09.03.12 Finanzdienstleister , Fonds / ETF

Mehrheit konventioneller Geschäftsbanken fällt bei Nachhaltigkeitsanalyse durch

Der neusten Branchenanalyse der Münchner Nachhaltigkeitsrating-Agentur oekom research AG zufolge erfüllen lediglich 23 von 294 untersuchten Geldhäusern die Mindestanforderungen nachhaltiger Investments.  Diesen 7,8 Prozent verleihen die Nachhaltigkeitsanalysten den oekom-research-Prime-Standard. Die Nachhaltigkeitsleistung der übrigen 92,2 Prozent der Studienteilnehmer genügt den Autoren hingegen nicht. Dabei haben sich oekom zufolge überhaupt nur 73 Banken, also 24,8 Prozent der Befragten für ein detailliertes Nachhaltigkeitsrating qualifiziert.

Zusätzlich alarmierend: Selbst die Banken, die dem Prime Standard entsprechen, haben in der Bewertung nicht sonderlich gut abgeschnitten: „Die Nachhaltigkeitsleistung aller 294 analysierten Banken bewegt sich im Spektrum von befriedigend bis mangelhaft. Die Studie stellt den großen börsennotierten Geschäftsbanken allgemein kein gutes Nachhaltigkeitszeugnis aus, so sollte sie auch gelesen werden. Wir haben festgestellt, dass mehr Banken bei ihrer Nachhaltigkeitsleistung nachgelassen haben, als dass sich Institute verbessert haben“, erklärt Dietrich Wild, branchenverantwortlicher Research Director von oekom gegenüber ECOreporter.de.

Die auf einer Skala von A+ bis D- mit C+, also mit einer guten „drei“, am besten bewerteten Banken sind die UniCredit-Tochter HypoVereinsbank (HVB) aus München, der belgische Finanzkonzern Dexia mit Hauptsitz in Brüssel und die australische Westpac. Aus Nachhaltigkeitssicht besonders problematisch erscheine, dass sich die meisten der 29 von den Regierungschefs der G20-Staaten als  „systemrelevant“ bezeichneten Banken eine vergleichsweise schwache Nachhaltigkeitsleistung aufwiesen. Nur sechs dieser Großbanken erhielten den Prime-Status.

Viel kritisierte Deutsche Bank bleibt „Prime Standard“

oekom research sieht den internationalen Geschäftsbankensektor in einer „Schlüsselposition, um eine nachhaltige Entwicklung aktiv zu fördern.“ Eben weil der Sektor maßgeblicher Kreditgeber, Projektfinanzierer und Kapitalanleger sei. Deshalb, so Wild, sei das Rating in einigen Punkten strenger als bisher. „Verschärft haben wir unsere Bewertungsmaßstäbe indem beispielsweise nun noch höher gewichtet wird, inwiefern die Banken sozial und ökologische Aspekte in ihre Kredite und Finanzdienstleistungen integrieren“, erläutert Wild.

Angesichts dieser Verschärfung erstaunlich: Während die niederländische ING aus Amsterdam und die in Zürich ansässige Credit Suisse ihren Nachhaltigkeitsstatus eingebüßt haben, hat die Deutsche Bank ihren Prime-Status im neuen Oekom-Banken-Rating behalten. Und das obwohl sie derzeit schwer unter Beschuss zahlreicher Nichtregierungsorganisationen steht. Die Liste der Vorwürfe ist lang und vielfältig:  Verschiedenen Studien zufolge ist die Deutsche Bank  einer der weltgrößten Finanziere von Kohle- und Atomkraft (mehr dazu lesen Sie Opens external link in new windowhier und Opens external link in new windowhier). Und nicht nur das: In den USA führt die Deutsche Bank ein Kasino (ECOreporter.de Opens external link in new windowberichtete). Darüber hinaus finanziert die Deutsche Bank nach Angaben des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre auch Rüstungsunternehmen. Außerdem gab es immer wieder Klagen gegen die Deutsche Bank in denen es um sozial-ethisch fragwürdige Geschäfte ging. Wie passt das zusammen? „Die aktuellen Studien von Nichtregierungsorganisationen zu den Aktivitäten der Deutschen Bank als Finanzierer von Atom- und Kohlekraft- sowie Rüstungsunternehmen sind uns bekannt. Die darin erhobenen Vorwürfe haben wir in der Analyse berücksichtigt und sie sind entsprechend in die Bewertung der Deutschen Bank im oekom Corporate Rating eingeflossen“, beteuert oekom-Experte Wild auf Nachfrage von ECOreporter.de.

Bildnachweis: Hauptsitz der Deutschen Bank in Frankfurt
. / Quelle: Unternehmen

Dies gelte auch für die Glücksspielaktivitäten der Bank. „Ein Investmentfonds, der auf unsere Nachhaltigkeitsanalyse setzt und Glücksspiel als Ausschlusskriterium aktiviert hat, kann derzeit nicht in Aktien der Deutschen Bank investieren“, stellt Wild klar. Zwar sei das Kasino der Bank über ein Kreditgeschäft zugefallen. „Die Bank hat danach mehrere Milliarden Dollar investiert, um das Kasino fertig zu bauen und zu betreiben. Dazu wurde auch eine entsprechende Lizenz beantragt“, so Wild. Und weiter: „In den USA ist die Die Deutsche Bank derzeit in einen Fall von Versicherungsbetrug verwickelt. Diese Vorwürfe stehen im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften, wegen derer sich die Deutsche Bank vor US-Gerichten zu verantworten hat. Wir sehen das als ernst genug an, um es ebenfalls negativ in die Gesamtnote einfließen zu lassen“, führt Wild aus.  „Im Bereich Kredite und Investmentbanking, also im Kerngeschäft, sehen wir für die Deutsche Bank Nachholbedarf – speziell im Bezug auf soziale und ökologische Kriterien.“

Dennoch bewertet oekom die Nachhaltigkeitsleistung der Deutschen Bank mit C.  „Ein C ist die Grenze, die noch für den Prime-Status reicht. Die Deutsche Bank ist in diesem Sinne also kein herausragender Nachhaltigkeitsführer, sondern eine Geschäftsbank, die den Mindestansprüchen des Prime Standard gerecht wird“, sagt Wild.

Wo ist diese Bank nachhaltiger als andere große Geschäftsbanken?  „Punkten konnte die Deutsche Bank vor allem bei der betriebsinternen Nachhaltigkeit“, sagt Wild.  Das Unternehmen verfüge über ein gutes konzernweites Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagementsystem und pflege einen guten Umgang mit seinen Mitarbeitern. „Außerdem ist die Deutsche Bank stark im Mikrofinanzbereich engagiert und bietet eine Reihe nachhaltiger Finanzprodukte an, die strengen Nachhaltigkeitskriterien unterliegen. Das Rating für die Deutsche Bank ergibt sich schließlich aus der Abwägung zwischen mehr als 80 untersuchten Einzelpunkten“, erläutert Wild.

Credit Suisse, ING und viele andere finanzieren fragwürdige Geschäfte

Der Studie zufolge verpflichten sich zwar inzwischen mehr Banken freiwillig den UN-Prinzipien für nachhaltiges Investment (UN Principles for Responsible Investment, kurz UNPRI) und den so genannten Äquator-Prinzipien (15 sozial-ethische Leitlinien zur Kreditvergabe für die Projektfinanzierung initiiert von der Weltbank) zu folgen oder geben sich selbst weitere Nachhaltigkeitsrichtlinien. Dennoch stellt der Report fest, dass beinahe jede vierte der 73 detailliert analysierten Banken kontroverse Projekte oder Unternehmen finanziert. Dazu zählt oekom neben Waffenproduktion beispielsweise Bergbau- und Staudammprojekte oder konventionelle Forstwirtschaft und Palmölproduktion.

Dies führte auch bei der niederländischen ING und bei Credit Suisse mit dazu, dass beide ihren Nachhaltigkeitsstatus behalten haben. „Die niederländische ING hat ihren Prime-Status unter anderem verloren, weil das Geldhaus einem Geschäftsbericht von Wilmar International Ltd. zufolge eine der Hausbanken des umstrittenen Palmölproduzenten ist. Weil bei Wilmar für die Palmölproduktion vielfach Ur- und Regenwälder abgeholzt werden, ist eine solche Geschäftsbeziehung aus Nachhaltigkeitssicht problematisch. Im Fall Wilmar International kommen fragwürdige Geschäftspraktiken und Vorwürfe wegen Menschenrechtsverletzungen im Umgang mit Ureinwohnern hinzu“, so der oekom-Analyst: „ Außerdem hat ING in den Niederlanden im Berichtszeitraum einen Vergleich in dreistelliger Millionenhöhe geschlossen, um einem Prozess aus dem Weg zu gehen, bei dem es um den Vorwurf der fehlerhaften, beziehungsweise unvollständigen Beratung zu Risiken und Kosten von Lebensversicherungen ging“, sagt Wild. 

Ein ähnliches Bild habe sich für den schweizer Finanzkonzern Credit Suisse ergeben: „Bei Credit Suisse haben mehrere Faktoren dazu geführt, dass die Bank den Prime-Status verloren hat. Darunter waren Finanzdienstleistungen für den Palmölproduzenten Golden Agri Resources aus Singapur und den Forstkonzern Samling Global Ltd. Für Golden Agri hat Credit Suisse 2009 eine Kapitalerhöhung durchgeführt, deren Erlös Nichtregierungsorganisationen zufolge für die weitere Abholzung von Regenwaldflächen für Palmölplantagen bestimmt war. Der Forstkonzern Samling steht ebenfalls wegen der Abholzung von Tropenwäldern und Menschenrechtsverletzungen in der Kritik. Außerdem haben wir Berichte zu Ungereimtheiten im Zusammenhang mit Waldkonzessionen in Kambodscha und Papua Neuguinea in die Bewertung einbezogen. Bei einem hier involvierten Unternehmen hat Credit Suisse den Börsengang mit betreut“, nennt Wild Gründe für die Herabstufung der Bank.

Bildnachweis: Hauptsitz von Credit Suisse in Zürich. / Quelle: Unternehmen


Banken aus den USA und Asien schneiden schlecht ab

Bemerkenswert sind auch die regionalen Unterschiede, die sich bei der Analyse ergeben haben. Insgesamt wurden 33 US-Banken und 36 japanische Geschäftsbanken untersucht. Aber keines dieser Kreditinstitute genügt den Nachhaltigkeitsansprüchen von oekom. Von 24 Studienteilnehmern im deutschsprachigen Europaraum erhielten sechs das Prädikat Prime Standard, drei davon gingen an deutsche Banken. Neben der HVB und der Deutschen Bank attestieren die Studienmacher auch der Deutsche-Bank-Tochter Postbank eine ansprechende Nachhaltigkeitsleistung. Von den 18 britischen Banken bekamen drei den Prime Status verliehen. Unter den mit Prime-Status ausgezeichneten Banken sind die Lloyds Banking Group, Société Générale, UniCredit und DNB Nor.

Und wie kommt eine Sektoranalyse wie das aktuelle Banken-Rating von oekom zu Stande? „Grundsätzlich wertet oekom research zunächst zahlreiche öffentlich zugängliche Informationen über die zu bewertenden Unternehmen aus, unter anderem von  Nichtregierungsorganisationen (NGO, kurz für Non-Governmental Organization), öffentlichen Stellen und den Unternehmen selbst. Mit dieser Analyse und einigen tiefergehenden Fragen treten wir dann in den Dialog mit den Firmen“, so Wild.
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