Ein Encavis-Windpark in Obersleben. / Foto: Unternehmen

07.09.18 Aktientipps , Aktien-Favoriten

ECOreporter-Favoriten-Aktie Encavis: Wie attraktiv ist der deutsche Grünstromproduzent?

Encavis produziert Strom - ausschließlich mit klimaschonenden Wind- und Solarkraftwerken. ECOreporter hat das Unternehmen analysiert. Wie attraktiv ist ein Geschäftsmodell, das alleine auf Erneuerbarer Energie beruht? Welche Chancen und Risiken haben Aktionäre hier?

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Encavis hieß bis Ende Februar 2018 Capital Stage. Aktuell (Stand September 2018) betreibt Encavis 65 Wind- und 172 Solarparks mit einer Gesamtleistung von mehr als 1,5 Gigawatt (GW). Zum Vergleich: Ein typisches Kernkraftwerk bringt rund 1 GW Leistung. Encavis bezeichnet sich selbst als einen “der führenden konzernunabhängigen Stromanbieter im Bereich der Erneuerbaren Energien in Europa“.

Immer mehr Strom

In den vergangenen fünf Jahren erzielte Encavis mit rund 110 Mitarbeitern in Summe 488,3 Millionen Euro Einnahmen aus Solarkraftwerken und 100,3 Millionen Euro aus Windparks. Macht insgesamt Stromeinnahmen von fast 600 Millionen Euro in fünf Jahren. Das ist keine RWE und kein E.on, die jedes Jahr Milliarden umsetzen – aber es ist auch beileibe kein Zwergengeschäft. Zumal die Einnahmen stetig wachsen: 2013 waren es 57 Millionen Euro, 2017 schon 222,4 Millionen Euro. In den kommenden drei Jahren will Encavis die Anzahl der Kraftwerke deutlich ausbauen, das dürfte für deutlich höhere Umsätze sorgen.

Strompreise und Einspeisevergütungen

Die Kraftwerke von Encavis erzeugen grünen Strom. Den speisen sie in die Stromnetze ein. Die Preise, die Encavis für den Strom erhält, sind unterschiedlich. Für Solarstrom beispielsweise erhält Encavis teilweise 11 Cent pro Kilowattstunde (kWh) in Italien, teilweise bis zu 35 Cent je kWh in Deutschland. Je früher die Anlagen in Betrieb gingen, desto höher sind die Einspeisevergütungen für den grünen Strom. Diese Vergütungen legen meist die Staaten fest, sie gelten dann für lange Zeiträume, beispielsweise für 20 Jahre in Deutschland.

Ein solides Geschäft: Encavis weiß bei vielen Kraftwerken heute schon: Wenn in drei, in acht, in zwölf Jahren die Sonne durchschnittlich scheint, dann erhält das Unternehmen eine bestimmte Summe für den Strom. Ohne Vermarktungsrisiko, ohne den Strom am Markt anbieten zu müssen. Erst nach Ablauf der meist 20 Jahre müssen solche Kraftwerke dann den Strom im freien Wettbewerb anbieten.

Die durchschnittliche Restlaufzeit der Einspeisevergütungen der von Encavis betriebenen Kraftwerke liegt  aktuell bei 16 Jahren. Das heißt, bis zum Jahr 2034 hat Encavis im Durchschnitt eine feste Vergütung und gesicherte Stromabnahme und dadurch sehr stabile Cashflows.

Allerdings gelten die Einspeisevergütungen heute nur noch in wenigen Ländern für neue Kraftwerke. Mittlerweile gibt es hierfür sogenannte Auktionsverfahren. Die Kraftwerksbetreiber müssen hier im Vorhinein anbieten, wie teuer ihr Strom werden wird. Grüner Strom aus Solar- und Windkraftwerken in Deutschland beispielsweise ist billig: Um solche Kraftwerke bauen zu können, durfte man 2018 nur bis zu etwa 6 Cent für den Strom verlangen. Angesichts der Preise, die Verbraucher zu Hause zahlen (meist um die 289 Cent), ein Schnäppchen.

Wind- und Solarparks: Schwerpunkt in Westeuropa

Die neuen Kraftwerke, die Encavis in den nächsten Jahren kaufen will, sollen in Deutschland und acht weiteren europäischen Ländern liegen, schwerpunktmäßig in Westeuropa. Kunden für den Grünstrom sind immer öfter auch Unternehmen. Es gibt beispielsweise Vereinigungen wie RE100, in der sich solche Unternehmen zusammengeschlossen haben. RE100 ist nach Angaben von Encavis eine globale Initiative, die mehr als 100 einflussreiche Unternehmen vereint, beispielsweise IKEA, das Schweizer Versicherungsunternehmen Swiss Re und den Bierhersteller Anheuser-Busch InBev.

Sie alle wollen sich mit Erneuerbarer Energie versorgen. Weil es nachhaltig ist, weil es nicht zu Rohstoffkrisen kommen kann wie beim Erdöl und weil beispielsweise Strom aus Photovoltaik bereits heute eine der günstigen Energieerzeugungsformen ist.

Kein Risiko durch Projektgeschäft 

Encavis erwirbt ausschließlich Wind- und Solarparks, die bereits in der Bauphase sind, fertiggestellt wurden oder sich schon in Betrieb befinden, also keine Projektierungsrisiken aufweisen. Andere Sparten der Stromerzeugung wie beispielsweise durch Geothermie und Wasserkraft sind laut Encavis nicht vorgesehen.  

Encavis arbeitet mit Partnern wie der britischen Solarcentury zusammen. Nach eigenen Angaben hat sich Encavis mit diesem Unternehmen darauf geeinigt, innerhalb von drei Jahren Solarparks mit einer Gesamtleistung von knapp 1,1 Gigawatt in Betrieb zu nehmen. Zudem hat Encavis Anfang 2018 einen Vertrag mit dem irischen Staatsfonds Ireland Strategic Investment Fund geschlossen. Gemeinsam mit dem Staatsfonds will Encavis in 20 Solarparks mit einer Gesamtkapazität von 140 Megawatt des irischen Projektentwicklers Power Capital investieren.

Kosten von mehr als 181 Millionen Euro

Neben den Kosten für Personal, Material, Pacht und Betriebsführung hat Encavis vor allem Finanzierungskosten. Die Kredite liegen derzeit bei rund 3 Prozent Zinsen pro Jahr. Für ältere Finanzierungen sind die Finanzierungskosten höher, neue Finanzierungen profitieren vom Niedrigzinsumfeld.

Nach eigenen Berechnungen von Encavis belief sich der Wert aller Kraftwerke und sonstigen Vermögenswerte 2017 auf rund 2,1 Milliarden Euro. Dem gegenüber standen Bank- und Leasingverbindlichkeiten in Höhe von fast 1,5 Milliarden Euro. Laut Geschäftsbericht 2017 handelt es sich um Darlehen und Leasingverträge zur Finanzierung der Solar- und Windparks sowie ein von der Gothaer Versicherung im November 2014 zur Verfügung gestelltes Genussrechtskapital. Die Differenz liegt also bei 600 Millionen Euro. Legt man die Anzahl aller ausstehenden Aktien von 129,5 Millionen und den aktuellen Börsenkurs von 5,95 Euro je Aktie zugrunde (6.9.2018, Schlusskurs), ergibt sich aber eine Marktkapitalisierung von 770,53 Millionen Euro.

Encavis erzielte 2017 einen Umsatz von 222,4 Millionen Euro (2016: 141,8 Millionen Euro). Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (EBIT) lag bei 100 Millionen Euro (2016: 61,6 Millionen Euro). Der Gewinn je Aktie (EPS = Earnings per Share) betrug 2017 0,20 Euro. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) liegt auf Grundlage des aktuellen Aktienkurses von 5,95 Euro bei fast 30 – ein hoher Wert.

Für das Gesamtjahr 2018 plant der Stromerzeuger mit einem Umsatz von 240 Millionen Euro, einem EBIT von 105 Millionen Euro und einem EPS von 0,30 Euro je Aktie.

Aktienkurs pendelt zwischen 6 und 7 Euro

Der Aktienkurs bewegt sich seit Juli 2016 zwischen 6 und 7 Euro. Laut Encavis ist die Aktie unterbewertet: “Alle Analysten, die unsere Aktie bewerten, geben der Encavis-Aktie eine klare Kaufempfehlung und sehen einen fairen Kurswert im Durchschnitt bei 7,92 Euro.“ Diese Einschätzung teilen Analysten der Oddo Seydler Bank AG, der DZ Bank und der Baader Bank (Quelle: www.finanzen.net). Das hieße im Verhältnis zum aktuellen Aktienpreis ein Kurszuwachs von etwa einem Viertel.

Beispielsweise schreibt DZ Bank-Analyst Sven Kürten in einer Analyse vom 4. Juni 2018: “Die DZ Bank hat den fairen Wert für Encavis von 8,20 Euro auf 7,90 Euro gesenkt, die Einstufung aber auf "Kaufen“ belassen.“ Schlechtes Wetter habe im ersten Quartal das Umsatzwachstum des Produzenten von Strom aus Erneuerbaren Energien gebremst.

Dividende soll bis 2021 gesteigert werden

Encavis will 2021 eine Dividende von 0,30 Euro je Aktie ausschütten. Auf Basis der zuletzt gezahlten Dividende von 0,22 Euro für 2017 wäre das eine Steigerung um 36 Prozent.

Der geplante Anstieg der Dividende basiert laut Encavis auf den bestehenden Kraftwerken: Durch die regelmäßige Tilgung der Kredite der Solar- und Windparks reduziere sich die Schuldenlast und damit der Zinsaufwand. Bei gleichen Einnahmen aus den Stromverkäufen, aber weniger Zinslast bliebe mehr übrig. Encavis entscheidet nach eigenen Angaben von Jahr zu Jahr neu, wie hoch der Anteil für die Ausschüttung ausfallen soll.

Encavis bietet die Dividende auch als Wahldividende an. Der Aktionär entscheidet, ob er die Dividende in bar oder zusätzliche Encavis-Aktien erhalten möchte. Fast 40 Prozent der Aktionäre wählten zuletzt die Aktiendividende. Nach Angaben von Encavis entscheiden sich Großaktionäre größtenteils für den Bezug weiterer Aktien.

Nur wenige börsennotierte Wettbewerber

Encavis hat als Solar- und Windparkbetreiber einige Wettbewerber, doch nur wenige sind an der Börse notiert. Es gibt zudem Unternehmen, deren Geschäftsfelder sich teilweise mit dem von Encavis überschneiden, etwa die Bremer Energiekontor AG, ebenfalls eine ECOreporter-Favoriten-Aktie aus der Kategorie Grüne Spezialwerte. Energiekontor ist aber nicht nur Kraftwerksbetreiber, sondern auch Projektierer. Die Wiesbadener ABO Wind AG ist dagegen ausschließlich Projektierer von Erneuerbare-Energien-Anlagen.

Direkter Wettbewerber ist zum Beispiel die in der Schweiz ansässige aventron AG. Der Erzeuger von Strom aus Wasser-, Wind- und Solarkraftwerken betreibt in Europa rund 160 grüne Kraftwerke. Das Unternehmen mit Sitz in Münchenstein bei Basel hat eine Marktkapitalisierung von 420 Millionen Schweizer Franken (CHF, Stand 6.9.2018), das sind umgerechnet 374 Millionen Euro. aventron erzeugte 2017 knapp 657 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom (2016: 452,5 Millionen kWh). Die Stromerzeugung generierte 2017 einen Gesamtumsatz von 77,1 Millionen CHF, umgerechnet 65,9 Millionen Euro (2016: 48,5 Millionen CHF, 45,2 Millionen Euro). 

Gesunkenes EBIT im ersten Quartal, Jahresziel dennoch im Fokus

Im ersten Quartal 2018 betrug das EBIT bei Encavis 13,5 Millionen Euro. Im ersten Quartal des Vorjahres lag es noch bei 15 Millionen Euro, es ist also im betrachteten Zeitraum gesunken. Encavis rechnet dennoch mit weiter ansteigenden Gewinnen in den Folgequartalen.

Ist die Aktie einen Einstieg wert?

Strom wird immer gebraucht werden, die Sonne wird immer scheinen, der Wind immer wehen. Das sind die Grundlagen für das Geschäft von Encavis, und die sind stabil – trotz aller Wetterschwankungen. Solar- und Windenergie fußen zudem auf einer heute schon sehr ausgereiften Technik, hier drohen kaum mehr Risiken, zudem gibt es funktionierende Versicherungsmodelle. Das Auslaufen der deutschen Atomkraftwerke und immer mehr Widerstände gegen klimaschädliche Kohleenergie sind weitere Argumente für das Encavis-Geschäftsmodell.

Wer heute bei um 6 Euro die Aktie kauft, kann zudem, wenn die Encavis-Planung sich realisiert, in wenigen Jahren mit einer Dividendenrendite von nahezu 5 Prozent, vielleicht auch mehr, auf seinen Einstiegskurs kalkulieren.

Risiken bestehen auch: Stromerzeugung in Großbritannien beispielsweise kann vom Brexit betroffen sein. Einnahmen aus Solarstromanlagen in Italien könnten durch die immer schwieriger werdende italienische Finanzlage unsicherer werden. Potenzial zur Kurssteigerung hat die Encavis-Aktie vor allem, wenn es gelingt, neue Kraftwerke zu erwerben, die günstigen grünen Strom produzieren. Die Expansionspläne sind groß – aber die Erfahrung des Encavis-Teams auch.

Auf eine Übernahme der Encavis durch einen der großen, konventionellen Wettbewerber sollte man nicht spekulieren. Wenn sie denn käme, dürfte der Kurs aber sehr deutlich steigen.

Alles in allem: Die Aktie hat in den nächsten Jahren reichlich Luft nach oben, aber wenig Risiko, deutlich zu verlieren. Für nachhaltig denkende Aktienliebhaber ein spannender Wert.

Encavis ist eine ECOreporter-Favoriten-Aktie aus der Kategorie Grüne Spezialwerte.

Encavis AG: ISIN DE0006095003 / WKN 609500

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