Jakob Berndt ist einer der Gründer und Geschäftsführer von Tomorrow. / Foto: Viertel/Vor Magazin, Marcus Werner

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Tomorrow-Interview: Wie grün ist das neue Smartphone-Konto?

Das Hamburger Finanzunternehmen Tomorrow bietet nach eigener Aussage das erste nachhaltige Smartphone-Konto Europas an. Jakob Berndt, einer der Geschäftsführer der Tomorrow GmbH, spricht im ECOreporter-Interview über das Geschäftsmodell, das Nachhaltigkeitskonzept und die Zukunftspläne seines Unternehmens.

Bislang bietet Tomorrow lediglich ein Produkt an: ein kostenloses, mobiles Girokonto mit Mastercard-Kreditkarte. Wenn Kunden mit dieser Kreditkarte zahlen, fällt eine sogenannte Interchange Fee an. Diese Gebühr trägt der, der das Geld des Zahlenden bekommt, also ein Supermarkt beispielsweise. Normalerweise stecken sich Finanzinstitute diese Gebühr in die eigene Tasche. Tomorrow spendet die Interchange Fee an Klimaschutzprojekte. Außerdem legt das Unternehmen seine Kundeneinlagen nach eigenen Angaben mit nachhaltigen Kriterien an.

ECOreporter: Das Tomorrow-Girokonto gibt es seit Mitte November letzten Jahres. Wie viele Nutzer haben Sie aktuell?

Jakob Berndt: Die Schleusen sind noch nicht ganz geöffnet, wir arbeiten gerade mit einer Warteliste, die mehrere tausend Anwärter fasst. Seit dem Launch senden wir täglich Nutzern einen Einladungscode, mit dem sie ein Konto eröffnen können. Auf diese Weise können wir ein reibungsloses Onboarding (Freischalten der Konten - die Red.) gewährleisten, schließlich sind unsere Support-Ressourcen aktuell noch begrenzt. Inzwischen verzeichnen wir schon rund 1.500 User, jeden Tag kommen neue hinzu.

Es soll nicht beim Girokonto bleiben. Welche Bankdienstleistungen möchten Sie als nächste anbieten?

Das Girokonto steht zunächst einmal im Fokus. Wir wollen jetzt erst mal dafür sorgen, dass auf technologischer Seite alles einwandfrei läuft und die Kunden Spaß bei der Nutzung haben. Konkret arbeiten wir an Features wie Unterkonten, mit denen Kundinnen und Kunden zum Beispiel das Sparen für einen Urlaub erleichtert wird, oder Partnerkonten. Im Hintergrund läuft natürlich schon einiges mehr, sodass 2019 Stück für Stück die Dienstleistungen ausgebaut werden können. Das Spektrum dabei ist breit, wir denken von Sparprodukten bis zu grünen Versicherungen.

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Sie arbeiten mit dem Bank-Dienstleister solaris aus Berlin zusammen, weil Sie keine Banklizenz besitzen. Legt solaris selbst nachhaltig an? Warum kooperieren Sie nicht mit einem nachhaltigen Institut wie beispielsweise der GLS Bank?

Wir nutzen die Vollbanklizenz und die Infrastruktur der solarisBank. Sie ist damit ein wichtiger, zentraler Dienstleister – nicht mehr und nicht weniger. Wir als Tomorrow kuratieren und entscheiden, wie die Einlagen unserer Kunden genutzt werden – und nicht die solarisBank. Um zu gewährleisten, dass die Investments wirklich positiven Wandel anstoßen, prüfen wir alle Projekte detailliert. Tomorrow hat den Anspruch, den Usern einen transparenten Einblick in das zu geben, was mit ihrem Geld passiert. Im Impact-Board, das zentraler Bestandteil der Tomorrow-App ist, können die User genau nachlesen, wo das Geld wirkt. Insofern haben wir die Zügel in Sachen Impact Investing (Investieren mit Wirkung - die Red.) in der Hand und sind sehr zufrieden mit der solarisBank als Partner. Die GLS macht einen tollen Job, und das schon seit langer Zeit, wir haben einen guten Draht zueinander. Eine Zusammenarbeit hat sich bisher nicht ergeben, aber wer weiß, was die Zukunft bringt.


Die Tomorrow-Geschäftsführer (v.l.n.r.): Jakob Berndt, Inas Nureldin, Michael Schweikart. / Foto: Viertel/Vor Magazin, Marcus Werner

Mit den Transaktionsgebühren der Tomorrow-Kreditkarte unterstützen Sie nachhaltige Projekte. Wie entscheiden Sie, wohin die Gelder fließen? Arbeiten Sie mit externen Partnern zusammen?

Wir nehmen die Projekte genau unter die Lupe, sodass wir sicherstellen können, dass die Tomorrow-Gelder ausschließlich positiven Wandel unterstützen. Im Moment fließen die gesamten Gelder der Interchange Fee in ein Waldschutz-Projekt in Brasilien, hierfür arbeiten wir mit ClimatePartner aus München zusammen. Künftig wird es mehrere Projekte zur Auswahl geben, und auch dabei werden wir natürlich ganz genau hinschauen. Dafür haben wir einen vierstufigen Prozess entwickelt, der folgendermaßen abläuft:

Schritt 1: Wir haben die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen in vier Kernbereiche zusammengefasst: Schutz natürlicher Ressourcen, Gewährleistung von Grundbedürfnissen, Klimaschutz und Empowerment benachteiligter Gruppen. Nur Projekte, die zu diesen Herausforderungen einen Beitrag leisten, erhalten potenziell eine Finanzierung.

Schritt 2: Es folgt die sogenannte ESG-Evaluation, die den ökologischen, sozialen und wirtschaftsethischen Fußabdruck des Projekts auswertet: Wie steht es um faire Löhne, die Klimabilanz, Diversität? Nur wenn hier eine ausreichend positive Bilanz gewährleistet ist und das Projekt zudem nicht unserer Negativliste (Rüstung, Massentierhaltung usw.) zuzuordnen ist, kommt eine Finanzierung weiter in Frage.

Schritt 3: Die abschließende Bewertung erfolgt durch unseren externen Beirat. Dieses Gremium stellen wir gerade sukzessive zusammen. Mit Markus Beckmann (Professor für Corporate Sustainability Management an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) und Andreas Neukirch (ehemaliger Vorstand der GLS Bank) haben wir bereits zwei erfahrene Kandidaten an Bord, weitere werden folgen.

Schritt 4: Erst jetzt werden die Projekte auf finanzielle Tragfähigkeit geprüft. Dies geschieht in Rücksprache mit dem Risikomanagement unseres Partners solarisBank.

Die Transaktionsgebühren der Kreditkarte werden in voller Höhe gespendet. Erzielt die Tomorrow GmbH derzeit überhaupt Erträge?

Aktuell generieren wir tatsächlich nur vereinzelt Erträge: Jeweils drei Abhebungen und Überweisungen im Monat sind kostenlos, für alle weiteren zahlt der Kunde eine kleine Gebühr. Zukünftig werden mehr Umsatzkanäle hinzukommen. Schon bald wird es neben der kostenlosen Basisversion ein Premiumkonto geben, das den Usern erweiterte Features bietet und mit monatlichen Kosten verbunden ist. Weitere Umsatzbringer werden künftig nachhaltige Finanzprodukte rund um das persönliche „Morgen“ der Nutzerinnen und Nutzer sein (Sparen, Investieren, Vorsorgen, Versichern) – und perspektivisch auch das Kreditgeschäft.

Sie geben an, dass einige Privatpersonen und der Wald-Direktinvestment-Anbieter ForestFinance Sie als Geldgeber unterstützen. Wie lange reicht Ihr finanzieller Atem, wann müssen Sie die Gewinnzone erreicht haben?

Das ist eine gute und berechtigte Frage.

Danke.

Zweifelsfrei handelt es sich um ein kapitalintensives Geschäftsmodell. Wir haben bereits einige sehr gute Partner an Bord, mit denen uns ein gemeinsamer Wertekanon verbindet und die das Projekt Tomorrow langfristig unterstützen wollen. Für Mitte 2019 planen wir unsere erste “richtige“ Finanzierungsrunde. Insofern ist erst mal alles in trockenen Tüchern, und wir haben noch ein bisschen Zeit, das Geschäftsmodell vollständig zu etablieren, bevor wir rentabel arbeiten werden.

Wird es in absehbarer Zeit Möglichkeiten geben, in Tomorrow zu investieren?

Wir bekommen viele Anfragen, ob und wie Kunden auch direkt in Tomorrow investieren können, via Crowdfunding zum Beispiel. Das ist in der Tat ein spannendes Thema, mit dem wir uns derzeit auseinandersetzen. Wir finden es spannend, die Community auch Teilhaber werden zu lassen. Hier tut sich ja gerade auch viel Neues auf, von der “Genossenschaft 2.0” bis zum sich selbst gehörenden Unternehmen. All diese Möglichkeiten beziehen wir in unsere Überlegungen mit ein.

Herr Berndt, wir danken für Ihre Antworten!

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