Anlage der B.I.R. Biologische Industrie Reinigung KG. Das Unternehmen hat ein Verfahren zur Abwasserreinigung entwickelt. / Foto: Unternehmen

15.04.16 Anleihen / AIF , ECOanlagecheck , Genussrechte/Anleihen

Unabhängige Analyse: Verfahren zur umweltfreundlichen Abwasserreinigung mit dem „Bio-Betriebs-Klärwerk“ – Beteiligungsangebote der B.I.R. Biologische Industrie Reinigung KG (gestoppt)

Die B.I.R. Biologische Industrie Reinigung KG (BIR) aus Thüringen bot im März 2016 Genussrechte, stille Beteiligungen, Nachrangdarlehen und eine Anleihe an. Mit dem Kapital der Anleger wollte das Unternehmen die Vermarktung eines Verfahrens zur Abwasserreinigung intensivieren. Nun wurden die Beteiligungsangebote nach kurzer Zeit vom Markt genommen. Der ECOanlagecheck erläutert die Hintergründe.

Interessierte Anleger konnten unter vier Geldanlageprodukten auswählen. Im Angebot hatte die BIR Genussrechte, stille Beteiligungen, Nachrangdarlehen und eine Anleihe (Inhaberschuldverschreibung). Die Angebote waren  unterschiedlich ausgestaltet. Beispielsweise betrugen die Laufzeiten bzw. Mindestlaufzeiten vier bis sieben Jahre und die Mindestzeichnungssummen 5.000 bis 100.000 Euro. Die Zinssätze bzw. die geplanten Grunddividenden reichten von 4,5 bis 6,0 Prozent pro Jahr. Die Mindesteinlage von 100.000 Euro galt für die Anleihe, damit diese von der Billigungs- und Prospektpflicht der Bundesanstalt für Dienstleistungsaufsicht (BaFin) befreit ist. Aus diesem Grund gab es bei den Genussrechten, den stillen Beteiligungen und den Nachrangdarlehen auch eine Begrenzung auf jeweils 20 Investoren. Die Anbieterin stellte Interessenten einen zweiseitigen Flyer im Excelformat für alle vier Angebote zusammen zur Verfügung.

Unternehmen

Anbieterin und Emittentin der Geldanlage-Angebote war die B.I.R. Biologische Industrie Reinigung KG (BIR) aus Arnstadt in Thüringen. Die BIR hat einen Bausatz zur Nachrüstung von bestehenden Fettabscheider-Anlagen entwickelt. Fettabscheider trennen Fette vom Abwasser, bevor das Abwasser in die Kanalisation fließt. Fettabscheider sind für verschiedene Gewerbebetriebe in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben und werden beispielsweise in Großküchen, Gaststätten und Lebensmittelbetrieben eingesetzt. Nach den vorliegenden Informationen halten in Deutschland zahlreiche Fettabscheider die vorgeschriebenen Grenzwerte nicht mehr ein, so dass ein Absatzpotential für das – von der BIR als „Bio-Betriebs-Klärwerk (BBKW)“ bezeichnete – Verfahren bzw. für die Bausätze bestehe. Nach Angaben von BIR haben verschiedene Behörden bzw. Organisationen das Verfahren als technologisch zukunftsweisend eingestuft. ECOreporter.de hat bei einer von der Anbieterin als Quelle genannten Behörde nachgefragt, aber bislang noch keine Antwort der Behörde erhalten.

Die BIR wurde im Oktober 2012 in das Unternehmensregister eigetragen. 2015 ist die persönlich haftende Gesellschafterin (Komplementärin) Orcajet Reinigungstechnik GmbH aus Mecklenburg-Vorpommern aus der BIR ausgeschieden und Sigurd Seiboth als Komplementär eingetreten. Sigurd Seiboth ist laut Unternehmensregister 74 Jahre alt. Laut des von ihm zur Verfügung gestellten Lebenslaufs ist er Diplom-Nautiker und hat bis 1968 in der globalen Schifffahrt gearbeitet, zuletzt als Kapitän. Danach hat er ein Studium mit dem Abschluss Diplom-Volkswirt absolviert und bis 1991 überwiegend in großen Ferienzentren an der Ostsee als Prokurist gearbeitet bzw. diese als geschäftsführender Gesellschafter geleitet. Von 1993 bis 2005 hat er ein eigenes Hotel betrieben. Seitdem liegt sein beruflicher Schwerpunkt auf dem Bereich der biologischen Abwasserbehandlung.

Seiboth ist Geschäftsführer der BIR und zudem nach eigenen Angaben mit einem Anteil von 85 Prozent an der BIR beteiligt. Im Unternehmensregister sind für die Geschäftsjahre 2014 und 2015 keine Jahresabschlüsse der Emittentin B.I.R. Biologische Industrie Reinigung KG veröffentlicht oder hinterlegt (Stand: 13. März 2016). Daher ist die finanzielle Situation nicht fundiert zu beurteilen. Aufgrund der fehlenden Finanzinformationen zur Emittentin war die Transparenz der Anlageangebote unterdurchschnittlich. Grundsätzlich können in einer noch frühen Unternehmens- und Produkteinführungsphase für Unternehmen deutlich erhöhte Risiken bestehen.

Sigurd Seiboth ist laut Unternehmensregistereintrag auch geschäftsführender Gesellschafter der biofatex KG aus Arnstadt, die ein enzymhaltiges Granulat produziert, das im Bio-Betriebs-Klärwerk eingesetzt wird. Zudem war Seiboth Geschäftsführer der Komplementärin der bioline-marketing GmbH & Co. KG gewesen, deren Geschäftsidee laut eines Artikels der Lübecker Nachrichten (2011) aus einem neuen Verfahren zur Behandlung von fetthaltigen Abwässern bestand. Die bioline-marketing GmbH & Co. KG war laut Jahresabschluss 2011 bilanziell überschuldet und ist 2012 laut Unternehmensregister erloschen, weil nach Angaben von Seiboth zugesagte Fördermittel nicht ausgezahlt worden seien.  Nach Einschätzung von Seiboth „gibt es öfters neue Verfahren, die es in Deutschland anfangs schwer haben, sich gegen wirtschaftliche Interessen bestehender Großunternehmen der veralteten Technik und Bürokratie  durchzusetzen. Andere Länder suchen daher regelmäßig neue Patente und Umweltverfahren made in Germany, um im eigenen Land zu produzieren und zu exportieren.“

Das trifft nach Angaben von Seiboth auch für sein Verfahren zu. Er habe einem Kaufangebot für sein Verfahren und das Granulatprodukt zugestimmt, dass er nach positiven Tests aus Ostasien bekommen habe. Das Land und den Vertragspartner kann er nach eigenen Angaben aus Vertraulichkeitsgründen noch nicht nennen. Nach seinen Angaben haben sich keine Anleger an der Emittentin auf Basis der vorliegenden Angebote (Genussrecht, stille Beteiligung, Anleihe, Nachrangdarlehen) beteiligt, da sich die Veröffentlichung der Beteiligungsangebote und seine Vertragsabschlüsse mit dem ostasiatischen Investor überschnitten haben.

Investitionen

Die Emittentin wollte das von Anlegern eingeworbene Kapital laut Flyer „zur Finanzierung von Referenzanlagen im In- und Ausland, ferner zur Ablösung restlicher Bankdarlehen mit hohem Zinssatz, dem Aufbau eines Servicenetzes, PR-Arbeit und Mitwirkung in beratenden Gremien, um den Erlass von neuen Vorschriften zu Gunsten der neuen Technik zu beeinflussen“ einsetzen. Zudem wollte das Unternehmen Mittel für die laufende Weiterentwicklung verwenden, sowie eine Rücklage für unvorhergesehene Aufwendungen und eine Liquiditätsreserve bilden. Laut den Angaben im Unternehmensflyer besteht neben Europa in Taiwan, China, Malaysia, Japan, Indien, Vietnam, Singapur und Australien Interesse an dem Produkt der BIR.

Da die BIR ihr Verfahren an Investoren aus dieser ostasiatischen Region veräußert hat, sind auch Beteiligungsmöglichkeiten für Anleger entfallen. Nach Einschätzung von Seiboth wird es möglicherweise für den deutsch-sprachigen Raum in absehbarer Zeit ein Vertriebsunternehmen geben, die das aus Ostasien importierte Produkt und die Beratung zum Nachrüsten der alten Technik (Fettabscheider) anbieten wird. Falls eine Beteiligungsmöglichkeit für Privatanleger an diesem Unternehmen bestehen sollte, wird ECOreporter.de darüber berichten.
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