Die Bank für Gemeinwohl soll sich deutlich von herkömmlichen Banken unterscheiden. / Bildquelle: Fotolia

08.11.13 Finanzdienstleister

„Interessierte werden Genossenschaftsanteile an unserer Bank für Gemeinwohl zeichnen können.“ – Interview mit Christian Felber, Aktivist und Bankgründer

Der österreichische Publizist Autor und Aktivist Christian Felber schreibt unter anderem über Geld und Gemeinwohl. Seit 2009 ist er das populäre Gesicht  eines Vereins, der sich die Gründung einer genossenschaftlichen Nachhaltigkeitsbank zum Ziel gesetzt hat. Ursprünglich sollte diese neue Bank Ende 2012 in allen neun Bundesländern Österreichs mit Zweigstellen vertreten sein. Im Interview erklärt Felber, warum das nicht geklappt hat, welche Fortschritte der Gründungsprozess macht und wie die Bank funktionieren soll.

ECOreporter.de: Ihren ursprünglichen Zeitplan haben Sie nicht einhalten können. Nun  ist von einem Gründungstermin im Frühjahr 2014 die Rede. Wo steht der Gründungsprozess heute und was werden Ihre nächsten Schritte sein?

Christian Felber: Ein demokratischer Prozess hat sein eigenes Tempo, das Projekt „Bank für Gemeinwohl“ ist kein Top-down-Projekt eines großen Kapitalgebers, der bezahlten Managern ansagt, was zu tun ist, sondern ein kollektiver zivilgesellschaftlicher Prozess. Dieser läuft gut, und wir arbeiten uns Schritt um Schritt voran. Seit Jahresbeginn sind zwei hauptamtliche Projektleiter beim Gründungsverein angestellt, mit Ihrer Hilfe haben wir die Rechtsform und Verbandszugehörigkeiten geklärt: Wir gründen eine Genossenschaft, die 100-Prozent-Eigentümerin einer Kapitalgesellschaft sein wird. So können wir in zwei Verbänden – dem Genossenschaftsverband für die Revision und dem Bankenverband für die Einlagensicherung –  Mitglied sein.  Und auf Basis der Vision und der Strategie haben wir zudem den Geschäftsplan finalisiert und mit diesen „Ingredienzien“ im August mit der Finanzmarktaufsicht Kontakt aufgenommen. Der nächste Schritt ist die Gründung der Genossenschaft bis Jahresende 2013. Mit ihr sammeln wir das Gründungskapital in drei Phasen: zuerst der innere Kreis rund um die 400 Aktiven und Mitglieder, dann die 5.000 Sympathisanten und Interessenten, und schließlich das allgemeine Publikum, aus dem heraus wir in Summe 20.000 Genossenschafter anstreben. Sobald sechs Millionen Euro beisammen sind, beginnt der formale Prozess bei der Finanzmarktaufsicht.
Bildnachweis: Der Publizist, Autor und Aktivist  Christian Felber ist 40 Jahre alt und arbeitet seit 2009 an der Gründung einer „Bank für Gemeinwohl“ mit. / Quelle: Christian Felber / Foto Bubu Dujmic

ECOreporter.de: Warum konnten Sie den ursprünglichen Plan nicht einhalten. War ihre Vision zu ambitioniert, oder sind Ihnen Steine in den Weg gelegt worden, die Sie nicht erwartet hatten?

Felber:
Das Tempo des Gründungsprozesses hat ausschließlich mit den ehrenamtlichen Strukturen zu tun. Nach zweieinhalb Jahren erfolgten die ersten Anstellungen. Das wird sich nun ändern: Für die Kampagne ist ein Budget von mehreren Hunderttausend Euro vorgesehen, damit wird eine ganze Reihe von Aktiven finanziell entlohnt werden. Außerdem ist gegenwärtig die dritte Projektleitungsstelle ausgeschrieben. Das Tempo wird sich zum neuen Jahr erneut erhöhen.

ECOreporter.de: Gestartet war das Projekt unter dem Namen „Demokratische Bank“, inzwischen firmiert es als „Bank für Gemeinwohl“. Warum haben Sie ihr Vorhaben noch im Gründungsprozess umbenannt? Könnte ein Namenswechsel nach fünf Jahren Gründungsarbeit das Projekt nicht weiter verzögern, weil die Demokratische Bank ein vergleichsweise etablierter Name ist?

Felber: Im Gegenteil: Mit dem Namen „Demokratische Bank“ waren viele unglücklich, weshalb eine große Mehrheit der Aktiven die Umbenennung klar entschieden hat. 80 Personen haben fast 60 Optionen „systemisch konsensiert“ - mit eindeutigem Ergebnis. Auch die Befragung der Sympathisanten hat ergeben, dass der Name „Bank für Gemeinwohl“ unser Anliegen treffender zum Ausdruck bringt und klarer im Einklang mit der Vision steht. Der ursprüngliche Name „Demokratische Bank“ geht auf ein viel größere Idee von Attac Österreich zurück, die ein öffentliches, gemeinwohlorientiertes und demokratisch organisiertes, das heißt direkt von den Bürgerm und Bürgerinnen kontrolliertes Banksystem, zum Ziel hat.

ECOreporter.de: Die Bank für Gemeinwohl wird eine Genossenschaftsbank. Für die Bankkonzession brauchen Sie sechs Millionen Euro Stammkapital. Das Geld soll von Anlegern als Teilhabern kommen. Haben Sie schon Geld eingesammmelt oder sind Sie noch bei der angekündigten Informationskampagne?


Felber: Die Informationskampagne wird im ersten Quartal 2014 beginnen. Wir haben noch keine Werbung für das Stammkapital gemacht. Dennoch treffen schon jetzt erste freiwilige Vorauszahlungen auf unserem Spendenkonto ein, bis zu einer Höhe von 10.000 Euro. Diese werden bei Gründung der Genossenschaft in Anteile umgewandelt. Wir streben elf Millionen Euro Gründungskapital an.

ECOreporter.de: Wie können sich Anleger an der Bankgründung beteiligen? Zu welchen Konditionen kann man Genossenschafter der „Bank für Gemeinwohl werden?


Felber:
Interessierte werden Genossenschaftsanteile zeichnen können. Der Mindestanteil wird in den nächsten zwei Wochen festgelegt, voraussichtlich werden es einige hundert Euro. Auf Genossenschaftsanteile gibt es keine Zinsen oder Dividenden. Die Beteiligung ist unbefristet, es wird jedoch unter bestimmten Bedingungen, wie zum Beispiel einer ausreichend hohen Eigenkapitalquote, die Möglichkeit der Rückzahlung des Beteiligungskapitals geben. Genossenschafter sind Mitbesitzer der Genossenschaft und tragen damit auch das Unternehmensrisiko kollektiv.

ECOreporter.de: Markus Stegfellner und Ralf Widtmann sollen die Gründung als Projektkoordinatoren vorantreiben. Erhalten sie oder andere Führungspersönlichkeiten ein Gehalt für die Arbeit am Bankprojekt und welche Erfahrungen und beruflichen Hintergründe bringen diese beiden Funktionäre mit?
Felber: Ralf Widtmann und Markus Stegfellner sind beide selbständige Berater. Sie arbeiten gegen Bezahlung in Teilzeit am Projekt und bringen sich zusätzlich ehrenamtlich ein. Zum Hintergrund der beiden: Ralf Widtmann hat nach dem Wirtschaftsstudium in der Mikrofinanzierung (FWWB), bei der Allianz und dann sieben Jahre bei Roland Berger als Projektleiter internationale Bankprojekte geleitet. Er hatte sich im Bankprojekt bereits bewährt, indem er den Strategieprozess erfolgreich koordiniert hat. Markus Stegfellner entwickelte das Beratungsmodell Quo Management und arbeitet als Personal Trainer im Feld der Managementinnovationen. Markus bringt die unternehmerische Erfahrung eines Gesellschafter-Geschäftsführers eines größeren Beratungsunternehmens mit. Seine beruflichen Wurzeln liegen der Genossenschaftswelt. Mit der Basis einer Geschäftsleiterqualifikation Raiffeisen Österreich agierte er über 20 Jahre im Strategischen Management genossenschaftlicher Banken in Deutschland und Österreich.

ECOreporter.de: Ein großes Etappenziel ist die Banklizenz. Wie weit sind sie mit diesem Prozessschritt? Was fehlt noch um die Lizenz zu erhalten?


Felber:
Der Erstkontakt mit der österreichischen Finanzmarktaufsicht FMA hat im August stattgefunden. Der formale Genehmigungsprozess zur Erteilung einer Vollbankenlizenz beginnt, wenn sechs Millionen Euro Stammkapital gesammelt sind, das wird nach derzeitiger Planung im Frühjahr oder Sommer 2014 der Fall sein. Außerdem müssen mindestens zwei zukünftige GeschäftsleiterInnen den Fit-und-Proper-Test der FMA bestanden haben.

ECOreporter.Die Gelder, die Sparer Ihrer Bank in Zukunft anvertrauen sollen, sind unter anderem für Kredite für „besonders förderwürdige Projekte“ gedacht. Was bedeutet das und inwiefern wird  es Positiv- und Negativkriterien oder Kontrollmechanismen geben, die die Vergabepraxis definieren?

Felber: Am Procedere der Gemeinwohlprüfung wird gearbeitet. Diese Prüfung wird vor jeder Kreditvorgabe durchgeführt. Als Basis ziehen wir a) die Erfahrungen und Instrumente anderer Ethik-Banken, b) den Frankfurt-Hohenheim-Leitfaden für ökologisch-ethisches Investment und c) die Gemeinwohl-Bilanz der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung heran. Die „Gemeinwohl-Prüfung“ wird auf Basis dieser inspirierenden Vorlagen eine eigentständige Innovation werden. 

ECOreporter.de: Werden die Sparer und Bankkunden künftig bei der Verwendung ihrer Einlagen mitbestimmen dürfen?

Felber: Wir diskutieren gerade ein transparentes Vermittlungsverfahren, nach dem alle oder ein Teil der Kreditansuchen bekannt gemacht werden und die Sparer sich für die Finanzierung bewerben können. Das wäre das Maximum an Verbindung zwischen Sparern und Kreditnehmern. Es ist allerdings noch nicht beschlossen.
Fest steht, dass alle Sparer Genossenschaftsmitglieder werden. Über die Genossenschaft werden sie zu 100 Prozent Eigentümer der Bank sein und von der strategischen Ausrichtung und der Änderung der Satzung bis zur Verwendung der Gewinne, alles mitentscheiden können.  

ECOreporter.de: Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Felber.

Christian Felber sprach erstmals 2011 mit ECOreporter.de über die Bankgründung. Hier gelangen Sie zu diesem Beitrag.
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