Dr. Marie-Luise Meinhold 43 Jahre alt. Sie ist Gründungsvorstand von Ver.de Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (i.G.) und Vorstand der Stiftung Nachhaltiges Leben. / Quelle: Unternehmen.

23.05.13 Anleihen / AIF

Nachhaltiger Versicherungsverein sucht Anleger

Es tut sich was auf dem Markt der nachhaltigen Versicherungen. Ab Mitte 2014 soll die erste nachhaltige Hausratversicherung Deutschlands auf den Markt kommen. Hinter dieser Idee steht Verd.de ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit mit Sitz in München, der gerade aufgebaut wird. Anleger können sich am Gründungsstock und am Organisationsfonds des Vereins beteiligen ECOreporter.de sprach mit dem Gründungsvorstand Dr. Marie-Luise Meinhold von der Stiftung Nachhaltiges Leben und Ute Tacke, einer auf nachhaltige Geldanlagen spezialisierten Anlageberaterin aus Bonn, über die Pläne, Hürden und Fortschritte auf dem Weg zu Ver.de.

ECOreporter.de: Sie sind im Begriff Ver.de als „Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit“ zu gründen. Was steckt dahinter und warum haben Sie diese spezielle Rechtsform für Ihre neue nachhaltige Versicherung gewählt?

Dr. Marie-Luise Meinhold: Es gibt nur zwei mögliche Rechtsformen für private Gründer: Sie haben die Wahl zwischen einer Aktiengesellschaft also als AG oder in Form des Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit kurz VVaG. Dieser VVaG ist die genossenschaftliche Rechtsform für Versicherungsunternehmen. Wir haben diese Rechtsform gewählt, weil sie zu unserem Geschäftsmodell am besten passt. Das Ziel einer Aktiengesellschaft ist per Gesetz immer die Erzielung eines Gewinns. Eine Genossenschaft muss genauso wirtschaftlich handeln, erlaubt daneben aber die gleichrangige Berücksichtigung von ökologischen und sozialen Zielen. Auch die Stimmrechtsverteilung in einer Genossenschaft ist demokratischer als bei einer AG – Jedes Genossenschaftsmitglied hat eine gleichwertige Stimme in der Mitgliedervertretung. Die Versicherungsnehmer werden automatisch Vereinsmitglieder.

Ute Tacke: Die Gründung und Zulassung eines Versicherungsvereins selbst ist kein Novum – die meisten Versicherungsvereine entstanden vor 100 bis 200 Jahren, während etwas zeitversetzt eine Blütezeit der Genossenschaftsgründungen herrschte. Viele davon bestehen erfolgreich noch heute. Heute werden wieder mehr Genossenschaften gegründet. Einen Versicherungsverein neu zu gründen ist mittlerweile ungewöhnlich. Überhaupt werden durch die Marktkonzentration eher Tochterfirmen bestehender Aktiengesellschaften gegründet als dass neue Unternehmen den Markteintritt wagen. Die gesetzlichen Anforderungen an die Kapitalausstattung eines Versicherungsvereins in Form von Gründungsstock und Organisationsfonds sind in Vergessenheit geraten und daher bei den Kapitalanlegern erklärungsbedürftig.
Bildnachweis: Ute Tacke ist 53 Jahre alt. Die auf nachhaltige Geldanlagen spezialisierte Anlageberaterin ist Gründungsvorstand von Ver.de Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (i.G.). / Quelle: Unternehmen.

ECOreporter.de: Wie weit ist der Gründungsprozess von Ver.de fortgeschritten und wie viele Mitglieder haben Sie mittlerweile?

Meinhold: Ver.de ist noch nicht am Markt. Da der Verein sich noch in der Zulassung befindet, wächst er zurzeit auch noch nicht. Gegenwärtig zählt Ver.de neun Gründungsmitglieder. Das Ver.de-Konzept ist bewusst konservativ gerechnet. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat es bereits als genehmigungsfähig eingestuft. Für die Zulassung muss Ver.de 3,5 Millionen Euro Kapital nachweisen.

Tacke: Daher stellen wir das Ver.de-Konzept weiteren Interessenten vor. Unser Angebot richtet sich an institutionelle und private Anleger, die sich in Form von Anteilscheinen am Gründungsstock und am Organisationsfonds von Ver.de für einen nachhaltigen Richtungswechsel in der Realwirtschaft und bei der Kapitalanlage engagieren wollen. Wir bieten insgesamt 20 Anteilsscheine in verschiedenen Stufen an. Diese Anteile sind vergleichbar mit Namensanleihen mit variablem Zinssatz. Die durchschnittliche Rendite der Anteilseigner liegt bei 8,79 Prozent jährlich. Wir prognostizieren die Rückflüsse für die Anleger in vierfacher Höhe des Ursprungsinvestment über einen Zeitraum von 19 Jahren. Planmäßig erfolgen die Rückzahlungen ab dem 7. Jahr. Der Einstieg ist ab 7.000 Euro möglich. Bislang haben wir Zusagen für knapp ein Drittel des benötigten Kapitals.

ECOreporter.de: Ihr erstes Produkt soll eine Hausratversicherung sein. Die Beiträge der Versicherungsnehmer sollen nachhaltig investiert werden, in Erneuerbare-Energien, Sozialprojekte und in Landwirtschaft. Wer entscheidet, wie welche Projekte für ein Investment in Frage kommen und inwiefern gibt es dazu jetzt schon feste Nachhaltigkeitskriterien?

Meinhold: Die Satzung von Ver.de sieht einen Nachhaltigkeitsbeirat vor. Dieser wird den Verein unterstützen, um die Wirkung für Umwelt und Gesellschaft fortlaufend zu messen und zu erhöhen. Das bedeutet, dass der Vorstand mit dem Nachhaltigkeitsbeirat die Kriterien für die ökologischen und die sozialen Wirkungen definieren wird, zusätzlich zu den ökonomischen Kriterien.

Tacke: Diese Positivkriterien und die Ausschlusskriterien bilden das Grobraster für die Titelauswahl. Kapitalanlagemöglichkeiten – unser Anlageuniversum - werden anschließend in einer detaillierten Bewertungsmatrix erfasst. Die Auswahl der Kapitalanlagen wird beim Vorstand liegen, der auch die Verantwortung dafür trägt. Die Messung der Wirkung der Geldanlagen im Nachhinein und die Berichterstattung darüber liegen wieder beim Nachhaltigkeitsbeirat.

ECOreporter.de: Ver.de will das Geld der Versicherten nachhaltig anlegen „nicht rein gewinnmaximierend“. Was heißt das?


Tacke: Wir arbeiten jetzt schon an der Befüllung unserer Bewertungsmatrix. Darin werden alle Wirkungen einer Geldanlage erfasst sein, die ökologischen, die ökonomischen und die sozialen. Im Geschäftsplan rechnen wir konservativ mit einer Rendite von zwei Prozent. Das bedeutet, höhere Renditen verbessern das Geschäftsergebnis.

ECOreporter.de: Ein Teil der Versicherungsbeiträge soll bei Nachhaltigkeitsbanken investiert werden. Welche Art von Bankanlagen und welche Nachhaltigkeitsbanken kommen dafür in Frage, und inwiefern gibt es an dieser Stelle Auswahlkriterien?

Tacke: Die Vorschriften für die Kapitalanlage sehen die Prinzipien Mischung und Streuung vor. Das bedeutet, Ver.de muss das Kapital sowohl auf verschiedene Anlageklassen als auch bei verschiedenen Anbietern anlegen. Für die Auswahl unserer Bankpartner bedeutet das, dass wir auf eine konsequente ökologische und soziale Ausrichtung Wert legen. Da Ver.de gleichzeitig mehrere Bankpartner braucht, arbeiten wir mit mehreren Banken mit einer ökologischen und sozialen Ausrichtung zusammen.

ECOreporter.de: Alle Ver.de Versicherungsnehmer werden gleichzeitig Vereinsmitglieder sein und bekommen Mitbestimmungsrechte. Inwiefern betreffen diese Mitbestimmungsrechte auch die Nachhaltigkeitskriterien und konkrete Anlage-Entscheidungen?

Meinhold: Die Mitglieder wählen Mitgliedervertreter, die die Mitgliedervertreterversammlung bilden. Dieses Gremium ist das oberste Organ des Versicherungsvereins. Es wählt den Vorstand und es entlastet den Vorstand. Die Auswahl über die Kapitalanlage selbst wird immer beim Vorstand liegen. Wir überlegen aber, ob es Sinn macht, die Bewertungsmatrix mit den Anlagemöglichkeiten vorab zu öffnen und die Mitglieder von Ver.de so an der Bewertung zu beteiligen. Die Mitglieder könnten dann auch selbst Vorschläge einbringen und bei der Priorisierung gehört werden.

ECOreporter.de: Ein Teil der Versicherungsbeiträge wird zurückgestellt und dem Sozialunternehmen Bonergie (In diesem Beitrag stellen hat ECOreporter.de das Unternehmen vorgestellt) „zeitweilig“ zur Verfügung gestellt. Warum Bonergie und was bedeutet „zeitweilig zur Verfügung gestellt“?

Meinhold: Es handelt sich hierbei um die Rückstellungen für die Beitragsrückerstattung. Diese schüttet Ver.de nach drei Jahren an die Kunden wieder aus, die schadenfrei geblieben sind. Dies ist eine Besonderheit von Ver.de, die es so bei anderen Hausratversicherungen nicht gibt. Das Geld kann Ver.de somit Bonergie für drei Jahre zur Verfügung stellen.
Bonergie ist ein Unternehmen aus München. Es verkauft Solarsysteme zur Elektrifizierung ländlicher Gebiete in Schwellenländern. Anders als bei ausländischen Unternehmen sprechen wir die gleiche Sprache und können „vorbei gehen, um zu sehen, wie es läuft.“ Bonergie hat daher einen Vertrauensvorsprung. Das Geschäftsmodell überzeugt uns, weil es gleichzeitig ökologische und ökonomische und soziale Vorteile bringt – und zwar für alle Beteiligten: Energie und insbesondere Strom, wie er von Bonergie in ländliche Gebiete gebracht wird, ist ein Motor für Entwicklung. Ver.de ist davon überzeugt, so tatsächlich einen Mehrwert für die Bevölkerung zu leisten, der - anders als Spenden – rentabel ist, für uns als Kapitalgeber, für Bonergie und für die Kunden. Denn letzere sparen sich die teure Beschaffung von Petroleum, Kerosin, Benzin oder Trockenbatterien. Dadurch werden für die Nutzer in überschaubaren Zeiträumen Mittel frei, die sie anderweitig verwenden können.

ECOreporter.de: Im Schadenfall garantiert Ver.de 20 Prozent mehr Geld für die Versicherungsnehmer auf die Versicherung. Wie können Sie diese Garantie einhalten?

Tacke: Die Ver.de-Hausratversicherung soll die die Kunden in die Lage versetzten, im Schadenfall beim Ersatz auf ökologische und soziale Aspekte achten zu können. In diesem Zusammenhang ist die Mehrleistung im Schadenfall eine weitere Besonderheit des Ver.de-Konzepts. Die Kunden erhalten diese Mehrleistung, wenn sie nachweisen, dass sie beim Ersatz des Hausrats auf ökologischen und sozialen Mehrwert geachtet haben. Die Mehrleistung ist – genau wie die Beitragsrückerstattung bei Schadenfreiheit –entsprechend einkalkuliert. Die Kunden erhalten also in jedem Fall eine Leistung – mit und ohne Schaden.

ECOreporter.de:. Wie kann ein Versicherungsnehmer den geforderten Nachhaltigkeitsnachweis erbringen?


Tacke: Die Kunden unterbreiten einen Vorschlag, wie sie bei dem Ersatz ökologische und soziale Aspekte berücksichtigen wollen und welche Verbesserung, zum Beispiel Energieeinsparung daraus resultiert. Das prüfen wir und gewähren dann eine 20 Prozent höhere Versicherungsleistung. Zudem plant Ver.de Kooperationen mit nachhaltigen Herstellern und Händlern, die wie unsere Kapitalanlagen strenge Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Damit wollen wir unseren Mitgliedern geeignete Beschaffungsquellen anbieten, die sie wählen können, aber nicht müssen.

ECOreporter.de: Wann soll die nachhaltige Hausratversicherung auf den Markt kommen und welche Ziele haben Sie sich für die nächste Zeit gesetzt?

Meinhold: Stand heute planen wir die nachhaltige Sachversicherung ab Mitte 2014 anzubieten. Die Kapitalakquise soll bis zum Jahresende 2013 abgeschlossen sein. Wir gehen davon aus, dass in Deutschland rund eine Million Menschen bewusst nachhaltig leben. Das ist unsere Zielgruppe. Wir planen in den ersten fünf Jahren für Ver.de mindestens 44.000 Mitglieder gewinnen zu können. Entsprechend kalkulieren wir 4,7 Millionen Euro Prämieneinnahmen.

ECOreporter.de: Herzlichen Dank für das Gespräch!
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