Nordex hat in der Türkei Windkraftanlagen mit über 6 Gigawatt (GW) Gesamtleistung errichtet. Doch in dem Land wird das Geschäft immer schwieriger. / Foto: Nordex SE

26.07.17 Aktientipps , Nachhaltige Aktien , Aktien-Favoriten , Meldungen

Wind-Aktie: Türkei-Geschäft ein Problem für Nordex?

Seit kurzem geht es wieder deutlich aufwärts für die Wind-Aktie Nordex. Am heutigen Mittwoch beflügeln zwei Neuaufträge aus Frankreich ihren Kurs. Doch die Geschäfte des Windkraftanlagen-Herstellers in der Türkei stehen unter keinem guten Stern. ECOreporter hat bei Nordex nachgefragt.

Die Türkei gehört zu den fünfzehn größten Windmärkten der Welt. Hervorragende natürliche Bedingungen nicht nur entlang der Küstenlinie prädestinieren das Land dafür. Der norddeutsche Windradhersteller Nordex ist früh in den türkischen Windmarkt eingestiegen, er ist dort nach eigenen Angaben sogar Marktführer. Mit rund 350 Megawatt (MW) errichteten die Deutschen etwa ein Viertel der im Jahr 2016 neu installierten türkischen Windkraftleistung. Und Nordex-Anlagen stellten Ende 2016 rund ein Viertel der türkischen Windkraftgesamtkapazität von rund 6.100 MW.

Politische Unterstützung ist wichtig für Geschäfte in der Türkei

Dass sich die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei zuletzt massiv verschlechtert haben, ist daher auch von Nachteil für Nordex. Die Liste mit Hunderten deutschen Unternehmen, die von der türkischen Regierung der Terrorunterstützung verdächtigt werden, wurde zwar inzwischen wieder zurückgezogen. Es bleibt aber bei den Drohungen, mit denen die Bundesregierung vor einigen Tagen auf die Liste reagierte.

Nach den erheblichen Menschenrechtsverletzungen in der Türkei, von denen auch Deutsche betroffen sind, hatte die Liste das Fass zum Überlaufen gebracht. Bundesaußenminister Gabriel stellte klar, dass die Bundesregierung angesichts willkürlicher Verhaftungen deutscher Staatsbürger in der Türkei generell um die Sicherheit von Deutschen in der Türkei fürchtet, etwa auch von Mitarbeitern deutscher Unternehmen. Und dass es künftig keine staatlichen Garantien mehr für deutsche Türkei-Geschäfte mehr geben könnte.

Über sogenannte Hermes-Bürgschaften sichert die Bundesregierung bislang große Exportgeschäfte von deutschen Firmen auch in die Türkei ab. Diese Bürgschaften machen solche Geschäfte oft erst möglich.

Auf Nachfrage von ECOreporter bestätigte Nordex-Sprecher Ralf Peters die Bedeutung von Hermes-Bürgschaften auch für Windkraftgeschäfte in der Türkei. Diese seien sogar "extrem wichtig", sagte er. Nordex-Kunden hätten häufig eine solche Hermes-Deckung benötigt, damit Banken Windkraftprojekte in der Türkei überhaupt finanzieren.

Windkraft-Geschäfte in der Türkei werden ohnehin schwieriger

Immerhin: Zuletzt liefen die Geschäfte von Nordex in diesem Markt noch gut. Allein im Juni haben türkische Kunden an Nordex Aufträge über 72 MW vergeben. Doch laut Peters hat das Türkei-Geschäft für Nordex bereits an Bedeutung verloren. Dies verdeutlicht er anhand des Auftragseingangs. So seien 2014 noch rund 15 Prozent des jährlichen Auftragseingangs von Nordex auf die Türkei entfallen. Dieser Anteil sei bis 2016 auf nur noch rund 7 Prozent geschrumpft. Dafür gebe es mehrere Gründe, so der Nordex-Sprecher.

Zum einen würden sich die Finanzierungen von neuen Windkraft-Projekten in der Türkei immer länger hinziehen. Dies sei offenbar eine Folge der zunehmenden politischen Unsicherheit in dem Land. Banken und Investoren seien deutlich vorsichtiger geworden. Zum anderen setzte die Regierung im Gegensatz zu den Jahren zuvor nun nicht mehr so stark auf den Ausbau der Windkraft, sondern eher auf sehr große Energieprojekte.

Haarstäubende Beispiele für die Ausrichtung auf Megaprojekte sind etwa das berühmt-berüchtigte Südostanatolien-Projekt, das die türkischen Produktionskapazitäten aus Wasserkraft enorm steigern soll, und die beiden Atomkraftwerke, die die Türkei mit Hilfe von Partnern aus Russland und aus Japan zeitnah umsetzen will. Sarkasten könnten anmerken, dass diese Partner hierbei ja ihre Erfahrungen aus Tschernobyl und aus Fukushima einbringen können. Die beiden türkischen Atommeiler sollen an der Schwarzmeerküste und an der südlichen Mittelmeerküste entstehen.

Nordex hofft auf mehr Aufträge aus anderen Windmärkten

Nordex richtet sich laut Firmensprecher Peters daher bereits verstärkt auf andere Windmärkte als die Türkei aus. Das sei für das Unternehmen nicht ungewöhnlich. "Auch andere Windmärkte wachsen nicht ungebrochen", gab Peters zu bedenken. Als Beispiel führte er Pakistan an, wo Nordex ebenfalls vor Jahren gute Geschäfte gemacht habe, wo nun aber neue Aufträge wohl erst nach dem Ausbau der Netzkapazitäten möglich seien.

Nordex habe Erfahrungen damit, sich neue Windmärkte zu erschließen. Das sei etwa in Südafrika gelungen, und es soll auch in Indien gelingen, wo Nordex seit kurzem über eine Fabrik vor Ort verfüge. Indien gilt als ein Windmarkt mit besonders großem Wachstumspotential und die Regierung verfolgt hohe Ausbauziele für die Windenergie.

Doch auch in etablierten Windmärkten hofft Nordex darauf, Auftragsrückgänge aus der Türkei ausgleichen zu können: Peters nennt als Beispiel hierfür Spanien. Das Land ist zwar schon lange einer der fünf größten Windmärkte der Welt. Nach dem Ausbruch der Euro-Krise vor einigen Jahren entstanden dort allerdings fast keine neuen Windparks mehr. Aber nun könnte sich das Blatt wieder wenden. 

Im Mai 2017 wurde in Spanien bei einer großen Ökostrom-Auktion ein Kontingent von 3.000 MW ausgeschrieben und fast durchweg für Windkraft-Projekte vergeben. Wie der Nordex-Sprecher erläutert, steht Nordex mit einigen der erfolgreichen Bieter in Verhandlungen darüber, deren geplante Windparks zu beliefern.

EDF Energies Nouvelles ist ein wichtiger Großkunde aus Frankreich

Ein weiterer etablierter Windmarkt, von dem Nordex sich Wachstumsschübe erhofft, ist Frankreich. Dort haben die Norddeutschen bereits Windkraftanlagen mit zusammen rund 1.700 MW errichtet. Für viele davon leistet Nordex auch den Service, verdient also weiter daran.

In den letzten Wochen erhielt Nordex eine Reihe von Neuaufträgen aus dem Nachbarland, in dem der neue Präsident  Emmanuel Macron den Einsatz von Erneuerbaren Energien steigern und die Nutzung von Atomstrom verringern will. Er ist also auch in der Energiepolitik eine Art Anti-Erdogan.

Heute meldete Nordex gleich zwei Neuaufträge von EDF Énergies Nouvelles, der Ökostrom-Tochter des Energiekonzerns Électricité de France SA (EDF). Dessen Mehrheitseigner ist der französische Staat. EDF Énergies Nouvelles bestellte nun bei Nordex insgesamt zehn Windräder mit zusammen rund 36 MW Leistung. Sie sind für die Windparks "Espiers" und "Guilleville" vorgesehen, die rund 100 Kilometer südlich von Paris errichtet werden. Nordex soll auch den Service für diese Anlagen übernehmen.

Bildhinweis: Französischer Windpark mit Anlagen von Nordex. / Foto: Unternehmen

"Wir verstehen diesen Abschluss als Ausgangspunkt zu einer engeren Kooperation mit EDF Énergies Nouvelles, deren Ziel es ist, ihr Engagement im Bereich Windenergie international auszubauen", erklärte dazu Patxi Landa, Vertriebsvorstand der Nordex SE.

EDF Énergies Nouvelles hat ehrgeizige Ausbaupläne, nicht nur für Frankreich, sondern auch in Amerika. Nordex hatte von den Franzosen bereits in 2016 den Auftrag bekommen, ihren Windpark "Ventos da Bahia I" im Bundesstaat Bahia im Osten Brasiliens mit Windrädern zu bestücken. Und auch in den USA sind die Franzosen aktiv. In den Vereinigten Staaten verfügt Nordex über Produktionskapazitäten. Eine engere Geschäftsbeziehung mit EDF Énergies Nouvelles könnte mithin auch das US-Geschäft von Nordex beleben.

Die Wind-Aktie hängt tief im Kurskeller

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die beiden Neuaufträge von EDF Énergies Nouvelles am heutigen Mittwoch dazu geführt haben, dass sich die Aktie von Nordex im Xetra bis 11:30 Uhr um 2 Prozent verteuerte. Mit 12,35 Euro hat sie dort auf Monatssicht satte 17,6 Prozent an Wert gewonnen und einen Teil der jüngsten Kursverluste aufgeholt.

Die Börsianer hatten die Wind-Aktie zuvor hart dafür abgestraft, dass der Nordex-Vorstand schwache Zahlen für das erste Quartal veröffentlichte und seine Wachstumsziele kassierte. Es hatte auch nicht geholfen, dass der bisherige Vorstandschef von Nordex, Lars Bondo Krogsgaard, durch José Luis Blanco ersetzt wurde. Auf Jahressicht notiert die Nordex-Aktie jetzt immer noch um 53 Prozent im Minus.

Wir halten diese massiven Kursverluste für stark übertrieben. Zwar haben sich Hoffnungen auf ein schnelles Wachstum nach der Acciona-Übernahme nicht erfüllt. Und auch die Probleme im Türkei-Geschäft dürften Nordex kurzfristig belasten. Doch langfristig sind die Aussichten von Nordex weiter gut.

Das spiegelt der aktuelle Kurs der Wind-Aktie bei weitem nicht wieder. Es ergibt sich daraus eine günstige Kauf-Gelegenheit für Anleger, die risikobereit und langfristig ausgerichtet sind. Wer vorsichtig sein will, wartet zunächst noch die Geschäftszahlen für das erste Halbjahr ab, die Nordex in einigen Tagen veröffentlichen will. Dann kann man klarer beurteilen, wie das Unternehmen jetzt dasteht und wie es um sein Wachstumspotential bestellt ist.

Wir führen Nordex weiterhin als  ECOreporter-Favoriten-Aktie (Link entfernt)  und hier in der  Auswahl der aussichtsreichen Mittelklasse-Aktien (Link entfernt).

Nordex SE: ISIN DE000A0D6554 / WKN A0D655
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