Bauarbeiten an einem Projekt der ABO Wind AG. / Quelle: Unternehmen

07.02.14 Erneuerbare Energie , Anleihen / AIF

Verkommt das EEG zu einem Kohlebestandsschutzgesetz?

Das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) steht vor einer Reform, die speziell für die Windkraft zu Lande radikal ausfallen soll: Geht es nach dem Willen von Bundesenergieminister Sigmar Gabriel (SPD), bekommen die Betreiber von Windparks an Land demnächst deutlich weniger staatlich garantierte Vergütung für jede ins Stromnetz eingespeiste Kilowattstunde Grünstrom. Außerdem sollen nur noch neue Projekte an sehr windreichen Standorten Anspruch auf einen EEG-Tarif haben und wird der Ausbau auf maximal 2.500 Megawatt pro Jahr beschränkt. Was bedeuten diese Pläne für Deutschlands Windkraftbranche und für Direktinvestments in diesem Bereich? ECOreporter.de fragte bei Marktakteueren nach.

ECOreporter.de: Bundesenergieminister Sigmar Gabriel plant, das seine Umgestaltung des EEG bereits zum 1. August 2014 in Kraft tritt. Was würde das für Ihr Unternehmen bedeuten?

Martin Betzold, Green City Energy AG, Initiator von Erneuerbare-Energie-Beteiligungen aus München:
„Nach unserem Kenntnisstand sind lediglich für windstarke Standorte Kürzungen angekündigt. In dem aktuellen Papier von Bundesenergieminister Gabriel findet sich keine konkrete Angabe zu den sogenannten Referenzerträgen, die die Windhöffigkeit eines Standortes definieren, das ist im Gegensatz zum Koalitionsvertrag neu. Es besteht also keine Klarheit darüber, wie 'schwächere Standorte' definiert werden sollen. Grundsätzlich gilt: Gerade in Süddeutschland besteht ein gewaltiges Potential an Standorten mit moderaten Windgeschwindigkeiten um die 6 Metern pro Sekunde. Da die Energieerzeugung aus Onshore-Windenergie im Vergleich mit allen anderen Energieträgern am kosteneffizientesten ist, wäre es energiepolitisch fahrlässig, dieses Potential nicht zu nutzen.
Die Absenkung der Vergütung beträfe laut einer Grafik in dem Gabriel-Papier nur windstarke Standorte, sie gilt nicht generell. Wie sich gezeigt hat, gibt es gegen die Vorschläge heftigen Widerstand, auch aus SPD-geführten Ländern. Welche Regelungen auch den Bundesrat passieren und das Gesetzgebungsverfahren überstehen, bleibt abzuwarten. Für die Auswirkung noch nicht feststehender Entscheidungen auf Green City Energy kann somit keine Aussage getroffen werden. Fest steht allerdings: Gabriel will aus dem EEG ein Kohlebestandsschutzgesetz machen. Das ist absurd.“


Thomas Hartauer vom Emissionshaus Lacuna AG aus Regensburg, das mehrere geschlossenen Fonds zu Windparks auf den Markt gebracht hat: „In den letzten zehn Jahren lag der Gesamtausbau in Deutschland deutlich unter der angedachten Grenze von 2.500 MW. Nur in den Jahren 2003 und eventuell 2013 gab es leichte Überschreitungen. Sollte es bei dieser angedachten Obergrenze bleiben, wird es für unsere Region in Süddeutschland zu keinen größeren Auswirkungen kommen. Von dieser Neuregelung  wird Norddeutschland als Produktionsstandort vermutlich am stärksten betroffen sein.
Bereits jetzt gibt es eine standortabhängige Vergütung, was dazu führt, dass wir grundsätzlich bei der Auswahl der Standorte die windhöffigsten Regionen Bayerns wählen. Konkrete Auswirkungen für unser Haus sind für 2014 nicht absehbar, da unsere Projekte für dieses Jahr bereits im Bau sind und darüber hinaus ein Bestandschutz für 2014 ausgesprochen wurde.
Für unsere künftigen Projekte muss in Abhängigkeit der finalen Ausgestaltung des EEG eine Überprüfung auf Wirtschaftlichkeit durchgeführt werden. Im ungüstigsten Fall könnte dies dazu führen, dass Projekte von uns nicht realisiert werden können. Gerade zu diesem Thema wird es noch zu einer heftigen Diskussion mit den betroffenen Bundesländern kommen.“


Sven Moorman von der juwi-Gruppe aus Wörrestadt, die zahlreiche Grünstromprojekte im In- und Ausland umgesetzt hat und eine Unternehmenssparte für Direktbeteiligungen unterhält: „Wir gehen davon aus, dass die Bundesregierung ihre spontanen Ideen noch intensiv prüfen und überarbeiten wird, so wie es auch die Länder und Umweltverbände als Reaktion auf Gabriels Vorschlag gefordert haben. Spätestens im parlamentarischen Gesetzgebungserfahren wird es unserer Meinung nach zu Korrekturen kommen.
Eine Reduktion der Einspeisevergütung hat - wie es im Rahmen der Koalitionsverhandlungen angedacht war - standortabhängig zu erfolgen: Bei guten Standorte an der Küste muss die Vergütung überproportional gesenkt werden. Die Versorgungssicherheit wird vergrößert, wenn die Windenergieanlagen verteilt aufgestellt werden. Das reduziert zugleich den Ausbaubedarf für neue teure Hochspannungstrassen.
Gerade in Hinblick auf den Vorstoß der Bundesregierung, die Offshore-Anlagen auf Lasten der Windenergie an Land auszubauen, sind wir überzeugt davon, dass sich die Sachargumente durchsetzen: Windenergie im Meer ist sehr teuer, riskant auf aufwändig. Das gilt auch für die Zukunft. Während die Vergütung von Windenergie an Land bereits heute weit unter dem von Gabriel geforderten Durchschnittspreis von 12 Cent pro Kilowattstunde liegt, liegt die Offshore-Windenergie bereits über dem heutigen Durchschnitt. Zugleich erfordert Offshore-Energie den massiven Ausbau der Leitungsnetze, der ebenfalls auf die Stromkosten umgelegt werden muss. Der Ausbau von Windenergie an Land reduziert also die Kosten der Energiewende, der im Meer erhöht die Kosten deutlich."

Alexander Koffka vom börsennotierten Windkraftprojektierer ABO Wind AG: „Es ist sinnvoll, die Einspeisevergütung stärker als bisher an die Windhöffigkeit zu koppeln, um eine Überförderung besonders guter Standorte zu verhindern. In diesem Punkt bewegt sich die Bundesregierung in die richtige Richtung. Volkswirtschaftlich ist es besser, Windparks nicht auf die besten Standorte, die überwiegend hoch im Norden liegen, zu konzentrieren, sondern zu verteilen. Eine regionale Verteilung reduziert die Schwankungen des Windstromangebots und die Kosten für den Netzausbau. Wir erwarten daher, dass das reformierte EEG eine Einspeisevergütung für Windstrom vorsehen wird, die den weiteren Ausbau auch in Süddeutschland ermöglichen wird. Eine deutliche Senkung der Vergütung ist nur an besonders windstarken Standorten möglich, dort allerdings auch angebracht.
Ein jährlicher Zubau von 2.500 Megawatt entspricht ungefähr dem Status Quo. Damit können wir als Unternehmen leben. Im Sinne des Klimaschutzes und der Preisstabilität wünschen wir uns aber einen zügigeren Ausbau der Windkraft an Land. Sehr seltsam ist es, dass der Bundesenergieminister bis 2020 für Windkraftanlagen auf hoher See eine Einspeisevergütung vorsieht, die doppelt so hoch ist wie für Windkraft an Land. Zugleich will er die günstigste Art begrenzen, aus Erneuerbaren Strom zu gewinnen, und die teuerste ausweiten. Dieses Geschenk der großen Koalition an die großen Energiekonzerne wird die Stromkosten für die Verbraucher in den nächsten Jahren belasten.“

ECOreporter.de: Inwiefern wollen oder müssen Sie auf diese Neuerungen reagieren?

Martin Betzold, Green City Energy: „Diese anhaltende Debatte bedeutet Planungsunsicherheit. Dies ist einem kontinuierlichem Ausbau regenerativer Kraftwerkskapazitäten nicht zuträglich. Green City Energy hat sich mit dem Kraftwerkspark II zukunftsfähig aufgestellt, es gilt die sich bietenden Chancen in europäischen Märkten zu nutzen. Wir werden die Energiewende dort vorantreiben, wo es attraktiv ist. Dabei setzen wir auf die drei regenerativen Kern-Erzeugungsformen Sonne, Wind und Wasser. Als Zielmärkte haben wir uns neben dem uns gut bekannten Markt in Frankreich Italien, Österreich sowie Großbritannien/Irland ausgeschaut.“


Thomas Hartauer, Lacuna AG: „Wir stehen den Ankündigungen gelassen gegenüber. Falls eine Neuregelung jedoch dazu führen würde, dass sich die geplanten Projekte wirtschaftlich nicht mehr tragen, müssten wir unseren Projektentwicklungsschwerpunkt verschieben. Derzeit schauen wir uns auch außerhalb von Bayern interessante Binnenstandorte in Deutschland und anderen europäischen Ländern genauer an. Grundsätzlich sehen wir weiterhin die Wichtigkeit des Themas alternative Energien für uns als auch für Deutschland und werden in diesem Themenfeld aktiv bleiben.“

Sven Moormann, juwi: „Die juwi-Gruppe betreibt seit Jahren erfolgreich die Internationalisierung. Niederlassungen mit eigenen Teams gibt es in vielen europäischen Ländern, aber auch weltweit, wie zum Beispiel in Japan, in Indien, in den USA und in Lateinamerika.
Unsere vollplatzierte festverzinsliche Kapitalanlage juwi Bauzins Deutschland 1 ist für die Zwischenfinanzierung von Windenergieanlagen in der Bauphase vorgesehen. Nur ein Teil unserer vollen und großen Projektpipeline wird darüber finanziert. Auch aktuell befinden sich natürlich neue Anlagen bei juwi im Bau. Sollte tatsächlich die Bundesregierung entgegen der Festlegung im Koalitionsvertrag aus Klimaschutz und Energiewende zugunsten der Braunkohle aussteigen wollen und juwi daher Teile der Projektpipeline in Deutschland vorerst nicht umzusetzen können, gibt es die Möglichkeit, das Volumen in dem Kapitalmarktprodukt zu reduzieren, da dies nicht dauerhaft gebunden ist. Diese Möglichkeit ist im Konzept vorgesehen und würde lediglich eine frühere Rückzahlung an die Anleger inklusive der bis zum Zeitpunkt der Teilrückzahlung angefallenen Zinsen bedeuten.“


Alexander Koffka, ABO Wind AG: „ABO Wind entwickelt in acht europäischen Ländern sowie in Südamerika Windparks. Die bereits erreichte Internationalisierung würde uns helfen, Durststrecken in unserem Heimatmarkt zu überstehen. Allerdings sind wir optimistisch, dass auch in Deutschland die Energiewende kraftvoll fortgesetzt wird.“ 

ECOreporter.de: In Bayern wird zusätzlich unter dem Stichwort 10H über neue Abstandsregeln für Windräder von Wohnsiedlungen diskutiert. Wie wird es mit der Energiewende in Bayern und in ganz Deutschland weiter gehen, welche Rolle wird der Windkraft dabei zukommen und wo in Deutschland gibt es noch Ausbaupotenziale?


Martin Betzold, Green City Energy:
„Es ist zum jetzigen Zeitpunkt kaum möglich eine Antwort auf diese Frage zu geben. Erst wenn das neue EEG beschlossen wurde, lassen sich die Auswirkungen absehen. Leider zeichnet sich ein massiver Roll-Back gegen die Erneuerbaren ab, der Kampf um die Zukunft unserer Energieversorgung ist in vollem Gange. Es war absehbar, dass der Druck auf die Erneuerbaren zunehmen würde, schließlich bedrohen Millionen von grünen Kraftwerken die marktbeherrschende Stellung der großen Energiekonzerne. Diese haben lange geschlafen. Jetzt sind sie aufgewacht und diffamieren die Erneuerbaren als Kostentreiber. Richtig ist, dass die Erneuerbaren den Börsenpreis bereits soweit haben sinken lassen, dass fossile Kraftwerke unrentabel werden. Nur werden die Kostensenkungen nicht an den Endkunden weitergegeben. Die alte und neue Bundesregierung ist fest im Griff der Lobbyisten der atomar-fossilen Energiewirtschaft.“

Thomas Hartauer, Lacuna AG: „Onshore Windkraft bleibt die günstigste Form der nachhaltigen Energiegewinnung mit einem niedrigen Flächenverbrauch. Diese Erkenntnis sollte sich auch in der bayrischen Staatskanzlei langsam durchsetzen. Die derzeit angedachte Regelung würde ansonsten dazu führen, dass 95 Prozent der verfügbaren Standorte entfallen. Dies wäre faktisch der Tod der bayrischen Windkraft.
Die Energiewende ist innerhalb der deutschen Bevölkerung unstrittig und gewünscht.
Jedoch hat die Diskussion um die gestiegenen Strompreise dazu geführt, dass das EEG als solches kritisch hinterfragt wird. Einzelne Punkte, wie zum Beispiel die Befreiung weiter Industrieteile von der EEG Umlage, werden als Preistreiber für den privaten Haushalt gesehen. Die ungerechte Lastenverteilung zwischen privaten Haushalten, Mittelstand und Großindustrie löst eine Unzufriedenheit aus. Wir wünschen uns ein neues EEG, das sowohl diesen Punkt als auch die langfristigen Perspektiven des Wirtschaftsstandortes Deutschlands berücksichtigt. Ausbaupotentiale sehen wir dort, wo eine sinnvolle  gesamtwirtschaftliche Nutzung gegeben ist.“

Sven Moormann, juwi: „Die Windenergie, gerade im Binnenland, ist die Hauptsäule der Energiewende in Deutschland. Zugleich ist sie Vorbild und Exportmodell weltweit. Zigtausende Arbeitsplätze hängen an der Windenergie.  Ausbaupotenziale gibt es in allen Bundesländern, vor allem aber im Binnenland. Gerade im Süden lassen sich mittels moderner, hocheffizienter Anlagen Standorte erschließen, die vor einigen Jahren nicht wirtschaftlich zu erschließen waren. Auf Dauer werden wir in der Summe nicht viel mehr Windräder in Deutschland benötigen als heute – nur die bundesweite Verteilung wird sich gegenüber heute verändern. Durch die  Modernisierung kleiner, wenig effizienter Anlagen und den Bau neuer, hocheffizienter Anlagen, kann die Leistung vervielfacht werden, auch wenn die absolute Anzahl an Windrädern nicht zunimmt. Der bundesweite Ausbau erhöht dabei die Versorgungssicherheit und reduziert den Bedarf an neuen Stromleitungen.“

Alexander Koffka, ABO Wind AG:
„In Bayern muss noch Überzeugungsarbeit geleistet oder müssen die Gerichte bemüht werden, um die völlig verfehlten 10H-Pläne zu verhindern. Bundesweit wird es mit der Energiewende auf jeden Fall weiter gehen. Die Alternative wäre eine Rückkehr zur Atomkraft. Die ist nicht nur deutlich teurer, sondern bedroht zudem unsere Lebensgrundlagen. Dafür wird es in diesem Land keine Mehrheit mehr geben, davon sind wir jedenfalls überzeugt. Ausbaupotenziale für die Windkraft gibt es praktisch in ganz Deutschland  - und ABO Wind ist fast überall mit dabei. Mehr als 50 Kollegen entwickeln derzeit bundesweit neue Windparks."

Dieser Beitrag ist der dritte und letzte Teil einer Reihe zum Thema Windkraft in Süddeutschland.  Hier gelangen sie zu Teil 1, in dem es um die möglichen neuen Abstandsregeln in Bayern geht. Im  zweiten Teil  nehmen die vier Befragten Stellung zum den Auswirkungen der Prokon-Pleite auf die Windkraft als Wirtschaftszweig und Anlagesegment für Direktbeteiligungen.
 
Dieser Artikel  fasst die EEG-Reformpläne von Bundesminister Siegmar Gabriel zusammen.

Bildhinweis: Die Bilder der Gesprächspartner stammen von den Unternehmen.
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