Vor allem weil die EU-Staaten weiter stark auf Kohlekraftwerke setzen wollen, setzen sie sich zu geringe Ziele beim Klimaschutz. / Quelle: Fotolia

27.10.15 Erneuerbare Energie

Klimaforscher: EU muss Treibhausgase stärker verringern

Die EU-Länder zeigen beim Klimaschutz bislang weitaus weniger Ehrgeiz als nötig und möglich. Das gilt auch für viele andere Staaten. Klimaforscher vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung haben berechnet, wie stark sie ihre Treibhausgasbelastung verringern müssten, um den Klimawandel entscheidend abzubremsen.

Wissenschaftler haben ermittelt, wie stark weltweit führende Volkswirtschaften ihren Ausstoß von Klimagasen verringern müssen, um den Stillstand bei der globalen Klimapolitik zu überwinden. Den Klimawandel wirkungsvoll zu begrenzen ist demnach möglich, wenn es einen Vorreiter gibt und andere folgen – ohne dass die Staaten sich hierbei auf eine für alle gleiche Fairness-Regel für die Verteilung der Reduktionen einigen müssen. „Wenn die Europäische Union oder die USA als Pionier der weltweiten Klimapolitik handeln würden, so könnte die Blockade der Verhandlungen über eine gerechte Lastenteilung aufgebrochen werden“, sagt dazu Malte Meinshausen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und der Universität Melbourne. „Unsere Analyse zeigt, dass sie ihre gegenwärtigen Emissionsreduktions-Ziele ungefähr verdoppeln müssten – was natürlich eine erhebliche Anstrengung erfordern würde. Aber dies scheint eine der wenigen Möglichkeiten zu sein, um die globale Erwärmung am Ende wirklich auf weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen, und damit eine drastische weitere Zunahme von Wetterextremen und Meeresspiegel-Anstieg abzuwenden.“

Streit um unterschiedliche Maßstäbe für Gleichverteilung

Während die UN-Klimarahmenkonvention die Formel der ‚gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung’ hoch hält, ist die Weltgemeinschaft in zwei Lager gespalten. Hochindustriealisierte Staaten wie etwa die USA und die EU-Länder sind für eine Verteilungsgerechtigkeit in der Zukunft: der Ausstoß von Treibhausgasen pro Kopf soll demnach in allen Ländern etwa gleich sein, in einem noch zu bestimmenden Jahr, vielleicht 2050. Das andere Lager, dem Schwellenländer angehören, die wie China und Indien zwar bereits große Mengen Treibhausgas ausstoßen, aber wirtschaftlich noch großen Nachholbedarf haben, verlangen nach einer ausgleichenden Gerechtigkeit: Sie wollen die Emissionen der Vergangenheit mit einbezogen sehen, um eine gleiche Menge von zulässigen Gesamtemissionen pro Kopf seit Beginn der Industrialisierung zu erreichnen. Diese andere Art von Verteilung würde bedeuten: wer in der Vergangenheit wenig Treibhausgase ausgestoßen hat, kann in der Zukunft mehr pro Kopf emittieren.

„Wir haben errechnet, wie stark eine große Volkswirtschaft den Ausstoß an Treibhausgasen senken müsste, wenn alle anderen Staaten dem jeweils für sie günstigeren Muster der Aufteilung von Emissionsreduktionen folgen würden – einige würden dann ihre Reduktionsmengen auf dem Prinzip der Gleichverteilung pro Kopf basieren lassen, andere würden die historischen Emissionen einbeziehen, und unter dem Strich würde dennoch das Zwei-Grad-Ziel erreicht“, erklärt dazu Louise Jeffery vom Potsdam-Institut. „Dies scheint weniger utopisch als eine einheitliche Regelung“, so Jeffery. Notwendig sie allerdings, „dass die allermeisten ökonomisch relevanten Staaten in der einen oder anderen Weise teilnehmen.“

In dem Szenario der Klimaforscher müsste die EU das Ziel verfolgen, die Treibhausgasbelastung der Mitgliedsstaaten von 2010 bis 2030 um 60 Prozent verringern. Die EU-Staaten hatten sich erst in diesem Jahr und auch das nur mühsam auf eine Emissionsreduktion in diesem Zeitraum um 27 Prozent verständigt. Sie würde gegenüber dem häufig genannten Referenzjahr 1990 eine Verringerung der Emissionen um 40 Prozent entsprechen. Die US-Regierung hat das Ziel ausgegeben, den Ausstoß von Treibhausgasen von 2010 bis 2030 um bis zu 24 Prozent zu verringern. Die Klimaforscher halten jedoch eine Halbierung für erforderlich. In einem Szenario gleicher kumulativer Pro-Kopf-Emissionen, bei dem auch die historischen Emissionen zur Berechnung der in Zukunft noch zulässigen Emissionen eines Landes einbezogen werden, müsste China die Klimabelastung nur um 4 Prozent reduzieren. Laut den Klimaforschern wäre das aber dennoch ein entscheidender Beitrag zur weltweiten Klimastabilisierung, eben weil China heute große Massen Treibhausgase ausstößt. Bei dem von den Industriestaaten vertretenen Ansatz müsste die Volksrepublik dagegen bis 2030 die Emissionen gegenüber 2010 um 32 Prozent reduzieren.
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