Bei der Stromerzeugung setzt innogy vor allem auf Windkraftanlagen – an Land und auf dem Meer (Offshore). / Foto: Windpark North Hoyle, UK - innogy

22.09.17 Aktientipps

Innogy-Aktie: So sind die grünen Wachstumspläne wirklich zu beurteilen

Vom Kohle-Dampfschiff zur Schnellbootflotte? Die innogy SE will alleine bis 2019 weit über eine Milliarde Euro in Elektromobilität, Photovoltaik und Breitband investieren. Und zum Ziel für 2025 gehört es, in allen relevanten Märkten zu den drei führenden Anbietern und den ertragsstärksten Unternehmen zu zählen.

Innogy tritt auch in der Werbung als grüner Konzern auf. Also eine nachhaltige Aktie? Wer sich die Geschichte des Unternehmens anschaut, dem kommen Zweifel.

Denn innogy SE ist eine börsennotierte Tochtergesellschaft des Energieversorgers RWE AG mit Sitz in Essen. Innogy hat drei Geschäftsfelder: Betrieb von Stromverteilnetzen (hierauf entfällt der größte Ertragsanteil), Stromerzeugung aus Erneuerbarer Energie und letztlich Vertrieb von Energie, insbesondere Strom und Gas, an private und gewerbliche Endkunden.

Bei der Stromerzeugung setzt innogy vor allem auf Windkraftanlagen – an Land und auf dem Meer (Offshore). Daneben betreibt das Unternehmen Wasserkraftwerke und Solarstromanlagen, in geringem Umfang auch Biomassekraftwerke.

Der Name innogy setzt sich aus Innovation und Energie zusammen. Vorläufer der innogy SE waren die RWE innogy und die innogy plc. Innogy SE wurde erst 2016 gegründet und ging dann im Oktober 2016 an die Börse. Innogy ist fast nur in Europa tätig, hier insbesondere in Deutschland, in Großbritannien, Frankreich, Spanien, Polen, Portugal und Italien.

Wegen des Geschäftsfeldes Erneuerbarer Energie kann dem Unternehmen zumindest eine hohe ökologische Wirkung eines großen Geschäftsbereichs attestiert werden. Auch Stromverteilnetze sowie Stromvertrieb sind nicht grundsätzlich bedenklich, wobei beide Geschäftsbereiche beinhalten, dass Strom aus nicht-nachhaltigen Quellen (u.a anderem Steinkohle- und Braunkohle sowie Atomkraftwerke) verteilt und vertrieben wird.

Jeder Bleistift ist ein Beschaffungsvorgang

Rein grün ist Iinogy also wirklich nicht. Davon abgesehen hängen die Pläne des Unternehmens aber vor allem an einem weiteren Punkt noch durch: Elektromobilität und Photovoltaik sind extrem schnelle Märkte. Dickschiffe wie RWE haben in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass sie hier verloren sind: Wenn sie mit einem Geschwader kleiner unternehmerischer Schnellboote um die Fressnäpfe wetteifern, gehen sie regelmäßig mit leerem Magen nach Hause.

Innogy ist ein insofern neues Unternehmen – aber noch mit den alten Familiensitten von RWE. Jeder Bleistift ein Verwaltungsvorgang, jede Entscheidung ein Risiko, unternehmerisches Denken und Risiken werden gescheut – bloß keine Fehler machen! Diese Mentalität kann sich innogy nicht leisten. Wie sie überwunden wird, ist aber noch offen.

Natürlich, innogy betreibt heute schon über 5.800 Ladepunkte für E-Mobilität in 20 Ländern, plant, baut, betreibt und rechnet diese Leistungen ab. Innogy hat auch den internationalen Ladestandard für Elektrofahrzeuge „Combined Charging System“ mitentwickelt. Eine Chance, führender Anbieter von E-Mobility-Lösungen in Europa und USA zu werden. Aber eben: Eine Chance. Mehr nicht. Ob Unternehmen wie Tesla hier nicht besser beschleunigen, ist ebenfalls offen. Innogy und RWE werden sehr genau von den Altaktionären beobachtet; viele NRW-Kommunen ringen um jeden Euro RWE-Dividende. Bei Tesla interessiert paradoxerweise fast niemanden die Dividende, solange das Wachstum nur schnell ist. Ungleiche Voraussetzungen im Rennen um neue Märkte sind das, aber Jammern hilft nicht: Die Realität ist wie sie ist, und innogy muss mit solchen Gewichten an den Füßen der RWE zurechtkommen.

Bild: ePower Ladestation von Innogy

Innogy will zudem eines der führenden Unternehmen für den Bau von großen Solarkraftwerken in Europa werden. Ein schöner Plan – aber wer sieht, welchen Wettbewerb es hier um die Flächen gibt, um Projektrechte, wie gering die Margen sind, wie riesig die Probleme in der Tagesarbeit sind, der fragt sich, ob ausgerechnet das der Erfolgsmarkt für einen RWE-Ableger werden kann.

Wenn die Mafia Schutzgeldzahlungen für Solaranlagen im sonnenreichen Sizilien verlangt, schickt innogy dann die RWE-Werksschützer, die sich derzeit mit den Braunkohle-Tagebau-Gegner im Rheinland in den Haaren liegen?

Der Ausbau der Glasfasernetze, der könnte eher passen. Standort Deutschland, träge Bürokratie, Staatshilfen – das ist ein Geschäft wie gemacht für die Großkonzern-Mentalität.

Was heißt das für die innogy-Aktie?

Keine Denkverbote mehr, erklärt der Vorstandsvorsitzende von innogy, Peter Terium, zur Strategie. Eine erschreckende Aussage: Beinhaltet sie doch, dass es nach wie vor Denkverbote gibt. Fazit: Langfristig gesehen muss innogy nachweisen, ob das Unternehmen für die anspruchsvollen neuen grünen Märkte gemacht ist.

Aktuell kann die Börse vielleicht Beifall klatschen, auch der innogy-Kurs kann in den nächsten Monaten das eine oder andere Hoch erleben – aber auf Dauer ist vollkommen offen, ob innogy die richtige Mannschaft für die neuen Sportarten hat, die der Vorstand ins Auge gefasst hat. Daher: Aktie beobachten und abwarten – mehr nicht.

Innogy SE: ISIN DE000A2AADD2 / WKN A2AADD

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