02.06.10 Fonds / ETF

„Nachhaltige Finanzprodukte werden zunehmend nachgefragt“ – Interview mit Mathias Winkler, unabhängiger Finanzplaner und Fachberater für nachhaltige Geldanlagen

ECOreporter.de: Wie wirkt sich die Finanzkrise auf das Kundenverhalten aus?

Mathias Winkler:
Vorsichtiger und kritischer beschreibt den Unterschied im Kundenverhalten am besten. Die Kunden sind auch aufgeklärter, was eine gute Entwicklung ist. Viele wollen wissen, was in einem Fonds wirklich drin ist und wie die Anlagestrategie funktioniert. Außerdem haben die Kunden die großen volkswirtschaftlichen Risiken stärker im Auge. Hemmungslose Gewinnmaximierung wird zunehmend kritisch hinterfragt. Gleichzeitig ist ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit, besonders in Form von Sachwerten, zu spüren.


ECOreporter.de: Werden „grüne Produkte“ nun stärker nachgefragt oder eher weniger?


Winkler: Was eher nachgefragt wird sind neue, alternative Anlagemethoden wie der Mikrofinanzbereich oder Direktinvestitionen in Erneuerbare Energien. Eine Anzahl der klassischen Nachhaltigkeits(aktien)fonds waren in den sehr volatilen Märkten der letzten Jahre sehr großen Schwankungen - auch Verlusten – unterworfen. Da sind die Kunden teilweise zurückhaltender geworden. Viele wollen das große Risiko vermeiden.


ECOreporter.de: Wie ist das Verhältnis von Kundenwünschen nach konventionellen Fonds zu alternativen Angeboten?

Winkler: In der Kundennachfrage spiegelt sich das Verhältnis am Fondsmarkt wider: Etwa 8000 konventionellen Fonds stehen rund 300 Nachhaltigkeitsfonds gegenüber. Viele Kunden wissen noch gar nicht, welche Angebote es an nachhaltigen Fondsanlagen überhaupt gibt. Wenn ich ihnen die Möglichkeiten in diesem Bereich vorstelle, sind die meisten sehr aufgeschlossen. Eine wachsende Kundenschicht verlangt explizit nach nachhaltigen Produkten.


ECOreporter.de: Welche Art von Nachhaltigkeitsfonds und welche Assetklassen sind besonders beliebt?


Winkler: Ein Trend ist das Segment der Wasser-Themenfonds, das fragen die Kunden oft speziell nach. Nach wie vor sehr beliebt ist der ganze Solarbereich. Das betrifft vor allem Beteiligungen in geschlossenen Fonds. Bei den offenen Fonds werden zunehmend Mischfonds nachgefragt, die das Risiko reiner Aktienfonds vermeiden und eine Art Vermögensverwaltung bieten. In diesem Segment ist das Angebot ab nachhaltigen Anlagen allerdings noch recht überschaubar.


ECOreporter.de: Warum haben Sie sich dazu entschlossen, nachhaltige Geldanlagen zu vertreiben? Sehen Sie Vorteile im Vergleich zum Vertrieb konventioneller Produkte?

Winkler: Zunächst ist das eine Frage nach dem Sinn von Geldgeschäften: Kann  die reine Ertragssteigerung immer nur das einzige Ziel sein, oder sollen die Finanzprodukte auch ethische und ökologische Intentionen verfolgen? Geld hat eine enorme Steuerungsfunktion in unserer Gesellschaft. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass wir in der Verantwortung stehen, diese auch im Interesse des Allgemeinwohls einzusetzen. Nachhaltig gesehen profitieren wir alle mehr davon. Und zum Glück werden sich immer mehr Menschen sich dieser Verantwortung auch im Finanzbereich gewahr. Es ist mir einerseits ein persönliches Anliegen, das andererseits auch auf eine immer größere Nachfrage am Markt trifft.


ECOreporter.de: Ist im Bewusstsein ihrer Kunden mittlerweile angekommen, was Nachhaltigkeit im Bezug auf den Finanzmarkt bedeutet? Wie viel Vorwissen bringen Kunden mit?


Winkler: Das Vorwissen der Mehrheit der Kunden ist eher diffus. Solche Kunden wollen beispielsweise speziell „etwas mit erneubaren Energien“. Eine kleinere Gruppe von Kunden, die aber langsam wächst, kennt eine recht große Palette „grüner“ Anlagemöglichkeiten. Bei denen ist das Wissen um die verschiedenen Risiken und um eine gute Portfoliostrategie oft noch nicht sehr ausgeprägt. Das ist dann das Thema, bei dem vom Fachberater Unterstützung erwartet wird.


ECOreporter.de: Welche Vorbehalte haben Kunden gegenüber nachhaltigen Geldanlagen?


Winkler:
Vom Großteil der „traditionellen“ Finanzkundschaft werden die nachhaltigen Anlagelösungen noch nicht ganz ernst genommen. Sie sehen grüne Anlagen nicht als Kerninvestment, sondern als Beimischung neben vielen anderen Möglichkeiten. Hier gibt es noch Potenzial, schließlich wächst auch das Angebot stetig.


ECOreporter.de: Nach welchen Kriterien wählen Sie persönlich ihr Angebot aus? Inwiefern spielt der jeweilige Fondsemittent dabei eine Rolle?


Winkler:
Viele Kriterien spielen dabei zusammen: Etwa die Vorgaben des Kunden bezüglich des Nachhaltigsansatzes, wie "strenge Ausschlusskriterien" oder der "Best-in-class-Ansatz". Hinzu kommen ökonomische Faktoren. Dazu benutze ich eine professionelle Fondsdatenbank, um mir einen Überblick über Performance, Sharpe-Ratio, Alpha, Fondsvolumen und viele andere Daten zu verschaffen. Daneben gibt es weitere Kriterien. So etwa die Frage, wie lange der Fonds am Markt ist. Grundsätzlich setze ich eher auf bewährte Konzepte als auf neue Konstruktionen die sich aber in der Praxis noch nicht bewähren konnten. Wer der Emittent ist, spielt gar keine große Rolle, aber es gibt Fondsgesellschaften, die aufgrund ihrer Erfahrung im Nachhaltigkeitsbereich einen Vertrauensvorsprung genießen. Viel wichtiger ist, dass der Fonds zu den anderen Produkten des Kunden passt und dessen gesamte Anlagestrategie gut ergänzt.


ECOreporter.de: Wie definieren sie Nachhaltigkeit für ihr Angebot? Setzen sie eher auf „hellgrüne“ oder „dunkelgrüne“ Fonds?


Winkler: Das entscheidet der Kunde. Er gibt vor was ihm wichtig ist und ob er bestimmte Themen bevorzugt oder gemischte Fonds nach dem Best-In-class-Ansatz möchte. Ich will niemanden „missionieren“, mein Job ist es aber, dem Kunden Orientierung auf einem nicht ganz leicht zu durchschauenden Markt zu geben. Eine Strategie, die ich dem Kunden entwickle, gibt es dann in der Asset allocation, also der Gewichtung der einzelnen Anlageklassen. Und deren Zielrichtung entwickle ich immer individuell auf die Situation, Bedürfnisse und Vorgaben des Kunden zugeschnitten.


ECOreporter.de: Wie wird sich der Markt für nachhaltige Geldanlagen speziell im Bezug auf das Engagement der Vermittler entwickeln?


Winkler: Ich nehme wahr, dass nicht nur unter den freien Vermittlern, sondern auch bei den klassischen Banken die Anzahl der Berater wächst, die sich auf entsprechenden Veranstaltungen für das Thema interessieren. Wobei sich zwei Richtungen zeigen: Bei den großen Marktplayern wird dieser Bereich schlicht als ein neuer „Trend“ gesehen, mit dem man in einem schwierigeren Marktumfeld neue Umsatzchancen generieren kann, was nicht unbedingt schlecht sein muss. Bei den kleineren Gesellschaften und unabhängigen Vermittlern kann gerade im Zuge der momentanen Finanzkrise die Frage nach der ökonomischen Nachhaltigkeit hergebrachter Anlagestrategien neu gestellt werden. Es besteht die Chance, dass neue Finanzlösungen in den Fokus rücken, die sich beispielsweise lokal ausrichten, kleinere ökologische und soziale Initiativen fördern und dabei Alternativen zur Dominanz der großen weltweiten Finanzkonzerne schaffen.


ECOreporter.de: Herzlichen Dank für das Gespräch!


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