22.06.10 Fonds / ETF

„Nachhaltigkeit wird immer mehr zum Wettbewerbsvorteil“ – ECOreporter.de-Interview mit Johannes Sienknecht und Reinhard Stork, Pioneer Investments



ECOreporter.de:  Welche Anlagestrategie verfolgt der First Nachhaltig Wachstum?


Johannes Sienknecht: Bei dem Fonds handelt es sich um einen globalen Mischfonds, der maximal 70 Prozent in Aktien investieren kann. Dabei berücksichtigten wir strenge Nachhaltigkeitskriterien für die Auswahl der Aktien und Anleihen. Wir nehmen nur Emittenten ins Portfolio, die eine langfristige Wertschöpfung anstreben und dabei nach umwelt- und sozialverträglichen oder ethischen Maßstäben handeln. Auf dieser Grundlage verfolgen wir eine wachstumsorientierte beziehungsweise begrenzt risikobereite Anlagestrategie.


ECOreporter.de: Wie ist der aktuelle Platzierungsstand?

Reinhard Stork: Das aktuelle Fondsvolumen beläuft sich auf 116 Millionen Euro.


ECOreporter.de: Wie ist Nachhaltigkeit für den Fonds definiert?


Sienknecht: Die Nachhaltigkeit ist im Sinne des Zieldreiecks der UN-Umweltkonferenz in Rio de Janeiro von 1992 definiert. Demnach ist eine Maßnahme dann nachhaltig, wenn die drei Aspekte Ökologie, Ökonomie und Soziales gleichermaßen berücksichtigt werden. Beim Screening nach ökologischen und sozialen Aspekten arbeiten wir mit der unabhängigen Agentur oekom research zusammen. Nach strengen Ausschlusskriterien werden die Titel vorselektiert. Die ökonomischen Aspekte werden von uns hausintern analysiert.


ECOreporter.de: Nach welchen Kriterien funktioniert die Titelwahl?


Stork:
Eine erste Vorauswahl möglicher Titel findet anhand von Ausschlusskriterien statt. Vom Investment ausgeschlossen sind Unternehmen, die mit Alkohol, Atomenergie, Glückspiel, Pornographie, Rüstung und Tabak ihr Geld verdienen, ebenso wie jene, die zum Beispiel Umweltgesetze missachten, ihre Bilanzen fälschen oder Korruption betreiben. Die Auswahl des Anleiheuniversums ist ebenfalls klar geregelt: so wird beispielsweise nicht in Anleihen von Staaten investiert, die Atomwaffen besitzen oder die Todesstrafe praktizieren. In einem nächsten Schritt bewerten wir die Aktien mit einem hauseigenen quantitativen Modell sowie nach betriebswirtschaftlichen und markttechnischen Kriterien. Und auch die Anleihen durchlaufen ein quantitatives sowie qualitatives Screening. Auf der Grundlage dieser Analysen wird das Portfolio zusammengestellt.


ECOreporter.de: Wer kontrolliert wie oft, in wie fern die definierten Nachhaltigkeitsstandards eingehalten werden?


Stork: Unser Partner oekom research überprüft laufend, ob die festgelegten Nachhaltigkeitskriterien eingehalten werden. Sollte dies nicht der Fall sein, trennen wir uns von dem Titel.


ECOreporter.de: Was unterscheidet den First Nachhaltigkeit Wachstum von anderen nachhaltigen Fonds?


Sienknecht:
Zum einen handelt es sich um einen globalen Mischfonds, der neben Aktien auch in Anleihen investiert. Zum anderen sind strenge Ausschlusskriterien festgelegt, die von einem externen Partner überwacht werden. Darauf verzichten viele andere Nachhaltigkeitsfonds und verfolgen stattdessen einen Best-in-Class-Ansatz. Hinzu kommt, dass der Fonds in ein breit diversifiziertes Portfolio nachhaltig agierender Unternehmen und Emittenten investiert und nicht wie viele Themenfonds auf einzelne Sektoren wie etwa Solar oder Wind setzt.


ECOreporter.de: Welche Schwerpunkte werden gesetzt? Welche Branchen kommen für den Fonds in Frage, inwiefern setzt er regionale Schwerpunkte?


Sienknecht:
Grundsätzlich kommen alle Branchen in Frage, die nicht die Ausschlusskriterien verletzen und eine nachhaltige sowie langfristige Wertschöpfung anstreben. Auf der Aktienseite liegt der Schwerpunkt in Europa. Hinzu kommen Investments in Nordamerika und Asien. Die Rentenseite besteht aktuell zu 100 Prozent aus europäischen Emittenten. Dabei handelt es sich um Unternehmens- und Staatsanleihen sowie Pfandbriefe.


ECOreporter.de: Für welchen Anlegertyp wurde der Fonds entwickelt mehr Privatanleger oder eher institutionelle Großinvestoren?

Stork: Der Fonds wurde in erster Linie für Privatanleger konzipiert, die einen Nachhaltigkeitsfonds mit vermögensverwaltendem Charakter suchen. Dabei sollten das Nachhaltigkeitskonzept und die Ausschlusskriterien des Fonds für die Investoren ausschlaggebend sein. Die Struktur in vier verschiedene Tranchen erlaubt vielfältige Investitionsmöglichkeiten. Die Mindesteinlage beträgt allerdings 10.000 Euro.


ECOreporter.de: Wie sieht die Gebührenstruktur aus?


Sienknecht:
Je nach Anteilsklasse variiert die Gebührenstruktur. So liegt der Ausgabeaufschlag zwischen drei und sechs Prozent. Die Verwaltungsvergütung beträgt zwischen 1,2 und 1,9 Prozent und die Depotbankvergütung beläuft sich für alle Tranchen auf 0,05 Prozent.


ECOreporter.de: Wie ist der Fonds durch das Krisenjahr 2009 gekommen und warum ist es richtig, jetzt in der Euroschuldenkrise in den Fonds zu investieren?


Stork: Insgesamt ist der Fonds mit einem Plus von rund 16 Prozent gut durch das schwierige Jahr 2009 gekommen. Was die aktuelle Euro-Krise betrifft, so sind wir im Bereich Gouvernement Bonds nicht in den Problemländern wie Griechenland und Spanien investiert, da sie nicht unsere definierten Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Ein Beweis dafür, dass unser Konzept funktioniert. Grundsätzlich lohnt sich das Investment in einen Nachhaltigkeitsfonds, da der Aspekt der Nachhaltigkeit immer mehr zu einem Wettbewerbsvorteil für Unternehmen wird. Entsprechend agierende Firmen gehören häufig auch wirtschaftlich zu den Top-Performern. Hinzu kommt, dass nachhaltig orientierte Unternehmen in der Regel innovationsfreudiger sind und sich so neue ertragsreiche Geschäftsfelder erschließen. Das sind Erfolge von denen auch unsere Anleger profitieren.

ECOreporter.de: Hat sich das Anlegerverhalten in der Krisenzeit verändert? Was ist anders?


Sienknecht:
Anleger legen ihren Fokus auf liquide, transparente und einfache Produkte. Dabei werden Investments in alternative Asset-Klassen und Zertifikate von vielen Investoren gemieden. Auch das Thema Flexibilität findet größere Beachtung. Daher erfreuen sich Mischfonds großer Beliebtheit. Ein Blick auf die aktuelle BVI-Statistik (BVI steht für Bundesverband Investment und Asset Management - Anmerkung der Redaktion) belegt dies. Danach verzeichneten Mischfonds mit plus 7,8 Milliarden Euro mit Abstand das höchste Mittelaufkommen zwischen Jahresbeginn und April dieses Jahres.   


ECOreporter.de: Wie kam es zur Auflage des First Nachhaltig Wachstum und welche Rolle spielt Ihr Unternehmen bei dem Produkt? Wer war beteiligt?


Stork: Das Produkt wurde Ende 2007 aufgelegt, um der steigenden Nachfrage von Privatanlegern nach nachhaltigen Anlageprodukten gerecht zu werden. Dabei wurde das Portfolio zunächst ausschließlich von Pioneer Investments verwaltet. Seit dem 01.01.2010 übernehmen wir die Titelselektion und unser Partner die Hypovereinsbank die Asset Allocation.


ECOreporter.de: Welche Erfahrungen in Sachen Nachhaltigkeit bringen Sie und die Partner ein?

Sienknecht: Nachhaltige und ethisch-orientierte Anlagen haben bei Pioneer Investments Tradition. Bereits beim ersten Fonds des Hauses, der 1928 aufgelegt wurde, haben wir auf ethische Grundsätze gesetzt und Anlagen aus den Bereichen Alkohol, Glückspiel und Tabak ausgeschlossen. Das ist bis heute so geblieben. Zudem verwalteten wir mit dem 1990 aufgelegten Pioneer Funds – Global Ecology einen der weltweit größten und erfolgreichsten Nachhaltigkeitsfonds. Unser Partner oekom research blickt ebenfalls auf eine lange Erfolgsgeschichte zurück. Seit 1993 ist die Rating-Agentur im Bereich nachhaltige Investments tätig und gehört heute zu den weltweiten führenden Anbietern.


ECOreporter.de:  Planen Sie, im Nachhaltigkeitssegment neue Produkte?


Stork: In den kommenden Wochen planen wir die Neuauflage eines weiteren globalen Nachhaltigkeitsfonds. Dieser wird im Vergleich zum First Nachhaltigkeit Wachstum etwas defensiver orientiert sein. Je nach Marktentwicklung kann die Aktienquote im Portfolio zwischen null und maximal 50 Prozent betragen, die Anleihen-Quote entsprechend bis zu 100 Prozent. Damit haben wir ein Höchstmaß an Flexibilität und möchten der gestiegenen Risikoaversion viele Anleger gerecht werden.


ECOreporter.de: Wie wird sich der Markt für nachhaltige Investmentfonds in der nahen Zukunft entwickeln? Was oder/und wer wird die Nachfrage wesentlich bestimmen?

Sienknecht:
Das steigende Interesse der vergangen Jahre an Nachhaltigkeitsfonds wird sich fortsetzen. Kunden achten zunehmend darauf, ob ein Fonds Rendite um jeden Preis anstrebt oder aber auch ökologische und ethische Kriterien berücksichtigt. Die Finanzkrise hat diesen Trend nochmals verstärkt. Dabei wird das Umdenken in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hin zu einem umweltschonenden und sozialverträglichen Wirtschaften die treibende Kraft sein. Zudem entdecken immer mehr Unternehmen die Wettbewerbsvorteile nachhaltigen Wirtschaftens. Ein prominentes Beispiel ist hier der Automobilhersteller BMW, der seit 2007 sehr stark auf das Thema Nachhaltigkeit in seiner gesamten Wertschöpfungskette setzt.


ECOreporter.de: Herzlichen Dank für das Interview!
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x