"Wer Nachhaltigkeit in die Mikrofinanz bringen will, muss die KMU-Finanzierung unterstützen", sagt Michael P. Sommer, Direktor Ausland und Nachhaltigkeitsmanagement der Bank im Bistum Essen. / Foto: BiB

14.02.18 Finanzdienstleister , Fonds / ETF , Gut erklärt - Mikrofinanzen

Mikrofinanz-Interview: "Easy Credit ist nie gut!"

Der Jurist Michael P. Sommer ist Direktor Ausland und Nachhaltigkeitsmanagement der Bank im Bistum Essen. Sie hat einen Mikrofinanzfonds initiiert: Dieser hat im ECOreporter-Mikrofinanzfonds-Test sehr erfolgreich abgeschnitten. Im Interview erläutert Michael P. Sommer, wie sich der Fonds 2017 entwickelte und wo die nächsten Herausforderungen liegen.

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ECOreporter.de: Herr Sommer, wie hat sich der KCD Mikrofinanzfonds III der Bank im Bistum Essen in 2017 bewährt?

Michael P. Sommer:  Auch in seinem dritten Geschäftsjahr ist der Fonds gewachsen und hat für die Anleger ein positives Ergebnis erwirtschaftet. Dies betrifft sowohl die finanzielle Rendite in Höhe von 1,6 Prozent als auch die soziale Wirkung: Bei einer unterstellten durchschnittlichen Laufzeit im Mikrofinanzsektor von einem Jahr profitieren vom derzeitigen Volumen des Fonds jährlich etwa 40.000 Kleinunternehmer.

Einschließlich der durchschnittlich fünf wirtschaftlich abhängigen Familienangehörigen also insgesamt etwa 200.000 Menschen jährlich. Inzwischen ist der Fonds weltweit in vierundzwanzig Ländern investiert.

Im Nachhinein gesehen: Wie würden Sie das Jahr 2017 für die Branche Mikrofinanzen bewerten?

Besser als das schwierige Jahr 2016. Es gab weltweit zwar einzelne Kreditausfälle, aber insgesamt hatten wir es mit vergleichsweise stabilen Märkten zu tun. Politische Risiken, Marktrisiken oder Naturkatastrophen führten nicht zu einem Ausfall ganzer Länder, sprich Mikrofinanzmärkte. Unser KCD-Mikrofinanzfonds - III war nicht von neuen Problemkrediten betroffen.

Wo sehen Sie die größte Herausforderung für die Branche in 2018?

Generell lässt sich sagen, dass immer mehr rein kommerziell agierendes aber risiko-averses Kapital mangels Anlagealternativen in den Mikrofinanzbereich drängt. Dort trifft es auf eine nur begrenzte Zahl marktfähiger und gut geführter Unternehmen. Gebraucht würde mehr Venture-Capital, um in unterversorgten Gebieten professionell agierende Mikrofinanzinstitutionen neu zu gründen.

Und die größte Herausforderung für Ihren Fonds?

Die Liquiditätsschwemme in manchen Ländern, die alternativen Refinanzierungsmöglichkeiten der Mikrofinanzinstitutionen und die hohen Absicherungskosten des US-Dollars zum Euro sind für sich genommen schon Herausforderungen und drücken auf die Margen.

Zugleich steigt der Aufwand, da sich immer mehr ursprünglich als Nichtregierungsorganisation arbeitende Mikrofinanzinstitutionen gesellschaftsrechtlich neu organisieren, um sich der nationalen Bankenaufsicht zu unterstellen. Dies führt zu einer positiv zu bewertenden Professionalisierung, allerdings auch zu einem erheblichen Mehraufwand in den Bereichen Regulatorik, Vertragsrecht und Finanzanalyse.

Regulierte Unternehmen sind viel unmittelbarer in den volkswirtschaftlichen Kreislauf eingebunden, haben mehr Produkte, arbeiten mit größeren Volumina und korrelieren daher auch mehr mit makro-ökonomischen Veränderungen als kleine Stiftungen, Vereine oder Genossenschaften.

In den letzten Jahren war bei Mikrokrediten oft der Trend zu größeren Kreditsummen zu beobachten. Also teilweise schon eher in Richtung Mittelstandsfinanzierung. Haben Sie das auch beobachtet? Wird sich das nach Ihrer Ansicht fortsetzen?

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Gespräch mit Mikrokreditnehmern der BiB in Nicaragua. / Foto: Bank im Bistum Essen

Klares Ja - und dies ist eine durchaus auch gewünschte Entwicklung im Bereich der Entwicklungsfinanzierung. Mikrofinanz in seiner ursprünglichen Bedeutung soll vor allem einkommensschwachen Familien Möglichkeiten eröffnen, aus eigener Kraft durch die Generierung von Einkommen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen: Die Verbesserung der Ernährungssituation, die Ermöglichung von Schulausbildung und eine Basis-Gesundheitsversorgung stehen da im Mittelpunkt.

Die nächste Stufe ist dann die KMU (Kleine und mittlere Unternehmen)- Finanzierung, mit der ein positiver Beitrag zur regionalen Wirtschaftsentwicklung und Schaffung von Arbeitsplätzen ermöglicht wird. Mit anderen Worten: Mikrofinanz ist ein erster Schritt zur Armutsbekämpfung. Wer Nachhaltigkeit in die Mikrofinanz bringen will, muss die KMU-Finanzierung unterstützen. Nicht zuletzt wir in Deutschland wissen um die gesellschaftliche Bedeutung eines starken Mittelstandes.

Einige Mikrofinanzfonds verzeichneten in den letzten Jahren so hohe Zuflüsse, dass sie teilweise das Geld nicht weiterreichen konnten. Können die Mikrofinanzinstitutionen in den Ländern vor Ort mit den gewachsenen Geldsummen Schritt halten, wie wirkt sich das gestiegene Volumen auf die Qualität der gesamten Strukturen und auch der Betreuung der Darlehensnehmer aus?

Tatsächlich hat sich das Anlagevolumen in den ca. 130 Anlagevehikeln weltweit in den vergangenen sechs Jahren auf etwa 14 Milliarden US-Dollar nahezu verdoppelt. Aber: "Easy Credit" ist nie gut - wenn billiges Geld leicht vergeben wird, dann leidet oft die Qualität. So gibt es in manchen Mikrofinanzmärkten Überschuldungstendenzen. Dies wird allerdings inzwischen sensibel von den Marktteilnehmern beobachtet.

Kreditbüros (unserer "Schufa" vergleichbar) gibt es in immer mehr Ländern, die Verbraucherschutzinitiative Smart-Campaign hilft, und deren Vorgaben werden auch von uns als Fondsmanagement im Rahmen der Kreditvergabe eingefordert.

Außerdem prüfen wir regelmäßig Kreditausfallraten, die Kreditrisikostrategie und die Unternehmensphilosophie unserer Kunden. Im Interesse unserer Anleger halten wir an unseren Qualitätsmaßstäben auch in Zeiten höherer Liquidität fest. Unser Augenmerk liegt auf der sorgfältigen Auswahl von Mikrofinanzinstitutionen, nicht auf einer Steigerung des Fonds-Volumens.

Die Welt spricht über Digitalisierung. Ist das Thema auch bei Mikrofinanzierungen stärker spürbar?

Digitalisierung kann die Kosten von Finanzdienstleistungen in Schwellen- und Entwicklungsländern senken, und auch in abgelegenen Gebieten kann so die im Mikrofinanzbereich so wichtige Kundennähe erreicht werden. Der Umgang mit Bargeld und papiergestützte Prozesse machen die Bedienung von Kunden in abgelegenen Regionen teuer und schwierig.
 

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Auch in Sri Lanka erhalten Kleinunternehmer Mikrokredite aus dem Vermögen des Mikrofinanzfonds.

Ist der Kundenbetreuer aber mit dem Tablet vor Ort, kann der gesamte Kreditprozess effizienter und preiswerter abgewickelt werden. Dadurch freiwerdende Mittel wiederum können eingesetzt werden, um mehr Menschen Zugang zu Finanzdienstleistungen zu ermöglichen. Aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen sind Mikrofinanzinstitutionen deshalb nicht selten sogar Vorreiter bei der Digitalisierung des Finanzsektors.

Falls das Zinsniveau ansteigen wird: Wie könnte sich das auf Mikrofinanzen auswirken?

Wir bauen darauf, dass unsere Anleger in ihrer Mehrheit immer beides im Blick haben: den finanziellen und den sozialen Return. Wer das will, für den ist die Mikrofinanz auch bei steigenden Zinsen eine attraktive Anlageklasse. Das gilt für den Privatanleger ebenso wie für den institutionellen Anleger. Unser Ziel bleibt es, für den Anleger im Segment Mikrofinanz einen über dem Geldmarkt liegenden Ertrag zu erwirtschaften.

Welche Bedeutung hat die  Anlageklasse "Mikrofinanz" für Sie bei der Bank im Bistum Essen?

Die Entwicklungsfinanzierung trägt zum Ergebnis der Bank bei und entspricht unserer Unternehmensphilosophie - sie ist dementsprechend langfristig Teil unserer Strategie. Oder anders formuliert: Es ist gut, dass aus dem von der Bank und ihren Kunden bereitgestellten Kapital alle vier Minuten weltweit ein Kredit an ökonomisch arme Menschen vergeben werden kann. Auch dies ist Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung.

Herr Sommer, vielen Dank für das Gespräch!

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