02.09.04 Nachhaltige Aktien , Meldungen

Phrasen-Dreschmaschine auf Hochtouren: Dräger Medical quakt mit - fast - poetischer Schönheit

Manchmal erreichen die Redaktion Pressemeldungen, die uns in Erstaunen versetzen. Denn man hat ja so seine gewisse Vorstellung davon, wie sich Realität und Sprache einander nähern sollten. Die Presseabteilungen mancher Unternehmen bevorzugen allerdings teilweise eine, sagen wir einmal, "indirekte Annäherungsweise von Sprache und Wirklichkeit". Anders mit Worten in eine sprachliche Ausdrucksweise vom Schreiber zum Leser gebracht: Sie reden um den heißen Brei herum. Anscheinend vor allem, damit keiner merkt, dass irgendwie irgendwo doch etwas zu sagen sein könnte, was nicht positiv ist. Hey, Leute: Haltet Euch an Macchiavelli: Schlechte Nachrichten komprimiert und deutlich!

Aber nicht so: "Dräger Medical baut Wettbewerbsfähigkeit aus und will Arbeitsplätze in Deutschland sichern / Standort Lübeck auf dem Prüfstand" - da denkt sofort jeder, die ganze Belegschaft wird an die Luft gesetzt. Oder wollt ihr genau das sagen?

Na ja, Ihr habt ja eine Begründung: "Die Dräger Medical ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen..." genau, denken, wir, bestimmt hat sich dann auch die Komplexität erhöht, wie meistens in solchen Fällen, wir kennen das ja von der eigenen Unordnung im Keller, die wird auch immer "komplexer" - und tatsächlich - O-Ton Dräger-Meldung: "....und die Komplexität der internen Abläufe hat sich stark erhöht, so dass die vorhandenen Strukturen im Lübecker Stammwerk nicht mehr optimal sind." Oh oh, "nicht optimale Strukturen" - also sind die Kündigungsschreiben schon fertig, fragen wir uns? Und dann bringt Dr. Wolfgang Reim, Vorstandsvorsitzender der Dräger Medical, eine Antwort auf unsere Frage, die, nun, sagen wir es mal so, in ihrer ganzen sprachlichen Vielfalt, ihrer Klarheit der Gedankenführung, ihrer ganz eigenständigen Ausdrucks-Ästhetik....ach was, Kunst kann man nicht beschreiben, man muss sie lesen. Bitteschön, so klingt es im Original: "Der Wettbewerbsdruck auf dem Weltmarkt hat sich weiter verstärkt. Unsere Optimierungsmöglichkeiten am heutigen Standort sind mit den laufenden Programmen ausgeschöpft. Zum Beispiel im Hinblick auf Raumstrukturen, Waren- und Kommunikationsfluss sind erhebliche Veränderungen notwendig, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die in den heutigen Strukturen nur bedingt umsetzbaren Maßnahmen für weiteres, nachhaltiges Wachstum und die zu erwartenden hohen Aufwendungen für Renovierung und Umbau sind ein Wettbewerbsnachteil am bisherigen Standort. Jetzt müssen....Alternativen.... im Umkreis oder in Norddeutschland, aber auch im Ausland, geprüft werden, um rechtzeitig die Weichen zu stellen für eine langfristige Wettbewerbsfähigkeit und kosteneffiziente, auf Wissensmanagement ausgerichtete Standortstrukturen."

Wow! Da lief die Phrasendreschmaschine aber heiß, oder? Alles drin, was dazu gehört: Aufwendungen, Kommunikationsfluss, Optimierung, Strukturen, Standortstrukturen (kosteneffiziente), Weltmarkt, Wettbewerbsdruck, Wettbewerbsnachteil ...manches hätte man ruhig mehrfach bringen können, als Verstärker....doch halt! Es geht ja weiter in der Dräger-Prosa:

"Dazu wird eine umfassende Standortanalyse im Hinblick auf Optimierung des Kommunikationsflusses, Steigerung der Produktivität und der Attraktivität für Mitarbeiter und Kunden vorgenommen. Parallel wird eine Analyse der Kommunikationsabläufe durchgeführt, um eine optimierte Gebäudestruktur für Wissensdesign zu entwickeln." Vor allem der letzte Satz, also, vielleicht erlauben wir uns doch eine Verbesserungsanregung: Die "optimierte Gebäudestruktur für Wissensdesign" - hätte es nicht etwas besser geklungen, wenn Dräger gesagt hätte: Wir installieren jetzt auch Telefone im Haus, und jeder Mitarbeiter bekommt einen Notizzettel?

Nun, aber insgesamt echt prima, der Plan. Sicherlich muss er noch in Gremien abgestimmt werden, sind da nicht auch Strukturen zu beachten? Ach, da kommt es: O-Ton Dräger: "Auf dieser Basis erfolgt anschließend eine konkrete Planung, um bis Ende des Jahres 2004 nach Abstimmung mit den Gremien die Entscheidung über die zukünftige Gebäudestruktur und den zukünftigen..........." undsoweiterundsofort, Kommunikation, Wettbewerb, Analyse, Struktur, Gremien......

Was wollte uns Dräger eigentlich sagen? Ach so, doch, wir blicken durch: Analyse, Wettbewerb, Struktur, Nachteil....klar! Danke für die Meldung!

Bild: Dräger Oxylog 3000
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