Frank Huttel ist Prokurist der FiNet Asset Management AG. / Foto: Unternehmen

16.09.19 Finanzdienstleister

"100 % nachhaltig wird wahrscheinlich nie Realität werden“ – Frank Huttel im Interview

Das Marburger Unternehmen FiNet bietet die digitale Vermögensverwaltung vividam an. FiNet-Prokurist Frank Huttel erklärt, warum vividam trotzdem ein "Anti-Robo-Advisor“ ist und was passiert, wenn eine Ölaktie im nachhaltigen Portfolio auftaucht.

ECOreporter: Herr Huttel, warum nennen Sie vividam einen "Anti-Robo-Advisor“. Was meinen Sie damit?

Frank Huttel: Der Begriff ist mir in einem früheren Interview "aus dem Mund gerutscht“. Inzwischen gefällt er mir ganz gut. Denn wir machen viele Dinge bewusst anders. So investieren wir ausschließlich in aktive und nachhaltige Fonds mit dem Ziel einer positiven Wirkung auf Gesellschaft und Ökologie – Stichwort Sustainable Development Goals (die 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung – Anm. d. Red.). Auch gibt es bei uns keinen Algorithmus, sondern eine klassische Neugewichtung des Portfolios spätestens zum Jahresende. Und zu guter Letzt ist vividam ein Hybrid: Es gibt ein Berater-Netzwerk, und der Endkunde wird einem Berater zugewiesen, an den er sich wenden kann. Dennoch ist der Begriff "Anti-Robo-Advisor“ nicht abwertend gemeint, denn wir zählen uns eindeutig zu den digitalen Vermögensverwaltern.

Sie geben an, Ihre Anlage-Portfolios auf der Basis wissenschaftlicher Modelle zu ermitteln. Wie sehen diese Modelle konkret aus?

Wir ermitteln lediglich das Risiko- und Kundenprofil sowie die passende Anlagesumme und die Höhe des monatlichen Sparplans anhand wissenschaftlicher Modelle. Hier greifen wir auf Daten zurück, die etwas darüber aussagen, was andere Anleger mit ähnlichen Profilen investieren. Die Portfolios selbst sind nach keinem Modell ermittelt. Wir gehen hier einen anderen Weg: Wir wollen in die Märkte und Themen beziehungsweise in die Produkte der Zukunft investieren, die einen positiven Impact auf Umwelt und Gesellschaft haben. Damit gehen wir über ESG (ökologische, soziale und an guter Unternehmensführung ausgerichtete Kriterien – Anm. d. Red.) hinaus. Erst dann suchen wir Fonds, die unserer Philosophie entsprechen, und gewichten diese dann anhand der erwarteten Kursschwankungen.

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Können Sie einige Finanzprodukte nennen, in die Sie das Geld der Anleger zurzeit besonders gerne investieren?

Wir investieren in regulierte und täglich liquide Aktien-, Renten- und Mischfonds. Wir mögen Fonds-Boutiquen und investieren schwerpunktmäßig in deren Fonds. So haben wir Produkte von ÖkoWorld im Portfolio oder von RobecoSAM, aber auch einen sehr interessanten Aktienfonds von Arabesque. Im Anleihebereich setzen wir auf einen Green Bond Fund von Allianz Global Investors oder einen Emerging Markets Fonds von DPAM (Degroof Petercam). Wir decken insgesamt ein breites Spektrum an Themen mit ungefähr 20 Fonds ab.

Viele nachhaltig ausgerichtete Anleger möchten ihr Geld nicht in Fonds stecken, die Aktien oder Anleihen von Öl- und Kohlefirmen enthalten. Können Sie diesen Menschen ein passendes Portfolio bieten?

Wir haben unter anderem fossile Energieträger ausgeschlossen. Dennoch mussten wir nach dem Screening des Portfolios durch www.yourSRI.com feststellen, dass wir in einem Fonds, dem TBF Smart Power, die Aktie von Chevron haben. Daraufhin haben wir mit dem Fondsmanagement gesprochen. Chevron ist zwar ein Ölproduzent, aber auch führend bei der Erzeugung von Flüssigerdgas. Dieses Gas ist ein Brückenenergieträger und hat eine deutlich bessere CO2-Bilanz als Erdöl. Daher haben wir uns entschlossen, den Fonds nicht zu verkaufen, zumal er ansonsten in interessante Themen wie Smart Grid und Energieeffizienz investiert.
An diesem Beispiel sieht man, dass "100 Prozent nachhaltig“ wahrscheinlich nie Realität werden wird. Das ist nun mal leider so, zumal wir als Vermögensverwalter auch das Ziel haben, für den Anleger Geld zu verdienen. Wer dies nicht möchte, soll bitte spenden und sich im Bereich Philanthropie engagieren. Das tun wir übrigens auch und spenden an die Bienenorganisation Mellifera e.V.

Wie sieht die Zielgruppe von vividam aus?

Wir wollen Investoren, ob jung oder alt, Mann oder Frau, eine aus unserer Sicht maximal nachhaltige Geldanlage bieten. Und das ab 3.500 Euro plus 75 Euro monatlicher Sparplan. Dazu bekommt der Kunde einen Berater als Coach zur Seite. Dafür muss er bereit sein, etwas mehr als für einen üblichen Robo-Advisor zu zahlen. Unser Service kostet 1,29 Prozent pro Jahr inklusive Mehrwertsteuer, dazu kommen noch die internen Fondskosten. Und eine Affinität für Technik muss vorhanden sein, denn wir sind 100 Prozent digital. 

Welche Nachhaltigkeitskriterien müssen die Fonds erfüllen, in die Sie investieren? Führen Sie auch selbst Nachhaltigkeitsanalysen durch?

Wir schauen auf die üblichen Kriterien, sind aber keine Siegel- oder Label-Fanatiker. Siegel und Label sind aber ein sehr guter Hinweis auf die Qualität und die Ernsthaftigkeit des Anbieters. Wir selbst führen keine Nachhaltigkeitsanalysen durch, das machen ja die Boutiquen und Fondsgesellschaften. Allerdings schauen wir uns deren Analyseprozess an.

Sie wollen mit Ihren Investments nachhaltige Wirkung erzeugen und legen deshalb nur in aktiv gemanagte Fonds und nicht in ETFs an. Investieren Sie auch in Alternative Investmentfonds (AIFs), die sich beispielsweise an Wind- und Solarparks beteiligen?

Nein, wir investieren nur in täglich liquide Instrumente. AIFs fallen daher aus dem Anlageuniversum heraus. Das ist etwas schade, denn echte Wirkung kann man nur im Primärmarkt erzielen.

Seit wann bieten Sie vividam an, und wie haben sich die Portfolios der Anleger bisher entwickelt?

Wir sind mit vividam im Dezember 2018 gestartet. Die Performance in diesem Jahr ist bis jetzt sehr vielversprechend. Die Daten können in unserem Blog auf www.vividam.de abgerufen werden. Übrigens gibt es schon seit 2016 eine "klassische“ Vermögensverwaltung, auf der die Strategien von vividam basieren. Wir sind also kein Newcomer und auch kein Start-up oder Fintech.

vividam wird von Ihrem Unternehmen FiNet betrieben. Welche Geschäftsfelder hat FiNet, und wie sind die letzten Jahre wirtschaftlich für Sie gelaufen?

Die FiNet Asset Management AG wurde Ende 2007 als von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) lizenziertes Institut gegründet und ist Vermögensverwalter, Maklerpool beziehungsweise Dienstleister für unabhängige Finanzberater und Fondsmanager. Nach der Finanzmarktkrise haben wir uns immer mehr auf das Segment Vermögensverwaltung fokussiert und damit die Erträge in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigert. Aktuell verwalten und administrieren wir rund 450 Millionen Euro Anlagekapital. vividam ist nun der konsequente Schritt, die Vermögensverwaltung zu digitalisieren und auf eine neue Stufe zu heben.

Wie setzen Sie Ihren Nachhaltigkeitsanspruch in Ihrem eigenen Unternehmen um?

Wir bevorzugen bei Dienstreisen die Bahn. Auch haben wir schon seit mehreren Jahren Diensträder in der Unternehmensgruppe. Des Weiteren spenden wir wie erwähnt an die Bienenorganisation Mellifera. Ich persönlich kompensiere meine Dienstreisen und bitte Veranstalter, ebenfalls zum Beispiel Flüge zu kompensieren.  

Digitale Vermögensverwaltung – wird der Markt weiter wachsen? Wie sieht es mit der Konkurrenz aus, vor allem durch große internationale Technologiekonzerne?

Wir sind der Überzeugung, dass ein Vermögensverwalter ohne Digitalisierung in den nächsten Jahren nicht überleben wird. Durch die Regulierung ist die Branche gezwungen, Prozesse zu automatisieren. Allerdings darf der Kunde dabei nicht auf der Strecke bleiben. Inwiefern große Tech-Konzerne in diesen Bereich vorstoßen, muss man abwarten. Auch ob Check24 sich mit der beantragten Banklizenz einen Teil vom Kuchen abschneiden will, bleibt abzuwarten. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, eine klare Fokussierung zu haben und nicht mit einem „Me too“-Produkt in den Markt zu gehen. So etwas wird höchstwahrscheinlich scheitern.

Herr Huttel, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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