10.01.12 Nachhaltige Aktien , Erneuerbare Energie , Meldungen

„Innerhalb der nächsten zwei Jahre sollte die Konsolidierung in der Solarbranche abgeschlossen sein.“ – ECOreporter.de-Interview mit Lutz Weiler, Vorstandsvorsitzender der equinet Bank AG

Hohe Überkapazitäten im Markt haben im internationalen Photovoltaikmarkt eine Konsolidierungswelle angestoßen. Sie offenbart sich durch Übernahmen und Insolvenzen. Während die Berliner Solon SE Pleite ging, kann sich die Sunways AG aus Konstanz unter das Dach eines chinesischen Wettbewerbers retten (wir Opens external link in new windowberichteten). Die equinet Bank AG begleitet die Übernahme der Sunways durch LDK Solar aus China. Wir sprachen mit Lutz Weiler, Vorstandsvorsitzender der equinet Bank AG aus Frankfurt, über die Konsolidierung im internationalen Solarmarkt und über die zentrale Rolle, die dabei chinesische Unternehmen spielen.

ECOreporter.de:  Herr Weiler, lange galt die Dominanz deutscher Solarhersteller im internationalen Photovoltaikmarkt als unangreifbar. Binnen weniger Jahre haben Konkurrenten aus China diese Dominanz durchbrochen. Nun steht durch den Einstieg von LDK Solar bei Sunways sogar eine Übernahme eines renommierten deutschen Herstellers durch ein chinesisches Unternehmen an. Wie ist diese Entwicklung zu erklären. Wohin wird sie weiter führen?

Lutz Weiler: Die chinesischen Photovoltaik-Unternehmen haben die vergangenen Jahre für einen massiven Kapazitätsausbau genutzt - maßgeblich unterstützt durch günstige Kredite beispielsweise der China Development Bank. Darüber hinaus verfügen sie über die günstigsten Kostenstrukturen weltweit auf einem mittlerweile hohen Qualitätsniveau. Europäische Hersteller von Solarwafern und -zellen können diesem Druck kaum mehr standhalten. Zwar gab es Versuche, über Marke, Technologie oder Qualität einen "Damm" um die europäische Solarindustrie zu ziehen, doch China ist ein Ozean, und die Flut steigt.

ECOreporter.de: Welche Unternehmen sind für Käufer interessant? Welcher Teil der "solaren Wertschöpfungskette" ist dabei besonders gefragt?

Weiler: Die meisten chinesischen Marktakteure haben das Problem, keine adäquaten Vertriebsstrukturen auf den reifen Solar-Märkten Europas zu besitzen. Deren Aufbau war in den letzten Solar-Boom-Jahren schlichtweg nicht notwendig. Dies rächt sich heute in Form von Überkapazitäten und hohen Lagerbeständen. Aus diesem Grund sind vor allem solche Photovoltaik-Unternehmen interessante Partner, die gute Zugänge zu großen Abnehmern wie etwa Solar-Händlern und –Installateuren haben, eine Marke bzw. eine gute Wahrnehmung beim Endkunden oder Zugang zu Großprojekten - etwa über Projektierer - besitzen.
Darüber hinaus werden zukünftig auch in China Produktionskostenvorteile gegenüber der heimischen Konkurrenz eine entscheidende Rolle spielen - insbesondere je mehr Commodity-Charakter (= Standardwaren-Charakter, Anm. d. Red) die kristalline Solarzelle durch ihre technologische Reife bekommt. Stetige Erhöhung der Wirkungsgrade, effiziente Fertigungsprozesse, Minimierung von Bruch und hoher Durchsatz sind Themen, mit denen sich die europäische PV-Industrie schon länger auseinandersetzen musste. Genau diese technologischen Aspekte werden für die chinesischen Wettbewerber zunehmend an Relevanz gewinnen.

ECOreporter.de: Welche strategischen Partner aus dem Reich der Mitte sind aus Sicht der deutschen Unternehmen von Interesse?

Weiler: Für die deutschen Solarunternehmen sind insbesondere finanzstarke Partner mit einer klaren Strategie interessant, die vorhandene Strukturen in Europa weiter nutzen möchten. Idealerweise bieten sie zusätzlich eine Win-win-Situation, basierend auf einer Kombination aus industrieller Größe, Produktionskostenvorteilen und Nutzung einer etablierten Technologie und Marke.
Dies können bereits etablierte Marktakteure sein, die sich hauptsächlich auf der Suche nach Absatzkanälen befinden, aber auch Newcomer mit entsprechendem Bedarf an Zugang zu technologischem Know-how sowie Produktionserfahrung. Vielleicht gelingt es so, die europäische Photovoltaik-Industrie als Technologiezentrum zu erhalten, insbesondere für Forschung und Entwicklung. In der Automobilindustrie findet die Wertschöpfung heutzutage ja auch zu großen Teilen an Niedrigkostenstandorten statt.

ECOreporter.de: Treten künftig auch Finanzinvestoren auf den Plan?

Weiler: Aus den oben genannten "Merger Rationales" - dem Zugang zu Vertriebsstrukturen und Technologien - ergeben sich unseres Erachtens derzeit wenig Ansatzpunkte für Finanzinvestoren. Zumal sich eine Vielzahl der potenziellen Unternehmen in einer eher schwierigen finanziellen Situation befinden. Innerhalb der nächsten zwei Jahre sollte die Konsolidierung abgeschlossen sein und eine deutliche Marktbereinigung stattgefunden haben. Wenige große europäische Unternehmen - wie beispielsweise die SolarWorld AG, werden sich durchaus alleine behaupten können. Kleinere und mittlere Photovoltaik-Unternehmen werden dagegen entweder pleite gehen oder einen "weißen Ritter" finden müssen, also durch eine freundliche Übernahme gerettet werden. Jedoch wird diese Welle für den Einstieg eines Finanzinvestors mit einem entsprechenden Turnaround und anschließendem Weiterverkauf höchstwahrscheinlich zu schnell vorüber sein.

ECOreporter.de: Gibt es Alternativen für deutsche Solarunternehmen - und wenn ja, welche?

Weiler: Die deutschen Solarunternehmen müssen sich aktiv den verschärften Rahmenbedingungen stellen, Kosten an der richtigen Stelle sparen sowie Marketing und Vertrieb professionell organisieren. Eine etablierte Marktposition, die Wahrnehmung als Marke und ein nachhaltiges Vertriebskonzept ermöglichen unseres Erachtens auch zukünftig Umsatz- und Ergebniswachstum. Dies gilt insbesondere in einem mittelfristig zu erwartenden Preisumfeld für Photovoltaik-Systeme, in dem sich der Kauf auch ohne EEG-Vergütung lohnt. In einem solchen Umfeld kann auch eine europäische Modulproduktion Sinn ergeben, da die Transportkosten einen immer höheren Anteil am Photovoltaik-Systempreis ausmachen. Für die europäische Produktion von Solarzellen wird es jedoch schwierig werden.

ECOreporter.de: Herr Weiler, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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