04.07.08 Nachhaltige Aktien , Meldungen

Volles Risiko mit kleinem Netz – Wie Anleger mit Optionsscheinen auf Umweltaktien auch bei fallenden Kursen verdienen

Innerhalb von sieben Tagen Ende Juni verlor die Solaraktie centrotherm photovoltaics AG 20 Prozent. Thomas Franzen hat auf den Wert gesetzt – und freut sich. Sein Turbo Bear Zertifikat der Commerzbank auf die Aktie (ISIN DE000CB281U0) hat im selben Zeitraum um 113 Prozent zugelegt. Der findige Anleger hat von den Möglichkeiten einer Anlageklasse profitiert, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut: Mit so genannten Knock-Out-Produkten mit unbegrenzter Laufzeit können Anleger auf steigende, aber auch auf fallende Kurse von Aktien setzen. Sie gehören zur Familie der Optionsscheine. Besonders für die Solarenergie- und Windkraftunternehmen des TecDAX-Index gibt es ein großes Angebot derartiger Optionsscheine. Wer eine positive Entwicklung erwartet kauft Papiere mit dem Namenszusatz „Call“oder „Bull“. Wer erwartet, dass eine Aktie sinkt, kauft Knock-Out-Papiere mit dem Namen „Put“, „Short“ oder „Bear“ Papieren. Das sind alles Namen für Mitglieder einer Familie.

Volles Risiko mit kleinem Netz
Der Begriff Knock-Out stammt aus der Boxsport. Umgangssprachlich wird meist nur die Kurzform „KO“ benutzt. Die Knock-Out-Optionsscheine gehen KO, wenn ihr Kurs eine bestimmte Marke nach unten (beim Call) oder nach oben (beim Putt) erreicht. Diese Marke wird als Stopp-Loss oder Knock-Out-Schwelle bezeichnet. Beim „Bear“-Zertifikat der Commerzbank liegt der Stopp-Loss bei 70 Euro, der Basiswert notierte am 2. Juli bei 50,40 Euro. Das Bear-Zertifikat stieg auf 2,80 Euro.
Als die Bank das Papier auflegte, war das ganz anders: Am 15. Mai notierte centrotherm bei 60,25 Euro, bis zum 23. Mai kletterte die Aktie sogar bis auf 68,10 Euro. Der Optionsschein kostete zu diesem Zeitpunkt nur 1,10 Euro.

Für jedes Knock-Out-Produkt werde eine Referenzbörse festgelegt, erklärt Ralph Stemper von der Commerzbank gegenüber ECOreporter.de. Für den Stopp-Loss sei der Kurs, der dort festgestellt werde, entscheidend. Stemper: „Für deutsche Werte ist es der Xetra-Handel.“
Wenn ein Zertifikat ausgeknockt wird, wird es laut dem Banker vom Handel ausgesetzt. Der Anleger erleide in der Regel keinen Totalverlust, sondern erhalte einen geringen Restwert ausgezahlt. „Wieviel das ist, hängt zum einen davon ab, wie groß die Differenz zwischen Stopp-Loss-Schwelle und Basispreis ist. Zum anderen kommt es darauf an, wie gut die Emittentin ihre Aktien verkaufen kann“, so Stemper. Der Basispreis ist nicht identisch mit dem Stopp-Loss. Im Fall des centrotherm-Zertifikats der Commerzbank liegt er bei 77 Euro.

Zielgruppe – erfahrene Anleger
Das Beispiel macht deutlich: Knock-Out-Optionsscheine reagieren schneller als die Aktie, von deren Entwicklung sie abhängen. Diese Aktie heißt „Basiswert“ oder „Underlying“. Die Masse der am Markt gehandelten Optionsscheine ist für private Anleger nur schwer zu verstehen. Anders bei Knock-Out-Produkten. Deren Preisgestaltung sei klar und transparent, sagt Pascal Nörrenberg vom Zertifikateteam der Citibank. Es gebe keine komplizierten Berechnungsformeln, wie bei herkömmlichen Optionsscheinen. „Der Kurs bewegt sich nahezu im Verhältnis eins zu ein mit dem Basiswert“, so Nörrenberg.
Beispiel Q-Cells AG: Die Aktie verlor am 2. Juli 3,35 Euro an Wert (minus 5,44 Prozent). Der Kurs des Knock-Out der Citibank “Q-Cells Turbo Bear SL” (ISIN DE000CG0PDK0) ist im Bezugsverhältnis von 10:1 an die Entwicklung der Aktie gebunden. Er legte um 0,3 Euro zu auf 1,61 Euro (plus 31 Prozent). Der überproportionale Zuwachs des Optionsscheins wird auch als „Hebel“ bezeichnet. Der Hebel zeigt an, um welchen Prozentsatz sich der Kurs des Scheins verändert, wenn der Kurs des Basiswerts um 1,0 Prozent steigt oder fällt.

Trotz einfacherer Konstruktion, ein Sprecher der Börse Stuttgart sagt: „Knock-Outs eignen sich nur für erfahrene Anleger.“ Wer in Knock-Outs investiere, müsse damit rechnen, sein Kapital bei Erreichen der Knock-Out-Schwelle zu verlieren.

Die Bank gibt Kredit
Voraussetzung für den im Vergleich zur Aktie überproportionalen Ausschlag beim Kurs des Optionsscheins ist der geringe Einsatz des Anlegers. Für den „Q-Cells WAVE XXL Call“ der Deutschen Bank (ISIN DE000DB28BJ7) mit einem Bezugsverhältnis von 10:1 zahlte der Anleger am 2. Juli 1,36 Euro. Der Basiswert Q-Cells kostete 56,64 Euro. Für je zehn Knock-Out-Scheine muss die Bank je eine Aktie von Q-Cells kaufen. Der Preis der Papiere deckt demnach nur 13,60 Euro, die restlichen 40,04 Euro muss die Bank finanzieren. „Vereinfacht gedacht entspricht ein Knock-Out-Call einem Wertpapierkredit auf den jeweiligen Basiswert“, sagt der Sprecher der Stuttgarter Börse.

Finanzierungskosten werden eingepreist
„Über die Haltedauer sind Kosten für die Finanzierung der Aktien fällig“, sagt Nicolai Tietze von der Deutsche Bank AG: „Dafür berechnet die Emittentin des Optionsscheins den sogenannten Anpassungszins.“ Bei Call-Optionen der Deutschen Bank entspreche dieser der Summe aus dem Interbankensatz (Zinssatz den Bank bei Geschäften untereinander berechnen) in Höhe von 4,26 Prozent plus 3,25 Prozent. Für Putt-Optionen werde der Interbankensatz minus 1,75 Prozent berechnet. „Praktisch wirkt sich das so aus, dass die Knock-Out-Schwelle entsprechend steigt“, so Tietze. In der Konsequenz bedeutet das: der Schein würde die Schwelle bei einem Kursverlust (Call) oder Kursanstieg (Putt) schneller erreichen, der Abstand zwischen Basispreis und Knock-Out-Schwelle wächst.

Big ist beautifull
Schon bei der Auflage von Knock-Out-Produkten spielt es eine große Rolle, wie rege die Aktien des Basiswerts gehandelt werden. Man spricht auch von ausreichender „Liquidität“ des Basiswertes. „Wenn die Liquidität nicht gesichert ist, hat die Bank nicht die Möglichkeit, entsprechend der Nachfrage nach den Optionsscheinen Aktien zu kaufen. Ihr Risiko würde stark steigen“, sagt Stemper. Auf die Bedeutung der Liquidität für den Preis verweist Nörrenberg von der Citibank. Besonders im ausserbörslichen Handel kann es demnach zu Engpässen beim Handel mit Scheinen auf weniger liquide Basiswerte kommen. „Das hängt stark von der Risikobereitschaft des Emittenten ab“, so Nörrenberg. Man finde Optionsscheine auf ein und dieselbe Aktie mit ganz unterschiedlichen Konditionen. Für den Anleger kann das heißen, dass er deutlich höhere Spreads zahlen muss und das Kauf- und Verkaufsaufträge möglicherweise nicht zeitnah ausgeführt werden können.

Wie Tietze von der Deutschen Bank AG gegenüber ECOreporter.de erklärt, hat die Liquidität eines Basiswerts auch Einfluss auf die Differenz zwischen dem Geld- und Briefkurs (Kauf- und Verkaufskurs), den ein Emittent stellt. Dieser sogenannte „Spread“ liege umso höher, je niedriger die Liquidität des Basiswerts sei.

Für Einsteiger empfiehlt sich also der Kauf von Optionen auf Aktien mit einer großen Marktkapitalisierung und hohen Börsenumsätzen.

Babylonisches Sprachgewirr
Schon die drei Beispiele zeigen: Die Anbieter machen es dem Anleger nicht gerade leicht, sich zu orientieren. Mal heißen die Knock-Out-Produkte mit unbegrenzter Laufzeit Unlimited Turbo Zertifikate (Commerzbank), dann WAVE XXL Call (Deutsche Bank) und Turbo Bear SL (Citibank). Da es noch mehr Anbieter gibt, die weitere Namen verwenden, bleibt dem Anleger nur eines: Er sollte die wichtigsten Eigenschaften dieser Art von Knock-Out-Produkten kennen. Diese sind:

Unbegrenzte Laufzeit
Vorhandensein einer Hebelwirkung
Stopp-Loss oder Knock-Out-Schwelle
Basispreis der möglichst nicht identisch mit dem Stopp-Loss sein sollte



Vorteile beim Handel über die Börse
Knock-Out-Produkte können über die eigene Haus- oder Direktbank beim Emittenten gekauft werden. Für Einsteiger bietet der Handel über die Börse aber einige Vorteile. Laut dem Sprecher der Stuttgarter Börse garantiert diese dem Anleger, dass er immer den bestmöglichen Preis zahlt („Best-Price-Prinzip“). Zudem könnten limitierte Stop-Loss- oder Stop-Buy-Orders aufgegeben werden. „Das ist ein Sicherheitsgurt, den besonders die Anleger schätzen, die sich nicht permanent den Handelsverlauf ansehen können oder wollen“, so der Sprecher.

Bild: Blick in die Produktion bei der Talheimer Q-Cells AG. / Quelle: Unternehmen
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