20.01.10 Nachhaltige Aktien , Erneuerbare Energie , Meldungen

Menetekel - droht der deutschen Solarbranche die Vollbremsung?



Die Untersuchung wurde von der BHF-Bank durchgeführt. Darin warnt Analyst Götz Fischbeck eindringlich davor, die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgeschriebene Solarstromvergütung um zusätzliche 16 bis 17 Prozent zu verringern. Die Entscheidung darüber soll in diesen Tagen fallen. Aus unterrichteten Kreisen war in der vergangenen Woche dieser Wert durchgesickert und als Termin für die Umsetzung der 1. April kolportiert worden. Zum Vergleich: der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW Solar) ist mit dem Vorschlag in die Gespräche mit Umweltminister Norbert Röttgen gegangen, die Vergütung zum 1. Juli um 4,5 Prozent zu verringern. Ohnehin wurde sie laut der vor einem Jahr in Kraft getretenen Novelle des EEG zum Jahresbeginn um zehn Prozent abgesenkt. Eine weitere Reduzierung um 16 Prozent würde die Vergütung also mit einem Schlag um ein Viertel verringern. Hinzu käme Anfang 2011 eine bereits im EEG festgeschriebene Kappung um weitere neun Prozent.

Fischbeck veranschlagt es als sehr wahrscheinlich (zu 35 Prozent), dass es zu der zusätzlichen Kürzung um mehr als 15 Prozent kommt, wobei diese vermutlich zur Jahresmitte eingeführt werde. Wird die zusätzliche Kappung um mehr als 15 Prozent bereits zum 1. April eingeführt, werden sich die Neuinstallationen im deutschen Solarmarkt nach seiner Ansicht in diesem Jahr gegenüber 2009 halbieren. Zwei Drittel der Kapazitäten würden im ersten Quartal installiert und danach der Markt fast zum Erliegen kommen. Die Profitabilität vieler Photovoltaikunternehmen sei dann mit einem Schlag gefährdet, „alle“ müssten dann ihre Ziele für Umsatz und Gewinn herunterschrauben.

Breit aufgestellte Solarkonzerne wie die Bonner SolarWorld oder der auch in anderen europäischen Märkten stark engagierte Solarprojektierer Phoenix Solar würden zwar hart getroffen, aber die Krise überstehen. Dagegen müsste die Q-Cells Ag ums Überleben kämpfen, meint Fischbeck. Durch den Ausfall des weltweit größten Solarmarktes wurden dem Analysten zufolge Unternehmen weltweit ihre Ausbauziele wieder senken. Daher sei selbst für auf den außereuropäischen Markt fokussierte Solarausrüster wie Roth & Rau mit deutlichen Umsatzrückgängen in diesem und dem kommenden Jahr zu rechnen.

Der Experte der BHF-Bank sieht die neue Bundesregierung auf dem Weg, der deutschen Solarbranche ein ähnliches Schicksal zu bereiten wie der Biodieselsektor. In nur drei Jahren habe der sich halbiert, nachdem die Steuervorteile für den alternativen Treibstoff aufgrund einer befürchteten Überförderung und Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stark beschnitten wurden. Die Solarstromvergütung um zusätzliche 16 bis 17 Prozent wird Fischbeck zufolge jeden zweiten deutschen Hersteller von Solarzellen und –modulen vom Markt fegen. Solarprojektierer würden zwar überleben, sich aber fortan vor allem bei preisgünstigen Herstellern mit Solarprodukten eindecken. Die Marktanteile von First Solar, dem führenden Hersteller von Dünnschichtmodulen, und chinesischen Konkurrenten werden noch schneller wachsen, meint Fischbeck, wenn auch zum Preis von deutlich geringeren Margen als bislang angenommen, während deutschen Herstellern im neuen Jahrzehnt die Mittel ausgehen, um die Photovoltaiktechnologie weiterzuentwickeln.

Als abschreckendes Beispiel verweist der Analyst auf Spanien, wo im Herbst 2008 die Solarstromförderung massiv beschnitten wurde, mit der Folge, dass 2009 nicht einmal ein Zehntel der im Vorjahr verbuchten Neuinstallationen erreicht wurde. Er gibt zu bedenken, dass mit dem deutschen Photovoltaikmarkt die Lokomotive des Weltmarktes ausfallen würde. Ohne die zusätzliche Reduzierung der Solarvergütung sei für die Bundesrepublik in 2009 mit Neuinstallationen im Umfang von 3,5 bis 4 Gigawatt (GW) zu rechnen. Bei einer weiteren Verringerung um über 15 Prozent seien nur noch 1,3 bis 1,7 GW zu erwarten. Damit falle man auf das Niveau von 2007 zurück und entfalle eine Menge an Kapazitäten, wie sie in Spanien im Rekordjahr 2008 insgesamt neu geschaffen wurden.

Wie Fischbeck errechnet hat, könnte der von ihm prognostizierte Einbruch des deutschen Marktes dazu führen, dass der Weltmarkt für Photovoltaik nach 2009 mit 2010 ein zweites Jahr in Folge stagniert oder gar schrumpft (für 2009 liegen ja noch keine exakten Daten vor, Fischbeck kalkuliert für 2009 mit einem leicht geschrumpften bis maximal um drei Prozent gewachsenen Weltmarkt). Es sei möglich, dass selbst in 2011 die Werte von 2008 allenfalls gering übertroffen werden. Eine solche Stagnation könne in der internationalen Photovoltaik eine Trendwende einleiten. Denn die bisherigen Prognosen für eine in wenigen Jahren zu erreichende Wettbewerbsfähigkeit von Solarstrom Gründe wesentlich auf der durch den Solarboom der Jahre bis 2007 gestützten Annahme, dass immer mehr Solarprodukte abgesetzt und über Skaleneffekte Preissenkungen erreicht werden. Die Photovoltaik, bislang als Energietechnologie der Zukunft gefeiert, drohe an Attraktivität zu verlieren. Selbst wenn der Markt ab 2011 weltweit wieder um 30 Prozent wächst, können nach den Berechnungen des Analysten die Solarunternehmen ihre Kosten dann nur um bis zu zehn Prozent senken, weitaus weniger als aufgrund höherer Wachstumsprognosen bislang angenommen.

Doch Fischbeck belässt es nicht bei einem Schreckensszenario. Er spielt in seiner Untersuchung auch andere Szenarien durch. Der Experte der BHF-Bank hält es für ausgeschlossen, dass sich der BSW mit seinem Vorschlag einer zusätzlichen Vergütungskürzung um 4,5 Prozent zur Jahresmitte durchsetzt. Am wahrscheinlichsten (zu 40 Prozent) wird es nach seiner Ansicht dazu kommen, dass die Vergütung um 10 bis 15 Prozent reduziert wird, und dass eher zum 1. April als zum 1. Juli. Das würde zwar ebenfalls in 2010 und in 2011 zu einem deutlichen Rückgang bei den Neuinstallationen im deutschen Solarmarkt kommen, glaubt er. Aber weitaus mehr einheimischen Unternehmen bliebe dann noch Luft zum Atmen. Der SolarWorld zum Beispiel traut der Analyst dann ab 2011 wieder zweistellige Umsatzzuwächse zu, für andere deutsche Akteure sieht er für diesen Fall schwere Jahre bevorstehen.

Vergleichsweise hoffnungsvoll fällt die Analyse Fischbecks für ein weiteres Szenario aus, dessen Wahrscheinlichkeit er mit 25 Prozent angibt. Werde die Solarstromvergütung um zusätzliche fünf bis zehn Prozent verringert, könne die Politik einerseits das Ziel erreichen, den enormen Anstieg bei den Neuinstallationen des zweiten Halbjahres 2009 abzubremsen, der Ängste über eine Überförderung und eine Kostenexplosion für Stromkunden hervorgerufen hat. Andererseits sei ab 2009 ein moderates Marktwachstum möglich und bleibe für viele deutsche Solarunternehmen ausreichend Spielraum, um zumindest ab 2011 profitabel zu wirtschaften. Marktführern wie SolarWorld oder Phonix Solar traut der Analyst in diesem Szenario ein Wachstum um zweistellige Prozentraten schon ab 2010 zu.

Am geringsten würden nach seiner Ansicht die Geschäfte von Solarausrüstern wie Roth & Rau beeinträchtigt. Dagegen ist er selbst in diesem Fall skeptisch, was die Aussichten der Q-Cells aus Thalheim angeht. Die werde bei einer solchen zusätzlichen Solarstromvergütung wohl auch 2010 rote Zahlen schreiben, glaubt Fischbeck. Denn im Bereich der Freiflächen-Solarparks sei das Unternehmen, das verstärkt auf das Projektgeschäft setzen will, sehr auf den deutschen Markt ausgerichtet. Und im bislang dominierenden Bereich Solarzellen werde die 2009 gestartete Verlagerung der Produktion nach Malaysia noch viele Monate des Jahres 2010 beanspruchen, so dass die angestrebten Kosteneinsparungen vorerst nicht zum Tragen kommen.

Heute Mittag sickerten Nachrichten aus dem Regierungslager über eine Vorentscheidung über die künftige Gestaltung der Solarstromvergütung durch. Per Opens external link in new windowMausklick Opens external link in new windowgelangen Sie zu unserem gesonderten Beitrag darüber.


First Solar Inc.: WKN A0LEKM / ISIN US3364331070
Phoenix Solar AG: ISIN DE000A0BVU93 / WKN A0BVU9
Q-Cells SE: WKN 555866 / ISIN DE0005558662
Roth&Rau AG: ISIN DE000A0JCZ51 / WPN A0JCZ5
SolarWorld AG: ISIN DE0005108401 / WKN 510840
Bildhinweis: Solarmodule von SolarWorld imEinsatz. / Quelle: Unternehmen

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