Nicht nur in China boomt das Geschäft mit erneuerbarer Energie. Aktien von Windkraftunternehmen könnten daher in 2016 zulegen. / Foto: Goldwind

04.02.16 Aktientipps

Wie sind die Aussichten für Erneuerbare-Energie-Aktien in 2016?

Wenn es an der Börse danach gehen würde, was für die Menschheit gut ist, dann wäre die Sache sehr einfach. Denn seit dem Pariser Klimagipfel dürfte die weitgehend einhellige Meinung sein, dass wir mehr denn je den maximalen Klimaschutz brauchen. Und da Erneuerbare Energie hilft, das Klima zu schonen, müssten die Aktien von Wind- und Solarunternehmen nun erste Wahl sein. Sie liegen im Mega-Trend, und die alte Börsen-Weisheit lautet ja: lieber mit dem Strom schwimmen. Wenn da nur nicht der Öl-Preis wäre. Inflationsbereinigt soll Öl im Januar 2016 so billig gewesen sein wie zu Zeiten der Öl-Krise in den 70er Jahren. Da Öl derart billig ist, wo sollte der Bedarf für alternative Energie herkommen? Na also, Finger weg von Erneuerbare-Energie-Aktien! Zumal Chinas Wirtschaft ruckt und rumpelt und die fernöstlichen Börsen ihr Kursraketen-Image verloren haben; und wenn Chinas Wirtschaft in ein Schlagloch fährt, dann rauscht unsere in den Keller und die empfindliche Erneuerbare-Energie-Branche sogar in einen Krater. Oder?

Wer sich als Anleger an Rahmendaten orientieren will, an den großen Strömungen der Zeit, der hat es derzeit schwer. Es findet sich einfach keinerlei klare Richtung. Als ob ein Kompass zwei Nadeln hätte: Eine zeigt nach Süden, eine nach Norden. Was rät der erfahrene Aktien-Navigator? Am besten die Börse nur mit Abstand betrachten und vor allem Erneuerbare-Energie-Aktien so lange nicht anfassen, bis sich der Nebel verzogen hat und die Ziele klar vor Augen stehen? Das Geld auf dem Girokonto belassen und warten, was die Inflation übrig lässt?

Das kann auch nicht die erste Wahl sein. Also sortieren wir, der Reihe nach. Zunächst der Klimawandel: Wichtig für die Menschheit, aber als eventuelles kursbestimmendes Motiv an der Börse uninteressant. Aktienkurse reagieren nun einmal auf Gewinne und Zukunftsaussichten. Und natürlich  hängen Gewinne von Erneuerbare-Energie-Unternehmen davon ab, ob sich mit Erneuerbarer Energie viel Geld verdienen lässt. Ist das überhaupt möglich bei diesen niedrigen Ölpreisen? Ja klar. Bei den meisten Erneuerbare-Energie-Aktien geht es schließlich wie seit Jahrzehnten um Stromerzeugung. Und weltweit gesehen ist Öl dafür nicht der bevorzugte Rohstoff. Öl, Benzin, Heizungen, Autos, Schiffe – das sind Begriffe, die in eine Reihe passen. Öl, Strom, Wind- und Solaraktien – das ist ein Begriff unpassend in der Reihe: Öl. Der Ölpreis beeinflusst – vielleicht ! - Menschen, die sich überlegen, ob sie nun eine Holz-Pellet-Heizung kaufen sollen oder nicht. Auf Ihre Entscheidung für oder gegen Erneuerbare-Energie-Aktien, die Sie auf Sicht von drei oder fünf Jahren kaufen wollen, sollte er sich nur am Rande auswirken.

Selbst das schleppende Wirtschaftswachstum in China wird die Erneuerbare Energie hier wie dort wenig hemmen. Denn Infrastruktur im Sinne von stromerzeugenden Kraftwerken, Speichern und Leitungsnetzen benötigt auch eine chinesische Wirtschaft, die etwas langsamer wächst. Zumal sie vor allem im Bereich der Schwerindustrie an Tempo verliert. Aber beispielsweise bei persönlichen Dienstleistungen hat China immer noch einen riesigen Rückstand zum Westen aufzuholen. Von der Tiefkühltruhe bis zur Autowaschanlage: Chinesen werden weiter mehr und mehr elektrische Energie verbrauchen. Dementsprechend hat Chinas Nationale Energiebehörde für die Windkraft ein ehrgeiziges Ausbauziel ausgegeben: 2016 sollen neue Windanlagen mit einer Gesamtkapazität von 20 Gigawatt neu ans Netz kommen. Das wäre fast die Hälfte der Windkraftkapazität, die in Deutschland bis Ende 2014 insgesamt am Netz war. In vielen anderen asiatischen Staaten geht die Tendenz in eine ähnliche Richtung, ebenso in Südamerika, in Australien, in Afrika. Gesetze, neue politische Konstellationen und viele andere Faktoren lassen es nicht zu, zu prognostizieren, welches Land die Erneuerbaren wie stark vorantreibt. Aber der Gesamttrend ist dann doch gegeben: nach vorne!

Aber (leider immer dieses aber!): Ein Börsentrend sagt noch nichts darüber, wie sich einzelne Aktien schlagen werden. Manche Unternehmer bringen es sogar in Phasen allerstärksten Wachstums einer Branche fertig, ihre Unternehmen in die Miesen zu reiten. Um von solchen Missmanagement-Fällen möglichst wenig betroffen zu werden, bleibt nur, das zu tun, was alle sorgfältigen Aktionäre tun müssen: Regelmäßig informieren, wie einzelne Unternehmen stehen. Legen Sie sich eine kurze, überschaubare Liste von Aktien an, die Sie im Bereich Erneuerbare Energie ins Auge fassen. Verfolgen Sie die aktuellen Nachrichten und Einschätzungen. Und beachten Sie vor allem Ihren persönlichen Zeithorizont: Wie lange können Sie wie viel Geld investieren, in welchen Jahren wird jetzt schon absehbarer Finanzbedarf entstehen, um beispielsweise einen Haus-Hypothek abzulösen? Die Kurse von Erneuerbarer-Energie-Aktien können stark schwanken. Passt Ihre Lebensplanung dazu? 2015 legte etwa der Wert der Aktie von Vestas Wind Systems um 112 Prozent zu. Erfreulich. Der größte Windradbauer der Welt aus dem dänischen Århus hatte allein in den ersten neun Monaten von 2015 Windräder mit einer Gesamtkapazität von insgesamt 4.806 Megawatt ausgeliefert und damit 26 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Aber die Vestas-Aktie hat sich auch immer wieder nach unten bewegt. Die Aktien von Energiekontor legten letztes Jahr zehn Prozent zu, ABO Invest sieben Prozent. Dafür halten sich diese Werte recht stabil. Eine ABO Invest-Aktie könnte man auch einmal ein Vierteljahr aus dem Auge lassen und müsste nicht unruhig schlafen. Das ist oft genauso wichtig wie ein hohes Gewinnpotenzial.
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