ECOreporter.de-Chefredakteur Jörg Weber

28.11.14 Anleihen / AIF , Fonds / ETF

Rendite oder Risiko? - Warum man bei Tunneln und Geldanlagen immer nur über die spricht, die glücklich durchgekommen sind – Kommentar von ECOreporter.de-Chefredakteur Jörg Weber

Stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie wollen mit dem Zug zu einer 500 Kilometer entfernten Bio-Wellness-Oase fahren. Die Fahrkarte kostet 100 Euro, und die Fahrt wird etwa 5 Stunden dauern. Und nun kommt jemand und bietet Ihnen folgendes an: Eine Fahrkarte für 50 Euro, Sie sind nach 2 Stunden an Ihrem Ziel – weil es einen Tunnel gibt mit vier parallelen Röhren, der die gesamte Strecke deutlich abkürzt. Nur ein Haken ist an der Sache: Eine der vier Röhren kracht auf jeden Fall bei dem Zug, der sie durchfährt, zusammen. Wenn Sie nicht gerade lebensmüde sind, welche Strecke wählen Sie?

Ich verrate Ihnen später meine Antwort. Aber erst denken wir, damit wir das Thema Risiko richtig behandeln, über Geldanlage nach. Über Anleger, die mit Prokon kein Geld verloren haben. Doch, die gibt es! Ich habe am letzten Wochenende eine solche Frau kennengelernt. Sie war über 60 Jahre, in Rente, und sie hatte 50.000 Euro bei Prokon investiert. Aus einem familieninternen Grund hatte sie die Anlage gekündigt, lange, bevor Prokon Pleite ging. Die Frau war stolz: Hatte sie doch einige Jahre enorme Zinsen erhalten. Mehr als der Marktdurchschnitt. Als ich ihr sagte, sie habe eigentlich ein Lotteriespiel betrieben und gewonnen, gefiel ihr das nicht. Was ich wiederum verstehe. Dahinter steckt ja der Vorwurf, sie habe etwas riskiert. Man muss sagen: Sie hatte fast ihr gesamtes verfügbares Vermögen eingesetzt. Und sie hat sich sicherlich täuschen lassen von dem Versprechen „fester“ Zinsen. Dass Zinsen als „fest“ versprochen werden, ist ja auch nichts Unmoralisches. Nur dass die Anleger/innen automatisch denken, damit wäre auch die Rückzahlung ihrer Einlage sicher – das ist falsch. Und die Anbieter, die diesen Irrtum bewusst aufrechterhalten, die handeln schon unmoralisch. Aber abgesehen davon hat die Anlegerin, wie Tausende andere auch, vor allem das Risiko ihrer Geldanlage nicht wirklich bedacht.

Risiko? Das ist bei der Geldanlage etwas, das nur andere haben. Solange nichts passiert, gibt es anscheinend gar kein Risiko. Und wenn ein Risiko einmal zum Schaden wird – dann ist das eben so. Der Himmel kann einem ja auch auf den Kopf fallen, da kann man nichts gegen tun – Lebensrisiko! Oder? Nein. Risiko bei der Geldanlage muss man kalkulieren. Und wenn es für eine Geldanlage nicht kalkulierbar ist, dann ist die Geldanlage schlicht nichts für Sie. Natürlich, Sie können nicht alle Risiken planen. Sonst wären Sie Prophet. Aber Sie können über die zwei wesentlichen Elemente des Risikos nachdenken: Schadenhöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit. Klar, das sind Begriffe aus dem Wörterbuch für Langeweiler, Rückversicherer und Vorwärtseinparker. Aber sie sind wichtig. Beispiel Prokon: Das Risiko der Geldanlage war nicht, dass statt 8 Prozent Zinsen nur 3 gezahlt werden. Sondern, dass das gesamte investierte Geld in einem dunklen Loch verschwindet. Schadenhöhe: 100 Prozent des Investments. Nicht kalkulierbar? Na ja, die meisten Anleger haben bis auf die Zinsen genau diese 100 Prozent verloren (vielleicht erhalten sie aber auch noch etwas zurück vom Insolvenzverwalter).

Und nun zur Eintrittswahrscheinlichkeit. Also dazu, wie groß die Chance ist, dass aus einer reinen Möglichkeit die bittere Realität wird. Wie hoch war die Chance, dass Prokon weiterläuft und allen Anlegern das Geld zurückzahlt? Nach allen derzeitigen Infos bei null. Hätte man alle nötigen Infos zu Prokon gehabt, hätte man demnach gewusst, dass man das Geld verlieren wird. 100 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit. Vielleicht hätte man vor drei Jahren aufgrund der schlechten Informationslage noch berechtig hoffen können, dass Prokons Chance, durchzukommen, bei 75 Prozent liegt. Eigentlich war so eine Einschätzung zwar auch vor drei Jahren nicht mehr haltbar. Aber wenn sie es gewesen wäre: Dann wäre die Eintrittswahrscheinlichkeit immer noch ein Viertel gewesen. 25 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass das gesamte investierte Geld verschwindet. Ein Glücksspiel, das viele Anleger betrieben haben. Und erstaunlicherweise mit anderen Geldanlagen in vielleicht etwas abgemilderter Form weiterhin betreiben.

Natürlich, es gibt gar keine Geldanlage ohne Risiko. Keine einzige. Selbst das Geld im Safe liegen zu lassen ist riskant – es kann geklaut werden. Oder wertlos werden. Also muss man sich der Realität stellen und untersuchen, welche Geldanlage wie riskant ist. Bitte beachten Sie den Grundsatz: Versuchen Sie nicht, Risiken komplett auszuschließen. Sondern berechnen Sie Risiken. Denken Sie über Schadenhöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit nach. Beispielsweise kann die Schadenshöhe auf einem Sparkonto mit Einlagensicherung gegen Null tendieren, so lange die deutsche Wirtschaft einigermaßen lebt. (Der Geldverlust durch Inflation bleibt natürlich.) Die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Schadens bei der Geldanlage auf einem Sparbuch ist gering: Solange die Wirtschaft nicht komplett zugrunde geht, lebt auch das Banksystem weiter. Also, alles Geld auf das Sparkonto? Natürlich nicht.

In der Regel werden die meisten Anleger einen Teil ihres Vermögens so investieren können, dass das Risiko etwas höher ist. Bei einem guten Aktienfonds beispielsweise sollte die Schadenhöhe eigentlich nicht bei über 50 Prozent des Kapitals liegen. Und die Eintrittswahrscheinlichkeit, dass Sie 50 Prozent verlieren? Die sollte vielleicht bei 20 Prozent liegen. Ein Zehntel Ihres Vermögens auf so einen Fonds gesetzt: ok. Natürlich kann es sein, dass Ihr Nachbar 100 Prozent seines Vermögens in diesen Fonds steckt und nach 10 Jahren sein Geld verdoppelt hat. Schön blöd für Sie, dass Sie nur 10 Prozent Ihres Vermögens investiert haben, oder? Eben nicht. Denn Ihr Nachbar hätte auch verlieren können. Schadenhöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit hatten Sie ja durchdacht. Sie haben beides kalkuliert und Ihr Risiko begrenzt: zehn Prozent Ihres Vermögens eingesetzt, Verlusthöhe insgesamt maximal 5 Prozent (weil der Aktienfonds die Hälfte verlieren könnte. Wohlgemerkt: könnte).

Und nun kommt der entscheidende Punkt: Das Risiko begrenzt zu haben, ist etwas wert! Mehr wert als die Rendite, die Ihr Nachbar erzielt hat. Denn Ihr Nachbar hat zwar gewonnen, war aber jederzeit in Gefahr, viel zu verlieren.
Es ist wie mit den Tunneln: Wenn ich weiß, dass auf jeden Fall eine von vier parallelen Tunnelröhren zusammenkrachen wird, dann reizen mich die gesparten 50 Euro und die drei Stunden weniger Fahrzeit nicht die Bohne. Ich gehe entspannt auf Nummer sicher. Aber wenn ich am Ziel die Leute treffe, die durchgekommen sind, Zeit und Geld gespart haben – dann ärgere ich mich doch, oder? Seien Sie sicher: Bei Tunneln oder Geldanlagen lernen Sie immer nur die kennen, die durchgekommen sind. Die anderen sprechen Sie nicht. Aber natürlich gibt es sie.

Anders gesagt: Eine entgangene Chance kostet Sie nichts außer dem Gefühl, etwas verpasst zu haben. Ein hohes Risiko einzugehen, kann Sie alles kosten. Also: Kalkulieren Sie Ihre Risiken!
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