17.06.10 Nachhaltige Aktien , Erneuerbare Energie , Meldungen

Obama kündigt für die USA die Abkehr vom Öl an - was bedeutet das für Grünstrom-Investments?




Schon bevor der US-Präsident seine Ansprache an die Nation hielt, war für viele Börsianer klar, dass seine Rede neunen Wind in die Segel von Unternehmen aus der Branche der Erneuerbaren Energien blasen würde. Die Aktienkurse von US-Solarkonzernen wie First Solar und SunPower gewannen deutlich an Wert. Schließlich sind Investments in Aktien solcher Grünstromunternehmen im Kern eine Wette darauf, dass der Ölpreis steigt. Verteuert sich das Öl, sinkt die Hemmschwelle für Investments in alternative Energien, so die vereinfachende Faustregel, die an den Finanzmärkten seit Jahren herrscht. Demnach dürften die Portfolios für Aktionären und Fonds, die stark auf Unternehmen aus Cleantech und saubere Energie setzen, bald kräftig an Wert gewinnen. Denn eines stellt Obama in seiner Rede deutlich heraus: „Die Tage des billigen Öls sind gezählt.“

Das heißt aber nicht, dass die Vereinigten Staaten in kürzester Zeit auf Elektroautos und Erneuerbare Energien umschwenken werden. Der Wirtschaftskoloss USA ist ein riesiger Tanker, der sehr lange braucht, um umzusteuern. Schon bei seiner Amtseinführung hatte Obama versucht, die sauberen Energien zu puschen und schon im Wahlkampf immer wieder betont, dass sein Land die enorme Abhängigkeit vom Öl deutlich verringern muss. Täglich importiert es etwa eine Milliarde Tonnen Öl, zu großen Teilen aus Regionen des Nahen Ostens, die politisch instabil sind und hohe außenpolitische Risiken bergen. Zudem verstärkt diese Abhängigkeit die wirtschaftlichen Konflikte mit China, das zum großen Konkurrenten der Vereinigten Staaten heran wächst und schon sich schon heute große Stücke vom weltweiten Ölkuchen einverleibt, mit stark wachsender Tendenz. Obwohl auch in den USA stark nach Öl gebohrt wird und in den letzten Jahren viele Beschränkungen solcher Förderungen verringert oder ganz aufgegeben wurden, wächst diese Abhängigkeit und steigen die mit ihr verbundenen Risiken für das Land.

Zumal die Förderung von Öl bereits seit Jahren rückläufig ist, die Verfügbarkeit von Öl sinkt. Tiefseebohrungen galten zuletzt als große Hoffnung westlicher Ölkonzerne. Durch das Unglück im Golf von Mexiko ist die Annahme im Kern erschüttert, diese hoch riskante Fördermethode könne zu vertretbaren Risiken und Kosten ausgleichen, dass immer mehr Ölquellen ausgeschöpft sind und versiegen.

Doch US-Politiker, die wie Obama eine Kehrtwende anstreben, drängen seit Jahren nicht damit durch. Natürlich bietet das Desaster im Golf von Mexiko, dass der Ölkonzern BP zu verantworten hat, jetzt die einmalige Chance, die Energiewende in den USA voran zu bringen. Doch zum einen ist Obama auch in seiner aktuellen Ansprache einen Plan schuldig geblieben, mit dem er konkrete Maßnahmen umsetzen und vor allem durchsetzen will. Zum anderen stellen die politischen Strukturen des Landes an sich schon Barrieren dar, die nur sehr schwer zu überwinden sind. Wie die Debatte über die Gesundheitsreform gezeigt hat, die trotz weit verbreiteter Einsicht, dass das alte System nicht zukunftsfähig ist, lassen sich grundlegende Reformen im US-Senat kaum durchsetzen, weil dafür rund 60 Prozent der Stimmen benötigt werden, um eine Minderheitsblockade zu verhindern. Im Herbst drohen die Demokraten dort sogar ihre bisherige knappe Mehrheit zu verlieren.

Die Republikaner werden auch angesichts der Ereignisse vor der Südküste nicht dazu umschwenken, den Ausbau alternativer Energien zu befördern. Nicht nur weil in dieser Partei die Lobby aus den Branchen der fossilen Energieträger noch stärker ist als bei den Demokraten, wo einige Senatoren aus Bundesstaaten mit starker Bedeutung der Kohlebranche ausgereicht haben, Obama daran zu hindern, sich einem weltweit verpflichtenden Klimaabkommen anzuschließen. Die Republikaner stellen sich seit jeher allen Gesetzen in den Weg, die den Einfluss der Zentralregierung erhöht. Denn das rührt an ihr Grundverständnis von Politik. Aber nur eine Zentralisierung der Energiepolitik, die die Energieversorgung stärker und vereinheitlichend regenerativ ausrichtet, könnte schnelle Änderungen und einen zügigen Energiewandel durchsetzen.

Das bisherige Instrument der Steuervergünstigungen für Grünstromprojekte, die so genannten Investment Tax Credits (ITC), hat weitaus weniger Zugkraft, wie es ein bundesweites Fördersystem nach dem Vorbild des deutschen EEG hätte – obwohl es unter Obama bereits stark ausgebaut wurde. Ein solches einheitliches Bundesgesetz wie das EEG, mit festen Vergütungen für Strom aus regenerativen Quellen, ist in keiner der beiden großen Parteien durchsetzbar – der Mehrheit der Politiker wie der Bürger erscheint es zu dirigistisch.

Somit müssen die Bundesstaaten die Energiewende umsetzen, und viele davon bemühen sich seit Jahren darum. Aber die Systeme, die dabei eingesetzt werden, unterscheiden sich mitunter stark, sind oft mit sehr viel Bürokratie verbunden. Grünstromunternehmen müssen daher mit einem Flickenteppich von unterschiedlichen Rahmenbedingungen für alternative Energieprojekte zurecht kommen, der dadurch noch unübersichtlicher wird, dass oft auch noch die Gemeinden vor Ort das Recht haben, eigene Regeln geltend zu machen. Gänzlich übersichtlich wird dieses „patchwork“ dadurch, dass der Markt der Energieversorger in den Vereinigten Staaten äußerst kleinteilig ist. Diese potentiellen Abnehmer von alternativem Strom agieren nicht nur mit eigenen Tarifen. Oft legen sie auch die Rahmenbedingungen etwa für den Netzanschluss und die Einspeisung fest.

Diese Gemengelage belastet die Umsetzung und die Wirtschaftlichkeit von Grünstromprojekten in den USA enorm. Sie führt etwa dazu, dass sich das Niveau des Zubaus der US-Photovoltaik trotz hervorragender natürlicher Bedingungen zuletzt lediglich auf dem Level von Tschechien  bewegte und es noch Jahre dauern wird, bis dieser riesige Flächenstaat das deutsche Niveau erreichen wird. Es ist nicht zu erkennen, mit welchem Instrument Obama den gordischen Knoten der nachteiligen Rahmenbedingungen für alternative Energieerzeugung in den USA zerschlagen will. Er setzte bei seinem großen Stimuluspaket für die US-Wirtschaftat den Hebel mit guten Gründen ohnehin an einer anderen Problemstelle an. Seine Administration stellt Milliarden dafür zur Verfügung, das völlig marode Netz der Stromleitungen zu modernisieren und auszubauen. Denn das bestehende Netz wäre überhaupt nicht in der Lage, deutlich mehr in den USA erzeugten Grünstrom weiterzuleiten.

Es steht außer Frage, dass auch in den Vereinigten Staaten der Markt für alternative Energieerzeugung stark wachsen wird. Spektakuläre Wachstumsschübe sind dort allerdings nicht zu erwarten. Daher ändert die Rede des US-Präsidenten auch nichts an den Wachstumsaussichten von in den USA aktiven Grünstromunternehmen. Die Katastrophe im Golf von Mexiko kann aber immerhin dazu führen, dass die Notwenigkeit eines Wandels der Energieerzeugung von einem Großteil der US-Bevölkerung begrüßt wird und sich dagegen nicht ein Sturm der Entrüstung erhebt wie gegen die Gesundheitsreform.

Bildhinweis: Der Ausbau der US-Windkraft war in den letzten zehn jahren von einem 'stop & go' geprägt: Windpark in News Mexiko. / Quelle: GE Energy
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