11.01.12 Nachhaltige Aktien , Erneuerbare Energie , Meldungen

Westliche Windturbinenbauer in der Krise - welche Perspektiven haben Hersteller aus China?



Auf den ersten Blick spricht vieles dafür. Mit Sinovel und Goldwind zählen gleich zwei dieser Hersteller zu den nach Megawatt abgesetzter Kapazität größten Anbietern von Windkraftanlagen der Welt. Und diese Position haben sie innerhalb weniger Jahre erlangt. Dieser Aufstieg wurde vor allem durch die inländische Nachfrage nach Windenergie ermöglicht. Die Regierung in Peking muss jede verfügbare Energieform nutzen, um den enormen Bedarf der boomenden chinesischen Wirtschaft nach Energie auch nur annähernd zu decken. Doch auch die starke Umweltbelastung und die drohenden Auswirkungen des Klimawandels auf die Volksrepublik legten es nahe, den Ausbau von Erneuerbarer Energie zu forcieren. Und hier ist die Windkraft diejenige regenerative Energieform, die es ermöglicht, in recht kurzer Zeit große Mengen klimaschonend erzeugten Strom zu produzieren.

In wenigen Jahren stieg China zur weltweit führenden Windkraftnation auf. In keinem anderen Land wurden so viele Windräder errichtet wir dort. Bislang wurden in der Volksrepublik Windräder mit 40 Gigawatt (GW) Leistung aufgestellt. Das entspricht fast der gesamten in 2010 weltweit installierten Windkraftleistung. Und die Politik will den Ausbau weiter forcieren. Bis 2015 soll die Leistungskapazität auf 100 GW ansteigen. Langfristig werden sogar 1.000 GW angestrebt. Zum Vergleich: ein durchschnittliches Atomkraftwerk erreicht eine Kapazität von einem GW.

Das verheißt den einheimischen Herstellern von Windkraftanlagen gute Wachstumsaussichten. Denn zwar hat die Regierung anfangs die Türen für westliche Windkrafttechnologie weit geöffnet, aber immer schon Wert darauf gelegt, dass die Wertschöpfung vor allem in China erfolgt. 70 Prozent der Komponenten für Windturbinen müssen in der Volksrepublik selbst produziert werden. Und bei der Auftragsvergabe durch die Projektierer von Windparks, bei denen es sich in der Regel um staatliche oder zumindest halbstaatliche Unternehmen handelt, werden chinesische Hersteller von Windrädern bevorzugt.

Es gibt jedoch auch eine Schattenseite dieses raschen Erfolges. China war Schauplatz der bei weitem höchsten Anzahl von Unfällen durch Fehler und Störungen bei Windturbinen, bei denen es zu massiven Stromausfällen kam und sogar Menschen ums Leben kamen. Zudem reichen schon jetzt die Netzkapazitäten für die Aufnahme des Windstroms nicht aus. Etwa ein Drittel der aufgestellten Windräder wartet noch auf den Netzanschluss. So ehrgeizig die Pläne der Politik für den Windkraftausbau sind. In der praktischen Umsetzung scheint auch für die chinesischen Windturbinenbauer das Geschäft schwieriger zu werden. Die Unternehmensberatung Frost & Sullivan ist laut einer aktuellen Analyse davon überzeugt, dass die Volksrepublik im Markt für Windenergie und Windtechnologien vor einer extrem harten Bestandsprobe steht. Unter anderem aufgrund deutlicher Anzeichen von Überkapazität im Heimatmarkt hätten die größten chinesischen Hersteller Pläne für eine internationale Expansion entwickelt. Doch auch der Schritt in westliche Märkte werde schwierig.

„Die chinesischen Hersteller müssen in erster Linie eine Reihe von technologischen Qualitätsfragen klären, bevor sie in der Lage sein werden, Technologielösungen auf dem Niveau der etablierten westeuropäischen Hersteller anzubieten“, erklärt Renewable Energy Research Managerin Alina Bakhareva von Frost & Sullivan. Die technologische Kluft werde zunehmend größer. Große westliche Hersteller wie GE, Vestas und Siemens investierten massiv in die Verbesserung der Betriebsbereitschaft und Zuverlässigkeit ihrer Turbinen. Chinesische Windturbinenhersteller dagegen würden gerade erst die ersten Schritte in diese Richtung machen. „Eine fehlerfreie Betriebsbilanz kann die Bedenken von Projektentwicklern über die Qualität der chinesischen Turbinen mindern. Aber es wird Jahre dauern, um ein solches Vertrauen aufzubauen“, ergänzt Bakhareva.

Bildhinweis: Vor allem die Getriebe von Windkraftanlagen sind störungsanfällig. / Quelle: REpower Systems


Die chinesische staatliche Kommission zur Regulierung der Elektrizität SERC hat strengere technische Vorschriften herausgegeben, speziell für die Erneuerung der Netzstützung bei Spannungseinbruch (engl. LVRT - Low Voltage Ride Through). Zusätzlich wurden im November 2011 von der nationalen Energiebehörde 18 Branchenstandards veröffentlicht. Zwei unmittelbare Auswirkungen dieser Veränderungen in den Rechtsvorschriften sind bereits erkennbar. Das Hinzufügen einer LVRT-Leistungsfähigkeit wird die Preise der chinesischen Windturbinen nach Einschätzung von Bakhareva erhöhen. Damit dürfte der Preisvorteil der chinesischen Anbieter abschmelzen und damit ihr wichtigstes Argument gegenüber westlichen Kunden an Gewicht verlieren.

Bakhareva betont, dass die Windenergiebranche in etablierten Märkten inzwischen über die Anfangsphase hinaus ist, in der das Hauptziel die Installierung von möglichst vielen Turbinen darstellte. Der Schwerpunkt liege nun auf der Steigerung der Betriebseffizienz, auf der raschen Lösung von Leistungsfragen, Echtzeit-Kontrolle, Visibilität und Verringerung der Wartungszeiten. Die Fähigkeit, überzeugende Service-Lösungen anbieten zu können, sei hierbei fast genauso wichtig wie erstklassige Ausrüstung zu liefern.

Hochqualitative After-Sales-Services fügen hier leicht ein paar Prozentpunkte an Effizienzgewinn hinzu, was zu geringeren LCOE-Stromerzeugungskosten (engl. LCOE - levelised cost of electricity) führe. Es bestehe zwar kein Zweifel darüber, dass die chinesischen Hersteller eine billigere Windturbine liefern und somit einen geringeren Investitionsaufwand gewährleisten können. Wenn es jedoch um ein Gesamtpaket an Leistungen gehe, bleiben sie weiterhin deutlich hinter ihren westlichen Konkurrenten zurück würden.

Die Expertin von Frost & Sullivan bezweifelt, dass die chinesischen Windturbinenhersteller größere Investitionen für die Ausweitung ihrer Service-Angebote in denjenigen Märkten einsetzen, in denen ihr Absatz gering ist. Aus diesem Grund dürften die etablierten europäischen und ein Teil der US-amerikanischen Windenergiemärkte für die chinesischen Hersteller schwierig zu erschließen sein. Einige Aufträge dürften zwar an Hersteller aus der Volksrepublik gehen, aber die Präsenz chinesischer Unternehmen werde in diesem Sektor wohl kaum ähnliche Ausmaße annehmen wie in der Solarenergiebranche.

„Aufstrebende Windenergiemärkte wie Mittel- und Osteuropa und Lateinamerika könnten geringere Ausrüstungskosten attraktiv finden, vor allem wenn sie großzügige Angebote der Projektfinanzierung einschließen“, resümiert Bakhareva. „Dennoch werden die erwiesene Betriebssicherheit, Qualität, Zuverlässigkeit und After-Sales-Serviceangebote das Blatt zugunsten von westeuropäischen Windturbinenherstellern wenden, auch wenn dies höhere Anfangsinvestitionen bedeutet.“
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x