15.09.11 Nachhaltige Aktien , Erneuerbare Energie , Meldungen

Stop and Go – droht in Italien eine weitere Kappung der Solarstromvergütung?



Im Frühjahr hatte das Gezerre um die Neugestaltung der Solarstromvergütung in dem sonnenverwöhnten Land den einheimischen Markt fast zum Erliegen gebracht. Massive kurzfristige Kürzungen und die Einführung eines scharfen Deckels standen im Raum und verschreckten Investoren. Erst nach langem Hin und Her rang sich die Regierung Anfang Mai zu einer eher moderaten Neuregelung durch (wir Opens external link in new windowberichteten). Der Hintergrund: nach der Einführung sehr attraktiver Einspeisetarife war das Wachstum des italienischen Solarmarktes nahezu explodiert. 2010 gingen Neuanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 5,5 Gigawatt (GW) ans Netz, also 5.500 Megawatt (MW). Zum Vergleich: 2009 hatte der Zubau trotz starken Wachstums lediglich 700 MW betragen. Mit dem neuen Einspeisesystem, dem bis 2016 befristeten Conto Energia IV, wollte die Regierung in Rom das Ausbautempo drosseln.

Aber das ist offenbar misslungen. Laut der für Erneuerbare Energien zuständigen Behörde des Wirtschafts- und Finanzministeriums, der Gestore die Servizi Elettrici (GSE), sind in den ersten acht Monaten des laufenden Jahres bereits 6,5 GW neu ans Netz gegangen. Voraussichtlich werde Italien bis zum Jahresende eine Gesamtleistung von 12 GW erreichen und damit sogar den bislang führende Photovoltaik-Markt Deutschland in den Schatten stellen.

Auf den ersten Blick erscheint dies als eine gute Nachricht für die Akteure im italienischen Solarmarkt. Wer dort Solarprojekte umsetzt oder mit Solarkomponenten ausstattet, dürfte wieder gute Geschäfte machen. Zumal der Markteinbruch im Frühjahr die Geschäfte vieler Solarhersteller stark beeinträchtigt hatte. Weil die Nachfrage aus dem bislang zweitgrößten Absatzmarkt der Welt aufgrund der Unsicherheit über die Solarstromvergütung einbrach, stauten sich bei vielen Herstellern die Module in den Lagern. Sie mussten zum Teil hohe Abschreibungen durchführen und ihren Kunden starke Preisnachlässe gewähren, um die Nachfrage zu beflügeln.

Doch auf den zweiten Blick könnte gerade die überaus starke Markterholung in Italien dazu führen, dass sich solch ein Einbruch wie im März und April schon bald wiederholt. Und schlimmer noch:  es besteht die Gefahr, dass er dann auch langfristig nur noch geringe neue Kapazitäten aufbaut. Davor warnt zumindest Götz Fischbeck, Solaranalyst der BHF Bank.

Er weist darauf hin, dass das italienische Vergütungssystem nur für einen begrenzten Finanzrahmen gilt. Angesichts des starken Ausbautempos der letzten Monate werde  diese voraussichtlich bereits Ende 2011 zum größten Teil erschöpft. Wie in Deutschland finanzieren zwar letztlich die Stromkunden über ihre Stromrechnung die Tarife für Solarstrom. Und wie in der Bundesrepublik können Betreiber von Neuanlagen die für sie festgesetzten Tarife für 20 Jahre beanspruchen. Der Gesetzgeber will diese Belastung der Stromnutzer aber beschränken und hat daher die Gesamtsumme dieser Vergütung gedeckelt.

Nach den Berechnungen von Fischbeck könnten Ende Dezember in Italien Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von zwölf GW am Netz sein. Ihren gesamten Vergütungsanspruch beziffert er mit rund 4,5 Milliarden Euro. Damit bliebe nur noch Raum für Anlagen mit einem Vergütungsanspruch von maximal 2,5 Milliarden Euro. Das wiederum bedeute, dass nur noch für eine neue Kapazität von weniger als fünf GW eine Vergütung über das Conto Energia IV beantragt werden könne. Da das Conto Energia IV aber bis 2016 laufe, sei es mehr als wahrscheinlich, dass die Regierung erneut eingreife und den Ausbau der Solarstromkapazitäten so massiv beschneide, dass das begrenzte Ausbauziel nicht überschritten werde.

Laut Fischbeck ist auch damit zu rechnen, dass eine solche neue Regelung auch strikter durchgeführt werde als die Neuregelung vom Mai. Die hatte für die Umsetzung neuer Solarprojekte eine großzügige Übergangsfrist eingeräumt, was dem Experten zufolge den enormen Wachstumsschub der letzten Monate beförderte.  Bis Mitte September hätten Marktakteure ihre Neuanlagen noch zu deutlich attraktiveren Konditionen in Betrieb nehmen können als im neuen Gesetz eigentlich vorgeschrieben. Das gelte vor allem für Großanlagen, von denen im Juni und August eine Gesamtleistung von 1,1 GW neu ans Netz gebracht worden sei. Allein diese Menge an neuer Kapazität entspreche bereits der Gesamtleistung, die im  Conto Energia 4 für das gesamte zweite Halbjahr 2011 vorgesehen war.

Angesichts dieser Erfahrung geht der Analyst davon aus, dass eine abermalige Neuregelung der Solarstromvergütung das Marktwachstum wirksamer abbremsen wird. Und wie im Frühjahr werde sich dies belastend auf die Hersteller von Solarprodukten auswirken - nur eben nicht vorübergehend.
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