31.05.12 Erneuerbare Energie

Nadelöhr Netzausbau? – Experten fordern Kurskorrekturen bei der Energiewende



Der Ausstieg aus der nuklearen und fossilen Energieversorgung, so wie er von der Bundesregierung derzeit geplant wird, braucht in den kommenden zehn Jahren 3.800 Kilometer gänzlich neue Höchstspannungsleitungen. So weist es der nun vorgelegte nationale Netzentwicklungsplan aus, der im Auftrag der Bundesnetzagentur von den vier großen Stromnetzbetreibern TenneT, 50HertzTransmission (ehemals Vattenfall), der EnBW-Tochter TransnetBW und Amprion vorgelegt wurde.

Damit übertrifft er die Schätzung der Deutsche Energie-Agentur (dena) von 2010. Die dena Netzwerkstudie II weist 3.600 Kilometer Zubaubedarf aus. Und der Netzausbauplan geht noch weiter: Zusätzlich zu den neuen Stromtrassen sollen die Leitungen auf 2.800 Kilometern Länge des bestehenden Netzes erneuert werden. Insgesamt beziffern die Netzbetreiber den Aus- und Umrüstungsbedarf auf 10.000 Kilometer Stromkabel. Die geschätzten Gesamtkosten dieser Maßnahmen: 32 Milliarden Euro. 20 Milliarden Euro davon sieht die Studie für das Übertragungsnetzwerk vor, weitere zwölf Milliarden Euro werden für den Anschluss der Offshore-Windenergie veranschlagt.

Diese Investitionen müssten allerdings in Relation zu der ihrer Wirkungsdauer von 30 bis 40 Jahren gesehen werden, sagt Dietmar Schütz, Präsident des Bundesverbands Erneuerbare-Energie (BEE). Langfristig gerechnet, hält der BEE die Kosten für überschaubar: Gehe man von den in dem Netzentwicklungsplan genannten Eckdaten aus, bedeute dies „maximal 0,5 Cent pro Kilowattstunde“ mehr, so Schütz.

Aber die Zeit drängt, denn von den 1800 Kilometern Stromtrassen, die seit 2009 als so genanntes Startnetz geplant sind, sind nach übereinstimmenden Medienberichten bislang nur 214 Kilometer umgesetzt. Und: spätestens 2022 soll das letzte deutsche Atomkraftwerk abgeschaltet werden. Zusätzlich erschwert wird die angestrebte Auf- und Umrüstung des Stromnetzes dadurch, dass vielerorts Bürgerinitiativen gegen den Ausbau vor der eigenen Haustür protestieren.

Das Energiewende-Konzept der Bundesregierung sieht vier große Trassen vor, die den Strom von Norden nach Süden transportieren. In diesen Plänen spielt auch die Hochsee-Windkraft weiter eine große Rolle, deren Ausbau und Integration ins Stromnetz sich bislang als schleppend und schwierig erwies (ECOreporter.de Opens external link in new windowberichtete). Vertreter der Erneuerbare-Energie-Industrie bekräftigen angesichts dieser Gemengelage ihre Forderung nach einem Umdenken bei der Energiewendepolitik. Statt auf teure und aufwendige Fernleitungen zu setzen, plädieren sie für dezentrale regionale Netze: „Je mehr regenerative Kraftwerkskapazitäten wir in einzelnen Regionen haben, desto geringer fällt der Bedarf an Fernübertragungsleitungen aus“, so BEE-Präsident Schütz. Dieser Einschätzung schloss sich auch Werner Neumann vom BUND an. „Jede Kilowattstunde, die nicht direkt vor Ort produziert wird, muss nicht quer durch Deutschland transportiert werden“, merkt der Energieexperte der Umweltschutzorganisation an.

Bildnachweis: Montage eines Offshore-Windparks von wpd. / Quelle: Unternehnen.


„Netzausbauplan soll zentralistische Strukturen stärken“

Peter Droege, Präsident des Solarbranchenverbands Eurosolar, geht noch weiter: Was im Netzentwicklungspaln als unvermeidbar dargestellt werde, sei eine bewusste Entscheidung, bestehende Versorgungs- und Machstrukturen im Energiesektor zu bewahren und sogar noch auszubauen. „Der vorliegende Entwurf des Netzentwicklungsplans ist unter einer falschen Prämisse entstanden“, so Droege. Wenn man die Solar- und Windstrompotenziale der einzelnen Regionen sinnvoll nutze, würden gigantische Stromtrassen von der Nordsee bis in den Süden der Republik überflüssig. Das gelte sowohl für die Solar- als auch die Onshore-Windenergie, so Droege weiter. Alle Planungen im Vorfeld und der Netzentwicklungsplan selbst seien jedoch auf zentralistische Strukturen ausgerichtet und übersähen die reale Entwicklung beim Ausbau der Erneuerbaren Energien. Deshalb sei es nun Sache der betroffenen Bundesländer, eine Revision des Netzentwicklungsplans einzufordern, fügte Eurosolar-Geschäftsführerin Irm Scheer-Pontenagel hinzu.


Die Umrüstung des deutschen Stromnetzes allein auf die Anforderungen der Energiewende zurückzuführen halten Branchenvertreter für zu kurz gegriffen: „Nicht nur der Ausbau der Erneuerbaren Energien, sondern auch die verstärkte Anbindung ans europäische Netz und die künftige Einbindung konventioneller Kraftwerke, stellen Anforderungen, die das heute vollkommen veraltete Netz nicht bewältigen kann“, mahnt Hermann Albers, Präsident des Bundesverband WindEnergie (BWE).

Netzausbaufahrplan soll 2013 konkret werden

Und wie geht es weiter? Der vorliegende Netzentwicklungsplan ist bislang eher skizzenhaft. Er soll im Jahresverlauf 2012 weiterentwickelt werden. Bis zum 10. Juli 2012 können sich Bürger Opens external link in new windowhier informieren und selbst Stellung nehmen. Ende dieses Jahres soll der Bundestag über die Notwendigkeit der geplanten Stromtrassen-Verläufe bestimmen. Anschließend legt die Bundesnetzagentur gemeinsam mit den Kommunen fest wie die künftigen Stromautobahnen verlaufen.
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