11.03.13 Finanzdienstleister

„Wir arbeiten weiter an einer unabhängigen nachhaltigen Rating-Stiftung.“ –Interview mit Volker Weber, Carlo Foundation

Die Nachhaltigkeitsrating-Stiftung Carlo Foundation soll sozial-ethisch und ökologisch nachhaltige Geschäftsmodelle fördern. Sie zielt darauf ab, die Praxis von Finanzratings nachhaltiger und transparenter zu machen. Doch nun hat sich die Deutsche Umweltstiftung aus dem Projekt verabschiedet (wir Opens external link in new windowberichteten). Was das für die CARLO Foundation bedeutet, erläutert deren Geschäftsführer Volker Weber im ECOreporter.de-Interview.

ECOreporter: Herr Weber, was ist das Ziel der Carlo Foundation im Bereich nachhaltige Geldanlagen?

Volker Weber: Zahlreiche unabhängige Ratingagenturen stellen Emittenten, Investoren, Kreditnehmern und -gebern Informationen über die Bonität von Unternehmen und öffentlichen Körperschaften zur Verfügung. Andere wiederum beurteilen die Nachhaltigkeit von Anlageprodukten. Es gab jedoch bisher keine einzige Institution, die bei ihrer Evaluierung beide Parameter einbezieht.
Die Carlo Foundation wurde gegründet, um diese Lücke zu schließen. Bewusst wurde die Rechtsform einer Stiftung gewählt: Kritiker des Ratingmarktes weisen immer wieder darauf hin, dass sämtliche herkömmlichen Bewertungsansätze von enormen Interessenkonflikten, Intransparenz und oligopolistischen Markttendenzen geprägt sind. Als Stiftung darf die Carlo Foundation keine Gewinne zugunsten von Shareholdern erwirtschaften beziehungsweise muss sie sofort wieder investieren und ist damit frei von jeder Versuchung, durch Ratingmanipulationen eigene Wirtschaftsinteressen zu verfolgen.
Die Carlo Foundation sieht sich als Dachorganisation, die gesellschaftliche Strömungen aufgreifen und daraus einen weithin akzeptierten Mindeststandard für nachhaltige Geldanlagen und für nachhaltiger positionierte Finanzprodukte ableiten will. Dazu wird sie auf Basis existierender und neu entwickelter Ratingsysteme sowie umfassender Marktuntersuchungen verlässliche Informationen über die integrale Werthaltigkeit der beurteilten Anlagemöglichkeiten bereitstellen. Unter dem integralen Ansatz versteht die Carlo Foundation eine logische Zusammenführung von sogenannten ESG-Kriterien (ESG = Ecology, Social, Governance), Finanzkennzahlen und den gesellschaftlich anerkannten Anlagebewertungen (Best-in-Class, Ausschlusskriterien et cetera). Diese werden mit weiteren Prozesskennzahlen sinnvoll verknüpft, so dass institutionellen und privaten Investoren erstmalig eine echte Entscheidungsgrundlage zur Verfügung steht. In gleicher Weise erhalten Emittenten ein klares Bild von einer nachhaltigen Geldanlage und können ihre Prozesse im Sinne einer mehrdimensionalen Rendite für alle Marktteilnehmer anpassen. Die Carlo Foundation tritt an, den Gedanken der Nachhaltigkeit verstärkt in unternehmerische Entscheidungsprozesse zu integrieren und damit eine lebenswerte Zukunft auch für unsere nachfolgenden Generationen zu schaffen.

ECOreporter: Nun hat die Deutsche Umweltstiftung öffentlich das Ende ihrer Mitarbeit in der Carlo Foundation verkündet. Was wäre die Aufgabe der Deutschen Umweltstiftung gewesen?

Weber: Die Deutsche Umweltstiftung war Mitgründer und Träger der CARLO Foundation. Jörg Sommer, Vorstand der Deutschen Umweltstiftung, war Vizepräsident der Carlo Foundation und somit Mitglied des Stiftungsrates. Er übte damit die aufsichtsrechtlichen Tätigkeiten einer solchen Position aus. Darüber hinaus war die Deutsche Umweltstiftung an der Entwicklung des neuen Ratingansatzes beteiligt.

ECOreporter: Die Deutsche Umweltstiftung hat ihren Rückzug so begründet: Beispielsweise habe sich Liechtenstein, der Sitz der Carlo Foundation, in den letzten Monaten offensiv bemüht, zu einem attraktiven Hedge-Fonds-Standort zu werden. Das aber sei mit dem Wunsch, Standort einer nachhaltigen Ratingagentur zu werden, nicht glaubhaft zu verbinden. Für die Deutsche Umweltstiftung sei eine Zusammenarbeit aus, so wörtlich, „ethischen Gründen nicht weiter vertretbar. Wie beurteilen Sie das?

Weber: Wir finden es sehr schade, dass die Deutsche Umweltstiftung und ihr Vorstand Jörg Sommer das so beurteilen. Gerade wenn man den Aspekt berücksichtigt, dass die Mitgründer und Träger der Carlo Foundation, die liechtensteinische Regierung und der liechtensteinische Bankenverband, ausdrücklich zur neuen AIFM-Richtlinie stehen. Diese eröffnen zahlreiche Möglichkeiten, alternative und damit nachhaltige Investmentfonds in einem regulierten und beaufsichtigten Umfeld aufzulegen. Das dazu geschaffene Gesetz setzt ganz bewusst höchste Maßstäbe und Anforderungen für die Anbieter solcher Fonds. Das erhöht die Glaubwürdigkeit der gemeinnützigen Carlo Foundation in ihrem Bestreben, dass nachhaltige Unternehmen und Finanzprodukte leichter Investoren finden und sich so am Markt durchsetzen werden. Der nachhaltig ausgerichtete Kunde soll schlussendlich verstehen und entscheiden können: Hier bringt dein Geld Zinsen und bewirkt Gutes für Mensch und Natur.

ECOreporter: Wie wird es nun mit der Aufgabe der Carlo Foundation weitergehen?

Weber: Wir haben in der Stiftungsratssitzung vom 4. März 2013 die weiteren Weichen in die Zukunft gestellt und die begonnenen Maßnahmen im Sinne einer unabhängigen nachhaltigen und internationalen Rating-Stiftung fortgesetzt. Die Carlo Foundation ist seit Beginn daran interessiert, sich möglichst breit aufzustellen und weitere Partner ins Boot zu holen. Auch diese Gespräche und Arbeiten sind in vollem Gange. Wir sind auf dem richtigen Weg aktiv unterwegs und gehen diesen Schritt für Schritt konsequent weiter.
Wir bedauern natürlich den Rückzug der Deutschen Umweltstiftung. Der Ausstieg hat aber keinerlei Auswirkungen auf das weitere Vorgehen. Sinnvolles, gesellschaftlich integriertes Handeln hat nichts mit einzelnen Trägern zu tun, sondern rückt immer stärker in den Fokus von Verbrauchern, Unternehmen, Investoren und staatlichen Institutionen. Daran arbeiten wir ungehindert weiter.

ECOreporter: Herr Weber, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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