07.03.13 Anleihen / AIF , Fonds / ETF

"Mikrokredite sind nachhaltig, wenn sie auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Mikofinanzkunden ausgerichtet sind." - ECOreporter-Interview mit Ulrike Haug, Oikocredit Deutschland

In den armen Regionen der Welt haben die meisten Menschen keinen Zugang zu Kapital. Dabei würden oft schon geringe Summen ausreichen, um eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Etwa damit eine Schneiderin für 100 Euro eine Nähmaschine erwerben und sich selbständig machen kann. Herkömmliche Banken vergeben aber solche Kleinstkredite nicht. Sie befürchten dabei mehr Aufwand als Ertrag. Vor allem aber leben in Schwellen- und Entwicklungsländern nur wenige Menschen überhaupt in räumlicher Nähe zu einer Bank.

Mikrofinanzinstitute (MFI) sind darauf spezialisiert, kleine Darlehen an Kleinunternehmern in Schwellen- und Entwicklungsländern zu vergeben. Die Idee zu solchen Mikrokrediten stammt von Muhammad Yunus, der Mitte der 1970er Jahre begann, mit seiner Grameen Bank in Bangladesch Kleinkredite zu vergeben. Das Konzept, Armen mit kleinsten Anschubfinanzierungen den selbständigen Aufstieg aus dem Elend zu ermöglichen, brachte ihm 2006 den Friedensnobelpreis. Seine Idee hat zahlreiche Nachahmer in fast allen Weltregionen gefunden und vielen Menschen aus der Armutsfalle geholfen.

Die Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit ist ein wichtiger Akteur im Bereich der Mikrokredite. Im Interview mit ECOreporter erklärt Ulrike Haug von Oikocredit Deutschland unter anderem, wann Mikrokredite nachhaltig sind, wie MFI konkret arbeiten und welche Bedeutung Finanzierungen aus dem Ausland für die Mikrofinanz vor Ort haben.

ECOreporter: Wie engagiert sich Oikocredit konkret im Bereich Mikrofinanz?

Ulrike Haug: Oikocredit ist eine internationale Genossenschaft, die zu den größten privaten Finanziers von Mikrofinanz gehört. Konkret heißt das, rund 80 Prozent der Gelder, die Privatpersonen und Institutionen bei uns anlegen, vergeben wir als Darlehen und Kapitalbeteiligungen an über 500 Mikrofinanzinstitutionen in aller Welt. Außer Kapital stellen wir unseren Mikrofinanzpartnern auch Unterstützung, zum Beispiel in Form von Schulungen, zur Verfügung. Und wir setzen uns branchenweit in verschiedenen Initiativen für eine soziale Mikrofinanz ein, zum Beispiel als Gründungsmitglied von MicroFinance Transparency oder als Unterstützer und Zertifizierer von Kundenschutzrichtlinien.

ECOreporter: Konkurrieren Mikrofinanzakteure nicht mit Entwicklungshilfeorganisationen? Inwiefern können Sie einander ergänzen und findet ein Austausch statt?


Haug: Beide Akteure können sich unserer Erfahrung nach gut ergänzen. Gerade bei neu gegründeten Mikrofinanzinstitutionen (MFI) springen oft Geberorganisationen aus der Entwicklungszusammenarbeit ein, um den Aufbau zu subventionieren. Entwicklungsfinanzierer wie Oikocredit können dann ergänzend die MFI langfristig mit Darlehen und Eigenkapital unterstützen. Wir kooperieren auch direkt mit Organisationen aus der Entwicklungszusammenarbeit. Die niederländische Entwicklungsorganisation ICCO und die Kirche von Schweden geben uns beispielsweise Zuschüsse für die Schulung und technische Unterstützung unserer Mikrofinanzpartner. Vor Ort arbeiten die verschiedenen Akteure auch oft zusammen. Ich war vor wenigen Wochen im Senegal. Dort trifft sich unser Oikocredit-Länderbeauftragter regelmäßig mit Entwicklungsorganisationen, um sich auszutauschen und Förderungen im Mikrofinanzbereich abzusprechen.

ECOreporter: Was macht Mikrokredite nachhaltig, inwiefern legt Oikocredit hier Wert auf bestimmte soziale und auch auf ökologische Aspekte?

Haug: Mikrokredite sind dann nachhaltig, wenn sie auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Mikofinanzkunden ausgerichtet sind. Es bringt einem Kleinbauern wenig, wenn der Kredit nicht an die landwirtschaftlichen Zyklen angepasst ist und er ihn zurückzahlen muss, bevor er die Ernte verkaufen kann. Für Oikocredit stehen vor allem soziale Aspekte im Vordergrund. Wir unterstützen nur Organisationen, die unserer sozialen Zielsetzung entsprechen. Das überprüfen unsere einheimischen Kollegen vor der Kreditvergabe, indem sie potenzielle Partner besuchen, mit verschiedenen Beteiligten sprechen und Einblick in die Bücher bekommen. Bei ihren Gesprächen nutzen sie unter anderem mit eine sogenannte „ESG Scorecard“, ein Fragebogen, der soziale Aspekte sowie Fragen der Umweltverträglichkeit und Unternehmensführung beleuchtet. Da wird zum Beispiel danach gefragt, wie hoch das Gehalt des Managements ist, ob es ausreichend Maßnahmen zum Schutz der Mikrofinanzkunden gibt oder ob die MFI Aktivitäten finanziert, die umweltschädlich sind.

Bildhinweis: Ulrike Haug zu Besuch bei MFI-Kunden im Senegal. / Quelle: Oikocredit


ECOreporter: Inwiefern können private Geldgeber aus dem Ausland Mikrofinanzinstitutionen (MFI) sinnvoll unterstützen?

Haug: Ein Großteil der Mikrofinanzinstitutionen ist auf Finanzierungen aus dem Ausland angewiesen. Privatanleger und Institutionen aus Deutschland können also mit ihren Rücklagen hier einen wichtigen Beitrag leisten. Es gibt eine Vielzahl von Anbietern. Wem die soziale Wirkung seiner Geldanlage wichtig ist, der sollte sich vorab genau informieren, wie die einzelnen Anbieter arbeiten. Investieren sie zum Beispiel nur in große, profitable Mikrofinanzinstitutionen (MFI) oder auch in kleinere, die in ländlichen Gegenden aktiv sind, wo Menschen sonst keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen haben? Wie findet die Auswahl der MFI statt? Wird transparent dargestellt, welche Summen an welche MFI vergeben werden? Werden Darlehen in lokaler Währung vergeben, damit das Währungsrisiko nicht bei den MFI liegt? Hilfestellung bei der Auswahl bieten Veröffentlichungen wie der „Ratgeber zum wirkungsvollen Investieren mit Mikrofinanzen“ von Phineo und PlanetFinance (das sind Beratungs- bzw. Ratingunternehmen für Mikrofinanz - die Red.).


ECOreporter: Wie arbeitet eine MFI eigentlich?

Haug: Eine MFI bietet Finanzdienstleistungen für Menschen, die bei einer kommerziellen Bank keine Chance hätten, ein Sparkonto zu eröffnen oder einen Kredit aufzunehmen, da sie keine Sicherheiten haben. MFI bieten oft Gruppenkredite an, denn innerhalb der Gruppe bürgen die einzelnen Mitglieder füreinander und können sich auch gegenseitig beraten. Betreut werden die Mikrofinanzkunden von MFI-Mitarbeitern, die oft weite Wege zurücklegen, um zu ihren Kunden in entlegene Gebiete zu reisen. Sie sammeln regelmäßig Rückzahlungen der Kredite ein und nehmen oft auch Spargelder an oder zahlen diese aus. Oft bieten die Kreditsachbearbeiter oder andere Mitarbeiter der MFI auch Beratung und Schulungen in Finanz- und Geschäftsfragen. In größeren Ortschaften unterhalten MFI auch Filialen, zu denen die Kunden direkt kommen können. Es gibt unterschiedliche Formen von MFI, zum Beispiel Nichtregierungsorganisationen, Spar- und Kreditgenossenschaften oder Finanzinstitutionen mit Banklizenz und solche ohne Banklizenz. Von der Rechtsform hängt auch ab, wem eine MFI gehört und ob sie Spareinlagen annehmen darf. Vor allem MFI, die keine Spareinlagen annehmen dürfen, müssen sich bei Geldgebern refinanzieren.

ECOreporter: Was verlangt Oikocredit von MFI, die sie unterstützt?

Haug: Oikocredit knüpft die Vergabe von Finanzierungen an wirtschaftliche, soziale und ökologische Kriterien. Wir verlangen zum Beispiel, dass MFI-Partner unsere sozialen Ziele der Entwicklungsförderung und Armutsbekämpfung teilen. Sie sollten wirtschaftlich arbeiten oder in naher Zukunft in der Lage dazu sein. Wichtig ist uns auch, dass Frauen in Führungspositionen arbeiten oder maßgeblich an Entscheidungen mitwirken können. Seit ein paar Jahren verlangen wir auch, dass unsere Mikrofinanzpartner die Kundenschutzrichtlinien der Opens external link in new windowSmartCampaign unterzeichnen. In vielen Ländern bieten wir dazu Schulungen und Analysen an. Wir schauen gemeinsam, wie die MFI noch besser auf die Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen können.

Bildhinweis: Mikrofinanzkundin Irene Castro Quilca aus Peru. / Quelle: Oikocredit


ECOreporter: Inwiefern kontrolliert Oikocredit? Was wird überprüft, in welchem zeitlichen Abstand und durch wen?

Haug: Eine wichtige Rolle spielen hier unsere einheimischen Mitarbeiter. Sie sind vor Ort und kennen die lokalen Gegebenheiten und unsere Partnerorganisationen genau. Sie überprüfen potenzielle Partner vor der Kreditvergabe anhand von wirtschaftlichen, sozialen und umweltbezogenen Kriterien. Sie betreuen die Partnerorganisationen auch während der Kreditlaufzeit und machen sich bei weiteren Besuchen ein genaues Bild. Wir bieten unseren Mikrofinanzpartnern auch die Möglichkeit, sich einem „Social Audit“ zu unterziehen. 155 von ihnen haben diese von der französischen Organisation CERISE entworfene Evaluation bereits durchgeführt. Dabei wird überprüft, ob die MFI ihre sozialen Ziele in Taten umsetzet. Dort, wo es Verbesserungsbedarf gibt, bietet Oikocredit im Anschluss oft Beratung und Schulungen an, um an den identifizierten Punkten zu arbeiten.  

Morgen veröffentlichen wir die Fortsetzung dieses Interviews. Darin berichtet Ulrike Haug von ihrer Reise zu MFI in Afrika und den Bedingungen für Mikrofinanz auf diesem Kontinent.

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