Kohlebagger: So flink wie die Energieriesen. / Foto: Fotolia

30.10.15 Nachhaltige Aktien , Erneuerbare Energie , Meldungen

Kommentar: Wie ein Wettlauf zwischen Hase und Braunkohlebagger - darum sollten Sie die Aktien von RWE, Eon und EnBW nicht anfassen

Ein Kommentar von ECOreporter.de-Chefredakteur Jörg Weber:


Was macht man eigentlich mit einem Risiko? Wichtigste Regel: Darüber klar werden, wie hoch die Chance ist, dass ein Schaden eintritt. Und dann abschätzen, wie teuer einen dieser Schaden schlimmstenfalls zu stehen kommen könnte. Konkret, wenn man beispielsweise als Autohersteller überlegt, mit einer Software in der Motorsteuerung die Messbehörden bei den Abgaswerten zu betrügen, dann bedeutet Risikomanagement: Erst kalkulieren, ob man erwischt werden könnte – erscheint bei der Schlafmützigkeit der Behörden nur wenig wahrscheinlich. Dann ausrechnen, was es kostet, wenn man doch auffliegt. Das ist einfach: Reputation komplett im Eimer, das geht auf jeden Fall in die Milliarden. Also, wenn man in Bezug auf Risikomanagement nur einen Funken verstanden hat, dann lässt man so etwas schön bleiben. (Außer, man arbeitet bei VW).


Aktien von RWE, Eon oder EnBW zu kaufen bedarf einer Entscheidung, für die selbst der private Kleinanleger diese Grundregeln des Risikomanagements beachten sollte. Die Schadenhöhe ist auch hier relativ einfach zu kalkulieren: Maximal könnten die Aktien wertlos werden, dann wäre das eingesetzte Kapital futsch. Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die drei Energieriesen wertlos werden oder zumindest erheblich verlieren? Immerhin, das waren einmal dickere Bretter. Die drei versorgten weite Teile der Republik mit Strom, ihre Kohleschlote rauchten, die Braunkohlebagger gruben Löcher, in die Berlin mehrfach hineingepasst hätte, und die Atomkraftwerke liefern ja immer noch den begehrten Grundlaststrom. Ist das einstige Rückgrat der deutschen Wirtschaft dennoch zu weich für hart verdiente Sparergroschen?


Eine der Gefahren, die den drei Versorgern drohen, besteht schlicht darin, dass sie immer weniger zu tun haben. Wo ist ihre Aufgabe, wenn die Erneuerbare Energie weiter jedes Jahr ein, zwei oder mehr Prozent des Strommarktes übernimmt? Natürlich könnten RWE und Konsorten selbst ein gewichtiges Wort bei der Erneuerbaren Energie mitreden. Aber die Rennen um Standorte für Erneuerbare-Energie-Kraftwerke sind wie ein Wettlauf zwischen Hase und Braunkohlebagger: Bis der Bagger gewendet hat, ist der Hase längst am Ziel – die kleinen Windprojektierer und Solarplaner sind einfach zu flink. Und so gehen den Großen unaufhaltsam Marktanteile verloren. Allenfalls bei Großprojekten wie der Offshore-Windenergie sind sie so konkurrenzfähig, dass sie Zeit für eine Anpassung an den geänderten Markt gewinnen. Könnten sie sich retten, indem sie in den Speichermarkt einsteigen? Auch hier zählen Schnelligkeit, Innovationskraft, fixes Erkennen des Bedarfs, rasches Ausprobieren von Lösungen. Tesla ist so etwas zuzutrauen. Den Stromriesen spricht man eher andere Kernkompetenzen zu.


Und dann bleibt das noch das Risiko Atomkraftwerke. Nicht mehr lange, und der Rückbau beginnt. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) verkündete jüngst dazu, die von den Unternehmen gebildeten Atomrückstellungen in Höhe von 38,3 Milliarden Euro deckten die Finanzierung des Rückbaus der Kernkraftwerke und der Entsorgung der radioaktiven Abfälle ab. Dabei bezog er sich auf die Ergebnisse eines Stresstests. Wenn er Recht hat, dann war es vertretbar, dass die Konzerne immer noch schöne Dividenden an die Aktionäre ausschütten, statt das Geld auf die hohe Kante zu legen. Aber als Anleger geht man besser davon aus, dass Murphy´s Law eintreten wird: Was schief gehen kann, das geht auch schief. Und was die Stresstester bewegt zu verkünden, der Rückbau der Atomkraftwerke sei überhaupt kalkulierbar, das bleibt im Dunkeln. Jeder Atomkraftwerksrückbau ist schließlich finanziell genauso präzise planbar wie ein Berliner Flughafen oder ein Stuttgarter Hauptbahnhof. Auch technisch ist der Bau solcher Mammutprojekte durchaus vergleichbar mit dem Rückbau eines AKW. Allerdings braucht es bei der Kernkraft zusätzlich Strahlenschutzkleidung und eine Millionen Jahre sicher überdauernde Aufbewahrung gewisser Reststoffe. Fazit: Die bisher nicht eingeplanten Summen, die noch auf die großen Atomkraftwerksbetreiber zukommen, könnten sogar den Schaden übertreffen, der bei VW entstanden ist. Diese Aktien sollte man schon aus als Risikogründen nicht anfassen.
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x