Wagner-Pizzen von Nestlé - jetzt mit Nutri-Score. Reicht das, um ein grüner Konzern zu werden? / Foto: Unternehmen

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Nachhaltig, nachhaltiger, Nestlé?

Mehr vegane Produkte, recycelbare Verpackungen, verbraucherfreundliche Nährwertangaben – Nestlé hat in den letzten Wochen mehrere PR-Kampagnen gestartet, die den weltgrößten Nahrungsmittelkonzern auf den ersten Blick erstaunlich grün aussehen lassen. Vielleicht sogar grün genug für nachhaltige Anleger?

Die Pressemitteilungen wurden im Abstand von wenigen Tagen veröffentlicht: Nestlé verkauft ab April vegane Würstchen. Nestlé will ab 2025 nur noch recycelfähige Plastikverpackungen verwenden. Nestlé gibt auf den Kartons einiger Tiefkühlpizzen den Nutri-Score an (eine freiwillige Nährwertkennzeichnung, die übersichtlich darstellt, wie gesund ein Lebensmittel ist). Und jetzt will Nestlé auch noch die Gehälter seiner Vorstände an das Erreichen von Umweltzielen koppeln. Ist Nestlé damit auf dem Weg zum nachhaltigen Vorzeigeunternehmen?

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Leider nicht, denn die jüngsten PR-Meldungen betreffen nur winzige Geschäftsbereiche – oder Selbstverständlichkeiten, die in anderen Unternehmen schon längst in die Wege geleitet wurden.

Und dann sind da noch die Dinge, über die Nestlé nicht so gerne spricht. Kaum ein Nahrungsmittelunternehmen ist in den letzten Jahrzehnten in so viele Kontroversen verwickelt gewesen wie der Schweizer Großkonzern, dem unter anderem die Marken Nescafé, Maggi, Smarties, Vittel und Alete gehören. Vier Beispiele:

1. Plastikverpackungen

Natürlich spricht nichts dagegen, nur noch auf recycelfähige Plastikverpackungen zu setzen. Aber: Noch besser wäre es, den Verpackungsaufwand zu reduzieren oder zumindest Mehrwegsysteme zu nutzen. Jennifer Morgan, Geschäftsführerin von Greenpeace, warf Nestlé auf der letzten Hauptversammlung des Konzerns vor, 2018 1,7 Millionen Tonnen Plastikmüll produziert zu haben– 13 Prozent mehr als 2017. Laut Greenpeace verwendet Nestlé nach wie vor zu 98 Prozent Einwegverpackungen und versucht durch Lobbyarbeit, strengere Abfallgesetze zu verhindern.

2. Trinkwasser

Nestlé füllt in 30 Ländern Grund- und Quellwasser in Plastikflaschen ab und setzt damit pro Jahr etwa 7 Milliarden Euro um. Auch in dürregeplagten Ländern wie Südafrika, Äthiopien und Pakistan besitzt der Konzern Wasserrechte. Nestlé beteuert, die Wasservorkommen vor Ort nicht zu beeinträchtigen. Es gibt aber immer wieder Berichte von Umweltschutzverbänden, die das Gegenteil behaupten – nicht nur aus Staaten wie Pakistan, sondern beispielsweise auch aus den USA und aus der Umgebung der Vittel-Quellen in Frankreich.

3. Tierversuche

Nestlé vertreibt die Botoxmittel Dysport und Azzalure der britischen Firma Ipsen – Nervengiftpräparate, die Falten glätten. Diese Mittel wurden lange Zeit ausschließlich an Mäusen getestet. Ab 2012 ersetzten immer mehr Hersteller die Tierversuche durch Tests mit menschlichen Zellen. Erst 2018 erklärte sich der Nestlé-Partner Ipsen als einer der letzten Botoxproduzenten dazu bereit, ein alternatives Prüfverfahren für die Herstellung der Anti-Falten-Präparate zu entwickeln.

4. Umgang mit Kontroversen

Seit den 1970er-Jahren ist Nestlé noch in zahlreiche weitere Skandale verwickelt gewesen. Unter anderem ging es dabei um gesundheitsschädliche Babynahrung, als Rindfleisch deklariertes Pferdefleisch, mit Mineralöl gestrecktes Sonnenblumenöl, Kinderarbeit auf Kakaoplantagen und Palmöl, für das Regenwälder abgeholzt werden.

Yasmine Motarjemi war zehn Jahre lang für die Lebensmittelsicherheit bei Nestlé zuständig. Der Konzern hatte sie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) abgeworben. Motarjemi sollte mithelfen, das angeschlagene Image des Unternehmens aufzupolieren. Doch die Lebensmittelwissenschaftlerin drängte offenbar zu sehr darauf, Produkte sicherer und sauberer zu machen. 2010 wurde sie fristlos entlassen – und zog vor Gericht. Ihr Vorwurf: Ihre Vorgesetzten hätten sie systematisch schikaniert, weil sie zu oft den Finger in offene Wunden gelegt hätte.

Anfang Januar 2020 gab ein Schweizer Kantonsgericht Motarjemi recht. Im Urteil heißt es, die Wissenschaftlerin sei unrechtmäßig aus ihrem Job gezwungen und außerdem jahrelang "auf hinterhältige Art und Weise“ gemobbt worden. Die Schikanen von Nestlé hätten Motarjemi beruflich und gesundheitlich zerstört. "Man hat meine Warnungen lächerlich gemacht oder schlichtweg ignoriert“, sagt Motarjemi, die seit 2012 krankgeschrieben ist, in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit. "Wenn ich heute daran zurückdenke, wird mir schlecht.“

Fazit

Auch wenn sich in den letzten Jahrzehnten nicht jeder Vorwurf gegen Nestlé bestätigt hat: Der Konzern war und ist in auffällig viele Skandale verwickelt. Nach Einschätzung von ECOreporter hat Nestlé noch einen weiten Weg vor sich, wenn es ein nachhaltiges Unternehmen werden will. Die Nestlé-Aktie ist derzeit kein nachhaltiges Investment und wird es wahrscheinlich so schnell auch nicht werden.

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20.09.21
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