruktion unterhalb der Anlage durch einen Statiker prüfen zu lassen.

ECOreporter: Gibt es noch andere Gefahren als die reine Last?

Wiesenhütter: Kritisch kann es werden, wenn sich größere Mengen Schnee unterhalb der Module ansammeln. Wenn es dann taut und in der Nacht wieder gefriert, kann es unter ungünstigen Umständen durch Eisbildung zu einer mechanischen Belastung der Module von unten nach oben kommen. Die Folge sind Glasbrüche und damit ein Totalschaden an den betroffenen Modulen.
Schützen kann man die Anlagen zum Beispiel mit Schneefanggittern und Abdeckungen.

ECOreporter Wie verlässlich sind die Herstellerangaben zur Lebensdauer der Module?

Wiesenhütter: Für die Bewertung der Lebensdauer von Photovoltaik-Modulen liegen noch keine auswertbaren Zahlen vor. Letztendlich ist aber auch hier zu erwarten, dass die Ausfallraten mit Erreichen des Lebensdauer-Endes ansteigen.
Die Hersteller garantieren nach 20 Jahren Betrieb noch eine Mindestleistung der Module von 80 Prozent des Ausgangswertes. In der Praxis zeigt sich, dass der Leistungsverlust in den ersten Betriebsjahren stärker auftritt und sich dann verlangsamt. Allerdings ist dieses Degradationsverhalten der unterschiedlichen Modultypen nicht in jedem Fall miteinander vergleichbar.

ECOreporter Die Auswahl an Herstellern und Modultypen ist groß. Wie sollte der Kunde auswählen?

Wiesenhütter: Es ist empfehlenswert, mehrere Angebote von unterschiedlichen Firmen aus der Region einzuholen. Deutliche Preisabweichungen vom Durchschnitt der Angebotspreise sollten kritisch hinterfragt werden. Um mehr Sicherheit zu gewinnen, sollte man bereits realisierte Anlagen besichtigen und Referenzkunden befragen. Ertragsprognosen sollten durch ein geeignetes Institut oder einen externen Ingenieur erstellt bzw. geprüft werden.

ECOreporter: Welche Versicherungen sind für eine private Solaranlage sinnvoll?

Wiesenhütter: Auf jeden Fall sinnvoll ist eine Versicherung gegen die Elementargefahren. Die Versicherungsgesellschaften bieten entsprechende Spezial-Policen für Photovoltaik-Anlagen. Diese bieten in der Regel auch Versicherungsschutz bei Schäden durch Überspannung oder Vandalismus. Auch hier ist der Vergleich verschiedener Angebote zu empfehlen. Bei Bodenanlagen ist der zusätzliche Versicherungsschutz gegen Diebstahl besonders anzuraten.

ECOreporter: Welche Nebenkosten sollte der Heimwerker einkalkulieren, wenn er die Solaranlage selbst montieren will?

Wiesenhütter: Besonders in Sachen Arbeitsschutz darf bei der Montage in Eigenleistung keinesfalls gespart werden – zum Beispiel bei der  Absturzsicherung am Dach. Grundsätzlich fallen Kosten für Gerüste, Hebezeuge, Absturzsicherungen und andere Baustelleneinrichtungen an. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass Montagefirmen wesentlich günstiger Installationsmaterial einkaufen. Der Preisvorteil im Großhandel wird zumindest teilweise an die Kunden weiter gegeben.  Bei der Entscheidung zur Eigenleistung sollte auch bedacht werden, dass der Durchführende allein das Risiko eventueller Folgeschäden durch Montagefehler trägt.

ECOreporter: Herzlichen Dank für das Gespräch!

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