26.10.11 Nachhaltige Aktien , Erneuerbare Energie , Meldungen

„In der Solarbranche wird es weitere Konkurse geben.“ - ECOreporter.de-Interview mit Dr. Matthias Fawer, Nachhaltigkeitsanalyst der Bank Sarasin, zum Markt der Erneuerbaren Energien



ECOreporter.de: Wie realistisch sind die Ausbauziele wichtiger Staaten und Regionen im Bereich der Erneuerbaren Energien wie die EU und die USA angesichts der aktuellen Schuldenkrise?

Matthias Fawer: Dazu muss man im Auge haben, dass die Ausbauziele der Staaten meist längerfristig sind, also bis 2020 oder gar 2025 reichen. Was wir jetzt beobachten, ist eine allgemeine Unsicherheit von Investoren gegenüber den Erneuerbaren Energien. Die Nachfrage ist eher lethargisch, und das obwohl man angesichts der sinkenden Preise für Windräder und vor allem für Solarmodule attraktive Renditen erwirtschaften kann.
Um aus diesem Zwischentief heraus zu kommen, ist eine Stabilisierung der Preise vonnöten. Dazu muss man sicher bis zum zweiten Halbjahr 2012 warten. Bis dahin dürfte die Marktbereinigung in der Photovoltaik weit fortgeschritten sein. Zudem dürfte sich auf breiter Front die Einsicht durchsetzen, dass die regenerativen ein wichtiger Treiber für wirtschaftliches Wachstum sein können und  es sich also um ein sinnvolles Investment handelt. Wir sind deswegen ganz zuversichtlich.

ECOreporter.de: Was wird im Bereich der Erneuerbaren Energien die weitere Entwicklung in Europa prägen?

Matthias Fawer: Dieser Markt benötigt gewiss noch für die kommenden ein bis zwei Jahre eine angemessene Förderung, also an den Preisverfall angepasste feste Einspeisevergütungen für regenerativ erzeugten Strom. Die weitere Entwicklung dürfte davon geprägt werden, dass sich neue Akteure im Markt, insbesondere Energieversorgungsunternehmen (EVU), verstärkt in Erneuerbare Energien engagieren. Diese werden zunehmend als wettbewerbsfähige Technologien erkannt, nicht zuletzt von den kleineren EVUs und Stadtwerken, die nun bereit sind, hier stark zu investieren. Was die regionale Entwicklung angeht, so wird sich der Markt verbreitern. Das bedeutet, dass die Rolle Deutschlands nicht mehr so dominant sein wird wie in der Vergangenheit. Neue Märkte, etwa in Osteuropa, treten verstärkt auf und werden die Nachfrage kompensieren, welche etwa im weit entwickelten deutschen Markt nachlassen dürfte.

ECOreporter.de: Welche Entwicklung erwarten Sie in den USA?

Matthias Fawer: Hier muss man die anstehende Präsidentschaftswahl abwarten. Bis dahin wird sich hier nicht viel verändern. Die Opposition der Konservativen ist momentan einfach gegen alles, das Präsident Obama irgendwie helfen könnte. Der Konkurs des Solarunternehmens Solyndra, welche davor noch einen Kredit vom Energieministerium erhielt, hat den Erneuerbaren auch nicht wirklich geholfen.

ECOreporter.de: Welche Perspektiven bietet Lateinamerika für die Branche der Erneuerbaren Energien?

Matthias Fawer: Hier entsteht ein sehr interessanter Markt. Er bietet den alternativen Energien ein großes Potential. In diesen Ländern führt die boomende Wirtschaft zu einer stark steigenden Energienachfrage und damit zu einem zunehmenden Interesse an regenerativer Energieerzeugung. Dabei finden die Marktakteure in Mittel- und Südamerika keine Einspeisetarife wie etwa in Europa vor, sondern es sind die Energieunternehmen, welche direkt in Grünstromprojekte investieren. Und die Regierungen unterstützen den Ausbau der Erneuerbaren Energien mit Investitionsprogrammen.

ECOreporter.de: Bei den Solaraktien, von denen viele allein im laufenden Jahr rund 70 Prozent Kursverlust verbuchen, ist große Ernüchterung eingekehrt. Welche Entwicklung erwarten Sie hier?

Matthias Fawer: Hier haben mehrere Faktoren eine Abwärtsspirale angestoßen. Überkapazitäten im Markt haben dazu geführt, dass die börsennotierten Solarunternehmen Abschreibungen durchführen und schlechte Zahlen veröffentlichen mussten. Nun muss zunächst die Nachfrage zunehmen und die Überkapazitäten abgebaut werden. Bei den derzeit hohen Produktionskapazitäten können die Solarhersteller ihre Anlagen nicht auslasten und effizient wirtschaften. Wir gehen davon aus, dass die bereits laufende Marktbereinigung sich in 2012 fortsetzen wird. Es wird weitere Konkurse geben. Daneben ist mit gewissen Übernahmen von Solarunternehmen zu rechnen. Auch bislang branchenfremde Großunternehmen könnten die Gelegenheit zum Einstieg nutzen, so wie es vor Jahren etwa Bosch mit der Übernahme von Ersol gelungen ist.

ECOreporter.de: Großkonzerne wie Samsung und LG Electronics, GE und Siemens steigen jetzt in die Solarfertigung ein. Bedeutet dies eine Zeitenwende für den Solarsektor und werden fortan Mischkonzerne mit hoher Marktkapitalisierung den Photovoltaikmarkt beherrschen?

Matthias Fawer: Wir werden es nicht mit einem völlig veränderten Markt zu tun bekommen, aber es wird ganz klar deutliche Veränderungen im weltweiten Solarmarkt geben. Für die Chancen im Markt spielt die Größe und damit die Finanzkraft eines Akteurs eine wichtige Rolle. Doch auch wenn große Mischkonzerne große Marktanteile einnehmen, wird weiter genügend Platz für kleinere Unternehmen sein, die neue, innovative Technologien anbieten können. Die Entwicklung ist noch längst nicht abgeschlossen. Und wir gehen davon aus, dass solche Innovatoren vor allem aus Europa kommen werden, einfach weil hier dafür die Voraussetzungen besonders gut sind, etwa durch die Vernetzung mit den Hochschulen.

ECOreporter.de: Welche Marktchancen haben fortan ganz auf Photovoltaik ausgerichtete Unternehmen? Was müssen sie mitbringen, um die aktuelle Marktbereinigung zu überstehen?

Matthias Fawer: Entscheidend ist die Internationalisierung der Produktion und des Vertriebes, also die Nähe zum Kunden. Daneben ist natürlich auch die Größe der Produktion wichtig, um Skaleneffekte nutzen zu können. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Wachstumskraft eines Solarunternehmens. Es muss genügend Kapital und Liquidität vorhanden sein, um aus eigener Kraft weiter zu wachsen.
Daneben stellen wir fest, dass auch die Nachhaltigkeit eines Solarunternehmens an Bedeutung gewinnt. Der Umgang mit Reputationsrisiken ist für den wirtschaftlichen Erfolg eines Solarherstellers besonders wichtig, weil seine Kunden ein hohes Umweltbewusstsein haben. Wer in einen Solarpark investiert, möchte nicht, dass die Module von einem Hersteller kommen, der in einen Umweltskandal verwickelt ist. Oder der für sozial Missstände verantwortlich gemacht wird.

ECOreporter.de: Inwiefern gefährdet die kritische Lage vieler Solarhersteller den weiteren Ausbau der Photovoltaik und das Ziel, Solarstrom immer günstiger zu erzeugen?

Matthias Fawer: Leistungseffizienz und Kosteneffizienz kann man nicht klar voneinander trennen. Denn wie effizient ein Solarmodul ist, fließt ja in den Preis mit ein. Zwar liegt aktuell im Markt ein besonderer Fokus auf den Ausbau der Produktionskapazitäten, um so die Kosten für die Module weiter senken zu können. Aber zur gleichen Zeit bemühen sich die Hersteller, auch die aus China wie etwa Suntech und Yingli, die Leistung ihrer Produkte zu steigern und so die Kunden zu überzeugen. Was nützt dem Kunden ein preisgünstiges Modul, wenn die Ersparnis durch eine vergleichsweise schwache Leistung aufgefressen wird?

ECOreporter.de: In den letzten Jahren hat sich die Fertigung von Solarprodukten zum größten Teil nach China verlagert. Werden die westlichen Unternehmen in Zukunft nur noch eine Nebenrolle spielen?

Matthias Fawer: Wir sehen zwei Trends im Solarmarkt: die Produktion von Standardmodulen verlagert sich immer stärker nach Asien, insbesondere nach China. Daneben wird sich aber im Westen die Fertigung von Nischenprodukten, etwa von Modulen, die für die Gebäudeintegration geeignet sind, und von hochleistungsfähigen Premiumprodukten halten können. Die Produktionsmenge wird dabei eher gering ausfallen. Aber weil zugleich in diesen Segmenten eine attraktive Wertschöpfung möglich ist, muss das kein Nachteil sein. Hinzu kommt, dass auch weiterhin die Branche der westlichen Solarzulieferer, etwa der Wechselrichterhersteller und der Maschinenbauer, im Markt bestehen dürfte.

Morgen veröffentlichen wir den zweiten Teil unseres Interviews mit Matthias Fawer von der Bank Sarasin.

Bildhinweis: Solarprodukte der kriselnden Q-Cells SE aus Deutschland im Einsatz. / Quelle: Unternehmen
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