Aufbau eines Offshore-Windparks von Vattenfall. / Quelle: Unternehmen.

  Erneuerbare Energie

TenneT-Studie zieht Offshore-Windkraftziele in Zweifel

Bis zum Ende dieses Jahrzehnts, also in sechseinhalb Jahren, sollen sich in der deutschen Nord- und Ostsee Windräder mit zusammen 10.000 Megawatt (MW) drehen. Bis 2030 sollen die deutschen Windkraftkapazitäten auf See (offshore) sogar auf 25.000 MW wachsen. Diese Zielmarke hat die schwarz-gelbe Bunderegierung in ihrer Energiewende-Strategie ausgegeben. Eine aktuelle Studie des für den Stromnetzanschluss vieler Offshore-Windparks zuständigen Netzbetreibers TenneT legt nun nahe, was viele Marktakteure und -beobachter seit langem sagen: Das Ausbauziel bis 2020 erscheint illusorisch.

Aktuell verfügt Deutschland erst über 385 MW Offshore-Windkraft-Kapazität. Davon wurden 80 MW in 2012 ans Netz angeschlossen und Anlagen mit einer Gesamtleistung von 105 MW im 1. Halbjahr 2013. Studienautor Michael Erler geht in der Szenario-Analyse „Umsetzungsstatus von Offshore-Windkraftprojekten in der Deutschen Nordsee" davon aus, dass bis 2020 maximal 60 Prozent des ursprünglichen Ziels realisierbar sind: ganze 6.000 MW.  


Die Probleme sind der Studie zufolge vielfältig: Zum einen lagen zum Bilanzstichtag des Reports nur für Windparks mit 2.900 MW geplanter Kapazität Finanzierungen vor. Davon seien 2.300 MW im Bau. Zum anderen sei es sehr schwierig, überhaupt neue Investoren zu gewinnen, weil technische Schwierigkeiten und in der Bauphase einzelner Projekte und höhere Kosten - unter anderem durch Mehraufwand bei der Wartung - potenzielle Geldgeber abschrecke. Hinzu kommen die seit längerem bekannten Verzögerungen, die durch Schwierigkeiten bei den Netzanschlüssen und deren Genehmigung aufkamen (ECOreporter.de berichtete).

Deshalb geht die Studie davon aus, dass bis 2023 maximal 5.900 MW Offshore-Windkrafrkapazität aus deutschen Gewässern zur Verfügung steht. Das konservativ kalkulierte Szenario der Studie rechnet sogar nur mit 3.700 MW bis 2023.

Außerdem warnt die Studie vor Hunderte Millionen Euro schweren Zusatzkosten, die entstehen, wenn die Offshore-Windkraft-Ausbauziele der Bundesregierung verfehlt werden. Denn TenneT ist im Begriff, Netzanbindungen für 6.200 MW Offshore-Windstrom zu schaffen. Wenn diese Kapazitäten nicht voll ausgenutzt würden, drohten jährliche Leerkosten für ungenützte Leitungen von 800 Millionen Euro, die ab 2021 auf rund eine Milliarde Euro ansteigen könnten.


Um Investoren zu motivieren, hatte die Bundesregierung in der Vergangenheit mehrere Stellschrauben gedreht: Einerseits  wurden die Haftungsregelung für Bauverzögerungen umgestellt und ein Offshore-Soli auf die EEG-Umlage aufgeschlagen, über die die Allgemeinheit die Energiewende finanziert. Zum anderen können sich Betreiber, die es schaffen, ihre Anlagen vor 2017 ans Stromnetz zu bringen, für eine spezielle Auszahlungsweise der festen Stromvergütung entscheiden.  Damit können sie für die ersten acht Betriebsjahre 19 Cent pro KWh bekommen, danach noch 3,5 Cent für die verbleibenden zwölf Jahre der Vergütung.

Die Offshore-Windkraftbranche plädiert dafür, dieses Vergütungsmodell zumindest zu verlängern „Wer heute eine Investitionsentscheidung trifft, muss wissen mit welcher Vergütung er in fünf Jahren rechnen kann“, sagt Ronny Meyer, Geschäftsführer des Offshore-Windkraft-Brachenverbandes WAB.


Ob sich die Bundesregierung vor dem Hintergrund der Studie und der vielfältigen Problemlagen (möglicherweise  nach der Bundestagswahl) von den offiziellen Ausbauzielen für Offshore-Windklraft verabschiedet, ist offen.
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