30.07.10 Fonds / ETF

„Wir schließen Ölwerte generell aus“ – Interview mit Jörg Schreiner, Hamburger Sparkasse (Haspa), zum Hamburger Stiftungsfonds UI




ECOreporter.de: Welche Anlagestrategie verfolgt der Hamburger StiftungsFonds UI?

Jörg Schreiner: Der Hamburger Stiftungsfonds UI verfolgt eine Strategie des langfristigen realen Kapitalerhalts. In positivem Marktumfeld versucht der Fonds zu partizipieren. In negativem Marktumfeld  geht er dagegen restriktiv mit Risiken um, etwa über den Einsatz von Stop-loss-Strategien (Solchen Verlustvermeidungsstrategien setzen Mindestkursgrenzen, die etwa eine Aktie nicht unterschreiten soll. Anm. d. Red.) Die Anlagen und deren Umschichtungen sollen ordentliche Erträge (Dividenden, Kupons) und realisierten Gewinne erwirtschaften. Mindestens 70 Prozent des Fondsvermögens fließen in Staatsanleihen, Pfandbriefe und Festgeld und bilden damit die Ertragsseite ab. Maximal 30 Prozent dürfen in Aktien und Rohstoffe investiert werden.



ECOreporter.de: Wie ist der aktuelle Platzierungsstand und welcher Stand wird in einem beziehungsweise drei Jahren angestrebt?

Schreiner: Derzeit liegt das Fondsvermögen bei rund 70 Millionen Euro. In einem Jahr wird ein Volumen von 100 Millionen Euro, in drei Jahren von 150 Millionen Euro angestrebt.



ECOreporter.de: Wie entwickelte sich der Fonds im Bezug auf seinen Ausgabepreis am 14. Dezember 2009? Orientiert sich das Fondsmanagement bei der Wertentwicklung an einem Benchmark?

Schreiner: Seit der Auflage des Fonds war sein Marktumfeld schwierig. Zum 21. Juli 2010 verlor die institutionelle Tranche des Fonds 2,13 Prozent an Wert. Die private Tranche lag 2,39 Prozent unter dem Niveau bei der Auflage.

ECOreporter.de: Wie ist ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit für den Fonds definiert?


Schreiner:
Ökologische Nachhaltigkeit haben wir anhand von drei Faktoren definiert. Diese sind Umweltmanagement, Ökoeffizienz und Produktverantwortung. Unter Umweltmanagement verstehen wir die Umweltpolitik des Unternehmens, das Umweltmanagementsystem sowie dessen Klimastrategie. Bei der Ökoeffizienz stehen der Energie- und Wasserverbrauch sowie der Umgang mit (Produktions-) Abfällen und Emissionen im Fokus. Im Rahmen der Produktverantwortung betrachten wir Lebenszyklen der Produkte, deren Langlebigkeit, Materialien und verwendete Substanzen sowie deren Energieeffizienz.
Soziale Nachhaltigkeit verstehen wir im Bezug auf die Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung. Werden die Menschenrechte eingehalten, wird auf Kinderarbeit verzichtet und zeigt ein Unternehmen gesellschaftliches Engagement zum Beispiel über die Gründung beziehungsweise Unterhaltung von Stiftungen?
Ökonomische Nachhaltigkeit bezieht sich auf die Einrichtung  und den Betrieb eines Risikomanagementsystems und die Corporate-Governance-Strukturen innerhalb eines Unternehmens. Im Bezug auf Corporate Governance legen wir Wert auf die Ausgestaltung der Aktionärsrechte, der Vorstandsvergütung und der Unabhängigkeit der Aufsichtsgremien vom Vorstand. Auch die Ausübung fairer Geschäftspraktiken lassen wir in unser Urteil mit einfließen.

ECOreporter.de: Haben Sie ihre Nachhaltigkeitsanalyse hausintern entwickelt, oder greifen Sie beim grundlegenden Nachhaltigkeitsansatz auf das Know-how externer Partner zurück?

Schreiner:
Bei der Entwicklung eines Universums an grundsätzlich investierbaren Titeln für den Hamburger Stiftungsfonds UI haben wir einen sehr pragmatischen Ansatz gewählt. Wir orientieren uns an Nachhaltigkeits-Indizes von externen Anbietern. Dabei haben wir eine Reihe von Indizes ausgewählt, die wir für geeignet erachten. Aus diesen Indizes speist sich das investierbare Universum.

ECOreporter.de: Welches sind die wichtigsten Negativ- und Positiv- Kriterien, die Unternehmen erfüllen müssen, um als Aktie für den Fonds in Frage zu kommen?


Schreiner: Bei Aktien und Unternehmensanleihen erfolgen grundsätzlich keine Investitionen in die Branchen Rüstung, Pornografie, Tabak und Glücksspiel. Nach den jüngsten Erfahrungen mit dem Krisenmanagement von BP nach der Explosion der Ölbohrplattform im Golf von Mexiko haben wir uns entschlossen, Ölwerte ebenfalls generell auszuschließen. Daran wird zunächst auch der Aufbau eines Notfallsystems zum Auffangen von auslaufendem Öl mittels Spezialschiffen und Unterwassergeräten durch die Konkurrenten von BP nichts ändern. Konsequenterweise verkauften wir die Aktien des französischen Ölkonzerns Total.
Allerdings kann es keine Garantie des Ausschlusses solcher Konzerne im Zuge von Übernahmen und Fusionen geben. Wir legen jedoch höchsten Wert auf den Ausschluss von Konzernen aus den genannten Branchen.


ECOreporter.de: Wer kontrolliert wie oft, inwiefern die definierten Nachhaltigkeitsstandards eingehalten werden? Wie oft werden die Standards selbst überprüft und überarbeitet?

Schreiner:
Eine vom Fondsmanagement getrennte Controlling-Abteilung überprüft die Einhaltung der Nachhaltigkeitsstandards. Diese Standards werden vom Fondsmanagement einer fortlaufenden Kontrolle unterzogen.


ECOreporter.de: Wo liegen die Unterschiede und Besonderheiten des Fonds im Vergleich zu anderen Nachhaltigkeitsfonds?

Schreiner: Als Hamburger Sparkasse mit über 180-jähriger Tradition fühlen wir uns seit jeher dem Gemeinwohl in Hamburg in besonderem Maße verpflichtet. Dies zeigt sich nicht nur in einer intensiven Zusammenarbeit mit zahlreichen Stiftungen, sondern auch in der Gründung der Haspa Hamburg Stiftung im Jahre 2004. Aus dieser stifterischen Aktivität kennen wir die speziellen Anforderungen und Bedürfnisse von Stiftungen im Rahmen der Vermögensanlage. Aus diesem Selbstverständnis heraus ist die Idee des Hamburger Stiftungsfonds entstanden. Wir sehen Nachhaltigkeit nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zur Konfliktvermeidung für eine Stiftung. Das Kriterium der Nachhaltigkeit führt dazu, dass nur die Unternehmen ausgewählt werden, die auch gut zu den inhaltlichen Aufgaben einer Stiftung passen. Hier ist das Stichwort „saubere Rendite“ entscheidend. Nachhaltigkeit ist somit conditio sine qua non (eine Bedingung, von der nicht abgesehen werden kann – die Red.) für die Vermögensanlage von Stiftungen.


ECOreporter.de: Zu welchen Konditionen ist der Einstieg für welchen Typ von Anleger möglich?

Schreiner: Der Fonds eignet sich sowohl für private als auch institutionelle Anleger. Bei der privaten Tranche gibt es keine Mindestanlagesumme. Der Ausgabeaufschlag liegt bei dieser Tranche bei maximal 4, Prozent. Die Verwaltungsvergütung beträgt derzeit 1,395 Prozent jährlich. Die Mindestanlagesumme in der institutionellen Tranche sollte bei 500.000 Euro liegen. Der derzeitige Ausgabeaufschlag liegt hier bei 2 Prozent. Die Verwaltungsvergütung beträgt aktuell 0,945 Prozent per anno.

ECOreporter.de: Der Fonds richtet sich auch explizit an Stiftungen. Was bedeutet das konkret?

Schreiner: Bei der Vermögensanlage legen wir Wert auf  die Erzielung einer „sauberen“ Rendite, die zu den Stiftungsinhalten passt. Darüber hinaus legen wir Wert auf eine ausgewogene Diversifikation. Das breite Anlageuniversum basierend auf Nachhaltigkeitsindizes gewährleistet den gleichen Diversifikationsgrad wie bei Standardindizes wie etwa dem Euro Stoxx 50.
Wir orientieren uns an den Bedürfnissen von Stiftungen zur Generierung von laufenden Ausschüttungen aus der Vermögensanlage. In diesem Jahr ist eine einmalige Ausschüttung oberhalb von 2 Prozent geplant. Ab dem nächsten Jahr nehmen wir quartalsweise Ausschüttungen vor. Dabei sollen drei Ausschüttungen in der Höhe von 0,5 Prozent liegen, die letzte Ausschüttung sollte oberhalb von 0,5 Prozent liegen und variabel gestaltet werden.

ECOreporter.de: Welche regionalen Schwerpunkte setzt der Fonds im Bezug auf Staatsanleihen und Aktien? Welche Branchen sind im welchem Verhältnis vertreten?

Schreiner: Staatsanleihen aus der Euro-Zone bilden mit rund 42,2 Prozent per 30. Juni 2010 das Basisinvestment, da diese nach unserer Einschätzung den Erfordernissen in puncto ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit entsprechen. Darüber hinaus haben wir polnische Staatsanleihen aufgrund der wirtschaftlich guten Perspektiven mit rund 5,3 Prozent gewichtet. Wegen der zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung von Schwellenländern haben wir uns dazu entschieden, hier eine ergänzende Investition in Höhe von etwa 3 Prozent über einen Fonds für Anleihen in lokaler Währung durchzuführen. Dabei haben wir etwa darauf geachtet, China - unter anderem aufgrund der Menschenrechtslage- auszuschließen. Darüber hinaus haben wir Wandelanleihen aufgrund ihrer vorteilhaften Risiko/Rendite-Relation mit rund 2 Prozent allokiert. Ergänzt werden diese Anlagen durch eine rund neunprozentige Unternehmensanleihequote und eine 2,4-prozentige Inflationsanleihenquote.
Per 30. Juni 2010 wies der Fonds eine Liquiditätsquote von 5,4 Prozent aus.
Die Aktienquote betrug zum Stichtag insgesamt rund 26,6 Prozent. Davon entfielen rund 3,0 Prozent auf risikoreduzierte Aktieninvestments in Form von Aktienanleihen. Mit 2,4 Prozent wurde ein Fonds erworben, der sich ebenfalls auf Investitionen in Schwellenländern konzentriert. China wurde hierbei wiederum ausgenommen. Im Rahmen der reinen Aktienquote von 21,3 Prozent fanden die einzelnen Branchen die folgenden Gewichtungen: Chemie 14,1 Prozent, Industrie 6,6 Prozent, Konsum 6,7 Prozent, Technologie 12,6 Prozent, Telekommunikation 19,6 Prozent, Versicherungen 13,4Prozent, Versorger 13,2 Prozent, Banken und Finanzdienstleister 13,9 Prozent.
Auch bei der Aktienquote lag der Fokus auf europäischen Titeln. Hierbei handelt es sich mehrheitlich um international tätige Konzerne, die von den wachsenden Märkten in den Schwellenländern ebenfalls profitieren.

ECOreporter.de: Das Staatsanleihen-Geschäft gilt seit der Euroschuldenkrise nicht mehr als so sicher wie zuvor. Welche Strategie verfolgen Sie bei der Auswahl der Staatsanleihen?


Schreiner:
Die Schuldendiskussion in der Eurozone muss differenziert betrachtet werden: Durch die Verunsicherung der Anleger im Zuge der Debatte über die griechische Haushaltssituation sowie das in der Folge geschnürte Rettungspaket kam es zu einer Flucht in die Liquidität und Qualität deutscher Staatsanleihen. Dies führte zu steigenden Kursen und in der Folge zu einem drastischen Renditeverfall deutscher Staatsanleihen.
Basierend auf dieser Ausgangslage kann man zwei Szenarien durchspielen. Das Kernszenario besteht in einer wirtschaftlichen Erholung in der Euro-Zone. In diesem Fall käme es zu einem Renditeanstieg und folglich zu Kursverlusten bei deutschen Staatsanleihen mittlerer Laufzeit. Im Zuge der wirtschaftlichen Erholung würden Staatsanleihen mit kurzer und mittlerer Laufzeit der Euro-Zone wie beispielsweise Italiens und Spaniens höhere Wertbeiträge liefern.
Im zweiten Szenario, nämlich einem rezessiv-deflationären Umfeld, wäre die Europäische Zentralbank zu Zinssenkungen gezwungen. In diesem Fall dürften sich Bundesanleihen mittlerer Laufzeit stabil entwickeln, bei langen Laufzeiten dürfte es zu steigenden Kursen und. Renditerückgängen kommen. Auch in diesem Fall kann eine Beimischung von Staatsanleihen bestimmter südeuropäischer Staaten sinnvoll sein.
Dabei ist auch zu beachten, dass Länder wie Spanien mit AA und Italien mit A+ Rating nach Standard & Poor’s nach wie vor bessere Bonitätseinschätzungen aufweisen als einige Unternehmensanleihen. Wir sehen die derzeitige Situation eher als selektive Investitionschance. Durch die jüngst wieder stärkere Entwicklung des Euro gegenüber dem US-Dollar sehen wir uns in dieser Haltung bestätigt. Außerhalb der Euro-Zone erscheint uns Polen attraktiv.


ECOreporter.de:Wie begegnen Sie dem Inflationsrisiko im Bereich Staatsanleihen?  Welche Risiken sind außerdem mit der Fondsstruktur verbunden?

Schreiner: Dem Inflationsrisiko begegnen wir im Bereich Staatsanleihen durch eine zweigeteilte Strategie. Zum einen investieren wir in Inflationsanleihen, deren Bewertung allerdings derzeit auf keinen kurzfristigen Inflationsanstieg hindeutet. Zum anderen begrenzen wir bewusst die Laufzeit der Staatsanleihen. Steigen die Zinsen in einem inflationären Umfeld an, so können die entsprechenden Fälligkeiten mit höheren Renditen angelegt werden. Mit dieser Doppelstrategie halten wir das Inflationsrisiko für beherrschbar. Wir können uns ab dem Jahr 2012 vorstellen, dass die Inflationsrate über den Zielwert der EZB von 2Prozent steigt, wenn das Geldmengenwachstum nachfragewirksam werden sollte. Signifikant höhere Inflationsraten halten wir allerdings eher für unwahrscheinlich. Dennoch können auch moderate Inflationsraten eine Herausforderung für einen Anleger mit dem Ziel des realen Kapitalerhalts darstellen.

ECOreporter.de: Laut Fondsinformation investiert auch in Rohstoffe. Welche sind das? Und warum haben Sie diese gewählt?

Schreiner: Der Fonds darf auch in Rohstoffe investieren. Derzeit weist der Fonds allerdings keine Rohstoffquote auf. Aktuell erachten wir Gold aufgrund spekulativer Preiseinflüsse für relativ unattraktiv. Ein Engagement in Agrarrohstoffen ist im Falle einer weiteren konjunkturellen Erholung zwar grundsätzlich positiv. Allerdings sind Investments in Agrarrohstoffe häufig nur über Futures möglich, die in der Regel immer mit so genannten Rollverlusten verbunden sind. Erschwerend hinzu kommt eine ethische Komponente: Möchte man an einer möglichen Verknappung von Lebensmitteln Geld verdienen? Hierbei erscheint der Grundsatz der „sauberen“ Rendite nicht erfüllt.
    

ECOreporter.de: Wie kam es zur Auflage des Hamburger Stiftungsfonds UI ?

Schreiner: In unserem Stiftungsmanagement unter der Leitung von Herrn Direktor Andreas Meyer werden Stiftungen auch im Hinblick auf rechtliche und steuerliche Fragestellungen betreut. Außerdem wird dort auch die Errichtung von Stiftungen unter dem Dach der Haspa Hamburg Stiftung ermöglicht. Aus diesem Bereich und auch von anderen Stiftungen, mit denen wir bereits zusammenarbeiten, stellten wir eine große Nachfrage fest.


ECOreporter.de: Wie wird sich der Markt für nachhaltige Investmentfonds in der nahen Zukunft entwickeln? Wo sehen Sie Trends und wo sollte man sein Geld in Zukunft besser nicht investieren?

Schreiner:  Derzeit gibt es eine zunehmende Zahl von Anbietern, die im Bereich der nachhaltigen Vermögensanlage sowohl für institutionelle, als auch für private Kunden aktiv sind. Allerdings drängt sich teilweise der Eindruck auf, dass die Investmentbranche hier ein gewisses Modethema „spielt“. Gleichwohl wird die Nachfrage der Investoren in diesem Bereich zunehmen und sich zukünftig auf diejenigen Anbieter fokussieren, die in der Lage sind, zu diesem Thema einen wirklichen Mehrwert zu liefern. Dieser besteht unserer Meinung nach in dem Entwurf transparenter und nachvollziehbarer Kriterien im Bezug auf Nachhaltigkeit, aber eben auch in einer entsprechenden Rendite. Außerdem sollte Nachhaltigkeit wie angedeutet nicht als Selbstzweck betrieben werden, sondern klar auf die Bedürfnisse bestimmter Kundengruppen zugeschnitten sein. In dieser Hinsicht sehen wir uns sehr gut positioniert.

ECOreporter.de: Herzlichen Dank für das Interview!


Hamburger Stiftungsfonds UI: ISIN DE000A0YCK34 (institutionelle Tranche), DE000A0YCK42 (private Tranche) / WKN: A0YCK3 (institutionelle Tranche), A0YCK4 (private Tranche) /Bloomberg: HAMSUII GR (institutionelle Tranche), HAMSUIP GR (private Tranche)
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