Kohlebagger im Tagebau: Kohlekraftwerke stellen noch immer den Löwenanteil der deutschen Energieversorgung - zu Lasten von Klima und Umwelt. Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert vom DIW Berlin kritisiert das als überflüssig. / Quelle: Fotolia

30.06.17 Erneuerbare Energie

"Wir brauchen keine Kohlekraftwerke mehr. Sie passen nicht in eine nachhaltige Energiewende" - Interview mit Claudia Kemfert, Teil 2

Claudia Kemfert scheut in der Debatte über die Energiewende nicht vor Klartext zurück. Wer den Ausbau der Erneuerbaren Energien für steigende Endverbraucherpreise verantwortlich macht, "ist unehrlich oder betreibt ein gezieltes Täuschungsmanöver", hat sie in  Teil 1 des ECOreporter-Interviews  klar gestellt. Hart kritisiert Kemfert die bisherige Umsetzung der Energiewende. In der Fortsetzung des Interviews erklärt sie, wie die Energiewende gelingen kann – und wer ihr im Wege steht.

ECOreporter: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Professor Dr. Claudia Kemfert:  Die eigentlichen Herausforderungen anzugehen: Wir brauchen eine effiziente und erneuerbare Wärmeversorgung und nachhaltige Mobilität. Wir benötigen die Verbesserung der Versorgungssicherheit Erneuerbarer Energien durch mehr Energiemanagement und mittelfristig mehr Speicher. Doch davon sieht und hört man leider nichts. Die EU-Ziele des Ausbaus der Erneuerbaren Energien auf 18 Prozent des Endenergieverbrauchs bis 2020 werden wir so nicht erreichen können. Man hat somit aufgrund einer Fehldiagnose die völlig falschen Rezepte ausgestellt und verkehrte Maßnahmen eingeleitet.

Kann man der Politik nicht zugestehen, dass sie aus diesen Fehlern lernen könnte?

Dafür haben wir keine Zeit. Die Energiewende verträgt keine Pause. Kein Jahr und erst recht keine weiteren unter vielen, das wir von Tag zu Tag, von Woche zu Woche verschieben können, weil wir uns dann später einmal kümmern werden. Im Gegenteil: Die Energiewende ist das eine Projekt, das nicht den geringsten Aufschub duldet!

Nun stellt die Politik aber gerade die Weichen wieder um, genehmigt den Weiterbetrieb alter Kohlekraftwerke, lässt sogar neue in Betrieb gehen. So ein neues Kohlekraftwerk, das heute startet, wieviele Jahre wird das laufen?

Mindestens 40 Jahre, schlimmstenfalls 60 Jahre.

Wozu brauchen wir denn heute Kohlekraftwerke?

Wir brauchen keine Kohlekraftwerke mehr. Sie passen nicht in eine nachhaltige Energiewende. Sie produzieren zu große Mengen Treibhausgase und sind ungeeignet in der Kombination mit schwankenden Erneuerbaren Energien. Wenn wir die Klimaschutzziele von Paris erreichen wollen, dürfen wir nicht mehr in Kohlekraftwerke investieren.

Manche Bevölkerungskreise können die Argumente für eine komplette Energiewende nahezu im Schlaf herunterbeten: Wenn wir in Deutschland mehr Energie selbst aus sauberen Quellen erzeugen, sind wir weniger abhängig von Putin (Gas) und Öllieferländern, das entschärft auch Konkfliktregionen im Nahen Osten. Wir unterstützen nicht weiter die Kohlelieferungen aus Südamerika. Wir schaffen hier Arbeitsplätze. Energie wird eher billiger als teurer. Undsoweiter undsofort. Klingt alles so vernünftig. Warum handelt die Politik anders – und bekommt dafür sogar oft Beifall?

Das Hauptproblem ist das Festhalten an der Vergangenheit. Die fossilen Industrien wollen ihre Gewohnheiten und Privilegien nicht aufgeben und kämpfen wie ein sterbender Schwan mit großen Getöse gegen den eigenen Untergang – leider sehr erfolgreich. Sigmar Gabriel hatte als damaliger Wirtschaftminister 2016 davon gesprochen, dass der „Welpenschutz“ für die Erneuerbaren Energien nunmehr beendet sei. Dabei geht es nicht um junge Hunde, sondern um die Basis unserer Volkswirtschaft. Wir sprechen nicht von Leckerlis, sondern über entscheidende Investitionen in die Wirtschaft von morgen. Was Gabriel mit der Metapher von den niedlichen Welpen verschleiert, ist das massive Umverteilen von staatlichen Fördergeldern. Denn weniger Förderung für die Erneuerbaren und eine Verlangsamung des Kohleausstiegs bedeuten im Klartext: Kein Geld für die Zukunft und noch mehr Geld für die Vergangenheit.

Der Energiemarkt als Hundewelt – wie sieht das in Ihren Augen aus?

Es bellt und tobt eine Horde in die Jahre gekommener Rottweiler, die ihre besten Tage hinter sich haben. Es passt ihnen überhaupt nicht, dass die jungen Hunde sich nicht mehr devot auf den Rücken werfen, sondern tatsächlich den Platz vor der Hütte und auf der Spielwiese beanspruchen. Wütend wollen die Alten die kräftigen Jungen wegbeißen. Es geht schließlich um gut gefüllte Fressnäpfe. Die Alten kläffen, weil die jungen Hunde die Zukunft sind. Anders gesagt: Die deutsche Energiewende ist quasi zum Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Je kräftiger sie wird, umso stärker die Gegenwehr.

Bildhinweis: Professor Dr. Claudia Kemfert ist Wissenschaftlerin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Sie erforscht unter anderem, was Klimaschutz und Klimawandel kosten. / Quelle: DIW Berlin

Was sind für Sie die größten Bremser und Störfaktoren auf dem Weg zu einer sauberen Energieerzeugung in Deutschland?

Wer mit konventioneller Energie Geld verdient, kann nicht am Strang Richtung Klima-Zukunft ziehen. Je erfolgreicher die Erneuerbaren Energien auf dem Markt sind, desto schlechter laufen die Geschäfte mit den fossilen Energien. Für die Kohleindustrie ist eine erfolgreiche Energiewende kein Grund zur Freude. Das fossile Imperium schlägt deshalb zurück. Und zwar mit aller Kraft. Das Schlimme daran: Die alte Energiewelt findet ihre politischen Handlanger, wie in den USA derzeit sehr gut zu beobachten ist, wo Präsident Trump eine Regierung aus Klimaskeptikern, Atomlobbyisten und Öl-Industriellen um sich schart. Klimaschutzpolitik wird abgeschafft, es gibt Vergünstigungen für konventionelle Energien. Inzwischen herrscht Krieg zwischen der alten und der neuen Energiewelt!   

Was gibt Ihnen am meisten Hoffnung, dass die Energiewende doch noch rechtzeitig gelingen könnte?   

Das schon erwähnte Pariser Klimaschutz- Abkommen – trotz aller globaler Widrigkeiten. Es führt zu einem globalen Wettbewerb um die beste Klimaschutztechnologie. Anders als beim Kyoto-Protokoll wurden nicht „top down“-Ziele vorgegeben, an die sich keiner hält, sondern ein „bottom up“-Prozess von unten gestartet. Klimaschutz findet lokal, vor Ort statt. Nicht träge Staaten, sondern engagierte Menschen nehmen jetzt das Heft in die Hand! Dass Taten folgen, ist nicht nur notwendig, es ist auch technisch möglich – selbst wenn interessierte Kreise mit großer Beharrlichkeit das Gegenteil behaupten. Früher oder später wird sich die fossile Energie ohnehin nicht mehr rechnen. Insofern ist die weltweite Energiewende mehr als realistisch. Die Frage ist nur wann, wie und wo. Ich warne vor Überheblichkeit: Es ist keineswegs ausgemacht, dass Deutschland sowieso zu den Gewinnern gehören wird.   

Wo sehen Sie die wichtigsten Unterstützer für die Energiewende?

Viele Länder haben Prozesse für den aktiven Klimaschutz gestartet. Die Finanzbranche reagiert; es fließen global immer mehr Investitionen in Klimaschutztechnologien – und zwar rund um den Globus dorthin, wo die vielversprechendsten Ideen entstehen und die besten Geschäfte locken. Deutschland muss sich anstrengen, wenn es mithalten will. Wir waren mal Klimapionier; diesen Titel haben wir längst an andere Länder abgegeben. Norwegen ist schon an uns vorbeigezogen, sogar China.

Was können die Bürger tun – auch in ihrer Rolle als Geldanleger?

Bürgerinnen und Bürger sollten jetzt dringend:
Genau hinschauen, um Wissenschaft und Propaganda voneinander zu unterscheiden, sich informieren, hinterfragen, Quellen prüfen, wissenschaftlich fundierte Argumente sammeln und weitertragen.
Sich die Konsequenzen des eigenen Tuns und Nichttuns vor Augen führen, beim Umgang mit Energie, mit einer klimaschonenden Lebensweise oder mit politischem Engagement.
Klima- und energiepolitische Petitionen unterschreiben.
Finanzpartner überprüfen und Bankgeschäfte dekarbonisieren.
Ökostrom beziehen. Am besten von einem echten Ökostromanbieter, der ausschließlich Strom aus erneuerbaren Quellen anbietet. Oft ist das billiger als der Grundstromtarif, den viele Verbraucher nutzen, die noch nie den Stromanbieter gewechselt haben.
Eine nachhaltige Verkehrswende unterstützen. Das eigene Auto stehen lassen, abschaffen oder Carsharing betreiben. Öffentliche Verkehrsmittel, Fahrrad oder Bahn nutzen. Wenn es nicht anders geht, beim nächsten Autokauf ein klimaschonendes Fahrzeug oder Elektroauto anschaffen.

Frau Kemfert, wir danken Ihnen für das Gespräch! 

Das Interview ist auch im neuen ECOreporter-Magazin enthalten. Hier können Sie das gedruckte Heft bestellen - für 4,90 Euro plus Porto und Versand.  Darin bewerten wir nachhaltige Aktienfonds, Mikrofinanzfonds und Mischfonds, vergleichen ethische und grüne Banken und berichten unter anderem über vegane Aktien, nachhaltige ETFs und faires Gold.
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