Andrew Murphy, Vorstand der Murphy&Spitz Nachhaltige Vermögensverwaltung AG. / Foto: Unternehmen

06.03.20 Nachhaltige Aktien , Anleihen / AIF , Fonds / ETF

Coronavirus - was Finanzexperte Andrew Murphy nachhaltigen Anlegern rät

Was bedeutet die Ausbreitung des Coronavirus für nachhaltige Geldanlagen? Wie krisensicher sind grüne Aktien und Fonds? ECOreporter hat dazu Andrew Murphy befragt, den Vorstand der nachhaltigen Vermögensverwaltung Murphy&Spitz aus Bonn.

Murphy&Spitz bietet unter anderem den Murphy&Spitz - Umweltfonds Deutschland an, der in Aktien kleiner und mittelgroßer Unternehmen aus nachhaltigen Branchen investiert. Der Fonds zählt zu den nachhaltigsten von ECOreporter getesteten Aktienfonds (den ECOfondstest des Umweltfonds finden Sie hier).

 

ECOreporter: Herr Murphy, viele Menschen haben derzeit wegen des Coronavirus nicht nur Angst um ihre Gesundheit, sondern auch um ihr angelegtes Geld. Was sollten nachhaltige Anleger jetzt tun? Und was nicht?

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Viele Aktien haben zuletzt deutlich an Wert verloren. / Foto: UmweltBank

Andrew Murphy: Uns haben eine ganze Reihe von Anlegerinnen und Anlegern kontaktiert und waren in Sorge über die weitere Entwicklung. Wir haben bereits, als sich die Situation in Italien zuspitzte, d.h. als ganze Städte abgesperrt wurden, die Aktienquote unseres Umweltfonds erheblich herabgesetzt, denn es war klar erkennbar, dass es zu Verwerfungen kommen wird.

Es ist schon etwas naiv zu glauben, dass sich das Coronavirus in Italien, Südkorea und besonders in China bändigen lässt. Covid-19 wird uns noch eine Weile begleiten. Aber weniger das Virus stellt eine Gefahr dar als vielmehr die Panik drumherum. Panik kann man an verschiedenen Kursentwicklungen festmachen, die irrational sind. Ein Beispiel: Wieso wirft jemand seine UmweltBank-Aktie aus seinem Depot und nimmt bis zu 26 Prozent Verlust in Kauf? Wegen eines Covid-19? Das Geschäftsmodell der Bank wird von dem Virus allenfalls indirekt positiv beeinflusst, und zwar durch mögliche Konjunkturmaßnahmen. An solch irrationalem Handeln erkennt man Panik. Da sollte man dann kühlen Kopf behalten.

Wie realistisch bilden die Kursverluste der letzten Wochen die wirtschaftliche Entwicklung ab?

Die Kursverläufe an den Börsen spiegeln nur bedingt den tatsächlichen Wert von Unternehmen wider. Dabei spielen aber Aspekte wie Unternehmenswert, Kursentwicklung, Peer-Group-Bewertung, konjunkturelle Entwicklung und das Verhalten der Notenbanken eine gewichtige Rolle. Bei nachhaltig agierenden Unternehmen sehen wir keine Überbewertungen. Es gibt sicherlich einen Vertrauensvorschuss, beispielsweise in der Telematik wie bei IVU Traffic oder bei der Elektromobilität, aber es ist auch nachvollziehbar, dass es dort zu erheblichen Umsatzzuwächsen kommen wird.

Welche Finanzprodukte sind in einer (noch ziemlich milden) Krise wie der jetzigen widerstandsfähiger als andere?

Ganz klar aktiv verwaltete Fonds und Vermögensverwaltungen. Ein "hirnlos“ reagierender ETF läuft immer dem Markt hinterher. ETFs bilden nur einen Index ab und springen einfach hinter dem Markt über die Klippe. Die Panik der letzten Woche war vorhersehbar. Und die Auswirkungen werden uns auch noch ein wenig begleiten. Die ankommenden Container mit Lieferungen aus China haben vor sechs Wochen die asiatischen Häfen verlassen. Die hiesigen Überseehäfen melden noch wenig Rückgang, der Export in China hat aber massiv gelitten. Die Produktion in China liegt nach Auskunft der Außenhandelskammer gerade erst wieder bei 30 Prozent. Das wird uns noch im zweiten Quartal 2020 begleiten, und die zweite Verkaufswelle von Aktien könnte mit schlechten Unternehmenszahlen für das erste und zweite Quartal kommen.

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Wird das Coronavirus die Klimawende beschleunigen? / Foto: Alfen

Sind nachhaltige Finanzprodukte generell krisensicherer als nicht nachhaltige?

Man sollte sich fragen: Wo liegt die Zukunft? Was würde wohl durch konjunkturfördernde Maßnahmen gestützt werden? Und ich denke, man kann diese "Krise“ auch dazu nutzen, Gelder in Zukunftsthemen wie Gesundheit, Elektromobilität, Energieeffizienz, nachhaltige Infrastruktur, Senkung des CO2-Ausstoßes von Immobilien oder gleich "raus mit der alten Ölheizung und rein mit der Erneuerbare-Energien-Wärme“ zu lenken. Wenn wir 2008 etwas gesehen haben, dann, dass im Krisenmodus politisch viel möglich ist. Und dieses Land steht fiskalpolitisch auf einem soliden Fundament und hat die Kraft, bei den Themen Digitalisierung, Energiewende, Heizungswende und Elektromobilität viel möglich werden zu lassen.

Zeigt sich aktuell, dass passiv gemanagte Finanzprodukte wie ETFs nicht die perfekten Investments sind, als die sie gerne angepriesen werden?

Da rollt ein großer Werbeblock durchs Land: Zuerst hieß es immer, ETFs bilden den Markt ab und können von Menschen nicht geschlagen werden. Seit sich in den letzten Jahren gezeigt hat, dass aktive Fonds, also Fonds, hinter denen menschlicher Verstand steht, zu sehr viel besseren Wertsteigerungen fähig sind, wird nun das Thema der Kosten immer wieder in den Vordergrund gestellt. Das ist natürlich Unsinn. Eigentlich interessiert sich keiner – außer die Werbeagenturen – für die Kosten. Anleger wollen Leistung, sie wollen Wertsteigerung ihres Vermögens und – in unserer Branche – in nachhaltige Unternehmen und Projekte investieren. Kosten? Die Kosten sind in der Performance bereits berücksichtigt, wie auch alles andere.

Schauen Sie sich doch einmal die Kostenübersicht zu nachhaltigen Fonds bei ECOreporter an. Keiner der billigen Fonds liegt auch bei der Gesamtleistung, also der Wertentwicklung und den Kosten, vorne. ETFs handeln ohne Verstand und reagieren ausschließlich auf Börsenentwicklungen. Von Menschen verwaltete Fonds sprechen mit dem Management von Investments, können Einfluss nehmen und auch Verhalten sanktionieren. ETFs laufen immer hinterher. Aktive Fonds investieren in Kapitalerhöhungen und somit direkt in Unternehmen und Projekte. ETFs laufen immer hinterher. Aktive Fonds betreiben ein Risikomanagement. ETFs laufen hinterher und sind immer voll investiert.

Bei steigenden Börsenkursen kann man wenig falsch machen, disruptive Märkte benötigen hingegen ein aktives Management. Ein Vergleich: Der iShares Dow Jones Eurozone Sustain. ETF hat seit Jahresanfang 10,08 Prozent an Wert verloren. Auf Sicht von zwölf Monaten liegt er 3,3 Prozent im Plus. Der Murphy&Spitz - Umweltfonds Deutschland hat seit Jahresanfang um 0,59 Prozent zugelegt. Auf zwölf Monate gesehen beträgt der Wertzuwachs 21,29 Prozent.

Sie erwähnten bereits, dass Sie die Aktienquote Ihres Umweltfonds gesenkt haben, als in Italien vermehrt Infektionen mit dem Coronavirus registriert wurden. Mit welchen Entwicklungen rechnen Sie in den nächsten Monaten? Und wie werden Sie darauf reagieren?

Murphy&Spitz hat, als sich abzeichnete, dass die Exportraten in China fallen, die Situation sehr genau beobachtet. Als dann in Italien ganze Städte abgesperrt wurden, haben wir die Aktienquote in Etappen von 97 auf 65 Prozent gesenkt. Grundsätzlich können wir in einer Zuspitzung die Investmentquote auch kurzfristig auf 0 Prozent senken. Aber wir sehen keinen Anlass dazu. Ganz im Gegenteil, vereinzelt haben wir schon wieder Investments getätigt. Besonders fallende Kurse im defensiven Bereich bei Anleihen verwundern doch sehr, da kaufen wir aktuell für die nachhaltige Vermögensverwaltung.

Kurzfristig werden wir aber eine Korrektur sehen. Nach den "Ausläufern“ des Coronavirus kommen die schwachen Unternehmens- und Wachstumszahlen, und ab Mitte des Jahres wird der Schatten von Trump und dem US-Wahlkampf an Gewicht gewinnen. Da können wir uns auch als nachhaltiger Vermögensverwalter nur bedingt dem Trend entziehen. Aber es gibt die Gewinner und guten Unternehmen, die auch bei schwachen Märkten zulegen können.

Herr Murphy, vielen Dank für Ihre Antworten!

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