Ein Teakbaum: Auch mit Teakholz aus Brasilien machte Lignum Geschäfte. / Foto: Pixabay/CC0-Lizenz

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Pleite bei Holzinvestments: Wie kam es zur Lignum-Insolvenz? Teil II der ECOreporter-Serie

Was sind die Ursachen für die Lignum-Insolvenz? ECOreporter.de berichtet in einer mehrteiligen Serie über die Hintergründe der Holzinvestment-Pleite.  Im ersten Teil haben wir unter anderem über den aktuellen Stand des Insolvenzverfahrens der Lignum Holding und der Lignum Sachwert Edelholz berichtet.

Wieso schlug das Geschäftsmodell mit den Holzinvestments in Bulgarien fehl? Wo sind die rund 65 Millionen Anlegergelder geblieben? Fragen, die sich nicht nur die betroffenen Investoren, darunter viele Kleinanleger, stellen. Dem Insolvenzverwalter der Lignum Holding, Prof. Rolf Rattunde aus Berlin, fällt es jedoch schwer, Informationen über das Firmengeflecht der Lignum-Gruppe und das Geschäftsmodell einzuholen. Denn keiner der rund 400 Angestellten des Unternehmens stand mehr für seine Fragen zur Verfügung: "Sämtliche Mitarbeiter der Gruppe waren bei Insolvenzantragstellung bereits gekündigt und von der Arbeit freigestellt, ein laufender Geschäftsbetrieb wurde bei keiner der Gesellschaften vorgefunden. Vor diesem Hintergrund gestalten sich die Ermittlungen äußerst schwierig, insbesondere die Aufklärung der wirtschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse in Bulgarien", teilte Rattunde ECOreporter mit.

Rattunde konnte für sein Insolvenzgutachten auch nur einen Teil der Geschäftsunterlagen der Lignum Holding in Augenschein nehmen. Von dem Betrieb in Bulgarien lagen nur Jahresabschlüsse vor. Deswegen sei das Gutachten vermutlich nicht vollständig, hieß es. Das noch vorhandene Vermögen des Unternehmens beträgt rund 340.300 Euro. Allerdings habe Lignum Verbindlichkeiten in Höhe von rund 6,03 Millionen Euro, von denen rund 636.000 Euro sofort fällig seien. An liquiden Mitteln stehen nur rund 34.300 Euro bei verschiedenen Banken zur Verfügung. Es bestehen Rattunde zufolge keine Aussichten zum Erhalt des verschuldeten Unternehmens. Die Kosten des Insolvenzverfahrens können knapp gedeckt werden. Stellt sich also die Frage: Wo sind all die Millionen hin?

Plantagen in Bulgarien: Schädlinge, Missernten und Unwetter?

Ein Teil der Investmentgelder versickerte offenbar in den Plantagen: Offenbar gab es in Bulgarien Schwierigkeiten, was die Beschaffung geeigneter Bepflanzungsflächen und den Personaleinsatz anging. Diverse Flächen waren ungeeignet und wurden vergeblich bepflanzt, auf anderen litten die Baumsetzlinge unter Unwettern, Schädlingen und Vandalismus. Die im Land herrschende Korruption in der Verwaltung und im Rechtssystem war laut Lignum-Geschäftsführung ebenfalls problematisch: "Viele Probleme ließen sich daher nur mit Gefälligkeiten lösen", zitiert das Insolvenzgutachten die Aussagen von Andreas und Peter Nobis. Sowohl ehemalige Mitarbeiter als auch Vermittler der Finanzprodukte hatten die Pflanzungen in Bulgarien besucht, ihnen war zu diesem Zeitpunkt aber nicht klar, welche Probleme es vor Ort gab.

Auch falsche Finanzprognosen spielten offenbar eine Rolle: Wie der Ex-Vorstand der Lignum Sachwert, Andreas Rühl, dem Insolvenzverwalter mitteilte, gab es vor allem 2012 erhebliche wirtschaftliche Probleme. In der Geschäftsführung hatte man für das Jahr mit Mittelzuflüssen in Höhe von 18 Millionen Euro gerechnet. Diese wurden jedoch nicht ansatzweise erreicht: Aus den Verkäufen konnte Lignum nur 6,7 Millionen an Kapital erzielen. 2015 folgte ein erneuter Einbruch, "statt der geplanten 12 bis 13 Millionen Euro wurden lediglich 6,2 Millionen Zuflüsse realisiert."

Außerdem hatte sich Lignum in Bulgarien auf Robinienplantagen spezialisiert – als Ersatz für Tropenhölzer in der Möbelindustrie. Allerdings wurde das Robinien-Holz weniger nachgefragt als von der Lignum-Geschäftsführung erhofft, und die erwarteten Preise wurden nicht erzielt. Auch ein konzerneigener Holzverarbeitungsvertrieb in Bulgarien konnte mit den Robinien-Möbeln keine nennenswerten Umsätze erzielen. Unter der Marke "Vivum" wollte Nobis die "einzigartigen Möbel aus edlem Robinien-Holz" vermarkten, wie es auf der letzten noch existierenden Webseite der Lignum-Gruppe heißt. Die Vivum furniture GmbH, vormals RoBaSys GmbH, wurde dreimal umbenannt und ist jetzt ebenfalls insolvent. 

Ein ehemaliger Lignum-Mitarbeiter äußerte sich anonym in einem Anlegerforum zu den Problemen im Unternehmen. Ihm zufolge waren die ausgewiesenen Werte und Erträge der Zwischenernte viel zu hoch angesetzt: "Die Erträge konnten nur deshalb in der prognostizierten Höhe ausgewiesen werden, weil die Ernte von der 'hausinternen' Vivum-Möbel zu überhöhten Preisen gekauft wurden." Den Kunden wurde laut Gutachten suggeriert, "dass Tochtergesellschaften oder verbundene Unternehmen als Käufer auftraten und die Holzmengen zu den beim Erwerb prognostizierten Preisen abnahmen." Insolvenzverwalter Rattunde konnte bisher nicht feststellen, ob das Holz tatsächlich an die Gesellschaften geliefert wurde, oder ob jemals nennenswerte Erlöse über externe Abnehmer vereinnahmt werden konnten. 

Auf den Prospekt-Streit mit der BaFin folgte der Vertriebsstopp

Dann grätschte laut Lignum auch noch die BaFin dazwischen: Die Lignum Sachwert Edelholz stritt sich mit der Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungen (BaFin) darüber, ob sie einen Verkaufsprospekt veröffentlichen musste oder nicht. Laut BaFin gab es durchaus eine Prospektpflicht für die Produkte.  Letzten Endes reichte Lignum einen unvollständigen Prospekt ein – und musste den Vertrieb ihrer Produkte einstellen.

Durch den Vertriebsstopp kam kein frisches Geld mehr rein, und die Insolvenz folgte kurze Zeit später. "Die Lignum hat keine Cash-Rückstellungen für die Bewirtschaftung gebildet, sondern die dafür kalkulierten Beiträge wiederum in Bäume investiert", so der Ex-Mitarbeiter. Man habe darauf vertraut, dass genügend Neugelder eingehen würden, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Hierdurch sei es auch vor der Insolvenz mehrfach zu Liquiditätsproblemen gekommen: "Löhne wurden des Öfteren nicht bezahlt und Arbeiter in Bulgarien en masse entlassen."

Mit Anlegergeldern Grundstücke in Bulgarien gekauft

Wie aus dem Insolvenzgutachten hervorgeht, sondern auch Grundstücke über Unternehmen in Bulgarien gekauft, auf denen die Plantage wachsen sollten. Im Insolvenzbericht werden die Agron Wardim EOOD und die Lignum Bulgaria OOD als Grundbesitzeigentümer aufgeführt, beide funktionieren nach bulgarischem Recht. Es sei somit unmöglich festzustellen, wie viel Lignum-Vermögen in Bulgarien noch vorhanden ist. Nach der Auskunft von Andreas Nobis, die das Insolvenzgutachten wiedergibt, sei man auf Treuhandkonstruktionen angewiesen gewesen, weil Ausländern der Zugang zum bulgarischen Markt erschwert sei. Etwa habe Lignum in Bulgarien keine Immobilien erwerben dürfen. Nobis war für eine Stellungnahme für ECOreporter telefonisch und schriftlich nicht zu erreichen.

Zur Lignum-Unternehmensgruppe zählen neben zwei Stiftungen und der Holding noch insgesamt elf weitere Unternehmen, zeigt ein Organigramm im Insolvenzgutachten.


Undurchsichtige Geschäfte mit Teakholz aus Brasilien

Ein weiteres Standbein der Lignum war das Geschäft mit Teakholz in Brasilien. Auch das lief laut Insolvenzbericht nicht so wie geplant: Eigentlich wollte Lignum von der niederländischen Floresteca Gruppe Holz kaufen und an ihre Kunden weiterverkaufen. Lignum war Eigentümerin der brasilianischen Plantagen, die von Floresteca betrieben wurden. Doch Floresteca hielt offenbar viele Liefertermine nicht ein oder lieferte weniger Teakholz an die Lignum-Kunden als vereinbart. Dies wurde den Kunden allerdings nicht kommuniziert, heißt es in Rattundes Gutachten. Stattdessen erklärte Lignum den Investoren, dass die Weltmarktpreise für Teak derzeit ungünstig seien. Man bot den Kunden aber an, deren Holz zum im Verkaufsprospekt genannten Preis selbst anzukaufen – worin viele einwilligten.

Welche Chancen haben die Anleger, dass sie ihr Geld wiedersehen?

Anleger, die 2010 in das Holz-Investment eingestiegen sind, sollten ab 2018 ihre erste Ausschüttung erhalten. Deshalb dürften viele Anleger, die 2010 oder später investiert haben, noch keine Rückflüsse erhalten haben. Weil die Kunden/Investoren Verträge mit den Tochtergesellschaften haben, aber nicht mit dem Mutterkonzern, bestehen Rattundes Einschätzung nach nur mittelbare Ansprüche der Gläubiger.

Ein Anspruch gegenüber der Lignum Holding könnte aber im Rahmen der sogenannten Pfandrechte bestehen: Dieses erstrangige Pfandrecht besteht für eine Parzelle mit Edelholz, deren Fläche der von den Anlegern gekauften Edelholz-Menge entsprechen sollte. Das besondere Pfandrecht dient im bulgarischen Recht zur Besicherung von Ansprüchen bzw. Forderungen, vergleichbar mit einer Hypothek. Es wird in ein öffentliches Register eingetragen, womit das Pfandrecht rechtlich besonders geschützt ist. Anleger können das Holz durch einen Bevollmächtigten, die bulgarische Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Consisto EOOD aus Varna, verwerten lassen.

Derzeit warten die Anleger auf die Eröffnung des Insolvenzverfahrens über das Vermögen der Lignum Sachwert Edelholz AG. Denn dann können alle Holzkäufer, die Kaufverträge mit dieser Gesellschaft abgeschlossen und Anzahlungen geleistet haben, ihre Forderungen anmelden. Die betroffenen Anleger wünschen sich nur eines: Aufklärung: "Wir hoffen, dass die Staatsanwaltschaft sich der Angelegenheit annimmt und im Rahmen ihrer Ermittlungen Näheres über die Ursachen des gewaltigen hinterlassenen Schadens und über die Schuldfrage zu Tage bringen wird", so die IGeLignum - Interessengemeinschaft Lignum "Anleger für Anleger". Die IGeLignum ist aus Diskussionen in einem Internetforum zur Lignum-Insolvenz entstanden.


Lesen Sie im dritten und vorletzten Teil der Lignum-Serie: Wie risikoreich waren die Holzinvestments wirklich? Und welche Rolle spielt die Anleger Interessenvertretung Lignum (AIL) in der komplexen Geschichte?
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