01.12.11 Nachhaltige Aktien , Meldungen , Fonds / ETF

„Man darf bei Aktieninvestments nicht nur auf die Kursentwicklung schauen.“ – ECOreporter.de-Interview mit Hendrik-Jan Boer, Manager des ING Sustainable Equity Fonds



ECOreporter.de: Herr Boer, was unterscheidet den ING Sustainable Equity Fonds von anderen nachhaltigen Aktienfonds?

Hendrik-Jan Boer: Der ING (L) Invest Sustainable Equity investiert in Wertpapiere von Unternehmen, die in Bezug auf Ökologie, soziale Belange und die Unternehmensführung eine positive Performance aufweisen. Benchmark ist der MSCI World Developed Markets Index. Die Auswahl der Unternehmen erfolgt anhand des "Best in Class" Ansatzes. Aktuell verfügt die europäischen Sustainable Equity-Strategie über ein verwaltetes Finanzvermögen von rund 75 Millionen Euro per Ende Oktober 2011. Auf globaler Ebene verwaltet ING Investment Management 500 Millionen Euro in nachhaltigen Strategien. Der ING (L) Invest Sustainable Equity wurde bereits in 2000 gestartet und gehört damit zu den ältesten nachhaltigen Aktienfonds auf dem Markt. Er hat sich seither gut entwickelt. Bei der Nachhaltigkeitsanalyse setzen wir mit Sustainalytics auf einen unabhängigen Anbieter. Und seit 2008 stellen wir im Haus unser SRI-Screening auch den Managern der herkömmlichen Fonds zur Verfügung. Die sind zwar nicht dazu verpflichtet, es zu nutzen, aber so leisten wir doch einen Beitrag dazu, nachhaltiges Investment im Mainstream zu verankern.

ECOreporter.de: Warum setzen Sie auf den Best-in-Class-Ansatz? Welche Nachhaltigkeitskriterien wenden Sie bei der Auswahl der Aktien an?

Boer: Wir sind der Meinung, dass Unternehmen, die in den Bereichen Ökologie, Sozialengagement und Unternehmensführung überdurchschnittlich abschneiden und gegenüber konventionellen Mitbewerbern langfristig besser am Markt positioniert sind. Solche Unternehmen haben bessere Chancen, neue Einkommensfelder zu erschließen, strukturelle Kosten zu senken und Reputationsrisiken zu mindern. Unternehmen, die für den Fonds in Frage kommen, müssen im MSCI-Nachhaltigkeits-Rating überdurchschnittlich abschneiden. Es kommen nur die besten 50 Prozent für das Nachhaltigkeitsinvestment-Universum in Frage.  Unser Best-in-Class-Ansatz basiert auf 150 nachhaltigen Analysefaktoren wie etwa Energieeffizienz, CO2- und Abfallbelastung innerhalb der Produktionsprozesse, Arbeitssicherheit, Gleichberechtigung und vieles mehr.
Absolute Ausschlusskriterien sind beispielsweise Engagements im Bereich Atomenergie, Waffenproduktion, Tabak- und Pelzproduktion sowie Glücksspiel oder in der Porno-Industrie. Außerdem ausgeschlossen sind Unternehmen, die gegen Menschenrechtskonventionen verstoßen und beispielsweise Kinderarbeit tolerieren.

ECOreporter.de: Mit welcher Strategie hat Ihr Fonds auf die Börsenturbulenzen der letzten Monate reagiert?

Boer: Der Fonds ist auf langfristige Gewinne ausgerichtet. Wir halten daher konsequent an der Strategie fest, uns auf Qualitätsaktien auszurichten. Damit hat der Fonds bislang eine gute Entwicklung genommen.

ECOreporter.de: Inwiefern ist es in der gegenwärtigen Situation der Finanzmärkte überhaupt ratsam, in Aktien zu  investieren?

Boer: Aus Renditeaspekten ist ein Investment in Aktien für jedes Portfolio zu empfehlen, etwa um über einen längeren Zeitraum durch Kurszuwächse die Inflation zu kompensieren. Und die aktuell stark verbreitete Politik, auf die Schuldenkrise mit Geldvermehrung zu reagieren, treibt die Inflation. Zudem werden ja selbst in Phasen einer schwächeren Börsenentwicklung von vielen Aktienunternehmen Dividenden ausgeschüttet. Man darf nicht nur auf die Kursentwicklung schauen, zumindest nicht bei einem langfristigen Engagement in Aktien.

ECOreporter.de: Wie wird sich der Aktienmarkt in den kommenden 12 bis 18 Monaten entwickeln?

Boer: Das ist schwer zu sagen, selbst bei uns im Haus gibt es dazu unterschiedliche Meinungen. Aktuell existieren im Finanzsystem viele Risiken, die schwierig einzuschätzen sind. Nach meiner Einschätzung sind die Wachstumsmöglichkeiten derzeit recht begrenzt. Aber auch das Negativpotential ist mittlerweile zum größten Teil in die Kurse eingepreist, so dass ich auch nicht mit starken Ausschlägen nach unten rechne.

ECOreporter.de: Für welche Bereiche oder Unternehmen sehen Sie konkret aussichtsreiche Perspektiven? Was müssen aussichtsreiche Aktien aufweisen?

Boer: Vor allem halten wir nach Unternehmen mit einem guten Management Ausschau. Denn dieses ist am ehesten in der Lage, Krisensituationen wie die gegenwärtige mit Erfolg zu bewältigen. Wichtig ist uns zudem, dass ein Unternehmen nur gering verschuldet ist. Denn damit kann es unabhängig von den Banken agieren und verfügt über Handlungsspielraum, um auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren und Marktchancen zu nutzen. Daneben sind gute Vertriebsnetze wichtig und eine globale Ausrichtung, so wie sie zum Beispiel Apple aufweist. Für deren i-Pod herrscht eine weltweite Nachfrage, sie ist nicht auf einzelne Regionen beschränkt. Das mindert die Risiken und steigert die Chancen des Geschäftsmodells.  Überhaupt zählt die IT-Branche derzeit zu den besonders aussichtsreichen Sektoren. Eben weil sie global ausgerichtet ist, also nicht auf einzelne Märkte, dabei weltweit von einer hohen Nachfrage für IT-Produkte profitiert, und weil sie gute Margen erwirtschaftet.

ECOreporter.de: Wie schätzen Sie das Wachstumspotenzial des Marktes für nachhaltige Investments ein?

Boer: Wir beobachten, dass Nachhaltigkeitsaspekte immer stärker in die Auswahlprozesse von herkömmlichen Investmentfonds einfließen. Dieses Herüberschwappen in den Mainstream erscheint mir als die größte Veränderung gegenüber dem Jahr 2000, als wir den ING (L) Invest Sustainable Equity gestartet haben. Schon damals gab es im Markt eine große Bandbreite des Angebots von hellgrünen bis dunkelgrünen Nachhaltigkeitsfonds, die auch heute zu beobachten ist, wenngleich bei einer deutlich größeren Anzahl der Produkte. Doch auch weil sich auch immer mehr herkömmliche Investoren für ökologische und soziale Aspekte interessieren, hat Nachhaltigkeit insgesamt für Unternehmen an Bedeutung gewonnen. Sie müssen immer umfassender über Nachhaltigkeitsaspekte informieren. Weil Investoren das verlangen, um die Firmen beurteilen zu können. Dieser Trend wird sich fortsetzen.

ECOreporter.de: Herr Boer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Hendrik Jan Boer ist 45 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder. Als Senior Investment Manager managt er die Sustainable Equity Aktienstrategien seit Anfang 2004 und verantwortet die globalen und europäischen Nachhaltigkeitsportfolios bei ING IM.
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