"Grundsätzlich ist es für uns durchaus interessant, in unterschiedlich strukturierten Märkten mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen aktiv zu sein", sagt Alexander Koffka, Mitglied der Geschäftsleitung des Wiesbadener Projektentwicklers ABO Wind. / Foto: Unternehmen

08.12.17 Nachhaltige Aktien , Meldungen , Anleihen / AIF

Interview ABO Wind, Teil 1: Expansion als Erfolgsstrategie?

Welche Veränderungen ergeben sich mit der Internationalisierung bei ABO Wind? Welche Herausforderungen hat das Unternehmen in den neuen Auslandsmärkten, zum Beispiel im Iran, zu meistern? Der Projektentwickler baut auch seinen Solarbereich deutlich aus: Welche Länder sind hier für die Wiesbadener interessant - und wie erfolgt der Markteinstieg?

Diese und weitere Fragen beantwortet Alexander Koffka, Bereichsleiter für Öffentlichkeitsarbeit und Investorenbetreuung bei der ABO Wind AG, im Interview mit ECOreporter.de. Im Gespräch geht es auch um das Geschäftspotential in den wichtigsten Bestandsmärkten Deutschland und Frankreich in den nächsten Jahren. Und um die Fragen: Welche neuen Möglichkeiten gibt es zukünftig für Privatanleger, in ABO Wind und/oder seine Projekte zu investieren - und welche Änderungen sind bei der ABO Invest AG möglich?

Die Bedingungen für die Windenergiebranche in Deutschland sind schwieriger geworden – nicht nur für die Hersteller von Windkraftanlagen, sondern auch für die Projektentwickler. Die ABO Wind AG aus dem hessischen Wiesbaden gehört zu den etablierten Projektentwicklern im Bereich Windenergie.

Seit 1996 hat das Unternehmen rund 600 Windenergieanlagen mit mehr als 1.300 Megawatt Leistung ans Stromnetz gebracht, hauptsächlich in Deutschland. Und das mit wirtschaftlichem Erfolg: Nach einem Gewinn von 16,5 Millionen Euro in 2016 erwartet der ABO Wind-Konzern für 2017 einen ähnlich hohen Gewinn.

Mehr als andere Windkraft-Projektentwickler hat ABO Wind aber bereits frühzeitig auch seine internationalen Aktivitäten ausgebaut, um den sich abzeichnenden Umsatz- und Margenrückgängen auf dem deutschen Windmarkt entgegenzuwirken. Dabei liegt der Fokus neben Finnland insbesondere auf außereuropäischen Märkten wie zum Beispiel Argentinien.

Bis 2016 trug das internationale Geschäft rund ein Drittel zum Umsatz von ABO Wind bei. Nach Angaben des Unternehmens steigt der Anteil in diesem Jahr voraussichtlich auf die Hälfte und mittelfristig voraussichtlich auf zwei Drittel.


ECOreporter.de:  Herr Koffka, derzeit erbringt ABO Wind EPC (Planung, Beschaffung, Bau)-Leistungen für ein großes Windkraftprojekt mit einer Nennleistung von 97,2 Megawatt (MW) in Argentinien. Welche Funktion übernimmt ABO Wind konkret bei dem Projekt und warum errichtet ABO Wind den Windpark nicht selbst?

Alexander Koffka:  Für den Windpark erbringen wir im Auftrag des Anlagenherstellers eine EPC-Dienstleistung. Wir sind für das sogenannte Owner Engineering zuständig, das insbesondere die Prüfung von Unterlagen beinhaltet. In die konkrete Realisierung sind wir nicht eingebunden.

Während wir in europäischen Märkten in der Regel Windparks schlüsselfertig errichten und dann verkaufen, haben wir in Argentinien alle unsere Windparkprojekte schon vor Baubeginn verkauft. Dort haben wir uns selbst nicht an Ausschreibungen beteiligt, weil uns die finanziellen Risiken aufgrund der Größe der Projekte und der politischen Unwägbarkeiten zu groß waren.

In Argentinien decken wir faktisch nicht (wie in Europa) die gesamte Wertschöpfungskette der Projektentwicklung ab, sondern nur einzelne Elemente. Bisher sind wir nur in Argentinien als EPC-Dienstleister tätig. Wir wollen das EPC-Engagement aber ausdehnen und sind auf der Suche nach weiteren für uns passenden Märkten.

Gibt es abgesehen von politischen Unwägbarkeiten und dem Umstand, dass die Wind- und Solarenergie dort noch nicht etabliert ist, weitere Punkte, in denen sich die neuen Märkte wie Argentinien, Iran, Tunesien deutlich von den etablierten Märkten wie etwa Deutschland und Frankreich unterscheiden? Mit welchen Herausforderungen sieht sich ABO Wind in den neuen Märkten konfrontiert? Oder sind manche Sachen dort auch viel einfacher als zum Beispiel in Deutschland?

Jeder Markt hat seine Eigenheiten. In Deutschland zum Beispiel ist die Verfügbarkeit geeigneter Flächen für die Wind- oder Solarenergienutzung der begrenzende Faktor. In Argentinien und im Iran gibt es sehr viel mehr Standorte mit hervorragenden Windbedingungen und/oder Sonneneinstrahlung. In diesen Ländern ist es dafür ungleich schwieriger, Projekte zu finanzieren. Das gilt in besonderer Weise für den Iran. Hier wirkt sich die Politik der Trump-Regierung momentan sehr nachteilig aus.

Aber auch in Griechenland, wo wir ebenfalls begonnen haben, Wind- und Solarprojekte zu entwickeln, sind die Banken zurückhaltend - schließlich haben fast alle beim Ausfall der griechischen Staatsanleihen Geld verloren. Die Vergütungssysteme unterscheiden sich ebenfalls: Beispielsweise gibt es im Iran noch eine feste Einspeisevergütung. In Tunesien werden die Vergütungen dagegen ausgeschrieben. Ähnlich groß ist die Vielfalt bezüglich des Netzanschlusses. Auch diesbezüglich verfügt ABO Wind über viel Kompetenz.  So haben wir in Deutschland wie auch in Irland bereits Umspannwerke errichtet, um Windstrom ins Netz zu bringen. Für Regionen ohne Netzanschluss erstellen wir Planungen für Insellösungen (Off-Grid-Versorgung). Das kann zum Beispiel in Afrika interessant sein. Insofern sind Herausforderungen für uns mitunter ein Vorteil, der für einen Markteintritt spricht - wenn wir die passende Lösung für die Herausforderung haben und daraus ein Geschäftsmodell entwickeln können.

Bildhinweis: Ein Windrad im von ABO Wind realisierten Windpark Haapajärvi in Finnland. Betrieben wird der Windpark von ABO Invest. / Foto: Unternehmen


Ob und wie sich ABO Wind engagiert, hängt immer auch von der Struktur der Energiebranche in dem jeweiligen Land ab. Wenn ein paar große Versorger alles unter sich ausmachen, ist ein Markteintritt für uns schwieriger als in einem mittelständisch strukturierten Markt mit vielen Akteuren. Grundsätzlich ist es für uns durchaus interessant, in unterschiedlich strukturierten Märkten mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen aktiv zu sein. Denn das trägt zur Risikostreuung bei und verstetigt unsere Geschäftsentwicklung.

Zur Risikostreuung trägt auch bei, dass ABO Wind inzwischen auch verstärkt in verschiedenen Solarmärkten - Frankreich, Spanien, Argentinien, Iran, Kanada, Tansania, Tunesien, Griechenland - aktiv wird. Hat ABO Wind zur Planung und Koordination der Aktivitäten eine neue Solarabteilung am Standort Wiesbaden aufgebaut? Wurden vor Ort neue Solar-Planungsteams gebildet und/oder übernehmen bestehenden Wind-Planungsteams auch die Solar-Projektentwicklung, eventuell ergänzt um neue Mitarbeiter?

Wir haben eine zentrale Solarabteilung in Wiesbaden aufgebaut, die für den Einkauf der Komponenten zuständig ist und den Bau betreut und überwacht. Die eigentliche Planung erfolgt in den jeweiligen Ländern. Dazu haben wir die Planungsteams verstärkt, so dass die sich neben der Windkraft-  nun auch um Solarplanung kümmern können.

Genehmigungsrechtlich sind Solarprojekte unkomplizierter als Windprojekte. Unsere Windplaner sind fachlich gut geeignet, auch Solarparks zu entwickeln. Oft gibt es Synergien. Die Standortsuche beispielsweise ist effektiver, wenn man gleich nach Flächen für beide Technologien sucht, weil man dann häufiger fündig wird. In einigen Ländern, zum Beispiel Spanien, haben wir das Team auch gezielt verstärkt, indem wir einen neuen Kollegen mit Erfahrung in der Solarplanung eingestellt haben.

"Mit 6,3 Cent pro Kilowattstunde könnten wir unsere Windparks in Deutschland wirtschaftlich betreiben"

Trotz der verstärkten Auslandsaktivitäten bleibt Deutschland der wichtigste Markt von ABO Wind, hat Ihr Vorstand Dr. Ahn kürzlich verkündet. Die Bundesnetzagentur hat nun den Gebotshöchstwert für die Ausschreibungen für Windenergie an Land für 2018 auf 6,3 Cent je Kilowattstunde (kWh) erhöht. Hält ABO Wind die 6,3 Cent/kWh für auskömmlich, um bereits genehmigte Windparkprojekte innerhalb der vorgeschriebenen 30 Monate zu realisieren und dann wirtschaftlich betreiben zu können?

Mit 6,3 Cent/kWh könnten wir unsere in Planung befindlichen oder bereits genehmigten Windparks in Deutschland wirtschaftlich betreiben. Tatsächlich ist allerdings zu erwarten, dass die Ausschreibungsergebnisse niedriger sein werden.

Hat ABO Wind bzw. haben ABO Wind nahestehende Bürgerenergiegesellschaften bei den drei Ausschreibungsrunden für Windenergie an Land in 2017 teilgenommen? Plant ABO Wind, an den ersten beiden Ausschreibungsrunden 2018 teilzunehmen?

Ja, an der dritten Ausschreibungsrunde hat die "BEG WP Hochsauerlandkreis GmbH & Co. KG" mit dem Projekt Remblinghausen erfolgreich an der Ausschreibung teilgenommen. Es handelt sich um vier Windkraftanlagen mit insgesamt 16,8 Megawatt. Die Bürgerenergiegesellschaft hat ABO Wind mit der Projektierung beauftragt.

Wie bei fast allen Projekten von Bürgerenergiegesellschaften gilt auch in diesem Fall, dass das Projekt noch nicht genehmigt ist. An der ersten Ausschreibungsrunde 2018 wird ABO Wind mit den bis dato genehmigten Projekten teilnehmen. Nach aktuellem Kenntnisstand sind das zwei Projekte mit zusammen rund 30 Megawatt.

Ein wichtiger Auslandsmarkt für ABO Wind ist Frankreich, wo das Unternehmen bereits seit 2006 Windparkprojekte realisiert. Ist nach Ihrer Einschätzung das neue System - Direktvermarktung, Ausschreibung für größere Windparks - in Frankreich für Windparkprojekte in der Größenordnung, die ABO Wind projektiert und realisiert, eher förderlich oder hinderlich?

Alle Projekte, die wir in den nächsten Jahren in Frankreich ans Netz bringen werden, erhalten noch den Tarif ohne Ausschreibung, weil der französische Gesetzgeber die Möglichkeit eröffnet hatte, selbst für Projekte, die sich in einem relativ frühen Planungsstadium befanden, den festen Tarif zu sichern. Daher wird das Ausschreibungssystem in Frankreich für uns erst in einigen Jahren relevant. Selbstverständlich stellen wir uns bereits darauf ein und optimieren die von uns geplanten Windparks so, dass sie im Wettbewerb werden bestehen können.

Generell sehen wir in Frankreich weiterhin sehr gute Geschäftsaussichten für ABO Wind. Mit aktuell rund 60 Kollegen ist Frankreich nach Deutschland der Markt, den wir am intensivsten bearbeiten, inzwischen auch im Bereich Solar. Aufgrund der politischen Ziele, der verfügbaren Fläche, des großen Strombedarfs und unserer guten Marktposition sehen wir dort viel Potenzial. Mit dem vorhandenen gesetzlichen Rahmen kommen wir gut zurecht.


Mit der Ausweitung der internationalen Aktivitäten von ABO Wind gibt es auch neue Anlagemöglichkeiten für Privatanleger.  Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, ab wann und auf welche Weise Anleger voraussichtlich in die neu gegründete ABO Pionier AG investieren können. Und welches Projekt die ABO Pionier als Erstes erwirbt.  Zudem gibt es auch Infos zur geplanten Wandelanleihe der ABO Wind AG und einen Ausblick auf ein mögliches neues Geschäftsfeld der ABO Invest AG.

 

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