Mikrofinanzkunden in Sri Lanka. / Quelle: Bank im Bistum Essen

28.11.13 Finanzdienstleister , Fonds / ETF

Mikrofinanzen: „Keine Vollkasko-Mentalität!“

Wie soll ein in Europa lebender Verwandter eines von der Sturm-Katastrophe betroffenen Menschen auf den Philippinen seinen Angehörigen Geld überweisen? Die Hilfebedürftigen müssten ein Konto haben. Etwa bei einer Mikrofinanz-Institution. Das Beispiel zeigt: Beim Thema Mikrofinanzen geht es um weit mehr als Kredite. Aber auch um mehr als um ein Konto, denn Versicherungen oder Sparverträge sind auch für Arme wichtig. Michael P. Sommer, Direktor der Bank im Bistum Essen und einer der führenden Mikrofinanz-Experten weltweit, erläutert im Interview neue Trends beim Thema Mikrofinanzen.

ECOreporter.de: Herr Sommer, die Unwetter-Katastrophe auf den Philippinen dürfte auch Mikrokreditnehmer betroffen haben. Wie gehen die Mikrofinanz-Institute in solchen Fällen mit Krediten um, die aufgrund solcher Katastrophen zeitweise oder auf Dauer nicht zurückzahlbar sind?

Michael P. Sommer:  Die Mikrofinanzinstitute bemühen sich rund um die Uhr zunächst um das eigene Personal, das ja von der Katastrophe genauso betroffen ist wie die Mikrofinanzkunden. Dann wird versucht, die technischen Einrichtungen in den Filialen herzurichten, um einen Geschäftsbetrieb wieder zu ermöglichen. Mit den Endkunden treffen sie dann je nach persönlicher Betroffenheit Individualvereinbarungen. Uns beeindruckt immer wieder, mit welch einem Willen zum Neuanfang die Mikrofinanzkunden arbeiten.

ECOreporter.de: Solche Katastrophen werfen auch die Frage auf, ob es neben Mikrokrediten nicht auch Mikroversicherungen geben müsste, welche wirtschaftliche Existenzen, Gesundheit oder das Alter etwas absichern
könnten?


Sommer:  Die Absicherung existentieller Lebensrisiken ist im Mikrofinanzbereich inzwischen angekommen. Viele Mikrofinanz-Institutionen (MFI) bieten - zum Teil auch in Zusammenarbeit mit großen Versicherern - preiswerte Versicherungsverträge an. Das dient sowohl den Kunden als auch den kreditgebenden MFIs und den Versicherern. Es gilt aber auch hier, dass die Konditionen fair sein müssen im Hinblick auf die ökonomische Armut der Kunden. Auch Themen wie Transparenz und die genaue Vermittlung dessen, was eine Versicherung ist, müssen vor einem Vertrag stehen.  

ECOreporter.de: Während der Nutzen von Mikrokrediten für die Kreditnehmer auf der Hand liegt, dürfte es bei Mikroversicherungen schwieriger sein. Bräuchte es, um den Bedarf zu wecken, dafür nicht auch ein wenig der berühmten und manchmal gescholtenen deutschen Vollkasko-Mentalität?

Sommer:  Mikrofinanzkunden arbeiten nicht in einer Lebenswirklichkeit, die eine Vollkasko-Mentalität zulässt. Wessen Lebensgrundlage aber gefährdet ist durch Unwetter, Krankheit oder Tod, der erkennt sehr schnell die Sinnhaftigkeit einer Absicherung dieser existentiellen Risiken.

Zur Person: Michael P. Sommer ist Direktor der Bank im Bistum Essen  eG. Der Rechtsanwalt war zuvor viele Jahre stellvertretender Geschäftsführer der Bischöflichen Aktion Adveniat und der Kardinal-Hengsbach-Stiftung. Für die katholisch ausgerichtete Bank im Bistum Essen hat er den Mikrofinanz-Bereich aufgebaut. Die Kirchenbank legt ihre Einlagen ethisch-nachhaltig an. Sie vergibt Kredite direkt an Mikrofinanz-Institutionen. Mit der Stadtsparkasse Düsseldorf hat sie einen Mikrofinanzfonds initiiert, der sich seit der Gründung 2007 durchgehend positiv entwickelt hat. 2009 kamen zwei Mikrofinanz-Spezialfonds für professionelle Anleger hinzu, die weltweit bzw. in Lateinamerika investieren. Letztes Jahr hat die Bank im Bistum Essen  als erste deutsche Bank ein Mikrofinanzsparbuch aufgelegt. Es ist einlagengesichert, und die Anleger investieren damit direkt in Mikrofinanzen.

ECOreporter.de: Das Thema Mikrofinanzen umfasst also mehr als kleine Kredite. Was gehört noch dazu, welche Entwicklungen sehen Sie derzeit?

Sommer:  Mikrofinanz heißt, den Zugang zu Basisfinanzdienstleistungen zu ermöglichen. Darunter versteht man gemeinhin das Sparen, den Kredit, die Versicherung und den Geldtransfer. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Mikrofinanzinstitutionen, die nicht nur Kredite vergeben, in der Regel ein krisenfesteres und nachhaltigeres Geschäftsmodell aufweisen. Insbesondere ist die Ermöglichung und die Anleitung zum Sparen von überragender Bedeutung! Aber auch die Möglichkeit des Geldtransfers, zum Beispiel die Geldmittel von im Ausland arbeitenden Familienangehörigen in die Heimat, ist wichtig. Ohne ein eigenes Konto fallen bei den zumeist kleinen Beträgen ansonsten enorm hohe Gebühren für die entsprechenden Dienstleister an.

ECOreporter.de: Noch einmal zurück zu den Mikrokrediten: Welche Tendenzen beobachten Sie hier? Sind es derzeit beispielsweise eher Private oder eher größere Investoren, die hier Geld anlegen?

Sommer:  Beide Segmente weisen deutliche Volumenssteigerungen in den Mikrofinanzinvestitionen auf. Private Anleger suchen vermehrt eine sinnvolle Anlage, die einen finanziellen Ertrag oberhalb der Inflationsrate bietet, aber ethisch-nachhaltig geprägt ist. Institutionelle Anleger sind zunehmend bereit, sich der Nische Mikrofinanz zu öffnen, da mit traditionellen Anlagen bei konservativer Ausrichtung kaum mehr eine hinreichende Rendite zu erwirtschaften ist. Aber auch hier spielt die nachhaltige Ausrichtung und ethische Unbedenklichkeit zunehmend eine Rolle. Umso wichtiger ist die Tatsache, dass in den Mikrofinanzmärkten selbst Fehlentwicklungen sehr sensibel begegnet wird.

Bildhinweis: Michael P. Sommer zu Besuch bei Mikrofinanzkunden in Sri Lanka. / Quelle: Unternehmen

ECOreporter.de: Man stellt sich beim Thema Mikrokredit oft die einzelne Frau oder den einzelnen Mann vor, dem ein 100-Dollar-Kredit die Selbständigkeit ermöglicht. Liegt hier tatsächlich ein Schwerpunkt der Mikrokredite?

Sommer:  Das ist ein Schwerpunkt der Mikrofinanz. Aber Entwicklung und Schaffung von Arbeitsplätzen, regionale Wirtschaftsentwicklung und Finanzmarktentwicklung finden auf verschiedenen Stufen statt. Ich halte nichts von einer differenzierenden Wertigkeit. Im Gegenteil: Nachhaltig ist Entwicklung erst, wenn auf allen Ebenen gleichermaßen Grundbedürfnisse der Menschen gesehen und adressiert werden. Und wenn ein Mikrofinanzkunde mit Hilfe einer MFI sein Lebensumfeld und das seiner Familie verbessert hat, dann sollte er auch bei dann notwendigen größeren Investitionen in seiner MFI, die ihn seit Jahren kennt, einen Partner finden. Er sollte also nicht weggeschickt werden mit dem Argument, er sei kein Mikrofinanzkunde mehr. Ich bin sehr dafür, dass eine MFI sich mit ihren Kunden weiterentwickelt - quantitativ und qualitativ.

ECOreporter.de: Herr Sommer, vielen Dank!
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