21.12.11 Finanzdienstleister

"Nachhaltigkeit bildet den Kern unseres Geschäftsmodells." – ECOreporter-de-Interview mit Thomas Katzenmayer, Vorstand der Evangelischen Kreditgenossenschaft



ECOreporter: Herr Katzenmayer, die Öffentlichkeit diskutiert die Krise – ob sie nun Bankkrise heißt, Euro- oder Finanzkrise. Die EKK hat sich nun einer umfangreichen Nachhaltigkeitsprüfung unterzogen. Sie hat bestanden, sie hat ein Zertifikat dafür bekommen. Wollen Sie damit von der Krisendiskussion ablenken?

Katzenmayer: Nein, natürlich nicht. Nachhaltigkeit ist für uns kein Zeitgeist- oder Marketing-Thema. Im Gegenteil: Nachhaltigkeit bildet den Kern unseres Geschäftsmodells – schon seit der Gründung im Jahr 1969. Nachhaltigkeit steht für uns nicht als zusätzliches Kriterium neben ökonomischen Größen. Sie bildet das Zentrum unseres Wirtschaftens. Mit der Nachhaltigkeitszertifizierung machen wir unsere Bank fit für das 21. Jahrhundert. Übrigens: Unser Weg findet nun, gerade vor dem Hintergrund der Krise, auch viel Beachtung bei anderen Institutionen; von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht bis zur Bundesbank.

ECOreporter: Was steckt genau hinter dieser Nachhaltigkeitszertifizierung?

Katzenmayer: Das ist eine Zertifizierung nach EMASplus, dem anspruchsvollsten europäischen Nachhaltigkeitsstandard. Das Nachhaltigkeitsmanagement EMASplus ist ein integriertes Managementsystem und richtet das Unternehmenshandeln bewusst und konsequent darauf aus, mittel- und langfristig ein möglichst positives Gesamtergebnis in den Bereichen Ökonomie, Ökologie und Sozial-Ethisches zu erzielen. Dies geschieht sowohl unter Betrachtung der betriebswirtschaftlichen als auch der gesamtgesellschaftlichen Perspektive. Wir sind die erste Kirchen- und Genossenschaftsbank, die das Verfahren durchlaufen hat.

ECOreporter: Hat sich durch die Nachhaltigkeitszertifizierung auch der Alltag in Ihrer Bank geändert, zeigt sich das beispielsweise bei Briefpapier und Computerdrucker?

Katzenmayer: Ja, die Veränderung hat bereits mit den ersten Schritten hin zur Zertifizierung begonnen. Wir waren zwar schon immer bestrebt, nachhaltig zu agieren, aber dieses Zertifizierungsverfahren hat alle Maßnahmen strukturiert und systematisiert. Beispielsweise haben wir seit Beginn der Vorbereitung für die Zertifizierung systematisch unsere Verbrauchswerte ermittelt. Das ist ein Aha-Effekt, denn indem man etwas misst, verändert sich automatisch das Bewusstsein. Die Indikatoren zum Ressourcenverbrauch, z.B. Umweltaspekte des Papiers, des Druckers, des Toners, fließen nun in ein Managementsystem. Dieses Managementsystem  beinhaltet auch entsprechende Zielvereinbarungen mit den Führungskräften.

ECOreporter: Wie wirkt sich das beispielsweise bei Dienstfahrten aus?

Katzenmayer: Unser großes Geschäftsgebiet reicht von Schwerin bis München. Zusätzlich haben wir eine Repräsentanz in Wien. Reisen sind deshalb ein großes Klimaschutz- und Umweltthema. Hier haben wir beispielsweise Autos auf Erdgasbetrieb umgestellt. Wir erfassen systematisch den CO2-Ausstoß jeder einzelnen Dienstreise. Wir arbeiten mit einem System, das direkt beim Tanken entsprechende Daten ermittelt. Wo es geht, sind Mitarbeiter und Führungskräfte natürlich angehalten, mit der Bahn zu fahren. Hier haben wir bei der Deutschen Bahn so genannte CO2-freie Bahnkilometer gekauft. Das Prinzip der CO2-freien Angebote ist einfach und transparent: Die Deutsche Bahn AG kauft die benötigten Mengen an regenerativem Strom anhand konkreter Buchungen und Prognosen vorab ein und speist diese in das Bahnstromnetz ein. Dort ersetzt die regenerative Energie den Strom aus anderen Quellen. So können wir auf Bahnreisen CO2-Emissionen komplett vermeiden.

ECOreporter: Wie nachhaltig war die Bank vor dem gesamten EMAS-Verfahren?

Katzenmayer: Wir waren auch vor dem Zertifizierungsverfahren schon sehr weit. Beispielsweise nutzten wir schon lange grünen Strom und haben eine eigene Photovoltaikanlage auf dem Dach unserer Hauptverwaltung in Kassel. Außerdem beachten wir die Grundsätze des energetischen Bauens. Zudem haben wir ökologische und ökonomische Leitlinien mit langfristig definierten Zielen verabschiedet. Wir haben sozial-ethische Grundsätze festgelegt, und das Wichtigste ist: wir leben sie. Das zeigt sich etwa darin, dass wir 73 Arbeitszeitmodelle haben, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Außerdem bezahlen wir Notplätze in Kindergärten und bieten unseren Mitarbeitenden ein aktives Gesundheitsmanagement mit Gesundheitstagen, Yoga-Schulungen und Burn-Out-Prävention. Wir haben strenge Führungsleitlinien, die natürlich auch für den Vorstand gelten. Uns ist der Umgang mit den Mitarbeitenden wichtig – er soll unter anderem geprägt sein von Respekt und Wertschätzung.

ECOreporter: Woran sehen Ihre Kunden, Kooperationspartner und andere, dass die EKK ein Nachhaltigkeitszertifikat hat?

Katzenmayer: Die IHK hat uns das Zertifikat im Rahmen einer offiziellen Feier in Kassel überreicht. Hierüber wurde in der Presse berichtet. Aber es gibt auch ein Signet an der Eingangstür zur Bank und in allen Filialen. Wir werden das Siegel auf allen Briefbögen verwenden und Kunden, Kooperationspartner und Verbände aktiv informieren. Damit zeigen wir unseren Lieferanten und Dienstleistern, dass wir in der gesamten Wertschöpfungskette auf nachhaltige Produkte und Leistungen Wert legen. Deshalb führen wir regelmäßige Lieferantenbefragungen durch. Wir wollen so weit wie möglich Produkte aus der Region oder von diakonischen Einrichtungen beziehen. Wir wollen, dass aus diesem Zertifikat eine Art „positiver Virus“ für Nachhaltigkeit wird, der sich immer weiter verbreitet.

ECOreporter: Das ist eine breite Palette an Aktivitäten. Gibt es eine verbindende Grundlage?

Katzenmayer: Die ergibt sich aus der Antwort auf die Frage: Wird die Schöpfung noch bewahrt - oder ausgebeutet?

ECOreporter: Inwiefern schlägt sich die Nachhaltigkeit im klassischen Bankgeschäft nieder?

Katzenmayer: Ein Signal setzen wir mit unserem Nachhaltigkeitsfilter. Den wenden wir auf unsere Eigenanlagen, aber auch auf die Geldanlagen für institutionelle Kunden an. Das heißt nicht, dass wir den Kunden diktieren: Das ist nachhaltig und das nicht. Aber wir ermöglichen ihnen, bei uns das Geld so anzulegen, dass es ihren individuellen nachhaltigen Wertevorstellungen entspricht.

Morgen veröffentlichen wir die Fortsetzung des ECOreporter.de-Interviews mit Thomas Katzenmayer. Darin geht es unter anderem konkret um nachhaltige Anlageprodukte.

Die Evangelische Kreditgenossenschaft eG (EKK) mit Sitz in Kassel ist eine genossenschaftlich organisierte Kirchenbank. Sie wurde 1969 auf Initiative der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck gegründet. Die Bilanzsumme beträgt per 31.12.2010 rund 4,1 Milliarden Euro. Knapp 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen in zwölf Filialen deutschlandweit rund 1.100 institutionelle Mitglieder bzw. 70.000 institutionelle und private Kunden, überwiegend aus dem Bereich Kirche, Diakonie und freie Wohlfahrtspflege. Seit 1998 ist die EKK auch in Österreich vertreten.

Die Basis der Geschäftstätigkeit bilden christliche Werte, die in einer gelebten Partnerschaft mit den Mitgliedern, Kunden, Kooperationspartnern und Mitarbeitenden sichtbar werden. Die nachhaltige Ausrichtung des Geschäftsmodells wurde im November 2011 mit dem EMASplus (Eco-Management and Audit Scheme) Siegel ausgezeichnet.

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