07.03.20 Erneuerbare Energie , Meldungen

Fakten gegen Atomenergie und für ein Kernkraft-Divestment: der Uranatlas

Deutschlands Atomausstieg ist nicht mehr fern. Ist die Atomenergie also so gut wie tot? Mitnichten. Die USA und China, selbst das Fukushima-gebeutelte Japan setzen weiter auf Kernkraftwerke und planen neue strahlende Stromerzeuger.

In der Finanzwelt ist die Kernkraft auch nicht flächendeckend tabu – Union Investment etwa lässt in manchen nachhaltigen Fonds Investments zu, wenn Länder nicht mehr als 30 Prozent Umsatzanteil oder Stromerzeugungsanteil aus Atomkraft haben. Und die EU-Bemühungen um nachhaltige Finanzen? Hier kämpfen die Lobbyisten in Brüssel derzeit mit harten Bandagen darum, Atomkraft als klimafreundlich hinzustellen und damit als nachhaltig. Die Folge wäre: Fonds dürften sich auch dann noch nachhaltig nennen, wenn sie in Atomenergie investieren.

Angesichts solcher Verirrungen ist es auch für Anbieter nachhaltiger Geldanlagen und deren Anleger gut, auf Faktenmaterial zugreifen zu können. Das bietet der erste Uranatlas, der gemeinsam von der Nuclear Free Future Foundation, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und der Rosa-Luxemburg-Stiftung veröffentlicht wurde. Er zeigt die Gefahren der Atomenergie.

"Der Uranatlas ist als Grundlagenwerk konzipiert, das Daten und Fakten über den Rohstoff des Atomzeitalters liefert“, erklärt Horst Hamm von der Nuclear Free Future Foundation und Redaktionsleiter des Uranatlas. "Er soll gerade in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen dazu beitragen, Wissenslücken zu Uranbergbau und Atomkraft zu schließen.“ Deshalb werden der Uranatlas und sämtliche Karten und Grafiken kostenlos abgegeben bzw. zum Download angeboten.

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Auch nach dem Ausstieg geht es weiter mit der Atomwirtschaft in Deutschland

In Deutschland beispielsweise seien derzeit immerhin noch sieben Atomkraftwerke in Betrieb, so Hamm. Darüber hinaus seien die Urananreicherungs-Anlage in Gronau sowie die Brennelemente-Fabrik in Lingen mit unbefristeten Betriebsgenehmigungen vom Atomausstieg ausdrücklich ausgenommen, obwohl in Deutschland spätestens 2022 weder angereichertes Uran noch Brennelemente benötigt werden.

"Es ist zwar richtig, dass Atomstrom im Vergleich zu Kohlestrom nur rund ein Zehntel der Emissionen verursacht“, bestätigt Tadzio Müller, Referent für Klimagerechtigkeit und Internationale Politik bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. "Atomkraft ist aber viel zu teuer, um gegen die Klimakrise wirkungsvoll eingesetzt werden zu können. Der Uranatlas zeigt dies mit seinen Daten und Grafiken sehr eindrucksvoll.“ Wirtschaftlich gesehen hat Atomkraft keine Zukunft. "Neue AKWs werden heute nur aus einem einzigen Grund gebaut“, so Tadzio Müller: "Die dahinter stehenden Staaten wollen das Material für die Atombombe und ihr Atomarsenal modernisieren.“

In Afrika, Australien, Nordamerika und Europa wehren sich immer mehr Menschen erfolgreich gegen Uranbergbau und die Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen. Denn auch ohne Reaktorunfall bedeutet die Nutzung der Atomenergie ein großes Gesundheitsrisiko, wie der Uranatlas zeigt. "Das Uran muss in der Erde bleiben“, fordern Bewohner aus den Abbau-Regionen deshalb seit Jahren.

Uranpreis sinkt – aber die Atommächte schlafen nicht

Seit der Reaktor-Katastrophe von Fukushima ist die Produktion von Atomstrom weltweit um über 10 Prozent gesunken und der Uranbedarf somit zurückgegangen: Von 68.646 Tonnen vor der Katastrophe auf nur noch 56.585 Tonnen im Jahr 2014. Inzwischen sind die Atomstromproduktion und die Urannachfrage wieder leicht gestiegen, hauptsächlich wegen neuer Kraftwerke in China. Der Preis von Uran liegt seit 2016 unter 30 US-Dollar und macht die meisten Uranbergwerke unwirtschaftlich. "Gegenwärtig warten Bergbaukonzerne darauf, dass sich der Uranpreis erholt. Gleichzeitig wehren sich immer mehr Menschen in Afrika, Australien, Nordamerika und Europa erfolgreich gegen Uranbergbau und die Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen. Auch ohne Reaktorunfall bedeutet die Nutzung der Atomenergie ein großes Gesundheitsrisiko. Deshalb muss das Uran in der Erde bleiben“, fordert Horst Hamm von der Nuclear Free Future Foundation (NFFF) und Redaktionsleiter des Uranatlas.

Kernkraft in Betrieb gibt es heute in 31 Ländern. Sie hat weltweit einen Anteil von rund 10 Prozent an der Stromerzeugung. Der Beitrag der Atomwirtschaft sinkt seit dem Höchststand 1996 (17,5 Prozent) kontinuierlich. "Wirtschaftlich gesehen hat Atomkraft keine Zukunft. Die Betreiber versuchen mit Laufzeitverlängerungen für bestehende Anlagen wie etwa in Frankreich zu überleben, was das Katastrophenrisiko deutlich erhöht. Neue AKWs werden oft nur aus militärischen und strategischen Gründen gebaut“, sagt Tadzio Müller.

Hintergrund: Es geht auch um Atomwaffen

Die Europäische Union ist immer noch die weltweit größte Uranverbraucherin (s. Seite 20 des Uranatlas). 99,9 Prozent des Uranerzes bleiben in den Tailingbecken zurück. Sie sorgen auch nach Schließung einer Mine dafür, dass die Gebiete langfristig radioaktiv kontaminiert sind. Denn im Uranbergbau sind Fein- und Grobstäube voll von strahlenden Partikeln und die Atemluft mit Radongas belastet – ein Hauptgrund für den Lungenkrebs vieler Bergarbeiterinnen und Bergarbeiter.

Deckel drauf – aber unten suppt es durch

Uran wird unter Tage und im Tagebau gefördert. In beiden Fällen werden Uranminen von großen Rückständen eingerahmt. In ihnen finden sich sämtliche Zerfallsprodukte der Urankette. Die Sanierung von Uranminen scheitert meist an der fehlenden Bereitschaft der Atomnutzer, Geld für das Problem auszugeben. Als internationales Vorzeigeprojekt für die Zeit nach der Urangewinnung gilt die Sanierung der Wismut in Sachsen und Thüringen – aber auch hier gibt es Mängel. Ehemalige Absetzbecken wurden nur abgedeckt und nicht abgedichtet. Ein Teil der Niederschläge sickert nach wie vor durch die feinkörnigen Bergbaurückstände hindurch, sodass giftige Stoffe ins Grundwasser gelangen. Es gibt eine dauerhaft erhöhte radioaktive "Grundstrahlung“ in den betroffenen Gebieten Thüringens und Sachsens (s. Seiten 10 und 28 im Uranatlas).

Uran: Kasachstan vorne

Historisch betrachtet ist Kanada mit Abstand der weltweit größte Uranförderer: 524.000 Tonnen und damit über ein Sechstel der gesamten Uranproduktion stammen von dort. Danach kommen die USA, gefolgt von Russland beziehungsweise der Sowjetunion, Kasachstan, der DDR und Australien. Seit 2009 ist Kasachstan das wichtigste Förderland, der Anteil an der weltweiten Uranproduktion lag 2017 bei 39 Prozent. Sehr große und noch nicht erschlossene Uranvorkommen werden in Afrika vermutet. Fünf der weltweit zehn größten Uranminen liegen auf dem Land indigener Völker, die anderen fünf in Kasachstan. Uranbergbau wird von wenigen Akteuren beherrscht: den beiden Staatskonzernen Kazatomprom (Kasachstan) und Rosatom (Russland) sowie von Cameco (Kanada) und der französischen Orano-Gruppe. Diese vier waren im Jahr 2017 für 63,3 Prozent der weltweiten Uranproduktion verantwortlich.

Link zur Online-Version: "Uranatlas: Daten und Fakten zu den Gefahren der Atomenergie - von der Uranförderung bis zum problematischen Umgang mit dem Atommüll“

www.bund.net/urantlas; www.rosalux.de/uranatlas; www.nuclear-free.com/uranatlas

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