Privatanleger haben mit ihren Investments der deutschen Windkraft aus den Kinderschuhen geholfen, die heute treibende Kraft der Energiewende ist. Das zeigt, wie viel Macht Privatanleger besitzen. / Bildquelle: Fotolia

22.06.16 Anleihen / AIF , Fonds / ETF

Privatanleger sind der schlummernde Riese des Kapitalmarktes

Die deutschen Anleger sind viel zu zaghaft. Weniger weil sie trotz Niedrigzinsen weiter bevorzugt auf Festgeldanlagen setzen. Vielmehr weil sie immer noch ihr Geld zu wenig nach eigenen Grundsätzen anlegen. Sie ahnen offenbar noch immer nicht, wie viel sie mit ihrer Geldanlage bewegen können. Und wie viel Privatanleger bereits bewirkt haben. 

Die Unsicherheit vieler Privatanleger hat ihre Ursachen. Eine ist gewiss, dass Geldanlage als ungeheuer kompliziert erscheint. Denn die Begriffe aus den Marketing-Baukasten der Geld-Werber sollen uns vorgaukeln, Kapitalanlagen seien wie Super-Autos: Technik, Technik, Technik. Von Turbo-Optionsscheinen mit Knock-Out-Barriere bis zum Index-Tracker – dass man versteht, was gemeint ist, ist offensichtlich nicht das Ziel der Kommunikation. Dabei geht es den meisten Menschen sowohl bei Autos als auch beim Geld um etwas relativ einfaches: Mit dem Wagen will man meist schlicht möglichst komfortabel von A nach B fahren. Und bei der Geldanlage bevorzugt man eine Rendite, mit der man sich nicht blöd vorkommt und Produkte, die man versteht.

Tja, was soll man angesichts der Realität zu solchen Wünschen sagen? Vielleicht folgendes: Erstaunlicherweise könnten sie beim Geld durchaus auch in Erfüllung gehen. Wenn die Verbraucher doch nur wollten. Und wenn sie dann so handeln würden, wie sie wollen. Denn sie sind die eigentlich Mächtigen in der Finanzwelt. Nur wissen das die allermeisten nicht. Oder sie glauben es nicht. Und daher wollen und handeln sie nicht, wie sie könnten. Und ihre Macht bleibt meist ungenutzt liegen. Doch es ginge auch ganz anders! Würden etwa nur die Privatanleger eines einzigen großen Aktien-Publikumsfonds ihr Geld abziehen, weil die Fondsmanager es immer noch in Kohle, Öl und Atomkraft stecken – alle anderen solcher Fonds würden erzittern.

Und als Alternative stehen den Bürgern ja engagierte nachhaltige Fonds zur Verfügung, mit oft beeindruckender Wertentwicklung. Nur, in der Realität ist es so: Die meisten Deutschen achten bei der Geldanlage nicht auf Klimaschonung oder Nachhaltigkeit. Eigentlich verblüffend dabei ist, dass es viele private Anleger waren, die ihr Erspartes schon Anfang der 1990-er Jahre auf Erneuerbare Energie gesetzt haben. Heute kommen in Deutschland aus jeder Steckdose - nicht-technisch ausgedrückt - über 25 Prozent grüner Strom. Das ist das Ergebnis auch dieser frühen - nicht-finanztechnisch formuliert - Risikokapital-Finanzierer. Sie waren es, die als erste erkannt hatten, welches Potenzial in der Erneuerbaren Energie steckt. Und heute? Die Allianz-Versicherung ist als Finanzier aus der Kohletechnik ausgestiegen – das wird als ein großer Fall von „Divestment“ gefeiert. Ebenso der norwegische Staatsfonds. Oder die Stadt Münster und viele weitere.

Wohlan! Aber die grünen Privatleute, welche vor 25 Jahren mit ersten 500-Mark-Investments in Windkraftanlagen genau dafür die Grundsteine gelegt haben, die hatten wahrscheinlich durchaus die Hoffnung, dass das alles etwas schneller gehen würde. Und sie wären vielleicht überrascht zu sehen, was heute der Fall ist: Institutionelle Investoren wie eben eine Allianz-Versicherung und viele, viele andere stecken ihr Geld in Erneuerbare Energie, kaufen Windparks auf See und an Land. Sie kaufen? Man könnte auch sagen: Sie jagen danach. Wer heute ein Windprojekt anbieten kann, der sitzt auf der richtigen Seite des Tisches. Die Nachfrage übersteigt das Angebot. Für private Anleger bleiben nur wenige Bürgerenergieprojekte übrig, in die sie investieren können.

Eine bemerkenswerte Entwicklung: Die von der Mehrheit noch vor wenigen Jahren als unrentable Spielerei gescholtene Erneuerbare Energie ist heute in der Hautevolee der Finanzwelt ein Hit. Nur der Otto-Normalsparer, der kommt an diese interessanten Investments kaum noch heran. Das zeigen auch die letzten Zahlen über den Markt der nachhaltigen Geldanlage in Deutschland: Kräftiges Volumenwachstum bei den Profis, schwächelnder Zuwachs bei den Privaten. Und dass bei gleichzeitigem Allzeit-Höchststand der Gesamtsparguthaben in Deutschland. Das alles bedeutet vor allem eins: Die privaten Anleger sind der schlummernde Riese des Kapitalmarktes – aber der Riese weiß bisher überhaupt nicht, welche Kräfte er hat.
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